Praxisführung


Neue Studie „Gesundheit und Medizin“ vorgestellt

Experten und Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft diskutierten Mitte Juli in München über technologische Neuerungen in Gesundheit und Medizin und über die an diesem Tag vorgestellte neue Studie der vbw (Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V.). Diese Studie „Gesundheit und Medizin – Herausforderungen und Chancen“ erstellte die Prognos AG. Eingeladen hatte der Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft – ein Gremium, welches von vbw-Präsident Alfred Gaffal in 2014 initiiert wurde und dessen Vorsitz er sich mit dem Präsidenten der Technischen Universität München teilt. Da die Entwicklungen und Herausforderungen im Gesundheitswesen einen jeden von uns, sowohl in Person, als auch als Arbeitgeber und Zahnarzt betreffen, ist es lohnend, sich mit den Ausführungen auseinanderzusetzen. Nachfolgend sind die wichtigsten Punkte zusammengefasst.

Aufgrund der demografischen Entwicklung und der bei älteren Menschen besonders häufig auftretenden Gesundheitsbeschwerden, insbesondere der chronischen Erkrankungen, kommt es in den nächsten Jahren zu höheren Kosten im Gesundheitssystem sowie einem erhöhten Personalbedarf, nicht zuletzt in der Pflege. Schon jetzt wachsen die Ausgaben pro Kopf im Gesundheitswesen weltweit schneller als das Bruttosozialprodukt. Pro Tag verschlingt das deutsche Gesundheitssystem mehr als 1 Milliarde Euro (Tendenz steigend). Zahnärzte arbeiten in einem Markt mit großer wirtschaftlicher Bedeutung mit: Die deutsche Gesundheitswirtschaft generierte im Jahr 2016 mehr als 259 Milliarden Euro an Bruttowertschöpfung – also Endverbraucherumsatz abzüglich der Vorleistungen anderer Branchen. Das entspricht 10% der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung. Von 2008 bis 2014 legte die Gesundheitsbranche im engen Sinn um 3,9% jährlich zu. Der sogenannte „zweite Gesundheitsmarkt“, also alle privat finanzierten Produkte und Dienstleistungen rund um die Gesundheit, wuchs um 3,8%. Damit ist das Gesundheitswesen ein wichtiger und im Zuge des demografischen Wandels wachsender Wirtschaftsfaktor. Deutschlandweit wächst die Gesundheitswirtschaft sogar stärker als der gesamtwirtschaftliche Durchschnitt. So wird z.B. im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT)/Digitale Gesundheitswirtschaft von 2017 bis 2020 ein Wachstum von 24% pro Jahr erwartet, in der Nanotechnologie von 2016 bis 2026 ein jährliches Wachstum von 23%.

Infolge des demografischen Wandels und des medizinisch-technischen Fortschritts ist das System mit sinkenden Einnahmen und steigenden Ausgaben konfrontiert. Der von Arbeitgebern und Arbeitnehmern je zur Hälfte finanzierte Beitragssatz zur GKV werde von heute 14,6% (plus 1,1% Zusatzbeitrag, in diesen Berechnungen noch nicht mit einbezogen) im Jahr 2035 auf 18,3% und im Jahr 2045 auf 19,2% steigen, wenn es nicht zu Leistungskürzungen, einer Ausweitung des Bundeszuschusses oder zu einer höheren Effizienz komme. Ab 2019 werden die Zusatzbeiträge zur GKV nach Plänen der Bundesregierung wieder zu gleichen Teilen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer finanziert. Die Rückkehr zur Parität führt zu steigenden Lohnnebenkosten. Im Übrigen beliefen sich 2016 die Einnahmen der GKV auf rund 224 Milliarden Euro, die der PKV auf mindestens 37 Milliarden Euro.

Ausbau von technologischen Lösungen für mehr Effizienz im Gesundheitswesen

  • Abb. 1: Technologische Trends sind vielfältig und können die Gesundheitsversorgung effizienter und effektiver gestalten.

  • Abb. 1: Technologische Trends sind vielfältig und können die Gesundheitsversorgung effizienter und effektiver gestalten.
    © Prognos 2018 über vbw
Der technologische Fortschritt und die Digitalisierung im Gesundheitswesen hätten großes wirtschaftliches und gesellschaftliches Potenzial. Als Handlungsempfehlungen für die künftige Finanzierung des Gesundheitswesens sieht der Zukunftsrat u.a. die verstärkte Investitionsbereitschaft in innovative Gesundheits- und Medizintechnologien. Schon heute zeigten humanoide Roboter bei der Versorgung älterer Menschen oder bei neuen Methoden in der Bildgebung vielversprechende Ansätze. Ziel müsse es sein, die Versorgungsqualität über neue technologische Lösungen auszubauen, ohne die Ausgaben zu erhöhen. Neben einer stärkeren Betonung der Eigenverantwortung sind laut Gaffel die elektronische Patientenkarte und die digitale Patientenakte wegweisende Instrumente für mehr Effizienz im Gesundheitswesen (Abb. 1). Derzeit würden z.B. im Klinikum Fürth 8% aller Notfallpatienten aufgrund von Neben- und Wechselwirkungen verschiedener Medikationen eingeliefert, von denen ein Teil mit besserer Datenerfassung vermieden werden könnte, so Gaffal. Ärzte, Zahnärzte, Apotheken und Pflegeeinrichtungen könnten die digital gespeicherten Daten bei Bedarf überall und vor allem ohne Zeitverlust abrufen. Zwar müsse mit den Daten sensibel umgegangen und die Hoheit über die personenbezogenen Daten beim Patienten belassen werden, anonymisierte oder pseudonymisierte Daten müssten aber umfassend auch für die Forschung nutzbar, mit anderen Datenbeständen verknüpfbar und bei Bedarf weltweit austauschbar sein. Wenn das Datenschutzrecht hier zu hohe Schranken aufstelle, sei dies anzupassen.

Passend in diesem Kontext ist die Meldung, dass Gesundheitsminister Spahn ab 2021 Kassenpatienten ihre Patientendaten per Handy und Tablet einsehbar machen will. In einem 1. Modellversuch in Westfalen-Lippe soll die elektronische Patientenakte in der Versorgung von Patienten mit geriatrischen Erkrankungen getestet werden, während in Berlin die digitale AOK-Akte bereits im Juli an mehreren Geburtskliniken in Betrieb gegangen ist. Kritikern, die in München neue Erkenntnisse ebenso vermissten wie politische Lösungen zur Beitragsstabilität in der GKV, wurde entgegnet, dass man bewusst einmal mehr das Ausmaß der gravierenden Herausforderungen, vor denen das Gesundheitssystem stehe, aufzeigen wolle.

Durchschnittsalter und Lebenserwartung steigen stetig an

Der von uns bereits in der Zahnarztpraxis bemerkbare demografische Wandel wird sich weiter fortsetzen: Das Durchschnittsalter in Deutschland wird im Jahr 2035 von heute 44,2 auf dann 47,7 Jahre steigen. In absoluten Zahlen bedeutet dies deutschlandweit eine Zunahme der älteren Bevölkerung (65 Jahre und älter) um 5,9 Millionen Menschen. Auch die Lebenserwartung steige stetig an: Liegt sie heute bei bereits 81,6 Jahren, so werden für im Jahre 2035 geborene Menschen durchschnittlich 83,7 Jahre prognostiziert. Jedoch ist dieser Tage aus Berlin zu hören, dass Versicherte auf die in der Koalition vereinbarte Erhöhung des Kassenzuschusses zum Zahnersatz von 50 auf 60% bis zum Jahr 2021 warten müssen. Dies sei aufgrund der Mehrkosten in Millionenhöhe finanziell nicht anders darstellbar, hieß es im Gesundheitsministerium.

Telemedizin im zahnmedizinischen Bereich nur eingeschränkt einsetzbar

Der Zukunftsrat verspricht sich von der Telemedizin viel für die Versorgung in ländlichen Räumen sowie bei der Beratung zwischen räumlich entfernten Experten. Nach Auffassung der Autorin bleibt Zahnmedizin Apparatemedizin, und deshalb ist dieser Punkt nicht ohne Weiteres auf die Zahnarztpraxis übertragbar, dennoch zeigen einige Kollegen den erfolgreichen Einsatz der Videosprechstunde für Nachkontrollen nach einer Behandlung am Vortag und für die Besprechung von implantologischen und prothetischen Planungen bei Stammpatienten.

Digitalisierung – der entscheidende Treiber für Innovationen

  • Abb. 2: Forschungsintensität in den einzelnen Wirtschaftszweigen der industriellen Gesundheitswirtschaft in Deutschland 2009 und 2013 in Prozent.

  • Abb. 2: Forschungsintensität in den einzelnen Wirtschaftszweigen der industriellen Gesundheitswirtschaft in Deutschland 2009 und 2013 in Prozent.
    © Prognos 2018 über vbw
Hightech würde das Gesundheitssystem teurer machen, gleichzeitig aber auch Einsparungen erzielen, wie es durch Prävention/ Präventionsmedizin möglich sei. Ernährung, Bewegung und Therapietreue sind Faktoren, die im Expertenurteil noch vor dem Lebensumfeld und der genetischen Veranlagung rangieren. Digitalisierung sei der entscheidende Treiber für Innovationen, so der Grundtenor in München (Abb. 2). Davon konnten sich die Besucher im angrenzenden großen Ausstellungsbereich mit Exponaten rund um das Thema Gesundheit und Medizin überzeugen. So wurden im zahnärztlichen Bereich Software und Apps zur Gestaltung und Konstruktion ebenso wie die Herstellung herausnehmbarer kieferorthopädischer Apparaturen im 3D-Drucker demonstriert (Abb. 3). Neu ist auch ein Silberadditiv zur antimikrobiellen Ausrüstung von Oberflächen, das nicht nur aufgebracht, sondern auch in Produkte wie Implantate, Knochenschrauben und in die Ausrüstung von Klinikräumen eingearbeitet werden kann. Vorgestellt wurde ebenso ein seit 2 Monaten auf dem Markt erhältlicher Impfstoff gegen Gürtelrose für Patienten ab 50 Jahren sowie ein „intelligentes“ Pflegepflaster, das die häusliche und professionelle Pflege als Telecare-Lösung optimieren soll. Insgesamt wurden 48 spannende Angebote vorgestellt, u.a. eine Plattform für 3D-gedruckte Orthesen und Prothesen. In dieser Plattform können in 3 Schritten CE-konforme und individuell angepasste orthopädische Hilfsmittel mit eigenem Logo erstellt werden oder auch Exoskelette als menschzentrierte Ergonomiewerkzeuge, ein mit einer Stützstruktur verbundener Metallrahmen mit Teilen an Oberkörper, unterem Rückenbereich und Oberschenkel, die derzeit bei einem Autobauer im Testeinsatz sind.
  • Abb. 3: Herausnehmbare kieferorthopädische Apparaturen werden mittels 3D-Drucker hergestellt.
  • Abb. 4: Das volldigitale 3D-Operationsmikroskop liefert ein hochaufgelöstes 3D-Bild.
  • Abb. 3: Herausnehmbare kieferorthopädische Apparaturen werden mittels 3D-Drucker hergestellt.
  • Abb. 4: Das volldigitale 3D-Operationsmikroskop liefert ein hochaufgelöstes 3D-Bild.

In der Pflege imponierte das Frühmobilisieren von Intensivpatienten mittels Robotik ebenso wie der Roboter „Paro“, der eine junge Sattelrobbe nachahmt und als Therapiemittel in der Betreuung von Demenzkranken eingesetzt wird. Prävention steht dagegen im Fokus der Innovationen „Pollenzählungen mit dem Roboter“, „Textilintegrierte Sensoren für Monitoring-Anwendungen“ oder „Neurofeedback“ als Methode zur Selbstregulation unbewusster Abläufe im Gehirn ohne Medikamente. In der Diagnose helfen „Mobile GaitLab“ als klinische Ganganalyse zur Sturzprävention oder auch Animationen, Apps und Visualisierungen mit medizinischen Inhalten, deren Ausgangspunkt ein komplexes und detailliertes 3D-Anatomiemodell bildet. In der Therapie assistiert ein Roboterarm dem Chirurgen am OP-Tisch, während ein volldigitales 3D-Operationsmikroskop statt einer optischen Abbildung ein hochaufgelöstes 3D-Bild liefert (Abb. 4). 

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Ulrike Osswald-Dame