Allgemeine Zahnheilkunde


Körperschmuck im Orofazialbereich in historischer und aktueller Sicht

Verschiedene Gesichts- sowie orofaziale Piercings; © Maja Dumont, pixelio.de.
Verschiedene Gesichts- sowie orofaziale Piercings; © Maja Dumont, pixelio.de.

Orale Schmuckstücke sind sehr beliebt – heute, aber auch schon früher, denn Körperschmuck aus religiösen und ästhetischen Gründen hat bei vielen Naturvölkern eine sehr lange Geschichte. Diese wird im folgenden Beitrag ebenso beleuchtet, wie die aktuellen Formen des Körperschmuckes im Orofazialbereich und die berufsrechtlichen Fragen, die sich für den Zahnarzt daraus ergeben.

Wer sich mit dem Themenfeld „Körperschmuck im Zahn-, Mund- und Kieferbereich“ näher beschäftigt, wird früher oder später zu zwei grundsätzlichen Feststellungen gelangen:

  1. Körperschmuck und Körpermodifikationen sind so alt wie die Menschheit selbst – eine Aussage, die für den Orofazialbereich genauso zutrifft, wie für andere Bereiche des menschlichen Körpers.
  2. Das Angebot zahn- und oralkosmetischer Eingriffe im Rahmen zahnärztlicher Behandlungsmaßnahmen in Zahnarztpraxen ist demgegenüber – historisch betrachtet – eine sehr neue Entwicklung, die im Übrigen eine Reihe klärungsbedürftiger Fragen aufwirft.

Beide Feststellungen sollen im Rahmen dieses Beitrages näher betrachtet werden. Hierbei gilt es zunächst die Geschichte des Körperschmucks und der Körpermodifikationen nachzuzeichnen, bevor in einem zweiten, vergleichenden Teil auf aktuelle Entwicklungen sowie auf die rechtlichen und ethischen Implikationen der beschriebenen Situation einzugehen sein wird. Die nachfolgenden Ausführungen basieren auf Beiträgen von Groß5,6 und Schäfer12:

Körperschmuck und Körpermodifikationen im Orofazialbereich: Die historische Perspektive

Hinweise auf kosmetische, d. h. schmückende (gr. kosméo = schmücken, anordnen), und modifizierende Maßnahmen am menschlichen Körper finden sich in der gesamten Kulturgeschichte der Menschheit5, 12. So belegt z. B. der Fund der rund 5.300 Jahre alten Eismumie in Südtirol mit über 50 Tätowierungen, dass Tattoos bereits zu jener Zeit in Europa bekannt waren (http://www.iceman.it/de/node/28). Ähnliches gilt für Piercings, die z. B. bei den Zenturionen des Römischen Reiches als übliche Praxis galten2. Auch kosmetische Maßnahmen im orofazialen Bereich sind in vielen Kulturen der Welt, vor allem in Südostasien, Mittel- und Südamerika sowie in Zentralafrika, tief verankert und teilweise bis zum heutigen Tage verbreitet. Dabei sind allein mit Blick auf den dentalen Bereich sieben verschiedene Formen zu differenzieren13.

Einfache Zuspitzung der Zähne

Das Anspitzen der Zähne ist die häufigste und am weitesten verbreitete Variante unter den traditionellen dentalen Modifikationen.

  • Abb. 1: Mentawaier mit zugespitzten Zähnen (aus: http://jafproject. net).

  • Abb. 1: Mentawaier mit zugespitzten Zähnen (aus: http://jafproject. net).
Entsprechend vielfältig stellten und stellen sich die Motive dar: So erhofft sich der Stamm der Niam-Niam in Zentralafrika hierdurch eine verbesserte Nutzbarkeit des Gebisses als Waffe im Kampf gegen den Feind8. Andere Völker oder Stämme eifern mit ihren Zahnmodifikationen tierischen Vorbildern nach („scharf wie Haifischzähne“, „aussehen wie ein Raubtier“)8. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für eine kulturell motivierte Mutilation der Zähne liefern die indigenen Bewohner der indonesischen Mentawai-Inseln: Meist schon vor Eintritt in die Pubertät werden die Schneidezähne der Kinder durch Schläge mit einem meißelartigen Werkzeug dreieckig zugespitzt (Abb. 1). Diese sehr schmerzhafte Prozedur dauert nicht länger als eine halbe Stunde und hat ihre Wurzeln in einer etwa 5.000 Jahre alten neolithischen Kultur. Sie geht als Zeichen der Würde des Erwachsenseins den obligatorischen, jedoch erst postpubertär praktizierten „Tatauierungen“ voraus, welche die Haut der Mentawaier am gesamten Körper zieren19.

Zahnfeilungen, um Lücken, Kerben oder Zinken zu formen

Diese Art der Zahnmutilation wird häufig bei Stämmen im Süden Afrikas als Pubertätsritus für beide Geschlechter durchgeführt und oft mit Extraktionen anderer Zähne kombiniert, wie etwa bei den Bantu, bei denen Einkerbungen an den Oberkieferschneidezähnen zusammen mit der Extraktion der vier Unterkieferschneidezähne erfolgen. Diesen Ritualen liegen vielfach animistisch-religiöse Motive zugrunde. So wird die Lücke zwischen den Oberkieferschneidezähnen bei einigen Bantu-Stämmen als „Macht“, „Kraft“ oder „Stärke“ bezeichnet, bei anderen als „Zeichen des Todbringers“8.

Extraktion von Zähnen

Die vollständige Entfernung der oberen mittleren Schneidezähne wurde bei den Frauen der Toraja auf Sulawesi bis weit in das 20. Jahrhundert vorgenommen, während bei den Männern die Kronen in Höhe des Zahnhalses abgebrochen wurden19.

Kronenamputation oder horizontales Zurückschleifen der Zähne

Das horizontale Einkürzen der sechs Frontzähne – insbesondere der Eckzähne – im Oberkiefer wird bis heute bei hinduistischen Jungen und Mädchen auf Bali als Initiationsritus durchgeführt und stellt gemäß balinesischem Recht die Voraussetzung für die Ehefähigkeit dar19.

Zahndekoration mit Einlagen aus Metall, Gold, Edelsteinen und Diamanten

  • Abb. 2: Oberkieferfragment mit Zahneinlagen und Zahnfeilungen.

  • Abb. 2: Oberkieferfragment mit Zahneinlagen und Zahnfeilungen.
In Malaysia und Japan sowie bereits während der Maya-Kultur in Mittelamerika wurden künstlich hergestellte Kavitäten mit individuellen Schmuckeinlagen (z. B. aus Jade) gefüllt; diese waren nicht nur zur Dekoration bestimmt, sie galten auch als Statussymbole (Abb. 2)3,8. Auch bei den Batak auf Sumatra kennt man diese Art von Zahnschmuck, wobei die Schneidezähne mit runden, die Eckzähne jedoch mit dreieckigen Einlagen verziert werden. Dazu kommen noch auffal lende goldene Streifen, die entlang de s Z ahnfleischsaums angebracht werden8. Die Dayak in Borneo schmücken ihre Schneidezähne mit Kupferoder Goldplättchen, welche beim Sprechen unregelmäßig aufblitzen und auf diese Weise eine besondere Wirkung hinterlassen. Von diesem Stamm ist auch das Tragen von Kupfernägeln mit runden Köpfen bekannt, welche durch eine Bohrung in den Schneide- und Eckzähnen geführt werden8.

Einfärben von Zähnen

Das Färben der Zähne ist bekannt aus Regionen in Asien, Australien, Afrika sowie in Mittel- und Südamerika8. Bei vielen Völkern Südostasiens gelten natürlich belassene, weiße Zähne als aggressiv, tierisch oder unmenschlich19. In Malaysia schwärzt man sich durch regelmäßiges Kauen von Sirih-Betel auf einfache Weise die Zähne8,19. In Japan beispielsweise waren schwarze Zähne noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Schönheitsmerkmal und daher gerade unter Geishas weit verbreitet8. Verschiedene Indianerstämme in Mittel- und Südamerika schwärzen ebenfalls ihre Zähne. Andere bevorzugen rot gefärbte Zähne. Rote Zähne, wenngleich auch selten, sieht man in Afrika in einer Region von Nigeria sowie in Marokko. Manche Hindu-Völker benutzen diese Farbe, weil sie als den Göttern besonders gefällig angesehen wird8.

Veränderung der Zahnstellung

Die Frauen verschiedener Stämme im Senegal haben eine künstliche Prognathie des Oberkiefers entwickelt. Um dieses Ziel zu erreichen, werden bereits im Kindesalter die Oberkieferschneidezähne des Milchgebisses entfernt. Finger und Zunge üben anschließend auf die durchbrechenden bleibenden Zähne einen nach labial gerichteten Druck aus. Dabei werden nicht nur die Schneidezähne in ihrer Position verändert, auch der Alveolarknochen beugt sich dieser Parafunktion, sodass am Ende der Mund eine schnauzenähnliche Form bekommt8. Andere Zahnbewegungen werden z. B. bei den Massai durchgeführt. Durch das Setzen von Keilen wird ein künstliches Diastema zwischen den beiden mittleren Schneidezähnen provoziert8.

Neben den beschriebenen „zahnkosmetischen“ Maßnahmen lassen sich traditionelle Piercings im Orofazialbereich anführen: Bei Eskimostämmen in Alaska wird den Jungen als zeremonielles Zeichen ihres Eintritts in die Pubertät die Unterlippe im Bereich der Mittellinie durchstoßen und in die Perforation Objekte aus Holz oder Knochen eingesetzt3. Noch weitergehende Lippenveränderungen zählen zum Brauchtum einiger Nomadenstämme im Südwesten Äthiopiens:

  • Abb. 3: Junge Mursi-Frau mit Lippenschmuck (aus: http://artcorporel. canalblog. com).

  • Abb. 3: Junge Mursi-Frau mit Lippenschmuck (aus: http://artcorporel. canalblog. com).
So wird bei jungen Frauen vom Stamme der Mursi zu Beginn ihrer Pubertät die Unterlippe mittig durchbohrt und anschließend durch Einlegen von verschiedenen Tontellern zunehmender Größe auf einen Durchmesser von durchschnittlich sechs bis sieben Zentimetern gedehnt (Abb. 3). Zusätzlich müssen die beiden zentralen Schneidezähne des Unterkiefers geopfert werden, um der mit einfachen Motiven geschmückten Scheibe über diese Zahnlücke eine horizontale Abstützung zu vermitteln. Auf diese Weise wird gewährleistet, dass durch das Gewicht der Tonscheibe die Lippe nicht nach unten gezogen wird19.

Bei den Surmi, einem Stamm aus der gleichen Region Äthiopiens, werden von den Frauen bis zu zehn Zentimeter große Holzplatten in der Unterlippe getragen8,14,19. Völker wie die Dogon aus Mali oder die Toposa aus dem Sudan tragen in Unter- oder Oberlippe Pflöcke aus Holz14. Ihren Familienstand kennzeichnen die Frauen der Toposa, indem sie einen Metalldraht in der Mitte ihrer Unterlippe fixieren3. Bei einer auch heute noch stattfindenden religiösen Zeremonie in Malaysia und Südthailand, dem Thaipusam-Festival, werden hauptsächlich die Wangen, aber auch Zunge und Lippen mit verschiedensten Gegenständen durchstoßen oder durchbohrt4. Ebenfalls spirituell motiviert waren Zungenpiercings bei den Maya2.

Nach diesem kurzen kulturhistorischen Rückblick auf bewusst modifizierende Interventionen im Orofazialbereich soll im Folgenden den Fragen nachgegangen werden, welche Formen der orofazialen Kosmetik bzw. Modifikationen heutzutage bedeutsam sind, inwieweit die betreffenden Eingriffe von Zahnärzten angeboten bzw. vorgenommen werden und welche rechtlichen und ethischen Fragen diese Entwicklung aufwirft.

Die rezente Perspektive

Wer sich heutzutage für kosmetische oder modifizierende Maßnahmen im Orofazialbereich interessiert, sieht sich mit einer Fülle unterschiedlichster Angebote konfrontiert, die teilweise – etwa in den Bereichen Zahnschmuck und „Piercing“ – deutliche Verbindungslinien zu den vorgenannten traditionellen Interventionen aufweisen, teilweise aber auch in vollkommen neue Richtungen gehen6:

Charakteristische Beispiele für neuartige kosmetische Maßnahmen sind das systematische Aufhellen der natürlichen Zahnkronen („Dental bleaching“) oder das Aufbringen von „Zahn-Tattoos“ – hierbei handelt es sich um kleine Bildchen, die auf den Zahn aufgeklebt werden und lediglich wenige Stunden halten.

  • Abb. 4: „Geklebter“ Zahnschmuck.

  • Abb. 4: „Geklebter“ Zahnschmuck.
Ein Beispiel mit deutlicher Traditionslinie stellt demgegenüber moderner Zahnschmuck dar: Die betreffenden Schmucksteine bestehen allerdings in der heutigen Zeit nicht mehr aus Jade oder Kupfer, sondern aus Glas, Kristallglas, Zirkon, Diamanten oder anderen Edelsteinen. Sie werden über Säure-Ätz-Technik und Schmelz-Bonding auf der Zahnoberfläche befestigt und sind unter anderem unter den Bezeichnungen „Blizzer“, „Brillance“, „Skyce“, © Maja Dumont, pixelio.de. „Twinkles“ oder „Twizzler“ erhältlich.
  • Verschiedene Gesichts- sowie orofaziale Piercings; © Maja Dumont, pixelio.de.

  • Verschiedene Gesichts- sowie orofaziale Piercings; © Maja Dumont, pixelio.de.
Neben Schmucksteinen, die sowohl ungefasst als auch in verschiedenen Fassungen verfügbar sind, lassen sich auch Goldfolien (z. B. „Dazzler“, Abb. 4) in unterschiedlichsten Formen auf den Zähnen fixieren. Das Schmelz-Bonding- Verfahren eignet sich darüber hinaus zur Fixierung von individuellen Zahnmalereien, die auf eine mit dem Zahnschmelz verbundene Kunststoffgrundierung aufgebracht und von einer klaren Kunststoffdeckschicht schützend überzogen werden. Denkbar sind auch Kombinationen von Zahnbemalung, Schmucksteinen oder Folien. Zu den invasiven kosmetischen Maßnahmen gehören zudem orofaziale Piercings, die ebenfalls dem Bereich des Körperschmucks zuzuordnen sind. Die Mehrheit dieser Piercings penetriert neben der Haut in der Regel auch die orale Mukosa sowie Muskeln und Bindegewebe des Gesichts. Je nach Lokalisation und betroffenem Gewebe lassen sich sechs Piercingformen unterscheiden (Abb. 5)12:

  • Das Zungenpiercing steckt meistens stabförmig in der Mitte der Zunge, kann aber auch im Randbereich der Zunge liegen und wird dann häufig als Ring getragen.
  • Lippenpiercings durchdringen das Gewebe in unmittelbarer Nähe zum Lippenrot und werden überwiegend in Ringform getragen.
  • Labret-Piercings durchbohren das Gewebe vorwiegend im Bereich der Lippenfurche und bestehen häufig aus einem Stab, der oral einen plattenförmigen Abschluss aufweist und fazial mit einem schraubbaren Schmuckaufsatz versehen wird.
  • Piercings der Frenula werden meist durch das Lippenoder Zungenbändchen gesetzt, in der Regel in Ringform.
  • Das (sehr seltene) Zahnpiercing setzt eine Durchbohrung der Zahnsubstanz in der Mitte der klinischen Krone voraus.

Werden Piercings nicht von gewerblich tätigen Piercern, sondern von medizinischen Fachpersonen wie Ärzten oder Zahnärzten vorgenommen, so spricht man auch von „Medical Piercings“6. Allerdings ist die Frage der Durchführung von Piercings durch approbierte (Zahn-)Ärzte (berufs-) rechtlich umstritten6,12.

Kennzeichen moderner kosmetischer Maßnahmen

Die vorgenannten modernen kosmetischen Maßnahmen und der dahinter stehende „Wachstumsmarkt“ weisen in der Zusammenschau fünf Charakteristika auf:

  1. Die Maßnahmen dienen allesamt dem Ziel einer Individualisierung des Aussehens und damit einer Distanzierung vom natürlichen Vorbild. Damit unterscheiden sie sich in der Zielsetzung deutlich von den beschriebenen traditionellen Formen, denen vielfach eine rituelle Bedeutung zuzuschreiben war bzw. ist und die häufig eine Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kollektiv und damit Gemeinsamkeit und Gruppengefühl signalisier(t) en.
  2. Besagten Interventionen ist gemeinsam, dass sie – anders als z. B. Kronen oder Brücken – nicht dem kurativen (= heilenden) Bereich zugeordnet werden können und dass für sie keine medizinische Indikation gestellt werden kann. (Dies verbindet sie wiederum mit den traditionellen Interventionen, die ebenfalls keinen kurativen Hintergrund besitzen).
  3. Hieraus resultiert eine weitere Besonderheit: Die betreffenden kosmetischen Interventionen richten sich nicht (mehr) an einen Patienten (lat. homo patiens = der Leidende), sondern an einen Kunden: Sie stellen demzufolge eine Dienstleistung dar.

Darüber hinaus lohnt auch der Blick auf die Anbieter besagter Dienstleistungen: Zum einen handelt es sich hierbei um Zahnärzte in Praxen, die auf den „Schönheitsmarkt“ spezialisiert sind6, 11. Zum anderen zählen Betreiber von „Studios“, „Lounges“ oder „Zahnkosmetikakademien“ zu den Anbietern; tätig werden hier Personen ohne (zahn-)ärztliche Approbation, die u. a. als „Dental“- oder „Zahnkosmetiker/in“ auftreten6,18. Unter den Betreffenden fi nden sich ausgebildete Zahnmedizinische Prophylaxehelfer/ innen, aber auch Personen ohne jede Vorbildung in einem zahnärztlichen Assistenzberuf. So unterschiedlich und disparat wie die Ausbildung der Betreiber ist auch das Angebot: Viele Zahnkosmetiker zählen die kosmetische Zahnaufhellung (Bleaching) sowie die „kosmetische Zahnreinigung und Verzierung der Zähne mit Zahnschmuck“ zu ihren Arbeitsfeldern. Dabei wird „Zahnkosmetik“ als Dienstleistung defi - niert, die da beginne, „wo die Zahnbürste zu Hause aufhört“, und dort aufhöre, „wo der Zahnarzt anfängt“ 18.

Kosmetikgewerbe vs. zahnärztlicher Heilauftrag: Ethik und Recht

Rechtlich bewegen sich die Anbieter auf durchaus unsicherem Terrain. Bisher besteht keine Rechtssicherheit in der Frage, ob (und wann) zahnkosmetische Tätigkeitsfelder wie Dental- Bleaching, professionelle Zahnreinigung und Zahnschmuck dem Zahnarztvorbehalt unterliegen, d. h. ob (und wann) es sich um Leistungen handelt, die vom Zahnarzt zu erbringen bzw. von diesem anzuordnen und letztlich auch zu verantworten sind7,15,16. So unklar die Reichweite des Zahnarztvorbehalts ist, so umstritten ist aus berufsrechtlicher Perspektive auch die Frage, wo die Zahnheilkunde aufhört und wo eine gewerbliche Tätigkeit beginnt. Tatsächlich legt das „Gesetz über die Ausübung der Zahnheilkunde“ fest: „Ausübung der Zahnheilkunde ist die berufsmäßige, auf zahnärztlich wissenschaftliche Erkenntnis gegründete Feststellung und Behandlung von Zahn-, Mundund Kieferkrankheiten. […] Die Ausübung der Zahnheilkunde ist kein Gewerbe“1. Ähnliche Formulierungen fi nden sich in einigen Berufsordnungen9. Eine zusätzliche Problematik zeigt sich in dem Vorwurf, dass die dentale Kosmetik auf einer angebotsinduzierten Nachfrage fuße. Mit anderen Worten: Die Anbieter zahnkosmetischer Maßnahmen reagieren Kritikern zufolge nicht auf einen natürlichen Bedarf, sondern induzieren bei den potenziellen Kunden erst eine solche Nachfrage (sog. „proaktive Werbung“). Die beschriebenen Maßnahmen nähren demnach das Vorurteil, die zahnärztlichen Anbieter würden „mit festem Blick auf die eigene Umsatzerwartung das Missempfi nden des Patienten“ verstärken17. Diese Entwicklung untergrabe – so die Kritik – das traditionell auf Glaubwürdigkeit und Vertrauen basierende Verhältnis von Zahnarzt und Patient. Eine 2009 von Micheelis et al. veröffentlichte repräsentative Zahnärzte- Befragung führt zu einer ähnlichen Einschätzung. Die Autoren sehen in dem „Bestreben, neue Märkte der Berufsausübung zu erschließen und dadurch nolens volens auch Tendenzen einer „Vergewerblichung“ freizusetzen“, eine „Quelle möglicher Professionsgefährdung“. Die Entwicklung könne „von „innen“ den Wertekern des professionellen Berufsmodells bedrohen“ und „in der Klientenbeziehung langfristig die Vertrauensbasis“ unterlaufen. Dies sei deshalb von Belang, weil die „professionelle Vertrauensbeziehung mit dem Patienten“ letztlich der „Kern“ sei, „der den Rahmen der personalisierten Dienstleistung im Interesse des Klienten überhaupt erst absteckt und gesellschaftlich sichert“10. Aus berufsethischer Sicht ist dieser Stellungnahme nichts hinzuzufügen.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß - Dr. Gereon Schäfer

Bilder soweit nicht anders deklariert: Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß , Dr. Gereon Schäfer


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