Interview


Herausforderungen und Behandlung der unterschiedlichen Schweregrade der MIH

28.11.2019

Mohemed-Salim Doueiri ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Zahnarzt an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Abteilung für Kieferorthopädie, Orthodontie und Kinderzahnmedizin. Zu seinen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten gehören die klassische Kinderzahnmedizin und die Behandlung von Kindern mit Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH). Er hat uns über die Therapie der MIH einige Fragen beantwortet.

Wie ist der aktuelle Stand bei der Behandlung der Molaren- Inzisiven-Hypomineralisation (MIH)? Wo liegen die Probleme?

  • Mohemed-Salim Doueiri

  • Mohemed-Salim Doueiri
    © Doueiri
Die Ätiologie der MIH ist bis heute leider immer noch unklar. Somit können wir gegenwärtig nur die Symptome der MIH behandeln, aber nicht die Entstehung verhindern. Das Versorgen und Putzen von MIH-Zähnen wird durch die häufig vorliegende Hypersensibilität erschwert. Zudem ist bei der klassischen Füllungstherapie mit Kompositen die erreichbare Verbundfestigkeit durch die Hypomineralisation des Schmelzes reduziert und die daraus resultierenden Füllungsverluste sind problematisch. Angesichts dieser Probleme bin ich davon überzeugt, dass uns der nächste EAPD(European Academy of Pediatric Dentistry)- Kongress nächstes Jahr in Hamburg viele neue Erkenntnisse über die Behandlung der MIH bringen wird – und sicher auch die Tatsache zum Thema macht, dass die MIH leider nicht auf die ersten bleibenden Molaren und die Schneidezähne begrenzt ist.

Ist eine Versorgung bei MIH überhaupt möglich?

Ja, sie ist möglich, allerdings muss man hier klar unterscheiden, in welchem Stadium die Versorgung stattfindet. In einem frühen Stadium des Durchbruchs der 1. Molaren stehen die Prävention von Karies und die Förderung der Schmelzreifung im Vordergrund, bei Hartsubstanzverlust mit oder ohne Hypersensibilitäten eine Füllungstherapie. Später besteht die Möglichkeit einer Behandlung mit Kronen/Teilkronen oder im Extremfall die Extraktion mit anschließendem kieferorthopädischem Lückenschluss.

Wie können die unterschiedlichen Stadien der MIH sinnvoll therapiert werden?

In Anlehnung an die EAPD-Kriterien unterscheide ich zunächst, ob eine milde oder schwere MIH vorliegt (Zahnhartsubstanzverlust ja oder nein), und im nächsten Schritt, ob eine Hypersensibilität besteht. Liegt eine milde MIH ohne Hypersensibilität vor, führe ich wie bei jedem anderen, nicht von MIH betroffenen Kind das IP-Programm und die Basisprophylaxe durch. Zum Versiegeln der Fissuren bei MIH-Molaren bevorzugen wir nach Reinigung und Trocknung einen dünnfließenden Glasionomerzement (GIZ), der großzügig aufgetragen wird, um empfindliche Bereiche abzudecken. Angesichts der Empfindlichkeit der Zähne verzichten wir auf eine Schmelzkonditionierung mit Säuren.

Kinder mit einer milden MIH plus Hypersensibilität benötigen zunächst eine Desensibilisierungsphase von 1 bis 3 Monaten. In der Praxis nutze ich gern einen Fluoridlack mit 22.500 ppm wie Duraphat oder GC MI Varnish. Für die häusliche Anwendung stehen verschiedene Hilfsmittel zur Verfügung, wie z.B. GC Tooth Mousse oder GC MI Paste Plus für morgens und abends. Nach Reduktion der Hypersensibilität können diese Kinder in das IPProgramm mit Versiegelung (dünnfließender GIZ) und Basisprophylaxe aufgenommen werden.

  • Klasse-I-Kavität nach Entfernung des geschädigten Gewebes.
  • Die Füllung mit EQUIA Forte HT ohne Coating.
  • Klasse-I-Kavität nach Entfernung des geschädigten Gewebes.
  • Die Füllung mit EQUIA Forte HT ohne Coating.

  • Nach Versorgung mit EQUIA Forte HT & Coating.
  • Nach Versorgung mit EQUIA Forte HT & Coating.

Die Therapie einer schweren MIH ohne Hypersensibilität hängt davon ab, wie viel der Hartsubstanz verloren gegangen ist. Dabei gilt: Bei einer milden Form, also bis 30% Hartsubstanzverlust, empfehlen sich restaurative Maßnahmen z.B. mit hochviskosem kunststoffmodifiziertem GIZ; bei der moderaten Form, also bei 30 bis 50% Hartsubstanzverlust, ist eine Füllungstherapie mit einer GIZ-Füllung oder einem Intermediate Restorative Material (IRM-Füllung) angezeigt bzw. die Versorgung mit einer Kinderstahlkrone möglich. Bei über 50% Hartsubstanzverlust sollte die Eingliederung einer Kinderstahlkrone auf jeden Fall in Erwägung gezogen werden und bei schlechter Prognose die Extraktion.

Was gilt für Fälle von schwerer MIH mit Hypersensibilität?

Kinder mit einer schweren MIH plus Hypersensibilität stellen die größte Herausforderung dar. Entscheidet man sich in Rücksprache mit den Eltern und Kieferorthopäden für den Zahnerhalt und gegen eine Extraktion sollte die Abdeckung der Dentinwunde vorerst mit einer Zinkoxid-Eugenol-Paste vorgenommen werden. Dies gilt besonders, wenn die (ungenügende) Kooperationsbereitschaft oder die erhöhte Sensibilität keine relative Trockenlegung mit Watterollen zulässt. Natürlich muss der Patient zu Hause mit GC Tooth Mousse oder mit GC MI Paste Plus die Sensibilität reduzieren. In einer Folgesitzung sollte die Präparation des Zahnes für die Aufnahme einer Kinderstahlkrone geplant werden, wobei für die Schmerzausschaltung eine Kombination von Lokalanästhesie und Lachgas oder eine intraossäre Injektion infrage kommen. Bei Patienten mit einer guten Kooperationsbereitschaft und der Möglichkeit der relativen Trockenlegung bietet sich ein kunststoffmodifizierter GIZ an, da es im Vergleich zu Kompositen und der Schmelz-Ätz-Technik einfacher ist, akzeptable Verbundfestigkeiten zu erzielen.

Wann sollte man zum Glasionomerzement und wann zu Komposit greifen?

Bei von MIH betroffenen Molaren verwende ich gern Glasionomere, da sie leichter zu verarbeiten sind als Komposite unter Kofferdam: Zum Versiegeln der Fissuren/Kauflächen eignen sich dünnfließende GIZ (GC Fuji Triage), für großflächige Restaurationen der Molaren hochviskose (EQUIA Forte HT) und für vestibuläre oder ästhetische Bereiche kunststoffmodifizierter GIZ (GC Fuji LC II). Im Frontzahnbereich arbeite ich nur mit Komposit; in erster Linie aus ästhetischen Gründen, aber auch weil die Kavitäten im Frontzahnbereich in der Regel genügend gesunden Schmelz aufweisen und somit ein guter Haftverbund gewährleistet ist.

Was ist nach der akuten Behandlung zu beachten?

Bei der Nachsorge der MIH-Patienten stehen 3 wichtige Ziele im Vordergrund: den Zahnhartsubstanzverlust zu stoppen, auch wenn dies nur mit einer Kinderstahlkrone erreicht werden kann, die Hypersensibilität zu reduzieren und die Schmelzreifung zu fördern sowie das erzielte Behandlungsergebnis durch ein engmaschiges Recall (vorerst alle 3 Monate) und ein individuelles Prophylaxe- Programm bis zur Stabilisierung der MIH aufrechtzuerhalten. Anschließend sollten die Betroffenen wie alle anderen Patienten zu den halbjährlichen zahnärztlichen Kontrollen einbestellt werden. Darüber hinaus ist es wichtig, die Eltern der betroffenen Kinder über die Bedeutung der Nachhaltigkeit und der richtigen Anwendung der Basisprophylaxe und deren Hilfsmittel aufzuklären und ihnen spätere Behandlungsoptionen aufzuzeigen.

Besten Dank für das Gespräch.