Allgemeine Zahnheilkunde


Behandlung und Abrechnungsmöglichkeiten dentiner Hypersensibilität – Teil 1

Nach über 25 Jahren praktischer Erfahrung mit dentiner Hypersensibilität kommt der Autor des folgenden Beitrages zu dem Schluss, dass die Fluoridapplikation allein bei schmerzempfindlichen Zähnen nicht ausreichend ist. Neben der Erläuterung der aktuellen Ursachenforschung zur dentinen Hypersensibilität werden das praxiserprobte Konzept zur Diagnose und Behandlung schmerzempfindlicher Zähne ebenso wie die Möglichkeiten zur Abrechnung der Therapie vorgestellt.

Das Problem der Behandlung schmerzempfindlicher Zähne ist ein Schwerpunkt der allgemeinzahnärztlichen Tätigkeit. Genauer gesagt, liegt allerdings die behandlerische, also somit die diagnostische und therapeutische, Herausforderung hierbei darin, festzustellen, ob es sich bei dem oder den schmerzenden Zähnen um eine Erkrankung handelt oder „nur“ eine Hypersensibilität vorliegt. Überempfindliche Zähne sind ein sehr häufiges Phänomen: Nach Ansicht von C. Drisco1 liegt die Prävalenz für schmerzempfindliche Zähne im Schnitt bei rund 40 % der Gesamtbevölkerung – bei Parodontalpatienten wird sie sogar auf 73 bis 98 % geschätzt. Obwohl derartige Prävalenzen überempfindlicher Zähne den Begriff „Volkskrankheit“ rechtfertigen, findet nur ein Bruchteil der Betroffenen den Weg zu einer zielgerichteten Prävention und Behandlung. Sehr oft ist mangelndes Bewusstsein der Grund: Patienten suche in der Regel ihren Zahnarzt nur in schwerwiegenden Fällen auf und die Befundung erfolgt im Rahmen der Praxisbesuche eher zufällig.

Insgesamt leiden einer Studie von John aus dem Jahr 20092 zufolge tatsächlich etwa ein Drittel aller Erwachsenen in Deutschland an schmerzempfindlichen Zähnen ohne vorausgegangene parodontale Eingriffe.

Nach meiner eigenen praxisbezogenen Fallstatistik, die mich auf einen Zeitraum von fünfzehn Jahren zurückblicken lässt, tritt die klassische Dentinhypersensibilität, also die Zahnhalsempfindlichkeit, welche ohne äußeres Zutun entsteht, vor allem bei Patienten in den Altersklassen der „1- bis 20-Jährigen“ und der „21- bis 40-Jährigen“ auf. Bei den „41- bis 60-Jährigen“ kommt sie dann weit weniger vor. Und in der Altersgruppe der Patienten „61 Jahre und älter“ ist sie in meiner Praxis bisher noch nicht dokumentiert worden. Interessant ist, dass diese Art der Zahnhalsempfindlichkeit zu allen Jahreszeiten in etwa gleich verteilt auftritt. Ebenso im statistischen Mittel gleichmäßig verteilt, ist auch die Geschlechterverteilung der Betroffenen.

Ursachen für die Schmerzempfindlichkeit von Zähnen

Nach gängiger Lehrmeinung ist die Ursache der Zahnhalsüberempfindlichkeit das Vorhandensein offener Dentintubuli an der Oberfläche freiliegenden Dentins. Freiliegendes Dentin ist per se nicht zwingend schmerzempfindlich, da es in der Regel von Smear Layer bedeckt ist. Zahnärztliche Behandlungen sowie anionische Tenside wie SLS (Abkürzung für das englische Sodium Lauryl Sulfate) in Zahncremes können diesen Smear Layer jedoch entfernen, sodass die Dentintubuli freigelegt werden. Die Dentintubuli enthalten den Odontoblastenfortsatz und den periodontoblastischen Raum, der mit Flüssigkeit gefüllt ist. Wenn Dentin freiliegt, dann kann sich diese Flüssigkeit durch die Einwirkung externer Reize in den Dentintubuli bewegen. Wie genau diese Flüssigkeitsbewegungen im Dentin die Schmerzen auslösen, hat man bis heute noch nicht genau herausgefunden. Die heutzutage vorherrschende Theorie für die Erklärung der Dentinüberempfindlichkeit ist das „Hydrodynamische Modell“ von Brännström. Es fußt auf der Annahme, dass schnelle Flüssigkeitsbewegungen innerhalb der Dentinkanälchen auslösend für die Reize sind.

Es ist bekannt, dass unter normalen physiologischen Bedingungen ein langsamer Auswärtsfluss besteht, da in der Pulpa ein größerer Druck vorliegt als im Mundraum. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass die Zahl der Dentintubuli an der Außenseite des Zahnbeins ca. 20.000 pro mm² sein kann. Im Inneren des Zahnes kommen sogar bis zu 70.000 Tubuli pro mm² vor. Der Durchmesser eines einzelnen Tubulus beträgt an der Außenseite im Mittel 1 ?m, an der Pulpawandung dagegen im Durchschnitt sogar bis zu 4 ?m.

So lässt sich erklären, dass Strömungsänderungen in der Flüssigkeit der Dentintubuli die Odontoblastenfortsätze  bewegen und damit zu einer Erregung der sie umgebenden freien Nervenendigungen führen. Durch verschiedene Reize kann so eine Druckveränderung bewirkt werden, welche den natürlichen Auswärtsfluss verstärkt oder sogar in seiner Richtung umkehrt. Flüssigkeitsverschiebungen nach außen werden so durch Kälte, Dehydratation und hyperosmotische oder dehydrierende Lösungen verursacht. Flüssigkeitsverschiebungen nach innen werden durch Hitze und Druck ausgelöst.

Bewährtes Praxiskonzept bei der Diagnose

In der Praxis hat sich ein Anamnese-Diagnostik-Protokoll bewährt, das – hier der Kürze halber nur zusammenfassend beschrieben – zielgerichtet die vorliegende „Befindlichkeitsstörung“ des Patienten prüft.

Zunächst kläre ich ab, ob bei dem oder den schmerzempfindlichen Zähnen im Vorfeld eine zahnmedizinische Behandlung stattgefunden hat, welche die Schmerzempfindlichkeit erklärt. So kann unter Umständen eine auch schon länger zurückliegende Zahnsteinentfernung, eine professionelle Zahnreinigung oder ein Deep Scaling und Root Planing die für den Patienten äußerst unangenehme Dentinüberempfindlichkeit ausgelöst haben.

Als Nächstes erfrage ich die „Schmerzqualität“: Ein pochender, pulsschlaggleicher Schmerz spricht so gut wie immer für eine irreversible Pulpitis des oder der betreffenden Zähne. Liegt dieser Befund vor, dann ist mittels Klopftest und Watterollen-Aufbisstest festzustellen, inwieweit bereits das Parodontium ebenfalls entzündet ist. Ist eine Pulpitis mit vergesellschafteter parodontaler Entzündung vorhanden, so sind zweifelsohne die für deren Ausschaltung bekannten zahnerhaltenden Maßnahmen einzuleiten.

Ein ziehendes bis stechendes Schmerzgefühl ist dahingehend weiter zu untersuchen, wodurch es möglicherweise ausgelöst wird und wie lange es dann anhält.

So kann meiner klinischen Erfahrung nach eindeutig gesagt werden, dass Zahnschmerzen, seien sie auch anfänglich nur gering, welche – durch äußere Einflüsse oder von allein sich einstellend – zunehmend häufiger auftreten, immer länger anhalten und eindeutig stärker werden, nichts mehr mit einer „klassischen Dentinhypersensibilität“ zu tun haben, sondern nach einer endodontischen Behandlung des oder der erkrankten Zähne rufen.

Ist klar, dass die Schmerzempfindlichkeit sich bis dato nicht gesteigert hat, nur auf äußere Reize hin eintritt und mehr oder weniger schnell nach Wegfall des Reizes verschwindet, dann ist in Richtung Behandlung einer reinen Dentinhypersensibilität vorzugehen.

 

 

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Markus Th. Firla

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Markus Th. Firla



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