Praxisführung


Zahnarzt/-ärztin: ein (un-)gesunder Beruf?

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Eine große Herausforderung für Zahnärzte/-innen stellt die ergonomisch richtige Arbeitshaltung dar. Während der Behandlung kommt es oft zu ungünstigen Fehlhaltungen, die bei Nichtbeachtung langfristig zu muskuloskelettalen Schmerzproblematiken und im schlimmsten Fall zur Berufsaufgabe führen können. Um dem entgegenzuwirken und die Beschwerden eingehend zu analysieren, wurde ein muskuloskelettaler Schmerzscore entwickelt und eine Erhebung unter praktizierenden Zahnärzten/-innen mittels Fragebogen durchgeführt.

Die Gesundheit der Zahnärzte/-innen und die Qualität der Arbeitsbedingungen hat Auswirkungen auf die Arbeitsleistung und die Arbeitsergebnisse [1]. Somit liegt es nahe, sich mit dem Gesundheitszustand der Zahnärztinnen und Zahnärzte in Deutschland auseinanderzusetzen.

Im Gesundheitsreport der gesetzlichen Krankenkasse DAK [2] liegen Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems auf Platz 1, gefolgt von psychischen und Atemwegserkrankungen. Ein Vergleich hierzu lässt Aussagen über die gesellschaftliche gesundheitliche Entwicklung treffen und sollte zum Anlass genommen werden, evtl. betriebliche Gesundheitsförderungsmaßnahmen in Zukunft anbieten zu können, um die Arbeitnehmer/-innen arbeitsfähig zu erhalten.

Material und Methoden

Im Rahmen dieser Erhebung konnte eine Stichprobe, bestehend aus 94 Kieferorthopäden/-innen und 187 Zahnärzten/-innen, generiert werden. Zum Zeitpunkt der Befragung befanden sich 73% der Kieferorthopäden/-innen in einem Angestelltenverhältnis (27% selbstständig), bei den Zahnärzten/-innen waren es 57%. Das durchschnittliche Alter der Personen lag bei 35 Jahren, die Körpergröße bei 1,73 cm, das Gewicht bei 70,5 kg (Ø = 65,0).

Entsprechend ergab sich ein durchschnittlicher BMI von 23,51 (Ø = 21,9). Von den weiblichen Teilnehmenden standen 71% in einem Angestelltenverhältnis (29% selbstständig), bei den männlichen waren es lediglich 39%. Während 32% der Befragten angaben, dass die Beschwerden ihre Arbeit und Konzentration beeinträchtigen, lag der Anteil derer, die Verspannungen oder Schmerzen im Rücken, Nacken oder Schulterbereich zeigen, bei 84%.

Auffällig ist die hohe Varianz bei diagnostizierten Veränderungen der Wirbelsäule. Nur 1% der selbstständig Tätigen gaben an, ein diagnostiziertes Leiden der Wirbelsäule zu haben, hingegen 26% der angestellten Zahnärzte/-innen und Kieferorthopäden/-innen. Eine ähnlich starke Tendenz zeigt sich für diese Variable zwischen den Geschlechtern (Tab. 1).

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    © Thies, Backhaus, Olmos, Eitner

Tab. 1: Körperliche Beschwerden von angestellen (A) und selbstständigen (S) Zahnärzten/-innen (ZA) und Kieferorthopäden/-innen (KO). Anmerkung: Die prozentualen Angaben wurden aus den Gruppierungsvariablen gebildet, z.B. von 75% der männlichen Teilnehmenden gaben 29% an, unter Verspannungskopfschmerz oder Migräne zu leiden (71% verneinten diese Frage).

W = weiblich; M = männlich; A = angestellt; S = selbstständig; ZA = Zahnarzt; KO = Kieferorthopäde M = Mittelwert; hier liegt der „Durchschnittszahnarzt“ auf dem Schmerzscore (Minimal möglicher Wert = 0, maximal möglicher Wert = 9) SD = Standardabweichung: in der Regel liegen wenige Teilnehmer direkt auf dem Mittelwert, eine Abweichung von einer SD ist „normal“. So sehen wir zum Beispiel 1 unter dem Beschäftigungsverhältnis, dass der durchschnittliche Angestellte einen Schmerzscore von etwa „3“ hat, Abweichungen bis „6“ sind der Normalfall/die Regel.

Schmerzscore

Der Schmerzscore setzt sich aus 9 Items des Fragebogens zusammen (Tab. 1), die das Ausmaß der Beschwerden erfassen. Da sich in der Literatur kein muskuloskelettaler Schmerzscore für Bewegungsabläufe von Zahnärzten/-innen finden ließ, wurde dieser im Rahmen der Studie validiert.

Der hier vorgestellte Schmerzscore überzeugt durch gute testtheoretische Gütekriterien (α = 0,76, P = 0,21–0,84). Anschließend wurden die 9 Items zu einem Gesamtscore mit einer Range von 0–9 addiert.

α = ist ein Gütekriterium wie präzise Schmerz gemessen werden konnte. Der α-Wert sollte > .7 sein, in unserem Fall mit 0.76 bewegt er sich in einem guten Bereich
P = Schwierigkeit, der minimale Wert 0.21 bedeutet, dass 21% der Befragten diese Beschwerde haben, 0.84 hingegen 84%. Der Wert sollte möglich weit streuen, um unterschiedliche Schweregrade zu erfassen.

Ergebnisse

Sowohl für das Beschäftigungsverhältnis als auch das Geschlecht finden sich signifikante Unterschiede hinsichtlich des Beschwerdeausmaßes. So geben Frauen (M = 3,76, SD = 2,55) eine ausgeprägtere Beeinträchtigung als Männer (M = 2,37, SD = 2,25) an. Angestellte (M = 3,78, SD = 2,56) leiden überdies häufiger als ihre selbständigen Kollegen/-innen (M = 2,81, SD = 2,38) unter muskuloskelettalen Beschwerden (Abb.1).

  • Abb. 1: Auswirkung von Beruf, Beschäftigungsverhältnis und Geschlecht auf den Schmerzscore.
  • Abb. 2: Ursachen für Schmerzen am Arbeitsplatz von Zahnärzten/-innen und Kieferorthopäden/-innen.
  • Abb. 1: Auswirkung von Beruf, Beschäftigungsverhältnis und Geschlecht auf den Schmerzscore.
    © Thies, Backhaus, Olmos, Eitner
  • Abb. 2: Ursachen für Schmerzen am Arbeitsplatz von Zahnärzten/-innen und Kieferorthopäden/-innen.
    © Thies, Backhaus, Olmos, Eitner

Ob man als Zahnarzt/-ärztin (M = 3,36, SD = 2,53) oder Kieferorthopäde/-in (M = 3,53, SD = 2,56) arbeitet, scheint hingegen keine Auswirkung auf das Ausmaß der Beeinträchtigung zu haben. Ein Großteil der Befragten sieht die Ursache für ihre Schmerzen in ihrer ungünstigen Körperhaltung während der Behandlung (65%), in einseitigen Behandlungsmethoden (45%) sowie im Stress (39%) (Abb. 2). In Kombination mit dem Schmerzscore zeigt sich ein signifikanter Interaktionseffekt zwischen Stress und BMI.

  • Abb. 3: BMI und Stress interagieren in Bezug auf Schmerzen am Arbeitsplatz.

  • Abb. 3: BMI und Stress interagieren in Bezug auf Schmerzen am Arbeitsplatz.
    © Thies, Backhaus, Olmos, Eitner
So wirkt sich ein höherer BMI nur dann negativ auf den Schmerzscore aus, wenn die Zahnärzte/-innen und Kieferorthopäden/-innen angaben, unter einem hohen Stresslevel zu leiden. Bei niedriger Stressausprägung am Arbeitsplatz zeigt sich sogar ein gegenteiliger Effekt: Mit steigendem BMI sinkt die Ausprägung auf dem Schmerzscore (Abb. 3).

Diskussion

Im Folgenden gehen wir insbesondere auf die Risikofaktoren ein, die sich in der Analyse als signifikante Prädiktoren muskuloskelettaler Beschwerden erwiesen haben. Dies sind das weibliche Geschlecht, die beruflich bedingte ungünstige Körperhaltung, das Arbeiten im Angestelltenverhältnis sowie die Interaktion aus Stress und BMI am Arbeitsplatz.

Der zahnärztliche Beruf ist tendenziell durch einen proportional höheren Anteil von Frauen gekennzeichnet. Im Rahmen unserer Erhebung konnten wir zeigen, dass Frauen signifikant stärker unter muskuloskelettalen Schmerzen litten (Abb. 1) als ihre männlichen Kollegen.

Dies könnte sich unter anderem mit einer unterschiedlichen anatomischen Struktur des Körperbaus erklären lassen. Leider scheint es hierzu nur wenige Forschungsansätze zu geben.

Insbesondere hinsichtlich der steigenden Anzahl von weiblichen Zahnmedizin studierenden wäre neben der Ursachenforschung auch eine präventive Integration von ergonomischen gesundheitsfördernden bzw. erhaltenden Maßnahmen in die Lehre notwendig. Gleichzeitig gilt es zu eruieren, ob Männer tatsächlich unter weniger Schmerzen leiden oder durch ihre Sozialisation eher dazu neigen, diese nicht wahrzunehmen und/oder offenzulegen.

Mehr als die Hälfte der Befragten sah als Ursache der Beschwerden eine ungünstige Körperhaltung an. Die Körperhaltung der Zahnärzte/-innen ist eher statisch, in der Regel verharren sie während der Behandlung lange in einer Position. Ohne gegenwirkende Maßnahmen führt dies unweigerlich zu muskulären Verspannungen, die sich zu Schmerzen entwickeln und bei Nichtbehandlung zu einer chronischen Einschränkung im Beruf führen können.

Die Besonderheit des zahnärztlichen Berufs ist die Arbeit in einem sehr kleinen und schwer zugänglichen Arbeitsfeld (Mundhöhle) und die Einschränkungen, die sich aus der Lagerung von Patienten ergeben können. So gibt es bei der Behandlung von älteren Patienten sowie Kindern limitierte Lagerungsmöglichkeiten, die dazu führen, dass die Behandelnden eine ungünstige, zweckmäßige Haltung einnehmen müssen.

Als auffällig erwies sich auch der Unterschied zwischen Zahnärzten/-innen, die in einem Angestelltenverhältnis beschäftigt sind und solchen, die als Selbstständige arbeiten. Intuitiv wäre eine höhere Belastung von Selbstständigen naheliegend, da neben der eigentlichen Behandlung verstärkt administrative Tätigkeiten hinzukommen. Es zeigt sich aber ein umgekehrtes Bild, was sich vielleicht dadurch begründen lässt, dass die berufliche Unerfahrenheit bei den Angestellten zu einer angespannteren physischen und auch psychischen Arbeitshaltung führt.

Ein weiterer Grund liegt möglicherweise darin, dass sich die optimale Haltung erst im Laufe der Berufsjahre entwickelt, da dies noch immer nicht an allen universitären Einrichtungen gelehrt wird. Ein Hauptgrund wird sicherlich sein, dass Selbstständige die Hauptverantwortung für die Praxis und ihre Mitarbeitenden tragen und dies einen krankheitsbedingten Ausfall nur in „fortgeschrittenen Krankheitssituationen“ zuzulassen scheint.

Insbesondere die komplexe Interaktion von Stress und BMI bedarf einer weiteren wissenschaftlichen Evaluation. Hier scheinen neben einer steigenden Stressbelastung durch die Arbeitsverdichtung auch vielfältige psychische und physische Faktoren ein komplexes, differenzielles Zusammenwirken auf die muskuloskelettale Belastung zu haben. Ein erster potenzieller Erklärungsansatz mag auch im sogenannten „Victim Blaming“ begründet liegen, der darauf hindeutet, dass Gewicht kein einseitiger Prädiktor muskuloskelettaler Beschwerden ist.


Quellen:

1] Reitemeier B, Arnold M, Scheuch K, Pfeifer G. Arbeitshaltung des Zahnarztes. Zahnmedizin up2date 2012; 6 (02), 147–170.

[2] Storm A. DAK-Gesundheitsreport 2021. Beiträge zur Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung (Band 37).


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