Interview


100 Jahre IDS – so jung erst!

IDS heute und damals.
IDS heute und damals.

Die 40. Internationale Dental-Schau (IDS) 2023 vom 14. bis zum 18. März feiert ein besonderes Jubiläum: „100 years IDS – Shaping the dental future“. Schon deuten sich für das kommende Jahrhundert tiefgreifende Veränderungen ab. Mehr darüber weiß Mark Stephen Pace, Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Deutschen Dental-Industrie (VDDI).

Herr Pace, mit 100 Jahren zählt die IDS zu den Mega-Traditionen sowohl in der internationalen Messelandschaft als auch unter zahnheilkundlichen Events. Wohin geht die Reise?

  • Mark Stephen Pace, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Deutschen Dental-Industrie (VDDI).

  • Mark Stephen Pace, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Deutschen Dental-Industrie (VDDI).
    © Dentaurum/Andreas Fabry
Mark Stephen Pace: Tradition ja, und es drängt mich hinzuzufügen: „100 Jahre – so jung erst!“ Denn ich bin mir fast sicher, dass Medizinhistoriker in 100 Jahren über unsere Zeit in etwa so schreiben werden: „Schon damals hat die IDS als Innovationsschaufenster, als Forum für den Austausch von Ideen und generell für die Kommunikation zwischen Entwicklern und Anwendern dentale Innovationen wesentlich vorangebracht. Darum stehen wir heute dort, wo wir jetzt stehen. Gut, dass wir diese führende Messe seit 200 Jahren haben.“

An welchem Beispiel lässt sich dies besonders gut festmachen?

  • Lauter Ankündigungen: vom Plakat in den 1920er Jahren...

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    © Rheinisches Bildarchiv
Mark Stephen Pace: Denken Sie nur an die vor 100 Jahren üblichen Kautschukprothesen! Mit der Erfindung von Methacrylat-Heißpolymerisaten wurden sie obsolet, was für die Patienten ein Riesenplus an Tragekomfort bedeutete. Auf der IDS 1937 waren der neue Werkstoff und das neue Herstellungsverfahren eine Sensation, und im Verlaufe der Jahre hat dieses führende Branchenevent so manche Neuentwicklung angestoßen oder sie in wenigen Tagen vielen Zahnärzten nahegebracht.
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    © Rheinisches Bildarchiv
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    © VDDI

Wie funktioniert das grundsätzlich?

Mark Stephen Pace: Generell ist es so, dass jedes Unternehmen der Dentalindustrie stolz ist, wenn es auf einer IDS eine interessante Innovation einem internationalen Kreis von Zahnärzten und dem Handel präsentieren kann. Umgekehrt geht das Feedback der Messebesucher in die Forschung und Entwicklung ein. Gerade diese unmittelbaren Rückmeldungen können den Unternehmen wichtige Hinweise für die nächsten Entwicklungsschritte und Fortentwicklungen geben.

Wenn Sie aktuelle und zukünftige Entwicklungen Revue passieren lassen: Wo sehen Sie heute greifbare Innovationen, wo Visionen für die nächsten Jahre?

Mark Stephen Pace: Für ein Paradebeispiel halte ich die digitale Abformung: Zunächst war sie bei nicht zu großen Restaurationen eine Alternative zum gewohnten analogen Verfahren und für viele Patienten ein Gewinn an Komfort. Inzwischen kann der Intraoralscanner die Elastomer-Abformung zumindest im Bereich der Kronen und kleinen Brücken sogar an Genauigkeit übertreffen. Schon auf der kommenden IDS wird greifbar, wie stark der Scanner die Zahnärzt/-innen auch bei der Eingangsuntersuchung „01“ zu unterstützen vermag.

Selbstverständlich bleiben die Diagnose, z.B. eine Karies, und gegebenenfalls die Therapie, etwa die Füllungstherapie, der Zahnärzteschaft vorbehalten. In Zukunft bekommt sie dafür – so die Vision – eine noch wirkungsvollere Unterstützung: Mit Hilfe künstlicher Intelligenz, die mit Intraoralscans auf Bildauswertung trainiert wurde, dürfte eine Karies in Zukunft schneller und womöglich sogar treffsicherer zu erkennen sein. Dank der anschaulichen Aufnahmen aus dem Mundraum lassen sich Diagnosen und Therapieoptionen darüber hinaus den Patienten immer besser veranschaulichen. Allein dieses Forschungsfeld mit seinen unmittelbar greifbaren Chancen und seinen mittel- und langfristigen Entwicklungsmöglichkeiten macht die 40. IDS 2023 für alle zahnärztlichen Teams zu einem Orientierungspunkt von hoher Relevanz.

  • Die Prophylaxe von Mundkrankheiten hat sich in den vergangenen Jahren zu einer sehr individuellen Disziplin entwickelt – für jeden Patienten genau das, was er braucht: von Handzahnbürsten über Zahnzwischenraum-Bürstchen bis hin zu elektrischen Zahnbürsten mit Künstlicher Intelligenz. Dazu kommt der professionelle Prophylaxe-Workflow, und vollständig ist diese Aufzählung längst nicht.
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  • Die Prophylaxe von Mundkrankheiten hat sich in den vergangenen Jahren zu einer sehr individuellen Disziplin entwickelt – für jeden Patienten genau das, was er braucht: von Handzahnbürsten über Zahnzwischenraum-Bürstchen bis hin zu elektrischen Zahnbürsten mit Künstlicher Intelligenz. Dazu kommt der professionelle Prophylaxe-Workflow, und vollständig ist diese Aufzählung längst nicht.
    © Rheinisches Bildarchiv
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    © Koelnmesse / IDS Cologne / Harald Fleissner
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    © Koelnmesse / IDS Cologne

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    © Koelnmesse / IDS Cologne / Thomas Klerx
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    © Koelnmesse / IDS Cologne / Harald Fleissner

Welchen weiteren herausragenden Trend sehen Sie auf der 40. Internationalen Dental-Schau 2023?

Mark Stephen Pace: Da gibt es viele! Aus der Fülle kann ich einige erwähnen: Für alle Zahnärzt/-innen interessant dürfte die Entwicklung im Bereich der Polymerisationslampen werden. In der Vergangenheit haben sie sich von unterschiedlichen Ausgangspunkten zu Multifunktionssystemen entwickelt. Manche begannen bei einer Fluoreszenzkamera und bekamen in der nächsten Ausbaustufe einen optionalen Polymerisationsaufsatz hinzu.

Andere starteten als klassische Polymerisationslampe und erhielten als Upgrade optional einen Transilluminationsaufsatz. Allen gemeinsam ist das Wechselkopfsystem: Durch Austausch eines Aufsatzes gegen einen anderen erhält das System im Handumdrehen eine andere Funktion. So lässt sich zum Beispiel eine Füllung unter Verwendung des Polymerisationsaufsatzes lichthärten und anschließend unter Verwendung eines Fluoreszenz- oder Transilluminationsaufsatzes noch einmal zur Sicherheit auf Anzeichen von Karies untersuchen.

Bereichert die IDS gerade diejenigen Bereiche, die bei den meisten 80% des Praxisalltags ausmachen?

Mark Stephen Pace: Die Füllungstherapie wird jedenfalls prominent vertreten sein, denn auch die Materialien dafür werden auf der 40. IDS 2023 in einer Zahl bereitstehen, welche alle Vorjahre übertreffen sollte. So erfahren die IDS-Besucher beispielsweise mehr über die thermoviskosen Komposite. Sie sind erst nach dem Erhitzen fließfähig und können dann sofort modelliert werden.

Ursprünglich hat man sie in der Bulkfill-Technik im Seitenzahnbereich eingesetzt, inzwischen sind sie auch für ästhetische Frontzahnversorgungen verfügbar. Klassische Komposite für die Verwendung in der Inkrementtechnik werden in Sortimenten unterschiedlicher Größe angeboten. Andere Kunststoffe nehmen dank ihrer besonderen inneren Struktur die Umgebungsfarben besonders gut auf und schaffen einen Chamäleoneffekt, der diese Bezeichnung verdient.

Etch&Rinse-, Self-etch-, Selective-etch-Verfahren – viele Komposite lassen sich, unabhängig von der speziellen Technik, mit einem Universaladhäsiv befestigen. Andere, selbstadhäsive Füllungsmaterialien brauchen überhaupt kein separates Bonding.

Auf der IDS hat der Besucher die Möglichkeit, alles in Augenschein und vieles in die Hand zu nehmen und sich innerhalb einiger Stunden oder Tage einen umfassenden Überblick zu verschaffen. Darauf lassen sich fundierte Entscheidungen über zukünftige Verfahren zur Diagnose und Behandlung in der eigenen Praxis treffen.

Wie bewerten Sie die IDS für Zahnärzt/-innen und ihre Teams, die sich auf spezielle Disziplinen spezialisiert haben, beispielsweise auf Prophylaxe oder Endodontie?

  • In der Endodontologie stehen nach wie vor primär manuell oder maschinell getriebene Feilen und OP-Mikroskope im Vordergrund. Digitale Technologien haben
vergleichsweise spät Einzug gehalten, doch jetzt sind sie da!

  • In der Endodontologie stehen nach wie vor primär manuell oder maschinell getriebene Feilen und OP-Mikroskope im Vordergrund. Digitale Technologien haben vergleichsweise spät Einzug gehalten, doch jetzt sind sie da!
    © Rheinisches Bildarchiv
Mark Stephen Pace: In der Prophylaxe gibt es ein ganz großes Thema, das sich folgendermaßen umreißen lässt: Immer mehr längst vermutete oder überraschend neu entdeckte Zusammenhänge zwischen Mundgesundheit und Allgemeingesundheit offenbaren sich und werden mit belastbareren Daten untermauert. Die Bedeutung der Wechselwirkungen zwischen Mund- und Allgemeinerkrankungen ist heutzutage allseits anerkannt. Sie umfassen unter anderem Leberzirrhose, drohende Darmerkrankungen, Bluthochdruck, Infektionsherde im Mund, die zu einer Eintrittspforte für Krankheitserreger aller Art werden können, Karzinome in der Mundhöhle und vor allem Diabetes.
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    © Koelnmesse / IDS Cologne / Thomas Klerx

Was bedeutet dies für Therapie und Diagnose in der zahnärztlichen Praxis?

Mark Stephen Pace: Das bedeutet erstens, das Spektrum der möglichen Diagnosen weiter zu fassen, als Facharzt bzw. Fachärztin stets die Schnittstellen zu anderen Disziplinen im Blick zu behalten und gegebenenfalls an einen Kollegen zu überweisen. Zweitens heißt es: Jede prophylaktische Maßnahme kann sich über den Mundraum hinaus auf die Allgemeingesundheit der Patient/-innen auswirken. Gerade darum gilt es, alle Möglichkeiten zu nutzen, die die moderne Zahnmedizin bietet.

Der Schlüssel für den langfristigen Erfolg aller professionellen parodontalen Maßnahmen liegt in einer effizienten Kombination unterschiedlicher Instrumente im Rahmen eines langfristig ausgerichteten präventiven Therapiekonzepts. In der Phase der antiinfektiösen Therapie spielt der Abtrag von harten Auflagerungen eine wesentliche Rolle. Hier kommen darum Handinstrumente oder der Airscaler zum Einsatz und können mit einem Ultraschallscaler ergänzt werden.

Für die Prävention und die unterstützende Parodontitistherapie (UPT) stehen Ultraschallscaler und Pulver-Wasserstrahl-Geräte zur Auswahl. Das sind selbstverständlich nur Beispiele aus dem großen Sortiment an Hilfsmitteln, die auf der 40. IDS 2023 erlebbar werden.

Welchen speziellen Fachbereich würden Sie darüber hinaus hervorheben?

Mark Stephen Pace: Auch hier gibt es viel zu berichten, aber da Sie eben bereits die Endodontie angesprochen hatten: Endodontische Feilen werden flexibler und bruchresistenter. Inzwischen sind sie es in einem so hohen Maße, dass sich auch die Konzepte und Verfahren ändern. Die Zahnhartsubstanz kann häufiger geschont werden.

Die Kunst besteht in der Balance: Im koronalen Bereich wird weniger wegpräpariert und doch im apikalen Bereich hinreichend Raum für eine effektive Spülung geschaffen. Zwar wird die Sicht auf die Kanaleingänge bei diesem Vorgehen, im Vergleich zu einer invasiveren Präparation, eingeschränkt. Der Behandler kann jedoch durch lichtstarke Dentalmikroskope das Maximum herausholen.

Er gewinnt durch die schonende Vorgehensweise die Sicherheit, dass selbst bei einer etwaigen Revision genügend Substanz für eine sichere postendodontische Versorgung zur Verfügung steht. Die IDS zeigt, welche Feilen und Mikroskope sich für die aktuellen Verfahren am besten eignen. Darüber hinaus ziehen Lupenbrillen das Interesse auf sich.

Sie dienen dem wichtigen ersten Einblick – und hier schließt sich der Kreis. Denn gerade Lupenbrillen sind dann auch wieder für den Generalisten ein Top-Thema.

Herr Pace, für wen lohnt sich die IDS denn nun am meisten?

Mark Stephen Pace: Für alle – unabhängig davon, ob sie sich in erster Linie als Generalist/-in sehen oder ob sie sich auf die Endodontologie, die Parodontologie, die Implantologie, die Kieferorthopädie oder in eine andere Richtung spezialisiert haben. Auf der IDS erleben sie, wie sie sich durch bewährte und innovative Produkte in ihrer Arbeit noch besser unterstützen lassen und ihre Therapieerfolge verbessern können.

Konsequenterweise profitieren davon unmittelbar die Patient/-innen und diesem Ziel sind wir alle verpflichtet. In diesem Sinne wünsche ich schon jetzt eine gute Zeit in den Kölner Messehallen. Willkommen zur 40. IDS 2023 und zum Jubiläum „100 Jahre IDS“!

Das Interview führte Dr. Christian Ehrensberger.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Christian Ehrensberger


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