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Vorsicht, gefährliche Gesundheitsinformationen!

31.08.2020

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Das Angebot an Gesundheitsinformationen ist groß und vielfältig – und von unterschiedlicher Qualität. Falsche Gesundheitsinformationen können Patienten in die Irre führen, manchmal sogar mit lebensbedrohlichen Auswirkungen. Man denke an Heilsversprechen von selbsternannten Wunderheilern, die Krebspatienten von einer evidenzbasierten Therapie abbringen oder an abenteuerliche Therapievorschläge für COVID-19. Auch manche zahnmedizinischen Informationen sind jenseits von Evidenz und Leitlinien angesiedelt. Um solche gefährlichen Gesundheitsinformationen zu erkennen und Patienten aufzuklären, haben die Bertelsmann Stiftung, MedWatch und ein Expertenteam Kriterien zur Identifizierung entwickelt.

Das Internet unterstützt Patienten bei vielen Fragen zu Gesundheit und Krankheit, seit Monaten auch zum Coronavirus und der davon ausgelösten Erkrankung COVID-19. Nach dem Arzt ist das Web die wichtigste Informationsquelle zu Gesundheitsthemen. 58% der Patienten befragen „Dr. Google“ vor einem Arztbesuch, 62% danach. Das ergab eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2018 [1]. Fast alle Patienten starten ihre Recherche im Internet über eine Suchmaschine.

52% der Patienten, die das Netz befragen, sind mit den Antworten zufrieden. Der Studie zufolge wird die Quelle einer Information allerdings nur selten hinterfragt, den Angaben oft blind vertraut. 65% der Internetnutzer sagen, dass es ihnen schwerfällt, vertrauenswürdige Informationen zu erkennen. Dies ist bedenklich, denn falsche Gesundheitsinformationen können erhebliche gesundheitsschädliche sowie finanzielle Konsequenzen haben.

Und das nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft – wenn beispielsweise die Masern-Impfrate sinkt oder Behandlungskosten durch zu spätes Eingreifen steigen. Die Bertelsmann Stiftung und MedWatch, ein Online-Magazin für evidenzbasierten Medizinjournalismus, haben analysiert, wie gefährliche Gesundheitsinformationen im Netz identifiziert und bekämpft werden können [2].

Digitale Verbreitung: schneller, erfolgreicher

Gefährliche Gesundheitsinformationen sind nichts Neues und nichts Internet-Spezifisches. Sie finden sich auch in traditionellen Medien oder werden mündlich weitergegeben. Wenn Homöopathie in Schulbüchern unkritisch vorgestellt wird, Fernsehsendungen über vermeintliche Schäden durch eine Impfung berichten oder manche Behandler ihren Patienten zu nicht erforderlichen Leistungen raten, ist das problematisch. Digital werden Falschinformationen jedoch schneller, günstiger und manchmal auch erfolgreicher lanciert.

Studien zeigen, dass sich Falschmeldungen, etwa auf Twitter, schneller verbreiten als wahre Meldungen [7]. Auf Facebook werden vielfach Falschmeldungen aus dem Gesundheitsbereich geteilt und so manchmal von Millionen Nutzern wahrgenommen. Ebenso erreichen Videos mit Behauptungen, die medizinischen Erkenntnissen widersprechen, auf YouTube hohe Klickzahlen. Solche falschen Aussagen lassen sich schwer richtigstellen und verbleiben oft lange Zeit im Netz. Einer US-amerikanischen Studie zufolge enthalten rund ein Viertel der YouTube-Videos in gesundheitlichen Krisensituationen (z.B. bei Ebola- und Zika-Ausbrüchen) irreführende Informationen, die teils millionenfach aufgerufen werden [6]. Zum Beispiel erhielt auch eine auf YouTube hochgeladene Sendung, in der der Schweizer Arzt Andres Bircher interviewt wird, große Aufmerksamkeit. Er behauptet darin, „heiße Bäder und Schwitzkuren helfen gegen das Coronavirus“ [5]. Nachdem YouTube zunächst direkt unter dem Video einen Link zu COVID-19-Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) eingefügt hatte, wurde das Video mittlerweile entfernt, weil es gegen die Community-Richtlinien verstößt.

Verbreitung aus Profitstreben, Nachlässigkeit oder Ideologie

Hinter schlechten Gesundheitsinformationen stecken nicht immer betrügerische oder ideologische Absichten. Auch manche Websites von Verlagen, Krankenkassen oder öffentlichen Institutionen zeigen inhaltliche Mängel. Dafür kann es verschiedene Gründe geben, neben Profitstreben und Überzeugung auch Nachlässigkeit. Schlechte Gesundheitsinformationen werden auch von manchen Kliniken, Ärzten, Medizintechnikherstellern und Pharmafirmen herausgegeben, die an Untersuchungen, Therapien und Produkten oder am Verkauf empfohlener Bücher direkt verdienen. Auch Medien setzen aus wirtschaftlichen Interessen auf teils fragwürdige Inhalte, um „Klicks“ und dadurch Werbeerlöse zu erzielen. Zudem gibt es Anbieter, die schlechte Informationen mangels Wissens, aus Zeitknappheit oder Schlamperei veröffentlichen.

Tendenziöse Darstellungen von Gesundheitsthemen werden vielfach auch aus Überzeugung oder ideologischen Gründen verfasst, um anderen Betroffenen – vermeintlich – zu helfen. Zudem tauschen Menschen ihre Meinungen auf offenen Plattformen oder in geschlossenen Foren oft nur mit Gleichgesinnten aus. Dadurch verstärken sich gefährliche Einschätzungen und die Informationen können über Jahre hinweg große Zielgruppen erreichen.

Die Grenze zu Verschwörungsmythen ist dabei oft fließend. Auch in der Zahnmedizin gibt es solche Erscheinungen, etwa die „Störfelder-Theorie“ der „biologisch-ganzheitlichen Zahnheilkunde“ [8], die besagt, dass „Zahnherde“ oder „Zahnstörfelder“ (endodontisch behandelte Zähne, Amalgamfüllungen oder verlagerte Weisheitszähne) den gesamten Organismus belasten und sogar die Gesundheit „ruinieren“ würden. Gesunde oder erhaltenswerte Zähne werden aus diesen Gründen von Vertretern dieses unwissenschaftlichen Ansatzes gezogen. Darstellungen dieser Theorie finden sich auf zahlreichen Websites von Zahnärzten.

Kriterien zur Bewertung des Schadenspotenzials

Es ist teils nicht einfach, schlechte und gefährliche Informationen zu identifizieren. Die Bertelsmann Stiftung, MedWatch und ein interdisziplinäres Expertenteam haben folgende Definitionen zur Abgrenzung erarbeitet [1]: „Eine ‚schlechte‘ Gesundheitsinformation informiert inkorrekt, einseitig, verkürzt oder unsachlich. ‚Gefährlich‘ sind Gesundheitsinformationen, wenn sie vermutlich ein Verhalten auslösen werden, das einen erheblichen körperlichen, seelischen oder finanziellen Schaden – für den Einzelnen oder die Gesellschaft – und/oder einen Vertrauensverlust in die wissenschaftsbasierte Medizin hervorruft.“

Auf Basis dieser Definitionen wurde gemeinsam ein Kriterienraster entwickelt, um das Schadenspotenzial von Gesundheitsinformationen zu beurteilen [3]. Die Kriterien orientieren sich etwa am Positionspapier „Gute Praxis Gesundheitsinformation“ des Deutschen Netzwerks für Evidenzbasierte Medizin von 2016 (Version 2.0) [4]. Insgesamt wurden 16 Kriterien festgelegt: Diese beziehen sich auf die Korrektheit des Inhalts, auf die Transparenz einer Information und ihre Wirkungskraft, die unter anderem aus der Reichweite und der Reputation des Absenders resultiert. Ein Praxistest im Herbst 2019 zeigte, dass das Kriterienraster hilft, Websites strukturiert auf ihr Schadenspotenzial (kein/gering, mittel oder hoch) hin zu überprüfen. Alle Ergebnisse des Feldversuchs sind abrufbar unter www.patient-mit-wirkung.de/ feldversuch.

Zuständigkeiten für Kontrollen oft unklar

Gefährliche Gesundheitsinformationen werden bislang selten sanktioniert. Bedingt durch eine Vielzahl von Instanzen und Gesetzen ist nicht eindeutig geklärt, wer für zumindest stichprobenartige Kontrollen zuständig ist. Zudem wird die Aufsichtspflichtzu lax umgesetzt. Die Defizite sind systemimmanent: Es gibt keine ausreichenden Kontrollen, keine systematischen Prüfungen und daher auch kaum Sanktionen. Regelungen – mehr oder weniger bindend – finden sich vielerorts, in Berufsordnungen von Zahnärzten/Ärzten oder Apothekern genauso wie in Leitlinien von Internetunternehmen. Trotz oder gerade wegen der vielen Zuständigkeiten, Instanzen und Regeln werden Verstöße gegen Gesetze wie auch Richtlinien privater Organisationen nicht systematisch verfolgt. Kontrollen und Sanktionierungen bleiben Einzelfälle. Ermittlungsbehörden oder Verbraucherschutzverbände, die irreführende Werbung abmahnen können, werden nur nach Hinweisen oder im Ausnahmefall aktiv.

Während es im Umweltbereich, bei Ernährung, Finanzen und Energie neben Überwachungsbehörden auch Verbraucherschutzverbände oder Nichtregierungsorganisationen (NGOs) gibt, die den Markt beobachten und Missstände publik machen, fehlen solche „Marktwächter“ im Gesundheitswesen bislang weitestgehend.

Gesundheitsinformationen im Netz werden bislang kaum bis gar nicht aktiv beobachtet. Auch die auf Bundesebene und  in vier Bundesländern (Bayern, Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen) staatlich eingerichteten Patientenbeauftragten sind nicht dafür ausgerüstet, aktiv nach Websites oder Internet-Formen mit gefährlichen Inhalten zu suchen. Sie werden erst aufgrund von Hinweisen oder Beschwerden tätig.  

Suchmaschinen und soziale Medien in der Verantwortung

Suchmaschinen wie Google spielen eine zentrale Rolle bei der Vorauswahl von Gesundheitsinformationen im Internet. Auf den Trefferlisten stehen vertrauenswürdige Websites und fragwürdige oder betrügerische Seiten gleichberechtigt neben- oder untereinander. Für medizinische Laien sind sie kaum oder gar nicht zu unterscheiden. Und wenn sie emotional aufgeladene Suchbegriffe wie „Heilung“, aber auch „Risiken“ oder „Gefahr“ in die Suchleiste eingeben, stoßen sie noch eher auf Websites mit zweifelhaften Inhalten. Die EU hat sich dem Thema „Desinformation“ im Jahr 2015 angenommen und einen Aktionsplan zur Bekämpfung erstellt.

Dieser umfasst auch einen Verhaltenskodex. Mit der Unterzeichnung erkennen Plattformen wie Google, Facebook oder auch Twitter an, dass ihnen bei der Bewältigung der durch Desinformation entstehenden Herausforderungen eine wichtige Rolle zukommt. Unseren Beobachtungen zufolge hat die Corona-Pandemie das Engagement privater Social-Media-Plattformen etwas verstärkt. So erklärte Facebook im Mai 2020, dass zu rund 50 Millionen Beiträgen Warnungen im Zusammenhang mit COVID-19 angezeigt werden, die auf etwa 7.500 Bewertungen unabhängiger Faktenprüfer basieren. Zudem seien bereits mehr als zwei Milliarden Menschen auf Informationen der WHO und anderer Gesundheitsbehörden aufmerksam gemacht worden. Auch Twitter und Google haben entsprechende Maßnahmen ergriffen:

Tweets mit Falschinformationen werden gelöscht und in Suchergebnissen mit Corona-Bezug werden meist Inhalte von Behörden oder seriösen Medien angezeigt. YouTube verlinkt unter Videos zur Corona-Pandemie offizielle Informationen. Zu diesen Entwicklungen kommen neue Initiativen, die sich der Bekämpfung von Falschinformationen verschrieben haben.

Die EU plant eine noch stärkere Bekämpfung falscher Gesundheitsmeldungen und die Förderung vertrauenswürdiger Inhalte auf sozialen Netzwerken, da sie weitere Fake-News-Kampagnen bezüglich des Coronavirus erwartet. Facebook und Twitter sowie weitere Plattformen sollen häufiger Rechenschaft ablegen, wie sie gegen Desinformation vorgehen, und sie sollen bei der Prüfung ihrer Inhalte mit unabhängigen Faktenprüfern zusammenarbeiten. Die EU befürchtet, dass das Thema „Impfen“ Gegenstand künftiger Desinformationsstrategien sein und infolgedessen die Impfbereitschaft der Bevölkerung stark zurückgehen könnte.

 

 

 

 

So kann der gesundheitliche Verbraucherschutz verbessert werden
Gefährliche Gesundheitsinformationen müssen ebenso wie gezielte Fehlinformationen identigiziert und unterbunden werden, um den geundheitlichen Verbraucherschutz zu verbessern.

Aufsicht stärken und Sanktionen umsetzen

Dies sollte auf unterschiedlichen Ebenen umgesetzt werden:

  • Ein „Marktwächter Gesundheit“ sollte eingerichtet werden, z.B. bei einer Verbraucherschutzorganisation. Er sollte schädliche Gesundheitsinformationen im Internet identifizieren und gegen ihre Anbieter gegebenenfalls auch juristisch vorgehen.
  • Vorhandende staatliche Aufsichtsstrukturen sollten gegen gefährliche Informationen von Unternehmen, Heilpraktikern, Krankenhäusern oder Krankenkassen vorgehen.
  • Zahnärzte-/Ärzte- und Apothekerkammern als standesrechtliche Aufsichtsorgane sollten stichprobenartig und unangekündigt Internetauftritte von Leistungserbringern prüfen und irreführende und gefährliche Informationen konsequent unterbinden.
  • Der Deutsche Presserat und der Deutsche Werberat sollten ihre Regularien verschärfen und bei Verstößen die Urheber gefährlicher Gesundheitsinformationen öffentlichkeitswirksamer als bisher abmahnen.

Zugang zu guten Gesundheitsinformationen erleichtern

  • Suchmaschinen-, Social-Media- und Plattformbetreiber sollten ihre Algorithmen so anpassen, dass Anbieter wissenschaftlich abgesicherter Informationen besser sichtbar und in den Trefferlisten weiter vorn platziert werden. Löschungen, Faktenchecks und den Hinweis auf vertrauenswürdige Quellen sollten diese Anbieter konsequent ausbauen.
  • Arzt- und Krankenhausinformationssysteme sollten verständliche, evidenzbasierte Gesundheitsinformationen enthalten, die Ärzte ihren Patienten ausdrucken und mitgeben können.
  • Zukünftig sollten verständliche, evidenzbasierte Gesundheitsinformationen nicht nur in dem sich im Aufbau befindlichen Nationalen Gesundheitsportal (bzw. derzeit unter www.gesundheitsinformation.de) zu finden sein, sondern in Elektronische Patientenakten systematisch eingebunden und auf den jeweiligen Nutzer zugeschnitten sein.
  • Patientenvertreter und Selbsthilfeorganisationen sollten Bürger unterstützen, gute von schlechten oder gar gefährlichen Gesundheitsinformationen zu unterscheiden.

 
Quelle:
Claudia Haschke, Nicola Kuhrt, Marion Grote Westrick; Hinnerk Feldwisch-Drentrup


Weitere Informationen

Was eine gute Gesundheitsinformation ausmacht, können Sie ebenfalls im Beitrag „Evidenzbasierte Gesundheitsinformationen – Wie bekommen Patienten die Informationen, die sie brauchen?“ unter https://www.pnc-aktuell.de/parodontologie/story/wie-bekommen-patienten-die-informationen-die-sie-brauchen__9046.html?sword=Wie%20bekommen%20die%20Patienten nachlesen.