Allgemeine Zahnheilkunde

Kommentar von Prof. Bernd Reitemeier und Dr. Klaus Neumann

Zahnmedizinische Behandlung mit Stuhlassistenz

20.01.2015

Abb. 1: Frequenzabhängige Schalldruckpegel der HURA-Kanüle. Die erhöhten Schalldruckpegel sind deutlich  im Vergleich zu Abb. 2 zu erkennen (aus [6]). © Georg Thieme Verlag.
Abb. 1: Frequenzabhängige Schalldruckpegel der HURA-Kanüle. Die erhöhten Schalldruckpegel sind deutlich im Vergleich zu Abb. 2 zu erkennen (aus [6]). © Georg Thieme Verlag.

Im Novemberheft 2014 der ZMK lasen wir mit Interesse den Beitrag „Zahnmedizinische Behandlung ohne Stuhlassistenz“ der o.g. Autoren. Auf Grund eigener Untersuchungen und langjähriger Berufserfahrung haben wir eine andere Sichtweise zu diesem Problemkreis.

Das in diesem Beitrag beschriebene „Multi-Assist-Instrumentarium“ (auch HURA-Kanüle bekannt) ist ein Hilfsmittel, das gemäß den Angaben der Autoren neben dem Schutz der oralen Weichteile„ … der Absaugung von Speichel, Detritus und Kühlwasser … bei konservierenden Behandlungen ...“ dient. Für die letztgenannte Aufgabe hätte prinzipiell der sog. Speichelsauger benutzt werden können.

Schon seit der Publikation von Schön über die „Washed-Field-Technik“ Thompsons im Jahre 1965 war auch in unserem Sprachraum eine praktikable Lösungsmöglichkeit bekannt geworden, um das Kühlen beim hoch und höchsttourigen Bearbeiten der Zahnhartsubstanz und die Beseitigung des Kühlmittels v.a. in Form des sog. Aerosols zu ermöglichen [7].

  • Abb. 2: Vergleich der frequenzabhängigen Schalldruckpegel von gebräuchlichen Spraynebel-Absaugkanülen (Concorde Roeko, W+H Löffel-Kanüle). Beachte: Die Skalierung der Diagramme in Abb. 1 und 2 ist identisch und erleichtert damit den direkten Vergleich (aus [6]). © Georg Thieme Verlag.

  • Abb. 2: Vergleich der frequenzabhängigen Schalldruckpegel von gebräuchlichen Spraynebel-Absaugkanülen (Concorde Roeko, W+H Löffel-Kanüle). Beachte: Die Skalierung der Diagramme in Abb. 1 und 2 ist identisch und erleichtert damit den direkten Vergleich (aus [6]). © Georg Thieme Verlag.

Die Aufgabe besteht entgegen der Meinung der o.g. Autoren v.a. in der Beseitigung des „Aerosols“ aus der Mundhöhle nach dem die Kühlung des Arbeitsgebietes erfolgt ist. Das Aerosol (besser der Spraynebel-Rückprall) ist keimbeladen und stellt eine Gefährdung für das Behandlungsteam dar. Da noch immer beruflich bedingte Infektionskrankheiten (z.B. Hepatitis, Lungentuberkulose) v.a. für Zahnärzte eine Rolle spielen, muss dieser Aspekt hervorgehoben werden 3,5.

Ein weiterer Aspekt betrifft die Lärmemmission bei Nutzung der Spraynebel-Absaugkanülen. Bei eigenen umfangreichen Untersuchungen mit einem arbeitsmedizinischen Institut wurden u.a. auch die o.g. HURA-Kanülen zu vergleichenden Prüfungen einbezogen. Dabei zeigte sich, dass die HURA-Kanülen sehr lärmintensiv sind. Ausgewählte Ergebnisse zeigen die Abbildungen 1 und 2 [6]. Nach Rücksprache im Institut für Akustik erfuhr man, dass die vielen Kanten an den HURA-Kanülen die hohe Lärmemmission unterstützen.


Ein besonders wichtiger dritter Gesichtspunkt betrifft „… die Arbeit ohne Stuhlassistenz ...“ bei Nutzung des o.g. Hilfsmittels. Die Autoren postulieren, „ .dass personelle Ressourcen (dadurch) wirtschaftlicher genutzt werden können…“.


In diesem Zusammenhang sind Ergebnisse der Nutzungszeiten der Antriebe und der Absauganlage wichtig. Dafür finden sich nur wenige Messergebnisse. Ein Zahnarzt untersuchte die Laufzeiten der Antriebe in seiner Niederlassung für 32 Tage. Deren durchschnittliche tägliche Laufzeit betrug 14 Minuten für die Turbine und 16 Minuten für den Mikromotor. Ein anderer Zahnarzt erfasste die Nutzungszeiten für 8 Monate in seiner Praxis. Die durchschnittlichen täglichen Laufzeiten betrugen analog 21 bzw. 29 Minuten. Die Absauganlage wurde durchschnittlich 15 Minuten angewandt [6]. Eine andere Studie ergab, dass die ununterbrochene Präparationszeit für konservierende Behandlungen durchschnittlich bei 1 Minute liegt. Betrachtet man diese Untersuchungsergebnisse, so ist die Aussage der Autoren zur „Freisetzung der aktiven Stuhlassistenz“ sehr fragwürdig. Dies kann allein deshalb nicht sinnvoll sein, weil andere Tätigkeiten, wie die Unterfüllung, die Füllungsapplikation und die Durchführung von Abformungen auch nicht ohne Stuhlassistenz realisiert werden.

Nach unseren Ergebnissen und Erfahrungen mit anderen handelsüblichen Spraynebel-Absaugkanülen kann durch die unterschiedlich positionierte Spraynebel-Absaugkanüle bei aktiver Stuhlassistenz der Rückprall aus der Mundhöhle effektiv reduziert werden [5]. Dies trifft z.B. auf alle Arten von Präparationen, den Einsatz bei der Ultraschall-Zahnsteinentfernung und bei Nutzung von Pulverstrahlgeräten zu. Unabhängig davon, muss man darauf hinweisen, dass die aktive Stuhlassistenz nicht nur zum „Absaugen“ wichtig ist. Die in vielen zahnärztlichen Praxen realisierte Teamarbeit – als Stichwort sei die sog. Vierhandtechnik erwähnt – trägt zur erfolgreichen Betreuung v. a. durch die aktive Stuhlassistenz bei [2].


Es haben schon frühzeitig Kollegen die Bedeutung der aktiven Mitarbeiter in der Praxis dargestellt. Eine solche Mitteilung stammt z.B. von Woehler und seiner kalifornischen Arbeitsgruppe aus dem Jahre 1956 (zit. Bei [8]). Auch aktuell finden sich immer wieder Hinweise zur Bedeutung der Teamarbeit in der zahnärztlichen Praxis [1].

Als letzter Aspekt sollen die Informationen zur Haltung betrachtet werden. Die Nutzung der Absaugkanüle Multi-Assist (HURA-Kanüle) „… ermöglicht eine entspannte und ergonomisch richtige Sitzhaltung“. Diese Aussage verstärken die Autoren mittels „ … in aufrechter Haltung ohne Torsion der Wirberlsäule zu arbeiten. Die Belastung der Bandscheiben wird signifikant reduziert …“. Leider werden diese Aussagen nicht belegt.


Nach eigenen umfangreichen Untersuchungen, die z. B. das Ziel der Objektivierung von zahnärztlichen Haltungen bei der Tätigkeit und den Einfluss unterschiedlicher Arbeitssessel zum Gegenstand hatten, müssen die Feststellungen der o.g. Autoren als nicht korrekt bezeichnet werden. Ein Arbeitsmittel führt nicht automatisch zu einer verbesserten zahnärztlichen Arbeitshaltung [4].

Die im o.g. Beitrag benannten „Befragungsergebnisse“ sind problembelastet. Zu deren Wertung benötigt man z.B. die Art der Fragestellungen und der Beantwortung.

Prof. Dr. Bernd Reitemeier, Dr. Klaus Neumann
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Dresden

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