Allgemeine Zahnheilkunde

Teil 2: Selbstwertmanagement des Patienten – Psychische Faktoren der sogenannten Compliance

Was bedeutet Medical Health für dentale und orale Medizin?

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Quelle: © sigrid rossmann/pixelio.de

Selbstwertmanagement gehört ursprünglich zur Diagnostik in der Psychotherapie. Es ist aber auch im herkömmlichen Sinn von Bedeutung für das Medizinische und Medizinnahe. Dies spielt vor allem im Rechtsverständnis der Patienten jedes Arztes eine große Rolle, weil man erwartet, von diesem umfangreich über die Inhalte der diagnostischen und therapeutischen Planung aufgeklärt zu sein. Der Patient muss jedoch verständnisgerecht „Anspruch und Aufwand zahnärztlicher Leistung werten können“. Das bedeutet, zu verstehen, mit seiner individuellen Gesundheit zurechtzukommen, das medizinische Angebot zu handhaben, aber auch die damit zeitweise verbundenen Beeinträchtigungen zuzulassen. Die Psychologie des Wertens ist grundlegend eine Werttheorie. Wertpsychologie ist in der akademischen Psychologie Emotionspsychologie, Psychologie der Affekte, Motive und Gefühle [2].

Gesundheit, Geborgenheit, Vertrauen, soziale Anerkennung und Lebensfreude repräsentieren einen Wert. Menschen suchen Sachverhalte zu vermeiden, die mit Unangenehmem verbunden sind. Wir Zahnärzte haben die Aufgabe, den Patienten für die Sicht auf sich selbst zu sensibilisieren, um seinen Lebens- und Erlebnisstrom von belästigenden Empfindungen oder Gefühlen zu reduzieren. Wir Zahnärzte müssen davon ausgehen, den Patienten sowohl rational (zur Problemabfuhr), als auch emotional (zur Kompensation) leiten und führen zu müssen.

Berücksichtigung des Selbstbildes unserer Patienten

Die Zahnarztpraxis ist ein handlungstypischer Übergangsbereich von Kommunikation. Jeder Patient erwartet „Besserung“. Das bedingt aber, dass der Patient einen Blick für sein Eigenbild bekommt und die Planung zu seiner Gesundung mindestens versteht und dabei selbst in die Hand nimmt. Das setzt wiederum voraus, dass der Patient „verständnisgerecht“ aufgeklärt ist, um die medizinisch notwendigen Maßnahmen zu akzeptieren oder mitbestimmen zu können. Davon geht die sogenannte Salutogenese aus. Bezogen auf die medizinisch notwendigen Maßnahmen, untergliedert sie sich in eine Kette von Kohärenzen, die zwischen biologischen, psychologischen und sozialen Bedingungen das Bild vom menschlichen Lebewesen ausmachten. Sie sind bekanntlich Informationseigentümlichkeiten, die Lernanforderungen mit sich bringen und darauf hinweisen, wie es der menschliche Organismus ermöglicht, die für manchen neue und sowohl physisch, als auch emotional erhöhte Beanspruchung zu verarbeiten.

Jede ärztliche, also auch die zahnmedizinische Arbeit im Zusammenhang mit der Situation eines Patienten ist mit Wirkung und Gegenwirkung von Kommunikationssituative und dem daraus resultierenden Verständnis verbunden.

  • Es ist selbstverständlich, dass im Zentrum des Leistungsinteresses der Dentalen und Oralen Medizin und auch der (Zahn-)Technik im Medizinnahen der Patient steht.
  • Der Versorgungsgrad unserer erwachsenen Patienten mit Füllungen und Kronenersatz ist groß. Deshalb ist zu erwarten, dass endodontische Maßnahmen vermehrt anfallen werden [7].
  • Unter demographischen Aspekten in einer immer älter werdenden Bevölkerung verschiebt sich auch der zahnärztlich- prothetische Behandlungsbedarf in die umfangreiche Verbesserung bereits vorhandener Zahnersätze. Das beinhaltet zugleich Konzentration auf Seniorenbehandlung und deren Umgangsbesonderheiten.
  • Zahntechnik ist Teilbereich zahnmedizinischer Leistungsfähigkeit und muss daher denselben kontextualen Bedingungen der zahnärztlichen Praxis zugeordnet sein.

Compliance-Fragen sind mithin auch Sache der technischen Mitarbeiter des Zahnarztes.

Kontexte des Selbstwertmanagements

Das Handlungstypische

Der Patient ist Empfänger einer speziell effektiven Diagnostik und Therapie. Diese erhält er in Bezug zu seiner Anamnese, seiner Befundtypisierung und der Therapieplanung.

Kontextueller Bezugsrahmen

  • Jede Planung in der Medizin wird durch die epikritischen Merkmale des Verhältnisses zum Zustand „ohne Therapie“ ausgemacht. Das bedeutet für den Patienten die Ansicht, wie er stünde, wenn der Zahnarzt nichts täte. An dieser kognitiv relevanten Stelle sollten Zahnarzt und Mitarbeiterinnen innehalten und auf Schmerzdokumentation achten. Rationale Problemabfuhr weckt das Selbstverständnis des Patienten besser als emotionale Schmerzangst- Verwaltung. Die Aussicht des Patienten auf professionelle Zuwendung wird wesentlich von den Eindrücken bestimmt, die er von den heilberuflichen Angeboten hat.

Konnektiver Bezugsrahmen

  • Der Patient hat Wünsche seiner persönlichen Umgebung zu respektieren, die seine Therapie begleiten. Er weiß aber, dass das Fremdbild seiner sozialen Umgebung davon ausgeht, dass sich der Patient versorgen lässt, damit er sein Umfeld nicht belastet und wieder in Funktion kommt, oder sich an eine neue Funktion adaptiert. In der Regel ist der sozialen Umwelt nicht wichtig, welche Untersuchung und welche Therapie gewählt werden. Allein das Ergebnis zählt.

Korrektiver Bezugsrahmen

  • Der Patient strebt nach Gesundung und bringt bei der Planung von Diagnostik und Therapie seine persönlichen Wünsche zum Ablauf und zum Ergebnis mit in die Vorbereitungsprozeduren ein. In vielen Fällen ist die eigentliche Leittherapie von anderen Therapien begleitet oder Erhaltungstherapie. Das bedeutet für den Patienten, zu einem an die jeweilige Leistung angepassten Verständnis bereit zu sein.

Beziehungstypischer Kontext

  • Zwischen Patient und Zahnarztpraxis besteht ein sich ständig verändernder Übergangsraum mit Erwartungshaltungen und therapeutischem Mythos [5].
  • Das bedeutet für den Patienten selektive Wahrnehmung von Ritus der funktionierenden Praxis, individueller Zuwendung und Beendigung des selbst empfundenen Leids.
  • Die Praxis hat das Patientenrecht zu beachten und notwendige Dokumentationen durchzuführen. Es besteht sogar das Verlangen, diese dem Patienten auszuhändigen. Die Kennung von Einzelaufzeichnungen ist aber auch sorgfältig darauf zu prüfen, dass sie Patientenzufriedenheit widerspiegelt. Dies ist Aufzeichnungsvorteil für die Praxis.

Observativer Kontext

  • Jeder Patient hat eine eigene Vorstellung von der Praxis, in der er sich untersuchen und behandeln lässt, und den Vorgängen in ihr.
  • Jede ausreichend organisierte Praxis kennt die Individualität ihrer Patienten.
  • Je konzentrierter der Beziehungsraum zwischen beiden ist, desto intensiver ist aber auch die Erwartungshaltung beider. Sie bezieht sich dann weniger auf die Quantität von Maßnahmen, als eher auf deren beobachtbare Qualität [4].
  • Das wiederum bedingt, dass es für beide Seiten beurteilbare Größen geben muss.
  • Die Beobachtung der Praxis geht sowohl vom Hygienezustand der Mundhöhle, als auch vom Zufriedenheitsgrad des Patienten aus.
  • Die Beobachtung des Patienten ist konzentriert auf den erfolgten Angstabbau, auf Beruhigung (der Mund ist gesund), funktionelle Stabilität und ernst genommen worden zu sein.
  • In manchen Empfehlungen werden Messungen (MH-Indexsysteme, Beurteilungs-Schulnoten) als erforderlich bezeichnet. Das lässt vergessen, dass in jedweder Kommunikation der Sinn der Messung und dann die Maßeinheiten einer Messung interpretiert werden müssen, um vom Patienten verstanden zu werden.
  • Aus betriebswissenschaftlichen gruppenbasierten Studien ist bekannt, dass allein die Tatsache, dass Menschen bei ihrer Tätigkeit beobachtet werden, zu einer Diversifizierung aller Arbeitsergebnisse, aber auch zu deren Änderungen führt. Im Rahmen langjähriger Studien in den Hawthorne- Werken (Illinois, USA) wurde festgestellt, dass die Teilnehmer der Studie ihr Verhalten ändern, wenn sie wissen, dass sie an einer Studie teilnehmen. Dieses Phänomen wird benutzt, um die Auswertung von sogenannten Placebo-Effekten zu erklären. Das ist bekannt als Wirkung von Übertragung-Gegenübertragung innerhalb des partnerschaftlichen Gespannes medizinischer Praxis mit ihren Patienten.
  • Jeder Patient macht diesen „Hawthorne-Effekt“ mit. Er fühlt die Karriere seiner Mund-Pathologie beobachtet. Das ist prozedural relevant, weil sein Aktionsspektrum bewusster, konzentrierter und damit differenzierter wird [1].
  • Beide Seiten, Therapeut und Patient, können dieses Phänomen nutzen. Die Praxis gewinnt an Überzeugungskraft für alle anderen Maßnahmen. Der Patient gewinnt am Gefühl, ihm sei viel Aufmerksamkeit, Interesse und Zeit geschenkt worden.

Individuell personalisierter Kontext

  • Der Patient hat Erinnerungen an seinen Lebensentwurf, sein persönliches Modell. Er hat bestimmt und dann erlebt, ob es erfüllbar war. Er denkt über seine damalige und jetzige Biologie, seine Psychologie und sein soziales Umfeld nach.
  • Der Patient beurteilt dabei auch seine Lebensplanung. Vielleicht will er korrigieren, gesünder und attraktiver werden.
  • Der Patient hat einen Lebensstil, der sowohl erinnerlich ist, aber ihn im Augenblick hemmt, weil ihm klar wird, dass dieser die gesamte Therapieplanung beeinflusst.
  • Der Patient hatte und hat ein eigenes Befindensbild, an das er sich erinnert. Er will den Zusammenhang der erlebten Schmerzen mit dem untersuchten und zu behandelnden krankhaften Zustand verstehen [6].
  • Angesichts der offensichtlich werdenden Schädigung seiner Mundhöhle stützt sich der Patient auf sein gewohntes Eigenverhalten. Er fragt sich, wie er in der Regel mit ihm neuen Problemen umgeht.
  • Er entscheidet über sein eigenes Wohlverhalten gegenüber der Zahnarzt-Praxis aber nach der Frage von Handhabbarkeit der ihm gemachten Vorschläge und Anweisungen.
  • Er fragt nach Verstehbarkeit und Sinnhaftigkeit der Anweisungen, die ihm gegeben werden.
  • Der Patient beurteilt den Verlauf der Gesundheitsstörung nach seinem Befinden ohne Behandlung (wie schreitet die Erkrankung fort?) im Lichte der geplanten spezifischen Therapie (persönlicher Nutzen der ZahnMedizin?).
  • Die Erwartungshaltung des Umfeldes (Gesund werden!) sieht er im Spiegel seiner eigenen Vorstellung von stufenweiser Gesundung.
  • Er strebt danach, sich andere mögliche Therapieformen auszusuchen und diese in die Behandlung zu integrieren.

Die Wahlfreiheit des Patienten zur Integration von komplementären diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen ist allerdings davon abhängig, dass die Zahnarztpraxis entsprechende Angebote bereitgestellt hat. Diese Medical Health wird unter Einbezug aller Kontextabhängigkeiten zum Zentrum von biomedizinischer, psychologischer und sozialmedizinischer Anstrengungen [3].

Medical Health ist eingebettet in Fortbildung des Zahnarztes und seines Teams, gehört aber ebenso als Forderung nach fachlichem Verständnis der ihn betreffenden Informationen zur Kenntnis unserer Patienten.

Einbezug von Compliance – Planung als eine Form von Praxisorganisation

Aus diesen Variationen der Anforderungen unter den Therapie-Partnern, Medizinern und Patienten, setzt sich die Organisationsplanung therapeutischer und rehabilitativer Maßnahmen zusammen. Diese Zusammensetzung wirkt bestimmend auf beiderseitige Beurteilungen der Einflussgrößen einer guten Prognose der Behandlung unter Einbeziehung aller Faktoren der Zuwendung. Praxisorganisation setzt bekanntlich vorausschauendes, systematisches Durchdenken und Formulieren von Zielen und Handlungsalternativen im Organisationsprozess der Zahnarztpraxis voraus. Sie beinhaltet auch das notwendige Maß an struktureller, prozeduraler und deterministischer Qualitätspflege.

Der Zahnarzt muss aber dabei auf die individuellen Einflussgrößen von Bewertungskriterien und deren Alternativen kommen können, die das Festlegen von Verhalten in der Praxis bestimmen.

Man spricht im Rahmen einer zahnärztlichen Behandlung von einer guten Compliance, wenn sich Patienten kooperativ zeigen. Die Kooperation drückt sich für viele darin aus, motiviert zu versuchen, die Mundhygiene zu optimieren. Das bleibt grundlegend wichtig, ist aber ein Problem, das sich mit jeder Situation im täglichen Leben ändern kann. Deshalb sollte das Gespräch in der Praxis auch auf globale Empfindungen des Patienten abzielen:

  • Compliance-Gefühle werden mit jedem persönlichen Kontakt durch Kommunikation unter Einsatz von Übertragung- Gegenübertragung geweckt. Die wiederum ist getragen von Sprache, Gestik, Mimik und Empfänglichkeit für Zuwendung.
  • Negative Gefühle und deren Erinnerlichkeiten belasten einzelne Lebensmomente emotional. Positive und neutrale Erinnerungen dagegen verarbeitet das Gedächtnis kognitiv. Beides belästigt den Menschen täglich im Wechsel. Es ist wichtig, Positives zu fördern.
  • Das persönliche Gefühl des Patienten ist beeinflussbar und bereits wandelbar durch Faktoren der Umgebung. Licht, Luft und Temperatur tragen die Stimmung.
  • Physische und psychische Spannung und Entspannung haben Einfluss auf den Gesundungs-Vorsatz.
  • Lächeln wirkt schmerzlindernd!
  • Vertieftes Bewusstsein von Zeit-Zuwendung bringt Vertrauensvorsprung.
  • Bewegung animiert. Der im Stuhl „eingeklemmte“ Patient fühlt sich gut umsorgt, wenn um ihn herum menschliche Bewegung aufkommt.
  • Dankbarkeit für die Tatsache, ernst genommen zu sein, verhindert depressive Symptome.
  • Der vermutlich wichtigste Punkt von Kommunikation ist meditativ. Gehen Sie mit Ihrem Patienten zum Abschluss einer Behandlungssitzung noch einmal alle tragenden Gedanken durch.

Der Patient erwartet von der Zahnarztpraxis keine Wellness. Er ist mit allen seinen Sinnen beim Zahnarzt und darauf konzentriert. Daher spielen Ablenkungen, wie Hintergrundmusik und filmische Informationen eine untergeordnete Rolle. Der tatsächliche Effekt, sein Vertrauen zu bekommen und zu erhalten, ist die Summe aus Verständnissen für ihn. So kommen nachhaltige Kontakte zustande, die eine wesentliche Rolle bei der Praxisführung spielen.

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. med. dent. Dr. h. c. Heinz Spranger



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