Digitale Praxis


Die Zukunft der Zahntechnik ist digital

08.08.2019
aktualisiert am: 09.08.2019

© auremar/fotolia
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Die Digitalisierung ist in der Zahntechnik schon länger präsent und rasant wird sie sich weiterentwickeln. ZTM Thomas Riehl zeigt aus seiner Sicht die Veränderungen für die Labore und für die Zahnärzte auf und stellt u.a. auch ein Szenarium vor, was der technische Fortschritt noch mit sich bringen könnte.

  • *Abb. 1: Eine von 3shape durchgeführte Untersuchung ergab, dass ca. 42% der Zahnarztpraxen in den kommenden 3 Jahren den Kauf eines Intraoralscanners planen.

  • *Abb. 1: Eine von 3shape durchgeführte Untersuchung ergab, dass ca. 42% der Zahnarztpraxen in den kommenden 3 Jahren den Kauf eines Intraoralscanners planen.
    © 3Shape
Zukünftig werden im Zuge der Digitalisierung immer weniger Zahnarztpraxen konventionell abformen, sondern den digitalen Scan-Datensatz an das Labor ihrer Wahl senden. In den kommenden 3 Jahren werden 42% aller Zahnarztpraxen die Anschaffung eines Intraoralscanners (IOS) planen* (Abb.1). Dies ist von Vorteil für die Labore, die sich im digitalen Netzwerk der IOS auskennen und sich mit diesen Datenerfassungsgeräten befasst haben. Der Markt der intraoralen Scanner ist in den letzten Jahren enorm gewachsen, wie uns die diesjährige IDS gezeigt hat. Die großen Hersteller haben sich mit ihren Scannern bereits am Markt etabliert. Seit mehreren Jahren gibt es Intraoralscanner z.B. von Dentsply Sirona, Ivoclar Vivadent, Kulzer, GC oder 3Shape. Weitere Firmen hingegen haben erst einmal abgewartet, bis zunehmend mehr Zahnarztpraxen die vielfältigen Möglichkeiten und Vorteile der Technik erkannt haben und nutzen wollten; und das, obwohl das Know-how und die Technologie schon lange vorhanden waren.

Die Zahntechniker waren immer schon an neuen Geräten, Materialien und Fertigungstechniken interessiert – wenn auch zunächst misstrauisch, ob die Versprechen der Hersteller auch praktisch umsetzbar sind. So z.B. die ersten Dentalkeramiken, die 1968 auf den Markt kamen und bei denen das Vorhaben, „zerstoßenes Glas“ auf eine Metalloberfläche aufzubrennen, zunächst Zweifel aufkommen ließ. Viel hat sich seither auf dem Gebiet der Verblendkeramik getan. Die heutigen Restaurationen lassen sich kaum noch von einem natürlichen Zahn unterscheiden, sodass sie Außenstehenden nur selten auffallen. Das ist nicht zuletzt der jahrelangen Arbeit der Zahntechniker zu verdanken, die es geschafft haben, natürliche Zähne in ihrer Farbe, ihrem Chroma und ihrer Transluzenz so perfekt zu kopieren.

Mit den Laborscannern kam die Digitalisierung in die Zahntechnik

Wie wir alle wissen, sind Zahntechniker in erster Linie Handwerker und Künstler. Sind sie darüber hinaus Laborinhaber, müssen sie jedoch auch wirtschaftlich denken, d.h. am Ball bleiben und sich regelmäßig mit neuen Techniken und Materialien befassen bzw. auseinandersetzen. Mit den Laborscannern hielten digitale Technologien Einzug in den zahntechnischen Arbeitsalltag. Das Zirkoniumdioxid – heute in der Zahnheilkunde unverzichtbar – machte den Einstieg in die Digitalisierung quasi unumgänglich: Um im Sinterprozess die Originalgröße zu erreichen, musste ein Brückengerüst 25% größer modelliert werden – händisch war dies eine Herausforderung. So stellte Zirkonium den Laborinhaber vor die Entscheidung, den analogen Weg weiterzugehen oder den digitalen Weg einzuschlagen und mehrere Tausend Euro in Scanner, Software und eventuelle Fräsanlagen zu investieren.

Mittlerweile ist ein Umdenken in den Laboren erkennbar. Nicht jeder muss alles anfertigen können. Ähnlich wie auch in anderen Handwerksbetrieben gibt es für alle Bereiche Spezialisten und Dienstleister. So muss eine Fräsanlage nicht in jedem Labor stehen, und ein sehr guter 3D-Drucker kann beispielsweise als Dienstleistung für andere Labore angeboten werden, da die Investitionen von einem mittelständischen Labor sonst nicht zu stemmen sind. Die Labore können Zahnarztpraxen von den Möglichkeiten der Intraoralscanner durchaus begeistern. So helfen dem Zahnarzt die persönliche Betreuung und das Vertrauen, um die relativ neue Technologie mit dem fachkundigen Labor an seiner Seite erfolgreich in den täglichen Workflow seiner Praxis zu implementieren. Die schnell wachsende Indikationsvielfalt schafft zudem die besten Voraussetzungen, um gemeinsam zum Wohle des Patienten eine individuelle Lösung zu erarbeiten.

Heutzutage sind die Patienten aufgeklärter und wissbegieriger. Sie möchten ausreichend informiert werden und auch mit der Familie besprechen können, welche Möglichkeiten des Zahnersatzes für sie infrage kommen und umsetzbar sind. Heute können Zahnärzte während des Beratungsgesprächs mithilfe von Programmen wie z.B. „Smile-Design“ oder „Ivo Smile“ ihren Patienten visuell die verschiedenen ästhetischen Behandlungsoptionen aufzeigen. Diese können sogar als 3D-Animation später zu Hause im Familienkreis auf dem Smartphone angesehen und diskutiert werden. Das virtuelle Design lässt sich mittlerweile sogar in die Laborsoftware integrieren, sodass die Vorgabe in die reale Restauration direkt mit einfließen kann.

Die Totalprothese aus dem 3D-Drucker: eine denkbare Zukunftsvision?

Heute sind mittels Software alle Arten von Zahnersatz umsetzbar, selbst die geliebte Totalprothese, die in den Laboren meist von den erfahrenen, älteren Technikerinnen und Technikern auf- und fertiggestellt wird. Leider sind jedoch die 28er, 14er oder auch Totale genannt, kaum gewinnbringend herzustellen. In der Regel sind hierfür diverse Sitzungen notwendig: Abdruck- und Bissnahme, 1. Anprobe, Zähne umstellen, 2. Anprobe, Zähne in einer anderen Farbe aufstellen, 3. Anprobe und dann vielleicht die finale Fertigstellung. Dies klingt sehr arbeitsund zeitaufwendig, läuft aber tatsächlich in vielen Fällen so ab. Und auch wenn das Labor reichlich Zeit investiert, viele Fahrten getätigt und noch mehr Material aufgewendet hat – abrechnen kann man hierfür nur den Kassensatz. Hinzu kommt, dass man die zahlreichen Aufstellregeln nach Körholz, die APF-Methode, Gerber etc., die man während der Ausbildung gelernt hat, dann doch meistens nicht mehr parat hat.

  • Abb. 2: Auch die Totalprothese ist im digitalen Zeitalter kein Problem mehr.

  • Abb. 2: Auch die Totalprothese ist im digitalen Zeitalter kein Problem mehr.
    © 3Shape
Nun haben wir inzwischen auch die Totalprothese im digitalen Zeitalter implementiert. Vieles an Fachwissen sowie verschiedene Aufstellparameter sind in der Software hinterlegt, sodass deutlich einfacher 28 Zähne in den „leeren“ Raum gestellt werden können (Abb. 2). Eine falsche Zahnfarbe? Nein, die gibt es nicht mehr: Ein Mausklick – und die Wunschfarbe wird geändert. Größere Frontzähne? Ein Mausklick und eventuell einige Bewegungen mit der Maus – und schon „stehen“ die neuen an der richtigen Stelle. Die Herstellung mittels Fräsanlage erfolgt heute mit einer deutlichen Verbesserung der Passung; kein verbleibendes Restmonomer sowie kein Schrumpfungsprozess sind die weiteren Vorteile. Die Aufstelllinien (Frankfurter Horizontale, Camper‘sche Ebene, Kieferkammlinie) werden zudem durch die Software virtuell als Anhaltspunkt dargestellt. Einige Anbieter sind heute schon in der Lage, Zahnbibliotheken, Fertigungsparameter, PMMA für „gedruckte“ Basen anzubieten (Ivoclar, Kulzer, Candulor, Vita, Vertex).

Bei einem Blick in die Zukunft wäre vielleicht folgendes Szenario denkbar: Ein Patient, der in den Urlaub fliegt, möchte sicherheitshalber noch eine weitere Ersatzprothese auf seine Reise mitnehmen. Er lädt sie sich als Datei auf sein Smartphone und kann sie an einem 3D-Drucker am Flughafen ausdrucken.

Nichts als Spinnerei? Ich bin mir da nicht sicher, denn wenn ich zurückblicke, sind viele Verfahren, die als Spinnerei abgetan wurden, heute Realität. Deshalb können wir es ruhig mal wagen, in die Zukunft zu schauen. Schließlich bieten sich auch neue Möglichkeiten an. Ist die Totalprothese in einem reproduzierbaren Prozess hergestellt worden und der erzielte Verkaufspreis beinhaltet sogar Gewinn, weil der Prozess optimiert abläuft, dann kann auch eine Individualisierung einer „maschinellen Zweckprothese“ vom Patienten gewünscht, vom Zahntechniker angefertigt und berechnet werden. Der Zahntechniker kann dann z.B. mittels „Smile-Design“ und einem Foto des Patienten eine virtuelle Vorabaufstellung generieren, ohne Zahngarnituren „verschleifen“ zu müssen.

Zahnärzte und Zahntechniker: Hand in Hand zum optimalen Behandlungsergebnis

  • Abb. 3: Neben der Bohrschablone kann das Labor die komplette Dokumentation dem Behandler zur Verfügung stellen.

  • Abb. 3: Neben der Bohrschablone kann das Labor die komplette Dokumentation dem Behandler zur Verfügung stellen.
    © 3Shape
In der heutigen Zeit kann ein Datensatz innerhalb von Sekunden um den Erdball geschickt werden. Doch die persönliche Betreuung, d.h. das Aufgreifen und Umsetzen von individuellen Wünschen, lässt sich nur dann realisieren, wenn sich das Labor in der Nähe des Zahnarztes befindet. Darüber hinaus trägt der persönliche Kontakt dazu bei, das gewünschte Vertrauen des Patienten zu gewinnen. Die Zahl der gesetzten Implantate hat sich vervielfacht. Ursächlich hierfür ist eine kontrolliert geplante Chirurgie, die mit spezieller Software einfacher in der Umsetzung ist. Neben der Bohrschablone (Abb. 3) kann das Labor auch die komplette Dokumentation mittels Software dem Behandler zur Verfügung stellen.

  • Abb. 4: Der Patient erhält auf digitalem Weg seine Schiene.

  • Abb. 4: Der Patient erhält auf digitalem Weg seine Schiene.
    © 3Shape
Die Ästhetik spielt neben der Mundgesundheit eine wichtige Rolle. Zahnfehlstellungen zu korrigieren ist einfacher denn je. Eine von 3Shape entwickelte Software zum Beispiel erlaubt Zahnarzt und Dentallabor, die Zahnsituation berührungslos mittels IOS aufzunehmen und virtuell in die richtige Position zu bringen. Anschließend kann das mögliche Endergebnis dem Patienten präsentiert werden. Dem Dentallabor werden mithilfe der Software die Zahnbewegungen berechnet. Anhand dessen kann das Labor die notwendigen Modelle bis zum Endergebnis drucken, jeweils mit der vorher berechneten leichten Veränderung der Zahnstellung. Das können je nach Umfang der Umstellung 3 oder 20 Modelle sein. Über diese Modelle wird ein Schienenmaterial gezogen und mit der jeweiligen laufenden Nummer versehen. Der Patient hat somit für jede Woche eine neue transparente Schiene mit der leicht veränderten Position für die betreffenden Zähne (Abb. 4).

Fazit

Die Zahntechnik hat den Wandel von der reinen analogen zur analog-digitalen Herstellung geschafft und ist gut gerüstet für die Zukunft. Die weitere Digitalisierung wird für diejenigen von Vorteil sein, die sie annehmen.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: ZTM Thomas Riehl


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