Gesellschaften/Verbände


Qualität als interdisziplinäres Bindeglied

© Michelle Spillner.
© Michelle Spillner.

Unter dem Leitgedanken „Zahnmedizin interdisziplinär, Update 2015 – klinisch relevant, kritisch betrachtet, konstruktiv diskutiert“ wurde am 6. und 7. November im Congress Center der Messe Frankfurt am Main der wissenschaftliche Kongress des Deutschen Zahnärztetages veranstaltet. Unter der Ägide der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) wurden auf diesem dritten Gemeinschaftskongress von 30 zahnmedizinischen Arbeitskreisen und Arbeitsgemeinschaften Themen mit hoher Alltagsrelevanz behandelt und zur Diskussion gestellt.

Der Deutsche Zahnärztetag fand in diesem Jahr zweigeteilt statt. Der Standespolitik widmeten sich Vorstand und Delegierte von Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und Kassenzahnärztlicher Vereinigung (KZBV) vom 29. bis 31. Oktober in Hamburg. Das wissenschaftliche Programm wurde – flankiert von der Dentalmesse id mitte – am 6. und 7. November in Frankfurt am Main durchgeführt. Unter der organisatorischen Leitung der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) stellten auf diesem dritten Gemeinschaftskongress 30 zahnmedizinische Arbeitskreise und Arbeitsgemeinschaften zur „Zahnmedizin interdisziplinär“ ihr „Update 2015 – klinisch relevant, kritisch betrachtet, konstruktiv diskutiert“ vor. Unter diesem Leitgedanken des wissenschaftlichen Kongresses wurde in der Mainmetropole ein Thema subsumiert, das bereits in Hamburg zur Sprache kam: das der Qualität zahnärztlicher Leistungen und ihre Wahrnehmung durch die Patienten beziehungsweise die Öffentlichkeit.

Welche fachlichen Themen zu dieser Qualitätsbeurteilung beitragen können, spiegelte das umfangreiche Kongressprogramm und die Kompetenz der über 100 Vortragenden wider. Von den Teilnehmern wurden die angebotenen Vorträge äußerst gut angenommen – wie zum Langzeiterfolg von Implantaten, der funktionellen und okklusalen Rehabilitation im Abrasionsgebiss, zur Zahnerhaltung oder zu Zahnunterzahl/Zahnverlust - interdisziplinäre Therapieansätze. So mancher hätte sich aufgrund der Aktualität der Themen sicher gerne dupliziert, um das ihn Interessierende hören zu können.

Über zwei weitere Themenbereiche wird hier auszugsweise berichtet, weil deren Inhalte das Potenzial haben, künftig die interdisziplinäre Zusammenarbeit – auch mit Zahntechnikern – in besonderem Maße zu beeinflussen. So über: „Aktueller Stand computergestützter Verfahren – mit modernen Technologien neue Materialien zur Restauration des Zahnes und zum Wohle des Patienten verfügbar machen“ sowie zu „Unklare Beschwerden bei Senioren“.

Zahnmedizin – digital unterstützt

Zum aktuellen Stand computergestützter Verfahren stellten sechs Referenten ihre Sicht der Dinge dar. Unter anderem Professor Dr. Dr. Albert Mehl, Universität Zürich, der einen aktuellen Überblick über „Digitale Verfahren in Diagnostik, Planung und Therapie“ gab. Er sieht die Anwendung der digitalen dentalen Verfahren fachübergreifend in Praxis und Labor verankert. Für ihn dient der Intraoralscanner (IOS) in der Praxis – neben der Abformung von größeren Füllungen, Einzelzahnrestaurationen sowie kleineren Brücken oder Einzelimplantaten – auch der Diagnostik, der Therapieplanung, der Funktionsdiagnostik sowie der Verlaufskontrolle. Mit den an das zahntechnische Labor gesandten IOS-Daten ergeben sich Fertigungsoptionen für Schienen, größere Restaurationen sowie Teil- und Totalprothetik sowie Arbeiten in hochwertiger Ästhetik. Wenn auch die IOS zurzeit im Fokus des zahnärztlichen – sicher auch zahntechnischen – Interesses stehen, so sind sie nur eine Systemkomponente der digitalen Verfahren. Eine andere, ergänzende, ist die Software zum Designen von Gerüsten oder der kompletten (biogenerisch erzeugten) Zahnmorphologie durch „biogenerische Zahnsynthesizer“ – wie zum Beispiel für monolithische Restaurationen. Die Weiterentwicklung dieser Softwareangebote wird die Prozesse der Restaurationsgestaltung weiter vereinfachen und zu einer größeren Anwendungsbreite führen. Mehl ist sich sicher, dass in Zukunft jede Zahnarztpraxis einen Intraoralscanner nutzen wird.

Prof. Dr. Florian Beuer, Charité Berlin, beantwortete die Fragen „CAD CAM: Was brauchen wir an Technik? Welche Materialien bringen uns weiter?“. In seinen Antworten stellte er die Möglichkeiten des digitalen Workflows vor und schlug dazu den Bogen von der Abformung mit Intraoralscannern (IOS) über die indikationsgerechte Werkstoffauswahl bis hin zur Fertigung der Restauration. So besteht zunehmend die Möglichkeit, den partiellen digitalen dentalen Workflow (über den Weg eines Meistermodells) durch einen kompletten zu ersetzen. Mit dem Entfall von Arbeitsprozessen ergeben sich damit Zeitvorteile in der Fertigung und Genauigkeitsvorteile für die Restauration. Der IOS-Einsatz sollte heute jedoch noch auf die von Mehl beschriebenen Indikationen beschränkt bleiben, denn „Ganzkieferscans funktionieren klinisch nicht“, wie Beuer diesbezügliche Studienergebnisse hierzu auf den Punkt brachte. Im Bereich Indikation und Werkstoffauswahl für vollkeramische Arbeiten orientierte sich Beuer an der aktuellen DGZMK S3-Leitlinie „Vollkeramische Kronen und Brücken“ (siehe hierzu: Opens external link in new windowhttp://www.dgzmk.de/uploads/ tx_szdgzmkdocuments/083-012l_S3_Vollkeram_K_und_ B_2015-03-30.pdf). Diese S3-Leitlinie legte Beuer explizit seinen Zuhörern als Handlungsempfehlung ans Herz. Beuer stellte aber auch heraus, dass künftig (weitere) Werkstoffe auf den Markt kommen werden, die speziell für die digitalgestützte Verarbeitung konzipiert sind. Für die CAM-gestützte Fertigung festsitzender Zahnprothetik stellte er eine Technik vor, die den Dentin-Schneidezahnaufbau über zwei Werkstoffe imitiert und damit zu einem noch natürlicher wirkenden Restaurationsergebnis führt. Insbesondere mit dieser Information gab Beuer Einblick in die innovativen Möglichkeiten digitaler Design- und Fertigungsprozesse.

Auch für Prof. Dr. Sven Reich, Universität Aachen, bieten die CAD/-CAM-gestützten Design- und Fertigungsprozesse Vorteile, wie er in seinem Vortrag über „Digitale Konzepte in der Implantologie“ ausführte. Mit seiner Vortragsgliederung in „Visualisieren, Analysieren, Fusionieren und Produzieren“ stellte er sehr prägnant die digitalen Anwendungsbereiche für die Implantologie heraus. So ist durch die Verknüpfung digitaler Komponenten – wie DVT-Daten mit Planungssoftware und Designsoftware – eine höhere Ergebnissicherheit erzielbar. Für die Anwendung von Intraoralscannern brachte er einen Aspekt ein, der vielleicht bisher vernachlässigt wurde: den der drucklosen Abformung. Hierdurch wird die Kiefersituation präziser wiedergegeben als bei der Anwendung von Abformmassen, wodurch die Schleimhaut komprimiert wird.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Vortrag von Dr. Klaus Wiedhahn, Buchholz/Nordheide, der über „Digitale Praxisstrukturen im Umfeld neuer Materialien und Verfahren“ berichtete. Schnell wurde deutlich, dass hier ein Zahnarzt aus eigenem Erleben aus seiner Praxis berichtet – zwar mit sehr offener, aber nicht unkritischer Einstellung gegenüber den digitalen Chairside-Verfahren. Wiedhahn ging auf einige digitale Möglichkeiten ein und stellte anhand einer eigenen Tabelle durch eine Punktevergabe deren Kosten und Nutzen in Form quantifizierbarer sowie „weicher“ Parameter gegenüber. Hierdurch konnte das Auditorium sehr schnell die Kosten, wie „Anfangsinvestitionen, laufende Kosten, Planung, Einarbeitung und Praxisintegration“ erfassen und mit „Ertrag, höherer Fallzahl, klinischer Nutzen, Reputation, eigene Befriedigung“ auf der Nutzenseite bilanzieren. Wiedhahn sprach sich durchaus für das „digital Dentistry“ aus, verband damit aber auch einige Anforderungen, über die sich der/die Anwender vor der Anschaffung der digitalen Komponenten klar sein sollten. So ist seiner Meinung nach eine „hohe Investition nur in Kombination mit Spezialisierung wirtschaftlich“, ist die „Wirtschaftlichkeit nur bei konsequenter Anwendung gegeben“, sind „viele digitale Verfahren […] kompliziert und erfordern Engagement“ und sichert „nur eine gute Ausbildung des gesamten Praxisteams […] die Integration“ dieser digitalen Technologieangebote. Etwas provokant aber sicher nicht unberechtigt stellte er dazu die Frage: „Wird die Generation Y bereit sein, sich diesen Anforderungen zu stellen?“ Nachdem Wiedhahn auch den Softwareschulungsaufwand für eine digitalisierte Praxis herausgestellt hatte, verabschiedete er sich mit der Botschaft „Digital ist Mainstream – auch in der Zahnarztpraxis“.

Zwei weitere Vorträge in dieser Session befassten sich mit „Elektronische Registriersysteme und virtuelle Artikulation“ (Prof. Dr. Bernd Kordaß, Universität Greifswald) sowie „Wie viel funktionelle Okklusion muss sein – ob digital oder analog? (PD Dr. Ingrid Peroz, Charité Berlin).

Zahnmedizin – emphatisch gelebt 

Dass es heute – im Kleinen wie im Großen – in Zahnarztpraxen ohne digitale Technik nicht mehr geht, wer wollte das bestreiten. Ganz bestimmt geht es aber auch nicht ohne menschliche Zuwendung von Zahnarzt und Praxispersonal an die Patienten. Insbesondere ist diese dann gefordert, wenn es sich um betagte und hochbetagte Menschen handelt. Dass diese Personen besonders sensibel wahrgenommen werden müssen, kam im Programm „Unklare Beschwerden bei Senioren“ zum Ausdruck. Dass dies ein Themenkomplex ist, der in den Zahnarztpraxen eine (zunehmend) hohe Relevanz hat, zeigte das große Teilnehmerinteresse am Vortrag „Alles unangenehm? Mundschleimhautbrennen und Prothesenunverträglichkeit“ von PD Dr. Anne Wolowski, Universität Münster. Und auch die Informationen, die Dr. Julia Kunze, Universität Zürich, unter dem Vortragstitel „Alles Vergessen? Umgang mit unklaren Beschwerden bei Menschen mit Demenz“ gab, fanden äußerst aufmerksame Beachtung. Diese Vorträge – ein weiterer wurde von PD Dr. Sebastian Hahnel zum Thema „Alles zu trocken? Mundtrockenheit und Geschmacksveränderungen“ gehalten, machten sehr deutlich, welchen Anforderungen sich in Bezug auf Diagnostik und Therapie sowie Therapiedurchführung Zahnärzte/Zahnpraxen (künftig) stellen müssen.

  • PD Dr. Anne Woloswki, Universität Münster, sprach über Mundschleimhautbrennen und Prothesenunverträglichkeit. © Michelle Spillner.
  • PD Dr. Anne Woloswki, Universität Münster, sprach über Mundschleimhautbrennen und Prothesenunverträglichkeit. © Michelle Spillner.

Zahnmedizin – interdisziplinär optimiert

Auch wenn es sich um den wissenschaftlichen Kongress des Deutschen Zahnärztetages handelte, so waren doch viele der Themen auch für Zahntechniker interessant. Einerseits um durch diese Wissensvermittlung interdisziplinär zahnmedizinisch-zahntechnisch die bestmögliche patientengerechte Prothetik zu gestalten. Andererseits, um sich über aktuelle und künftige digitale Chairside-Verfahren zu informieren, da diese auch die künftige Zusammenarbeit dieser Prothetikpartner beeinflussen werden.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Jürgen Pohling

Bilder soweit nicht anders deklariert: Jürgen Pohling


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