Allgemeine Zahnheilkunde


Dyract – 20 Jahre erfolgreich anders sein


Im September 1993 wurde Dyract auf dem FDI-Kongress in Göteborg (Schweden) der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Es gab wohl kaum ein Material, das so intensiv diskutiert und untersucht wurde1. Der folgende Beitrag bringt Licht ins Dunkel der Mythen um Dyract und zeigt auf, dass die zielgerichtete Anwendung dieses Materials einem sehr modernen Ansatz der adhäsiven Zahnheilkunde entspricht: der patientenorientierten Materialauswahl.

Als Ende der 1980er Jahre DENTSPLY über die Neuentwicklung von Füllungsmaterialien entschied, fiel es DENTSPLY DeTrey in Konstanz zu, ein Ersatzmaterial für Glasionomere zu entwickeln, das ohne Säure-Ätz-Technik angewendet werden kann, in einer pastenförmigen Komponente dargereicht wird und lichthärtend ist.

Der erfahrene Entwicklungschemiker Gordon Blackwell, der zu dieser Zeit bereits Patente sowohl im Bereich Glasionomere als auch im Bereich harzbasierter Adhäsive entwickelt hatte, erkannte in einem Patent über polymerisierbare Zementmischungen [3] eine Basis und legte seinerseits mit der patentierten Entwicklung säuremodifizierter Harze den Grundstein für dieses neue Material – Dyract. Der Markenname wiederum wurde von Rolf Käse erdacht und steht als Kunstwort für die Besonderheit, dass die Aushärtung des Materials in zwei („Dy“) Reaktionen („ract“) erfolgt, die durch die besondere Zusammensetzung zeitlich getrennt voneinander ablaufen.

Das Füllungsmaterial Dyract wurde damals zusammen mit Dyract PSA (Primer, Sealer, Adhäsive) zur Vorbehandlung der Kavität angewendet – rückblickend war dies die Geburtsstunde der heute als selbstätzende Einflaschen- Adhäsive bezeichneten Kategorie. Ist heute das Ätzen von Dentin mit Phosphorsäure akzeptiert und Bestandteil des Curriculums sowie unzähliger Fortbildungskurse, herrschte damals vor allem in Deutschland große Verunsicherung in der sich rasch ausbreitenden adhäsiven Zahnheilkunde. Die Möglichkeit, durch einfache Applikation einer Flüssigkeit und anschließende Lichthärtung eine sichere Adhäsion zu erzielen, ohne mit den spezifischen Problemen geätzten Dentins konfrontiert zu werden, trug sicherlich wesentlich zum Erfolg von Dyract bei.

Schon bald wurde die Erweiterung der Indikationen seitens der Zahnärzteschaft gefordert. Mit Einführung der Milchzahnversorgung als Indikation für Dyract entstand eine allgemein akzeptierte Alternative in der Kinderzahnheilkunde zu dem bis dahin üblichen Amalgam [8]. Die Indikation für kaukrafttragende Füllungen im Seitenzahnbereich wurde 1997 mit Dyract AP eingeführt. Mit Dyract eXtra kam 2003 die leistungsfähigste Version der Dyract-Materialien auf den Markt.

Bis heute wurden weltweit ca. 250 Millionen Füllungen mit Dyract-Materialien gelegt – allein in Deutschland im Jahr 2012 mehr als 1,5 Millionen Füllungen. Dyract eXtra gehörte 2012 zu den drei meistverwendeten lichthärtenden Dauerfüllungsmaterialien in Deutschland [6].

Besondere chemische Eigenschaften

Durch die Integration von Säuregruppen in polymerisierbare Harze [2] und die Kombination mit basischen Glasionomerfüllern verhält sich das Material bei der Lichthärtung wie ein Komposit – die Harze bilden über eine radikalische Polymerisation sofort ein stabiles Netzwerk aus, in dem auch die teilweise silanisierten Füller chemisch eingebunden sind (Abb. 1). Da die Paste wasserfrei formuliert ist, kann bei der Aushärtung des Kompomers keine Säure-Base-Reaktion zwischen den sauren Gruppen und dem basischen Glasionomerfüller stattfinden. Diese beginnt erst, nachdem Wasser aufgenommen wurde. Und genau wie bei Glasionomeren wird quasi als Nebenprodukt der ionischen Reaktion Fluorid freigesetzt (Abb. 2).

  • Abb. 1: Radikalische Polymerisation während der Lichthärtung.
  • Abb. 2: Säure-Base-Reaktion nach Wasseraufnahme und resultierender Fluoridfreisetzung.
  • Abb. 1: Radikalische Polymerisation während der Lichthärtung.
  • Abb. 2: Säure-Base-Reaktion nach Wasseraufnahme und resultierender Fluoridfreisetzung.

Schon bei der Einführung von Dyract wurde der generische Begriff „Kompomer“ vorgeschlagen [9], wodurch in Vergessenheit geriet, dass Dyract-Materialien entsprechend der chemischen Zusammensetzung säuremodifizierte Komposite sind. Experimente, die dazu erdacht waren, den „Glasionomeranteil“ in Dyract zu identifizieren, gelangen deshalb nicht. So führt eine Lagerung von Dyract in Wasser ohne Lichtzutritt nicht zu einer Aushärtung. Auch ist die initiale Fluoridfreisetzung nicht annähernd vergleichbar mit konventionellen Glasionomeren, deren Aushärtung allein auf der Säure-Basis-Reaktion beruht. Langzeitversuche an der Universität Kopenhagen zeigten allerdings, dass die Fluoridfreisetzungsrate nach spätestens einem Jahr mit Glasionomeren vergleichbar ist [1].

Kariesprotektiver Effekt

Viele Laborstudien konnten zeigen, dass die Fluoridfreisetzung von Dyract hemmende Wirkung auf die Entstehung von Kariesläsionen hat [14]. Auch in einer In-situ-Studie an der Universität Göttingen mit Probanden, die in einer herausnehmbaren Apparatur simulierte Approximalkontakte (Abb. 3) zwischen intaktem Schmelz und Füllungsmaterialien trugen, konnte für Dyract eXtra ein kariesprotektiver Effekt (Abb. 4) gezeigt werden [10]. Dieser Effekt war in der Gruppe mit erhöhter Kariesaktivität besonders ausgeprägt und signifikant unterschiedlich zu einem Komposit, obwohl alle Proben zweimal täglich mit fluoridhaltiger Zahnpastenlösung beaufschlagt wurden.

  • Abb. 3: Simulierter Approximalkontakt für eine In-situ-Studie, um den kariesprotektiven Effekt von Füllungsmaterialien zu prüfen [10].
  • Abb. 4: Fluoreszenzbilder vor und nach der In-situ-Phase sowie Falschfarbendarstellung der Demineralisation [10].
  • Abb. 3: Simulierter Approximalkontakt für eine In-situ-Studie, um den kariesprotektiven Effekt von Füllungsmaterialien zu prüfen [10].
  • Abb. 4: Fluoreszenzbilder vor und nach der In-situ-Phase sowie Falschfarbendarstellung der Demineralisation [10].

Festigkeit im Vergleich zu Kompositen

Jüngste Laborstudien an der Universität Marburg und Erlangen belegen, dass Dyract eXtra als Füllungsmaterial vergleichbar ist mit aktuellen Kompositen. So zeigte eine Füllungsrandanalyse von Dyract eXtra (XP Bond) in Klasse-II-Kavitäten nach Kausimulation einen vergleichbar hohen Anteil an perfekten Rändern (Abb. 5) wie Füllungen aus Tetric EvoCeram (Syntac) oder Ceram•X mono+ (XP Bond) [4]. Auch die mechanischen Materialeigenschaften wie Biegefestigkeit (Abb. 6) und Ermüdungsverhalten (Abb. 7) von Dyract eXtra sind mit aktuellen Kompositen vergleichbar [11].

  • Abb. 5: Füllungsrandanalyse im Rasterelektronenmikroskop: Anteil perfekter Rand [4,5].
  • Abb. 6: Biegefestigkeit im 4-Punkt-Versuch [11,12].
  • Abb. 5: Füllungsrandanalyse im Rasterelektronenmikroskop: Anteil perfekter Rand [4,5].
  • Abb. 6: Biegefestigkeit im 4-Punkt-Versuch [11,12].

  • Abb. 7: Ermüdungsgrenze im Biegeversuch [11,12].
  • Abb. 7: Ermüdungsgrenze im Biegeversuch [11,12].

Klinische Studie über 10 Jahre

Noch eindrucksvoller belegt eine klinische Studie der Universität München die Eignung von Dyract eXtra als bleibende Versorgung im Seitenzahnbereich [7]. 10 Jahre nach Legen der Füllungen durch Zahnärzte, überwiegend in freier Praxis, wurden insgesamt 102 Füllungen in drei Gruppen durch unabhängige Gutachter der Universität München nachuntersucht. Die jährliche Verlustrate der Dyract-eXtra/Xeno-III-Gruppe von 1,8 % war statistisch nicht zu unterscheiden von der Verlustrate der Kontrollgruppe Tetric Ceram/Syntac und sie war identisch mit der dritten Gruppe QuiXfil/Xeno III (Abb. 8). Allerdings betonte Professor Reinhard Hickel in seinem Vortrag auf der IDS-Pressekonferenz, dass die Materialgruppe der Kompomere in Bezug auf Materialfestigkeit sehr inhomogen sei und deshalb das gute Abschneiden von Dyract eXtra nicht auf andere Kompomere übertragen werden könne (Abb. 9).

  • Abb. 8: Erfolgsraten, Verluste und jährliche Verlustrate (JVR) nach 10 Jahren [13].
  • Abb. 9: Biegefestigkeit verschiedener Materialklassen mit Mittelwert (MW) sowie niedrigstem und höchstem Wert [7].
  • Abb. 8: Erfolgsraten, Verluste und jährliche Verlustrate (JVR) nach 10 Jahren [13].
  • Abb. 9: Biegefestigkeit verschiedener Materialklassen mit Mittelwert (MW) sowie niedrigstem und höchstem Wert [7].

Ausblick

Basierend auf den oben gezeigten Eigenschaften von Dyract eXtra – mechanisch vergleichbare Festigkeit zu aktuellen Kompositen, (in situ nachgewiesene) kariesprotektive Wirkung auf Approximalflächen – und der Indikationsstellung für bleibende Seitenzahnfüllungen mit bukko-vestibulärer Ausdehnung von bis zu 2/3 Interkuspidalabstand stellt sich die Frage, ob damit nicht ein Füllungsmaterial zur Verfügung steht, das für die Erstversorgung von kariösen Läsionen prädestiniert ist, um somit nicht nur die Läsion selbst mit einem klinisch erwiesenermaßen erfolgreichen Material zu versorgen, sondern auch durch die ständige Fluoridfreisetzung prophylaktisch auf die angrenzende Approximalfläche einzuwirken.

Da jede neue kariöse Läsion für eine (zumindest lokalisiert) erhöhte Kariesaktivität steht, muss der Patient in erster Linie durch geeignete Maßnahmen auf diese aufmerksam gemacht und dann bei der Reduzierung des individuellen Kariesrisikos begleitet werden. Die Auswahl eines kariesprotektiven Füllungsmaterials darf dabei nur ein Baustein von vielen sein.


Weitere Informationen:

1 Eine PubMed Suche mit „Dyract“ ergab am 20. April 2013 632 Treffer

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Frank Pfefferkorn

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Frank Pfefferkorn