Allgemeine Zahnheilkunde

Teil 2: Aspekte der ganzheitlichen Zahnmedizin

Sportzahnmedizin – Eine neue Fachdisziplin etabliert sich

Seit Kurzem können sich interessierte Zahnärzte in Deutschland zum Sportzahnmediziner („teamdentist“) fortbilden. Zuvor war dieser Fachbereich nur in Amerika etabliert. In diesem zweiteiligen Beitrag beleuchtet der Autor, welche Fähigkeiten und Kenntnisse für den Sportzahnmediziner bedeutend sind. Während in Teil 1 die Akutbetreuung im Fokus stand, geht Teil 2 auf die zahnärztliche Behandlung im Vorfeld von Wettkämpfen unter ganzheitlichen Gesichtspunkten ein.

Die USA sind Vorreiter auf dem Gebiet der Sportzahnmedizin, das erst seit Kurzem in Deutschland Anerkennung findet. Seit 30 Jahren organisiert die American Academy of Sports Dentistry (AASD) bereits die Ausbildung von Zahnärzten für die Sportzahnmedizin in den USA. Erfreulicherweise können Zahnärzte nun auch in Deutschland eine Fortbildung zum Sportzahnmediziner absolvieren. Die 2016 gegründete Deutsche Gesellschaft für SportZahnmedizin (DGSZM) lehnt sich in ihrem APW-Curriculum an die Schwerpunkte der AASD an. Das Curriculum in 5 Modulen beinhaltet eine Einführung in die Sportzahnmedizin, Traumatologie im Sport und allgemeinmedizinische Zusammenhänge sowie die Themen funktionelle Analyse und Therapie und mögliche Leistungsoptimierung. Nach erfolgreicher Abschlussprüfung ist der Absolvent berechtigt, den Titel „teamdentist“ zu tragen.

Im medizinischen Team einer Profimannschaft ist neben dem Mannschaftsarzt und dem Physiotherapeuten der Team-Zahnarzt gefragt, da bei Zahnschäden oder Zahnverlust durch Verletzung schnell gehandelt werden muss. Die (zahn-)ärztliche Betreuung ist sowohl während eines Wettbewerbs als auch in der Vorbereitungszeit vonnöten. Wie wichtig die Rolle eines Sportzahnarztes gerade außerhalb der Wettkämpfe ist, wird am folgenden Fallbeispiel deutlich: Der Patient wurde mit ganzheitlichem Therapieansatz über längere Zeit behandelt, um seine Leistungsfähigkeit wiederherzustellen. Wie im vorliegenden Fall sind es oftmals leise schlummernde, chronische Entzündungsprozesse, sogenannte Silent Inflammations, die bei Leistungssportlern Schmerzen in anderen Körperbereichen hervorrufen und ihnen die nötige Energie rauben können.

Patientenfall

  • Triathlet Jonathan Zipf kämpfte mit starken Schmerzen im Leistenbereich.

  • Triathlet Jonathan Zipf kämpfte mit starken Schmerzen im Leistenbereich.
    © Göttfert
Dem Triathleten und Leistungssportler Jonathan Zipf wurde während seiner Laufbahn eine Silent Inflammation beinahe zum Verhängnis. Er befürchtete, seine Karriere vorzeitig beenden zu müssen.

Vorgeschichte

Während seiner bis dato erfolgreichsten Saison 2011 suchte der Profitriathlet aufgrund von Zahnschmerzen an Zahn 26 eine Zahnarztpraxis auf. Der Behandler führte eine Wurzelkanalbehandlung an Zahn 26 durch, bei der 4 Kanäle aufbereitet und abgefüllt wurden. Trotzdem war der Patient zunächst schmerzfrei und konnte sich wieder auf den Leistungssport konzentrieren. Nach weiteren sportlichen Erfolgen zu Beginn des Jahres 2012 setzten jedoch zunehmend starke Schmerzen im Leistenbereich ein, aufgrund derer er die Saison im Spätsommer abbrechen musste. Er wurde aufgrund des Verdachts einer Leistenhernie operiert. Allerdings brachte der chirurgische Eingriff an der Leiste keine Linderung der Beschwerden. Der Leistungssportler trainierte trotz der chronischen Schmerzen im Jahr 2013 weiter und konnte trotz massiver Beschwerden die Saison mit dem deutschen Meistertitel abschließen.

Nach diesem Erfolg stagnierte die Karriere von Zipf aufgrund zunehmender gesundheitlicher Probleme: Im November 2013 kamen Schmerzen im Bereich der Patellarsehne hinzu. Diese traten ohne ein konkretes auslösendes Ereignis auf und konnten durch das übliche Vorgehen, Lockerung der Muskulatur und Dehnen, nicht beseitigt werden. Daraufhin begann für Jonathan Zipf eine Odyssee zwischen Ärzten und Therapeuten: Physiotherapeutische sowie orthopädische Behandlungen, Faszien- sowie Triggerpunktbehandlungen und eine Reizstromtherapie wurden erfolglos durchgeführt.

Zudem wurde das Trainingsprogramm verändert und der Sportler stellte seine Ernährung auf glutenfreie Nahrungsmittel um. Diese Maßnahmen brachten keine Besserung, ebenso wie eine Plasmabehandlung am Knie und eine weitere Operation. Hinzu kamen immer häufiger auftretende Erkältungen und ein generelles Gefühl der Müdigkeit. Der Patient selbst beschreibt diese Zeit als mental maximal belastet. Für den Sportler waren Schmerzen im Alltag allgegenwärtig und in den gesamten eineinhalb Jahren war es für Jonathan Zipf kaum mehr möglich, Sport zu treiben. Schließlich riet ihm eine befreundete Triathletin, einen Zahnarzt mit ganzheitlichem Behandlungskonzept aufzusuchen.

Phase I: Störfeld erkennen

Bereits in der ersten Sitzung konnte in unserer Praxis ein Zusammenhang zwischen dem wurzelkanalbehandelten Zahn 26 und den Knieschmerzen mittels eines Provokationstests festgestellt werden. Mit einer lokalanästhetischen Betäubung wurde das Knie für kurze Zeit von dem Dauerschmerz befreit. In diesem Moment war der Leistungssportler zum ersten Mal seit über einem Jahr schmerzfrei.

Phase II: Zentrales Störfeld beseitigen

Der Versuch, den Zahn 26 durch eine endodontische Revision zu erhalten, scheiterte, sodass er Ende 2014 extrahiert werden musste. Danach war der Patient schmerzfrei. Wie auf dem OPG erkennbar (Abb. 3), muss ein großflächiger intraossärer Prozess stattgefunden haben, da das Restknochenangebot sehr gering war. Bereits 2 Wochen nach der Extraktion war ein erstes leichtes Lauftraining möglich und Mitte des Jahres 2015 konnte der Profitriathlet wieder an nationalen und internationalen Wettkämpfen teilnehmen.

2016 konnte dieser Leistungserfolg noch gesteigert werden und er konnte sich durch Top-Ten-Ergebnisse wieder in der erweiterten Weltspitze etablieren. Eine erfolgreiche Teilnahme an den Olympischen Spielen 2020 ist nun wieder ein realistisches Ziel für den Sportler.

Phase III: Weitere potenzielle Störfelder identifizieren

Das Konzept unserer Praxis besteht darin, Spezialisten verschiedener Fachbereiche zu vereinen. Somit kann der Austausch zwischen den Fachgebieten prompt erfolgen, wenn ein Patientenfall dies erfordert – ein großer Vorteil, gerade bei der Betreuung von Sportlern.

Die weitere Diagnostik in diesem Patientenfall ergab, dass Zahn 17 seit über 3 Jahren (alio loco) mit einer medikamentösen Einlage versehen war, Zahn 11 sich aufgrund eines Traumas devital und verfärbt darstellte und die Zähne 18, 16, 24, 35, 36 kariöse Läsionen aufwiesen; auch eine funktionelle Störung aufgrund gelenknaher Vorkontakte in der Laterotrusion wurde festgestellt (Abb. 1–5).

  • Abb. 1 u. 2: Ausgangssituation Oberkiefer und Unterkiefer.
  • Abb. 3: OPG: Ausgangssituation nach Zahnextraktion 26.
  • Abb. 1 u. 2: Ausgangssituation Oberkiefer und Unterkiefer.
  • Abb. 3: OPG: Ausgangssituation nach Zahnextraktion 26.

  • Abb. 4: Zahn 17, mit medikamentöser Einlage.
  • Abb. 5: Zahn 11 ist devital und stark obliteriert.
  • Abb. 4: Zahn 17, mit medikamentöser Einlage.
  • Abb. 5: Zahn 11 ist devital und stark obliteriert.

Endodontische Therapie

Die Zähne 17 und 11 wurden endodontisch behandelt und die Zähne 18, 16, 24, 35, 36 konservierend versorgt. Zunächst wurde eine primäre Zugangskavität an Zahn 11 geschaffen und eine medikamentöse Ledermix-Einlage dort positioniert. In einer zweiten Sitzung wurde die sekundäre Zugangskavität unter Kofferdam angelegt. Aufgrund der starken Obliteration des Wurzelkanals wurde unter einem Operationsmikroskop (OPMI Zeiss ProErgo) gearbeitet; Ultraschallspitzen kamen zum Einsatz.

Gemäß der Crown-Down-Technik wurde zunächst eine koronale Erweiterung mittels Gates-Glidden-Bohrern (Größe 1 bis 3) angestrebt. Nach Anlage der sekundären Zugangskavität gelang es, einen Gleitpfad mithilfe von C-Pilot-Feilen (ISO 08, 10; VDW) herzustellen und basierend auf dem Patency-Konzept die Arbeitslänge des Zahnes 11 zu definieren. Das Aufbereitungsvolumen ergab sich durch Apical Gauging und anschließender Aufbereitung des Wurzelkanalsystems um 3 ISO-Größen weiter als der ermittelte maximale Durchmesser des Foramen apicale. Dieser wurde mit einer Handfeile (ISO 15) festgestellt. Zur Anwendung kam nun eine Hybridaufbereitungstechnik mit folgender Feilenfolge:

  • Gleitfad mittels Handfeilen ISO 08; 10; 12,5; 15; 20
  • maschinelle Aufbereitung mit Reciproc 25; Protaper Gold F3

Während der gesamten Aufbereitung wurde das Wurzelkanalsystem mit Natriumhypochlorit (NaOCl) 3% gespült.

Als Zwischenspülung diente Ethylendiamintetraessigsäure (EDTA) 17%. Die Abschlussspülung erfolgte wieder mit NaOCl 3%. Die Spülungen wurden mittels EDDY (VDW) oszillierend schallaktiviert durchgeführt.

Die Wurzelfüllung erfolgte mittels Continuous-Wave-Technik. Der Zahn wurde mittels Walking-Bleach-Methode intern gebleicht, um ihn farblich harmonisch in das Gesamtgefüge einzugliedern. Zur Vermeidung parodontaler Resorptionen wurde die Wurzelfüllung adhäsiv verschlossen und das Bleaching-Gel bis maximal 2 mm subgingival in die Kavität eingebracht.

Die Wurzelkanalbehandlung des Zahnes 17 erfolgte ebenfalls unter Einsatz des Operationsmikroskops. Die 4 Kanäle des Zahnes wurden in 2 Sitzungen behandelt (Abb. 6–8). Fazit: Mithilfe hochmoderner Endodontie konnten die Zähne 11 und 17 medizinisch und ästhetisch erfolgreich therapiert werden.

  • Abb. 6 u. 7: Röntgenkontrolle der wurzelkanalbehandelten Zähne 17 und 11.
  • Abb. 8: Endodontisch behandelter Zahn 11 nach Bleaching.
  • Abb. 6 u. 7: Röntgenkontrolle der wurzelkanalbehandelten Zähne 17 und 11.
  • Abb. 8: Endodontisch behandelter Zahn 11 nach Bleaching.

Phase IV: Sportzahnmedizinische Auswertung einbeziehen

Sportschiene und funktionelle Vorbehandlung

Begleitend zu den endodontischen und konservierenden Behandlungen wurde der Profitriathlet funktionell mittels einer Aufbissschiene für die Nacht vorbehandelt, mittels derer sich das Gebiss einer idealen Kieferrelation annäherte. Zusätzlich sollte der Patient eine Sportschiene bekommen, die eine stabile und somit verbesserte Körperhaltung und Statik unterstützt. Die Schiene soll die Leistung des Sportlers hinsichtlich Kraft, Ausdauer, Koordination und Beweglichkeit maximieren. Hierzu wurde eine Bissnahme in idealisierter Kieferrelation angefertigt.

Um diese vermeintliche zentrische Bisssituation so wenig wie möglich zu beeinflussen, werden Patienten stets an demselben Tag physiotherapeutisch vorbehandelt. Anschließend wird der Patient deprogrammiert. Hierzu können verschiedene Möglichkeiten angewendet werden. In unserem Fall wurde ein Aqualizer (Dentrade) für circa 15 Minuten eingebracht; zusätzlich wurde eine instrumentelle Funktionsanalyse durchgeführt. Gelenkbahnneigungen, Kieferrelation mittels eines Gesichtsbogens und Zentrikbestimmung wurden mit dem JMA+ Analyser (Zebris Medical) digital registriert (Abb. 9).

  • Abb. 9: Zentrische Bissnahme am Modell.
  • Abb. 10: Mediotrusionskontakt an Zahn 48. Der Mediotrusionskontakt wurde reduziert und der Patient berichtete direkt danach von einem „entspannteren Gefühl“.
  • Abb. 9: Zentrische Bissnahme am Modell.
  • Abb. 10: Mediotrusionskontakt an Zahn 48. Der Mediotrusionskontakt wurde reduziert und der Patient berichtete direkt danach von einem „entspannteren Gefühl“.

Patienten berichten häufig während der ersten Okklusion nach der Deprogrammierung der Kaumuskulatur, dass ihnen ein störender Frühkontakt der Zähne auffällt, bevor diese dann in die gewohnte habituelle Interkuspidation abgleiten. So auch bei Jonathan Zipf. An Zahn 48 war für ihn ein deutlicher Vorkontakt nach der zentrischen Bissnahme spürbar und es zeichnete sich in der Laterotrusionsbewegung nach rechts ein starker Mediotrusionskontakt ab (Abb. 10).

  • Abb. 11 a u. b: Ganganalyse bei 15 km/h ohne (weiß hinterlegt) und mit (grau hinterlegt) Schiene; der Pfeil deutet auf die „Ausreißer“ in der COP-Spur.

  • Abb. 11 a u. b: Ganganalyse bei 15 km/h ohne (weiß hinterlegt) und mit (grau hinterlegt) Schiene; der Pfeil deutet auf die „Ausreißer“ in der COP-Spur.
    © Göttfert
Nach Anfertigung einer speziell auf den Patienten angepassten Sportschiene wurde der Patient mithilfe zweier Geräte der Firma Zebris vermessen: Standanalyse, Ganganalyse sowie eine Vermessung der Halswirbelsäule. Jede Vermessung wurde einmal mit und einmal ohne Schiene durchgeführt. Die Ergebnisse konnten dann miteinander verglichen werden (Abb. 11 a und b). Die sportzahnmedizinischen Auswertungen zeigen Verbesserungen des Abrollverhaltens und geben zusätzlich Hinweise auf eine Veränderung der Körperstatik. Die Verlaufslinien des Belastungsschwerpunkts (COP; Schmetterlingsdiagramm) werden durch das Tragen der Schiene noch exakter und weisen weniger „Ausreißer“ auf.

Fazit

Ein spannender Tätigkeitsschwerpunkt mit Alleinstellungsmerkmal in der Zahnheilkunde steht in den Startlöchern: Sportzahnmedizin ist kein bloßer „Trend“, sondern ein Muss für den Profisport. Bereits etabliert in nationalen Gesellschaften, werden die Weichen nun dahingehend gestellt, dass Sportzahnärzte in naher Zukunft offiziell Teil von Profimannschaften und Verbänden in Deutschland werden und somit dem Vorbild internationaler Verbände folgen. Das sportzahnmedizinische Aufgabenfeld ist groß und beschränkt sich nicht nur auf die Behandlung von Traumafällen. Ein funktionellästhetisches Therapiekonzept kann hierbei nicht nur die Return-on-the-Field-Zeit verkürzen und das ästhetische Behandlungsergebnis optimieren, sondern auch durch das Wissen um orale Störfelder, Okklusion und die absteigende Kette die Verletzungsprophylaxe verbessern, Regeneration fördern und sogar in einzelnen Disziplinen zusätzlich leistungsfähiger machen. Die funktionelle Zahnmedizin ermöglicht Verbesserungen der Körperstatik, die gerade für den Profisportler von großer Bedeutung sind.

Die Autoren:
Dr. Florian Göttfert
ZA Johanna Herzog
Dr. Nikolas Wießner

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Florian Göttfert



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