Kinderzahnheilkunde


Kinderzahnbehandlung mit Hypnose (QuickTimeTrance) – Teil 1

Abb. 1: Kind ins Spiel vertieft im Wartebereich.
Abb. 1: Kind ins Spiel vertieft im Wartebereich.

Kinder sind keine per se schwierigen Patienten – eine Kinderzahnbehandlung kann durchaus lustig und entspannend für alle Beteiligten sein. Es kommt allerdings auf die geeignete Form der Behandlung an. Bei Kindergarten- und Grundschulkindern ist QuickTimeTrance eine gute Möglichkeit. Bei dieser Hypnosezahnbehandlung werden die kleinen Patienten durch kurze, schnell wechselnde und angenehme Trance-Erlebnisse in einen Zustand versetzt, der das Entwickeln und Ausbreiten kindlicher Angst verhindert und die Behandlungsbereitschaft fördert. Fingerpuppen, Zauberstäbe und Trancegeschichten helfen die Aufmerksamkeit der Kinder immer wieder für kurze Zeit auf angenehme Dinge zu fokussieren. Dr. Gisela Zehner beschreibt im folgenden Beitrag, wie sie in ihrer Kinderzahnarztpraxis eine solche Hypnosebehandlung durchführt.

Hypnose wird von Schmierer als ein veränderter Wahrnehmungszustand bezeichnet, bei dem sich die Konzentration auf innere Erlebnisse richtet8. In diesem nach innen konzentrierten Zustand (Trance) besteht eine erhöhte Aufnahmefähigkeit für Suggestionen. Von Kossak wird der Begriff Suggestion als Kommunikationsform oder Beeinflussungstechnik definiert4. Er beschreibt für die Zahnbehandlung allgemeine Entspannungs- und Analgesie-Suggestionen und belegt anhand verschiedener Studien, dass die Suggestibilität bei Kindern besonders hoch ist.

Kleinere Kinder im Vor- und Grundschulalter können sich allerdings meist nur kurze Zeit gezielt auf angenehme Dinge oder innere Erlebnisse konzentrieren und in Trance bleiben, während sie vom Zahnarzt behandelt werden. Hier müssen die Suggestionen der zwar intensiven, aber sprunghaften Vorstellungswelt der kleinen Patienten entsprechen und der kindlichen Wahrnehmung angepasst werden1. Bei Jugendlichen und Erwachsenen ist es möglich, einen entspannten Trancezustand durch entsprechende kontinuierliche Suggestionen auch längere Zeit, beispielsweise während einer gesamten Zahnbehandlung, aufrechtzuerhalten. Zahnärztliche Hypnose bedeutet also, dem Patienten beizubringen, sich während der Behandlung gedanklich mit etwas Schönem zu beschäftigen und dabei in eine angenehme und entspannte Trance abzutauchen. Trance ist ein ganz natürlicher Zustand, der entsteht, wenn man sich auf innere Bilder konzentriert und somit die Außenwahrnehmung eingeschränkt ist – beispielsweise ist der Leser eines spannenden Buches so in seine Lektüre vertieft, dass er seine Umgebung nicht mehr wahrnimmt. Oder beim Autofahren ist der Fahrer so in Gedanken versunken, dass er die Autobahnabfahrt verpasst8. Ein solcher Trancezustand entsteht bei Kindern oft spontan, wenn sie ins Spiel vertieft sind oder „mit offenen Augen“ träumen. Kinder sind Tranceexperten, sie haben durch ihre ausgeprägte Fantasie die Möglichkeit, schnell in einen intensiven Trancezustand zu gehen – kommen aber genau so schnell wieder heraus!

Trance als Bestandteil des Behandlungskonzeptes

Die Fähigkeit der Kinder zu spontaner Trance wird bei unserem Behandlungskonzept genutzt: Den kleinen Patienten wird mit beruhigenden Worten suggeriert, dass sie eine Traumreise machen, um einen nach innen konzentrierten Trancezustand zu erreichen. Diese Trance kann durch Entspannungsmusik, sanftes Berühren des Kindes an Bauch, Schulter und Kopf, vertiefte und entspannte Bauchatmung oder beruhigende Massage (Akupressur) bestimmter Akupunkturpunkte noch verstärkt werden.
Mithilfe von Hand- und Fingerpuppen, Zauberstäben und Geschichten werden den Kindern während der Zahnbehandlung ständig neue, angenehme Angebote gemacht, sich für kurze Zeit aus dem Behandlungsgeschehen auszublenden und in Trance etwas Schönes zu erleben. Durch diese ständig wechselnde Fokussierung auf lustige Geschichten und Imaginationen wird eine immer stärkere Dissoziation von der eigentlichen Behandlung erreicht. Die Kinder erleben selbst langwierige und unangenehme Zahnbehandlungen als eine spannende und schöne Traumreise, auf die sie sich bei der nächsten Zahnbehandlung gern wieder begeben möchten.
Eine solche Kinderhypnose mit kurzen Trancezuständen, die wir nutzen, um die Zahnbehandlung für die Kinder und das gesamte Behandlungsteam entspannt und angenehm zu gestalten, nennen wir QuickTimeTrance.

Erstkontakt

Die wichtigste Voraussetzung bei jeder Kinderbehand- lung ist eine vertrauensvolle Beziehung zum Kind (Rapport). Ein solches Vertrauensverhältnis entsteht durch einfühlsamen und sensiblen Umgang mit den kleinen Patienten und muss bereits beim ersten Kontakt aufgebaut werden3,4,8,13. Das ist entscheidend für den Behandlungserfolg, denn nur in einer vertrauensvollen und stressfreien Atmosphäre ist eine Hypnosezahnbehandlung möglich.

  • Abb. 2: Bimbo zeigt, wie der Mund aufgemacht wird.

  • Abb. 2: Bimbo zeigt, wie der Mund aufgemacht wird.
Schon in der Wartezone signalisiert die kindgerechte Einrichtung den kleinen Patienten, dass sie hier willkommen sind (Abb. 1)2,3,10. Wir können oft beobachten, wie Kinder bei beruhigender Musik bereits während der Wartezeit beim Spielen in Trance gehen1.
Die erste Untersuchung wird bei kleineren Kindern auf dem Schoß der Eltern und in neutraler Umgebung durchgeführt, um ihnen Sicherheit zu geben. Ein vorsichtiges Annähern auf der Ebene des Kindes, also auf gleicher Augenhöhe1, mit einer Handpuppe bringt die kleinen Patienten gleich wieder in einen kurzen Trancezustand. In unserer Praxis hilft dabei das Äffchen Bimbo – die Kinder öffnen meist automatisch ihren Mund, wenn Bimbo es ihnen vormacht (Abb. 2).
Das Kind muss sich wichtig vorkommen und darf nicht zwischen den Erwachsenen zur Nebenfigur werden. Bevor mit der Begleitperson gesprochen wird, sollte deshalb das Kind persönlich angesprochen und begrüßt werden. Auch alle Erklärungen und Ratschläge erfolgen kindgerecht direkt an den kleinen Patienten selbst, bevor die Eltern instruiert werden5,13. Wir beobachten die Kinder ganz genau, um Zeichen von kindlicher Angst oder Abwehr sofort zu erkennen und darauf reagieren zu können. So wird von Anfang an eine vertrauensvolle Atmosphäre geschaffen, in der die Kinder sich wohl fühlen, wobei spielerisch Rapport aufgebaut werden kann. Nach Kossak bezeichnet Rapport „die Komplexität in den wechselseitigen Beziehungsaspekten zwischen Patient und Therapeut“4. Nur bei gutem Rapport, also einer guten und vertrauensvollen Beziehung, können sich die Patienten während der Hypnosezahnbehandlung auch gut entspannen und in Trance führen lassen. Alles, was den Kindern Spaß macht, verstärkt den Rapport. Die Kreativität des gesamten Behandlungsteams ist hierbei gefragt. Dabei ist nach Schmierer „die Kongruenz dessen, was Sie tun und sagen und nonverbal zum Ausdruck bringen, äußerst wichtig“8. Das sollte v. a. bei der Kinderbehandlung beachtet werden, da Kinder nach meiner Erfahrung noch viel sensibler auf nonverbale Zeichen reagieren als Erwachsene. Die Kinder spüren genau, ob unsere innere Einstellung ihnen gegenüber positiv ist und ob sie Vertrauen haben können, und reagieren andernfalls mit Behandlungsverweigerung.
Wir bezeichnen alles mit kindgerechten Namen, denn angstbesetzte Begriffe sollten vermieden werden1,11,14. Vor allem bei ängstlichen Kindern ist ein besonders vorsichtiges Vorgehen angezeigt. Jede Maßnahme, die Angst und Misstrauen verstärken könnte, muss genau demonstriert und dabei ihre Harmlosigkeit erklärt werden3,11.
Ebenso können Sätze wie „Das tut nicht weh“ oder „Du brauchst keine Angst zu haben“ vom kindlichen Unterbewusstsein nicht verstanden werden6,7,8. Diese negativen Formulierungen lösen häufig das Gegenteil von dem aus, was beabsichtigt ist, weil sie auf das Fehlverhalten fokussieren und entsprechende Kognitionen auslösen4. Das Kind denkt an „Angst“ und „weh tun“, ist sofort verkrampft und der Rapport ist gestört. Positive Formulierungen, wie z. B. „Atme ganz tief und lass alles ganz locker – und wenn du schön still hältst, spürst du nur ein Kitzeln“ lenken die Gedanken darauf, was das Kind wirklich tun soll, und fördern die Entspannung.
Die Kinder können immer dann, wenn es möglich ist, zwischen zwei oder besser drei Alternativen wählen. Diese „Scheinfragen“ geben ihnen das Gefühl, selbst mit entscheiden zu dürfen2,4,7. So darf jedes Kind selbst bestimmen, ob es lieber auf dem Schoß der Mutter oder des Vaters behandelt werden möchte oder schon allein auf den „Königsthron“ (Zahnarztstuhl) klettern kann (Abb. 3).
  • Abb. 3: Behandlung lieber auf Mamas Schoß.

  • Abb. 3: Behandlung lieber auf Mamas Schoß.
Wird das Kind auf der Mutter liegend behandelt, ist darauf zu achten, dass auch die Mutter sich wohl fühlt (Kopfkissen!) und ganz entspannt ist, denn jede Anspannung oder gar Angst überträgt sich auf den kleinen Patienten. Umgekehrt kann die Mutter ihre Entspannung auch auf ihr Kind übertragen und sollte deshalb am besten gleich mit in Trance geführt werden.
Die Kinder können auch wählen, welche Hand- oder Fingerpuppen bei der Zahnbehandlung helfen sollen, ob sie Kinderlieder hören möchten oder lieber eine schöne Geschichte. Die Farbe des Saugers oder Spülbechers kann selbst gewählt werden und das Kind darf auch bestimmen, bis zu welcher Zahl bei der Behandlung gezählt werden soll, bevor eine Pause eingelegt wird. Wenn der „gemütliche Liegestuhl“ in die richtige Position gebracht wurde und die „Sonne“ (das Licht) in das Gesicht scheint, werden die Kinder auch immer gefragt, ob sie lieber eine Sonnenbrille bei der Behandlung tragen möchten, damit die Sonne nicht so blendet. Durch dieses einfühlsame Vorgehen und das Einbeziehen der Kinder in die Behandlungsvorbereitungen fühlen sie sich nicht so ausgeliefert, sie können mitbestimmen und sind „Partner“ bei der Behandlung.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Gisela Zehner

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Gisela Zehner



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