Parodontologie


Parodontitis ist ein Risiko für den gesamten Körper

20.11.2018

© Bilderjet medi/fotolia
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Parodontitis ist eine weitverbreitete Volkskrankheit, die zunehmend in den Fokus der Forschung und Öffentlichkeit rückt. Je mehr wir über sie wissen, desto klarer zeigt sich, dass die Parodontitis nicht nur auf den Mund beschränkt ist, sondern auf die gesamte Gesundheit des Patienten Einfluss nimmt. Der vorliegende Artikel beschreibt die konkreten Auswirkungen einer nicht behandelten Parodontitis auf die Allgemeingesundheit und zeigt auf, warum mikrobielle Diagnostik die Grundlage für eine erfolgreiche Therapie bildet.

  • Abb. 1: Eine parodontale Infektion begünstigt die Entstehung zahlreicher Allgemeinerkrankungen. Ausgehend von den parodontalen Taschen treten Bakterien in den Blutkreislauf über und gelangen so in andere Bereiche des Körpers. Die Bakteriämie kann u.a. zu deutlich erhöhten CRP- und Leukozytenwerten führen. (CRP = C-reaktives Protein)

  • Abb. 1: Eine parodontale Infektion begünstigt die Entstehung zahlreicher Allgemeinerkrankungen. Ausgehend von den parodontalen Taschen treten Bakterien in den Blutkreislauf über und gelangen so in andere Bereiche des Körpers. Die Bakteriämie kann u.a. zu deutlich erhöhten CRP- und Leukozytenwerten führen. (CRP = C-reaktives Protein)
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Da die Zähne die Mundschleimhaut durchbrechen, stellen sie für Bakterien eine potenzielle Eintrittspforte in den Körper dar. Wenn sich bei einer Parodontitis tiefe Taschen bilden und das Zahnfleisch ulzeriert, können die Keime besonders leicht in den Blutkreislauf übertreten. Mit dem Blutstrom verteilen sie sich dann im gesamten Körper und können weitere Erkrankungen negativ beeinflussen (Abb. 1). So stimulieren die in der Blutbahn zirkulierenden Bakterien, ebenso wie die Bakterien in den Zahnfleischtaschen, die immunologische Wirtsantwort, was zu einer erhöhten Freisetzung von Entzündungsmediatoren führt. Diese Botenstoffe wirken dabei nicht nur auf das Parodontalgewebe, sondern können auch an anderen Stellen des Körpers zu Entzündungsreaktionen führen und ihn langfristig belasten. Darüber hinaus sekretieren die Bakterien eine Vielzahl von Virulenzfaktoren, die ihrerseits zusätzlich Schäden anrichten [1].

Parodontitis fördert koronare Herzerkrankungen

Einen direkten Zusammenhang gibt es beispielsweise zwischen einer Parodontitis und koronaren Herzerkrankungen. So können parodontopathogene Mikroorganismen die Thrombozytenaggregation, die Produktion von Entzündungsmolekülen sowie die Schaumzellbildung aus Makrophagen aktivieren. Vor allem die Umwandlung von Makrophagen in Schaumzellen und somit die Entstehung von sogenannten „fatty streaks“ führt zu einer Ansammlung von Plaque in den Aortenwänden. Durch das zunehmend eingeengte Lumen kommt es langfristig zu einer Störung des Blutflusses und damit zu einer Minderversorgung des Herzgewebes. Die vermehrte Plaquebildung fördert außerdem die Entstehung von Thromben, die lebensgefährliche Komplikationen wie Myokardinfarkte oder Schlaganfälle auslösen können [2].

Parodontitis und Diabetes beeinflussen sich wechselseitig

Auch Parodontitis und Typ-2-Diabetes beeinflussen sich gegenseitig negativ. Diabetespatienten haben nicht nur eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, an Parodontitis zu erkranken, als Menschen ohne Diabetes. Die Erkrankung verläuft meist auch schwerer und schreitet schneller voran. Das liegt vor allem daran, dass es durch die Hyperglykämie zu einer vermehrten Bildung von AGEs (advanced glycation endproducts = durch hohen Blutzucker irreversibel chemisch veränderte Proteine und Lipide) kommt. Diese bewirken durch Interaktion mit Endothelzellen, Fibroblasten und weiteren Immunzellen eine erhöhte Freisetzung von Zytokinen und anderen Entzündungsmediatoren. Der bei PA-Patienten ohnehin gesteigerte Knochen- und Weichgewebsabbau bzw. die gesteigerte inflammatorische Reaktion werden dadurch noch weiter verstärkt. Die schlechte Durchblutung peripherer Gewebe, die bei Diabetikern häufig auftritt, sowie die erhöhten Blutglukosewerte fördern anaerobe bakterielle Infektionen zusätzlich. Somit schreitet eine Parodontitis bei Diabetespatienten oft schneller voran als bei anderen Patienten [3,4].

Gleichzeitig hat die Parodontitis aber auch einen direkten Einfluss auf den Blutzuckerspiegel und die glykämische Kontrolle. Neben dem durch die Hyperglykämie bedingten Anstieg der Entzündungsmediatoren führen die Parodontitiskeime ebenfalls zu einer erhöhten Ausschüttung dieser Botenstoffe. Parodontal erkrankte Diabetiker weisen daher eine besonders hohe Konzentration von Entzündungsmediatoren auf, was wiederum die Aufnahme von Blutglukose in die Zellen erschwert und damit eine schlechtere glykämische Kontrolle zur Folge hat [3,4].

Weitere Komplikationen, die mit Parodontitis zusammenhängen

Auch den Verlauf einer Schwangerschaft kann die Parodontitis beeinflussen und das Ungeborene in ernsthafte Gefahr bringen. Denn die Parodontitisbakterien sowie die Entzündungsmediatoren gelangen über den Blutkreislauf zum Uterus. Hier lösen die Botenstoffe und Virulenzfaktoren nicht nur eine Entzündungsreaktion aus, sondern können auch zu einer vorzeitigen Wehentätigkeit oder Blasensprung und damit zu Frühgeburten führen [5]. Weitere systemische Erkrankungen, die in Zusammenhang mit Parodontitis gebracht werden, sind u.a. Morbus Alzheimer, rheumatoide Arthritis sowie Lungen-, Nieren- oder sogar Krebserkrankungen [6,7].

Mikrobielle Diagnostik für angepasste Therapie

Es ist naheliegend, dass eine erfolgreiche Parodontitistherapie und vor allem eine Reduktion der parodontopathogenen Bakterien zur Entlastung des Immunsystems, einem Rückgang entzündlicher Prozesse und folglich zu einer grundsätzlichen Verbesserung der Allgemeingesundheit führen können. Der Zahnarzt wird damit gewissermaßen zum Gesundheitsmanager, der durch die erfolgreiche Therapie im Mund auch anderen schwerwiegenden Krankheiten vorbeugen kann. Vor diesem Hintergrund bekommt die Parodontitistherapie einen ganz neuen Stellenwert. Es geht nicht mehr nur darum, Zahnverlust zu vermeiden, sondern auch darum, die Gesundheit des Patienten insgesamt zu schützen und zu verbessern. Umso wichtiger ist es daher, die Parodontitistherapie an die individuelle Situation des Patienten anzupassen.

  • Abb. 2: Ergebnismitteilung des molekularbiologischen Tests micro-IDent®plus. Die antibiotische Therapieschwelle in Form einer roten Linie zeigt auf einen Blick, ob die Keimbelastung des Patienten mit mechanischen Therapieformen reduziert werden kann oder ob adjuvante Antibiotikagaben erforderlich sind. Ist eine Antibiose notwendig, können die geeigneten Wirkstoffe und Dosierungen der Therapieempfehlung auf der Rückseite entnommen werden.

  • Abb. 2: Ergebnismitteilung des molekularbiologischen Tests micro-IDent®plus. Die antibiotische Therapieschwelle in Form einer roten Linie zeigt auf einen Blick, ob die Keimbelastung des Patienten mit mechanischen Therapieformen reduziert werden kann oder ob adjuvante Antibiotikagaben erforderlich sind. Ist eine Antibiose notwendig, können die geeigneten Wirkstoffe und Dosierungen der Therapieempfehlung auf der Rückseite entnommen werden.
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Die zentralen Ziele einer Parodontitistherapie sind es, die Progression der Erkrankung zu stoppen und bestehende Entzündungen zu beseitigen. Dazu müssen die ursächlich verantwortlichen Parodontitisbakterien gezielt reduziert werden. Allerdings ist in manchen Fällen, abhängig von der Art und Menge der vorhandenen Bakterien, eine rein mechanische Therapie nicht ausreichend, sondern eine zusätzliche Antibiotikagabe notwendig [8,9]. Eine Entscheidung für oder gegen ein Antibiotikum sollte aber nie ohne fundierte Kenntnisse des individuellen Keimspektrums des Patienten gefällt werden, da es sonst zu Über- oder Untertherapien kommen kann. Dieses kann durch eine mikrobiologische Analyse sicher bestimmt werden. Mit den Testsystemen micro-IDent® und micro-IDent®plus kann zuverlässig analysiert werden, welche parodontopathogenen Bakterienspezies bei einem Patienten vorliegen und in welcher Konzentration. Auf Basis dieser Informationen kann u.a. die Entscheidung getroffen werden, ob ein Antibiotikum notwendig ist, und wenn ja, welches am besten zur Situation des Patienten passt (Abb. 2). Die Ergebnisse sind somit die Grundlage für eine individualisierte und daher maximal erfolgreiche Therapie [10].

Fazit

Die Parodontitis beschränkt sich nicht nur auf den Mund, sondern wirkt sich auch systemisch auf die Allgemeingesundheit aus. Das heißt im Umkehrschluss, dass eine erfolgreiche Parodontitistherapie und die Reduktion der Parodontitisbakterien zu einer Besserung der Allgemeingesundheit führen können. Für eine fundierte, an den Patienten angepasste Bakterienreduktion ist eine mikrobiologische Analyse hilfreich, um gezielt gegen die Bakterienbelastung vorgehen zu können.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Rebekka Jacek


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