Praxisführung


100.000 Euro intelligent und rentabel anlegen

© Rainer Sturm/pixelio.de
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Als Privatanleger erfolgreich Erspartes anzulegen, erscheint angesichts niedriger Zinsen als seltene Kunst. Doch mittels Analyse, weiter Streuung und Konsequenz können Anleger durchaus lohnende Gewinne erzielen – bei moderatem, selbst festgelegtem Risiko. Finanzexperte Davor Horvat erläutert, wie eine Anlageplanung professionell durchgeführt wird.

Angenommen, man steht vor dem Luxusproblem 100.000 Euro sinnvoll langfristig anlegen zu müssen. Die Möglichkeiten erscheinen auf den ersten Blick beschränkt: Tagesund Festgeldkonten werfen seit Jahren kaum noch Erträge ab. Die Zinsen sind unter ein Prozent gefallen und werden von der Inflation überholt. Angespartes dezimiert sich auf diese Weise. Der Immobilienkauf ist auch keine gute Alternative, da eine lukrative Immobilie kaum für 100.000 Euro erworben werden kann. Aktien erscheinen zu riskant und Sachwertbeteiligungen binden das Geld auf viele Jahre. Wie also kann man sein Geld gleichzeitig rentabel, flexibel und auch noch kosteneffizient anlegen?

Anlegen lassen oder selbst anlegen?

Nicht nur die Frage nach der Anlageart stellt sich, sondern auch jene nach dem Akteur: So sind manche Geldanlagen mit enormen Renditeversprechen verbunden. Wenn daran jedoch Versicherungen, Banken, Fondsgesellschaften etc. mitverdienen, schrumpft die Rendite nach Kosten so weit zusammen, dass Anleger oftmals mit einem Tagesgeldkonto nicht viel schlechter gefahren wären.

Um dies zu vermeiden, kann man sein Geld in die eigenen Hände nehmen. Aktuelle Studien belegen zwar, dass Anleger als Selbstentscheider selten Anlageerfolge verbuchen. Die Studien sagen aber auch, dass sie nicht besser oder schlechter als Fondsmanager abschneiden [1]. Um erfolgreicher als der Großteil aller Vermögensverwalter das eigene Geld zu vermehren, bedarf es einer gewissen Technik, die im Folgenden erläutert wird.

Schritt 1: Risikobereitschaft überdenken

Konservativ oder risikobereit? Um diese Frage zu beantworten, sollte man auch die Lebensplanung einbeziehen: Was ist das konkrete Ziel dieser Investition? Ist es die Versorgung im Alter? Oder soll mit dem Geld in wenigen Jahren eine Investition oder etwa die Ausbildung der Kinder finanziert werden? Vom geplanten Einsatz der finanziellen Mittel hängt es ab, wie lange man auf das Geld nicht angewiesen ist und die Investition laufen kann. Dazu kommt der Faktor, welchen maximalen Verlust man zwischenzeitlich emotional verkraften kann. Daraus ergibt sich die konkrete Risikotoleranz, welche das Anlageergebnis mitbestimmen wird. Die Höhe des Risikos eines Portfolios ergibt sich aus dem Verhältnis von risikobehafteten Anlageklassen (Aktien/Rohstoffe), zu risikoarmen Anlageklassen (Anleihen/Geldmarkt). Je mehr Risikoanteil man wählt, umso höher kann die langfristige Rendite ausfallen.

Schritt 2: Anlageklassen definieren

Nehmen wir an, die Hälfte des Geldes soll in risikobehaftete Anlageklassen investiert werden. In der Umsetzung muss man sich entscheiden, wie das Portfolio geographisch gewichtet werden soll. Zu empfehlen ist ein weltweiter Aufbau des Portfolios. Zu berücksichtigen sind in dieser Streuung Nordamerika und Kanada, die Schwellenländer Südamerikas, Russland, China, Indien u. a., Europa, Japan und die Pazifik-Region mit Australien, Neuseeland, Hong Kong und Singapur. Die Gewichtung der einzelnen Länder erfolgt entweder auf Basis der Marktkapitalisierung* (Börsenkapitalisierung) oder auf Basis des Bruttoinlandsproduktes der Länder (Produktivität). Ist die Länderallokation** gewichtet, müssen im nächsten Schritt die Risikofaktoren bestimmt werden, die für die langfristige Rendite verantwortlich sind. Kleine Aktienunternehmen (Small Cap) haben eine höher zu erwartende Rendite als große Unternehmen (Large Cap) und preiswerte Unternehmen (Value) haben eine höhere Rendite als Wachstumswerte (Growth). Solche langfristigen Renditetreiber sollten anteilig im Portfolio erfasst werden. Die restlichen 50 % des Kapitals sollten so investiert werden, dass das Portfolio gegen hohe Verluste abgesichert ist, d.h. in kurzlaufende Staats- und Unternehmensanleihen mit hoher Bonität. Im Ergebnis hat man ein breitgestreutes „Weltportfolio“ als Grundgerüst geschaffen.

Schritt 3: Marktindizes anschauen

Statt dieses Weltportfolio mit einer Vielzahl von Einzelaktien und Anleihen auszustatten, bietet es sich an, in Indizes (= Wertpapierkorb) zu investieren, die einen ganzen Markt repräsentieren. So basiert beispielsweise der S&P 500 auf den 500 größten Unternehmen der USA. Der Index bildet die Wertentwicklung dieses Marktes nach und dient Anlegern oder Fondsmanagern als Vergleichsmaßstab. Solche Indizes gibt es auf Aktien, Anleihen, Rohstoffe und spezielle Sektoren, Branchen etc. In unserem Beispiel würde sich z. B. neben dem USA-Index, ein Index auf Schwellenländer-, Europa-, Japan- und Pazifik- Aktien sowie auf Small Cap- und Value-Aktien anbieten. Für den risikoarmen Teil sind Anleihen-Indizes auf europäische Staats- und Unternehmensanleihen ratsam.

Schritt 4: Indexfonds wählen

  • Tab. 1: Beispiel für ein Weltportfolio.

  • Tab. 1: Beispiel für ein Weltportfolio.
Im nächsten Schritt wählt der Anleger die passenden Produkte (Instrumente), um das Weltportfolio umzusetzen. Aktiv gemanagte Fondslösungen auf diverse Länder, Sektoren etc. sind eine vermeintlich einfache Lösung. Mischfonds nehmen eine Streuung auf einzelne Länder und eine Aufteilung zwischen Aktien und Anleihen vor. Allerdings verursachen Fondsmanager durch ihre hohen Aktivitäten enorme Kosten und bleiben am Ende in der Regel deutlich unter der Rendite des Vergleichsmarktes (Index).

In den Index selbst kann man sein Geld nicht anlegen, aber in einen börsengehandelten Indexfonds (ETF), der sich an diesem Index orientiert. Der Vorteil dabei ist, dass der ETF keine Kosten durch Fondsmanager erzeugt und dem Anleger somit einen günstigen Zugang zum Kapitalmarkt gewährt. Ein ETF auf den amerikanischen S&P 500 Index kostet z. B. 0,07 % pro Jahr, was bei 10.000 Euro Anlagesumme 7 Euro Kosten pro Jahr verursacht. Dem Anleger stehen in Deutschland aktuell weit über 1.000 ETFs zu Verfügung. Um ein Weltportfolio perfekt konstruieren zu können, braucht man ca. 8 bis 10 solcher ETFs, jeweils für die gewählten Länder und Sektoren. Bei der Auswahl der ETFs müssen Anleger allerdings auf diverse Kriterien achten. Neben den Kosten sind auf die Größe, die Replikationsmethode, Währung, Ausschüttung etc. zu achten. Wie ein Weltportfolio aussehen könnte, zeigt Tabelle 1. Im Ergebnis erzielt der Anleger eine maximale Streuung seines Vermögens bei geringen Verwaltungsgebühren. Diese liegen bei ca. 0,32 % pro Jahr; das sind bei 100.000 Euro 320 Euro pro Jahr laufende Gebühren.

Schritt 5: Portfolio kaufen

Um das Weltportfolio zu kaufen, benötigt man eine Depotbank. Hier haben sich günstige Direktbanken bewährt, wie comdirect, Flatex, Consors etc., die durch ihre günstigen Bewirtschaftungskosten punkten. Die meisten Direktbanken bieten das Depot sogar kostenfrei an. Die Orderkosten für 100.000 Euro betragen einmalig bei Kauf ca. 50 Euro. Alternativ kann das Weltportfolio auch über einen sogenannten Depotersatz bei speziellen Versicherungsanbietern gekauft werden. Solche „Nettopolicen“-Anbieter sind provisionsfrei und haben geringe laufende Kosten. Der Vorteil gegenüber einem Direktdepot ist die steuerliche Optimierung und das Umgehen der Abgeltungssteuer. Diese Gestaltung kann vor allem dann Sinn machen, wenn das Geld erst ab dem Rentenalter benötigt wird.

Schritt 6: Diszipliniertes Rebalancing

Fondsmanager und Vermögensverwalter werden dafür bezahlt, dass sie durch geschicktes Market-Timing*** und Stock-Picking**** eine Überrendite gegenüber dem Markt erzielen. Leider belegen jährliche Studien [1], dass es nur den wenigsten gelingt, dies umzusetzen. Sie bleiben nach Kosten deutlich unter der Marktrendite und erwirtschaften für Anleger kaum einen nennenswerten Mehrwert. Das Weltportfolio benötigt dagegen so gut wie kein aktives Eingreifen, denn man will als Anleger die weltweite Marktrendite bei möglichst geringen Kosten erzielen. Allerdings wird sich die Risikogewichtung, in unserem Beispiel 50:50 aufgrund von Markbewegungen verschieben. Steigt z. B. der Aktienanteil innerhalb eines Jahres auf 60 %, so stimmt dieser nicht mehr mit der vorher festgelegten Risikobereitschaft überein. Somit muss man als Anleger ein jährliches Rebalancing des Portfolios vornehmen. Dabei werden die Anlageklassen, die stark an Wert gewonnen haben, anteilig verkauft und Anlageklassen, die an Wert verloren haben, zugekauft. Diszipliniertes Rebalancing reduziert langfristig somit die Risiken und erhöht die Renditechancen.

Welche Renditen man erwarten kann

Da die Marktrenditen von Aktien und Anleihen empirisch messbar sind, können sich Anleger daran gut orientieren. Ein Weltportfolio mit einem 50 %igen Aktienanteil hat im Schnitt eine Rendite von 4,5 bis 6 % pro Jahr. Verlustphasen können in dieser Konstellation zwischenzeitlich bis zu ca. 16 % betragen. Vergangenes Jahr haben Anleger mit ihrem 50:50 Weltportfolio z. B. 7,53 % Rendite erzielt. Seit 1999 bis einschließlich 2016 lag die Rendite bei ca. 6,70 % pro Jahr und aus 100.000 Euro sind heute ca. 320.000 Euro geworden und dies trotz diverser Krisen.

Fazit

Allerdings gibt es einen Haken bei dieser Art des Investierens. So leicht die Vorgehensweise auch klingen mag, so schwierig ist es, über Jahrzehnte diszipliniert in einem Portfolio zu bleiben. Eine aktuelle Studie der Goethe- Universität, Frankfurt, mit 7.000 Privatanlegern hat aufgezeigt, dass diese mit einem selbstgebauten ETF-Portfolio am Ende schlechter abgeschnitten haben, als Anleger ohne ETFs. Der Grund: Privatanleger haben ETFs für aktive Anlagestrategien missbraucht, wurden also zum aktiven Fondsmanager. Die Regeln des Investierens haben wir deshalb in den vorherigen Ausgaben der ZMK beleuchtet (Die Artikel können auf www.zmk-aktuell.de nachgelesen werden). Nur wer diese „einfachen“ Regeln einhält, wird am Ende eine positive Investmenterfahrung machen.

[1] http://www.capital.de/investment/etfs-diebedeutung-wird-weiter-zunehmen-9363.html http://www.american.edu/kogod/research/upload/The_Dark_Side_of_ETFs_and_Index_Funds.pdf
[2] http://www.fundresearch.de/Nachrichten/Top-Themen/Nur-Top-Fonds-schlagen-die-Benchmark.html 

* Marktkapitalisierung eines Landes ist dabei als der Gesamtwert der in diesem Land an der Börse gehandelten Unternehmen zu verstehen.
** Länderallokation: Verteilung des Vermögens auf die verschiedenen Länderdomizile.
*** Market-Timing: Eine Anlagestrategie, die versucht, durch die Bestimmung günstiger Zeitpunkte für den Ein- und Ausstieg bei einem Wertpapier einen Ertrag zu erzielen.
**** Stock-Picking: Eine Anlagestrategie, die darauf basiert, Aktien zu erwerben, die sich besser entwickeln als der Gesamtmarkt.

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Finanzfachwirt (FH) Davor Horvat


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