Allgemeine Zahnheilkunde

Medizintechnisches Hilfsmittel mit wirtschaftlichem Effekt

Zahnmedizinische Behandlung ohne Stuhlassistenz


Am Behandlungsstuhl assistiert dem Zahnmediziner seit jeher die zahnmedizinische Assistentin. Die Stuhlassistenz hat bei konservierenden Behandlungen im Wesentlichen die Funktion, Speichel und Detritus abzusaugen und die Zunge des Patienten, häufig taub durch die Anästhesie des N. alveolaris inferior, vom rotierenden Instrument fernzuhalten. Als Konsequenz müssen sich Behandler und Mitarbeiterin Licht und Blickfeld teilen. Die Mehrfunktions-Absaugkanüle MultiAssist eröffnet hier eine neue Option.

Bei konservierenden Behandlungen ist zum Schutz der oralen Weichteile, Wange und Zunge, vor Kontakt mit rotierenden Instrumenten ein „Schild“ erforderlich, der weder bei der Präparation behindert noch den Patienten beeinträchtigt. Um den Patienten zu veranlassen, den Mund über einen längeren Zeitraum geöffnet zu halten, ist eine Kooperationsbereitschaft erforderlich, die u. a. bei Menschen mit Behinderung und bei Kindern nicht immer erreicht wird. Parallel zur Behandlung muss die Absaugung von Kühlwasser, Speichel und Detritus sichergestellt sein. Aus behandlungstechnischer Sicht erfüllt die Stuhlassistenz diese Aufgaben. Aus Sicht des Patienten stellt sich aber die Frage: Mit meinem Hausarzt und anderen Fachärzten bin ich allein und kann ein persönliches Verhältnis aufbauen – warum ist bei meinem Zahnarzt eine dritte Person zugegen, die passiv mitbehandelt?

Multifunktionale Absaugkanüle

  • Abb. 1: Durch die Seitenwände des Multi-Assist werden Zunge und Wange des Patienten vor Verletzungen durch das rotierende Instrument geschützt.

  • Abb. 1: Durch die Seitenwände des Multi-Assist werden Zunge und Wange des Patienten vor Verletzungen durch das rotierende Instrument geschützt.
Seit Mitte der 1990er- Jahre sind in Deutschland multifunktionale Absaugkanülen verfügbar, die eine zahnärztliche Behandlung ohne Stuhlassistenz möglich machen. Bei der Absaugkanüle MultiAssist (HURA Dental, Gütersloh) handelt es sich um ein Instrument, das die Absaugung von Speichel, Detritus und Kühlwasser sicherstellt, aber durch Integration einer quergestellten Aufbissfläche gleichzeitig eine Öffnung des Mundes bewirkt (Abb. 1).

Der Patient kann durch Zubeißen auf die quergestellte Aufbissfläche dieser Absaugkanüle diese im distalen Zahnbereich selbst fixieren. Durch zwei parallel stehende „Wände“ werden Zunge und Wange vor Kontakt mit dem rotierenden Instrument geschützt. Die Mehrfunktions-Absaugkanüle kann problemlos beim liegenden Patienten angewendet werden. Dazu wird der modifizierte Sauger über die zu behandelnde Zahnreihe in den 7er- bis 8er-Bereich geschoben.

Klinische Erprobung und Anwendung in der täglichen Praxis

  • Abb. 2: Anwendung des MultiAssist bei Oberkiefer-Behandlung aus 12-Uhr-Grundposition.

  • Abb. 2: Anwendung des MultiAssist bei Oberkiefer-Behandlung aus 12-Uhr-Grundposition.
Für die klinische Erprobung des MultiAssist wurden übliche Kavitäten- und Kronenpräparationen definiert. Diese Behandlungen wurden ohne Stuhlassistenz durchgeführt. Es zeigte sich, dass Behandlungen von der 9-Uhr- bis zur 3-Uhr-Position praktikabel sind, da der sonst von der Helferin benötigte Platz für den Behandler frei ist. Für die Behandlung im Oberkiefer sollte der Kopf des Patienten so weit überstreckt sein, dass der obere Zahnbogen vertikal mit leichter Neigung nach hinten gelagert ist. Der Behandler kann dann eine Grundposition auf 12 Uhr einnehmen, bei interdentalen Präparationen kann jedoch auch eine 9-Uhr- oder sogar eine 3-Uhr-Position – bei Neigung des Patientenkopfes in beide Richtungen – Vorteile für eine direkte Sicht bieten (Abb. 2). In allen Positionen ist ein freier Blick auf die zu präparierenden Zahnflächen der oberen Quadranten möglich. Bei Behandlungen im dritten und vierten Quadranten empfiehlt es sich, den Kopf des Patienten so zu lagern, dass der Unterkiefer bei geöffnetem Mund annähernd horizontal geneigt ist. Hierbei ist die 9-Uhr-Sitzposition des Behandlers angezeigt.

In allen Fällen positioniert der Behandler (Rechtshändler) den Multisauger mit der linken Hand, die rechte Hand hält Winkelstück oder Turbine. Bei der Präparation kann der Behandler sich, die Absaugkanüle kurz gefasst, am rechten Os zygomaticum abstützen. Eine seitliche Neigung des Patientenkopfes in Richtung des Behandlers wird möglich, da Sichtfeld und Beleuchtung nicht mehr mit der Helferin am Stuhl geteilt werden müssen. Dadurch ergibt sich ein freier und uneingeschränkter Blick auf das Arbeitsfeld.

Die U-Form der Mehrfunktions-Absaugkanüle mit der distalen Aufbissfläche und den seitlichen Schutzflächen bietet einen guten Weichteilschutz. Wange und Zunge werden sicher vom Arbeitsbereich abgehalten und vor unbeabsichtigtem Kontakt mit dem rotierenden Instrument des Winkelstücks geschützt. Durch das Zubeißen auf die quer positionierte Aufbissfläche entspannt sich die Kiefermuskulatur des Patienten. Er muss den Mund nicht aktiv weit offenhalten; bedingt durch die Aufbisssituation bleiben die Schluckreflexe und die Motilität der Zunge erhalten. Der Patient empfindet also keine Beeinträchtigung.

Die Tatsache, dass die Behandlung ohne Helferin ausschließlich durch den Zahnmediziner erfolgt, wird nach den Ergebnissen einer Befragung von rund 100 Patienten in mehr als 95 % der Fälle als angenehm empfunden, von den übrigen wurde die fehlende Stuhlassistenz weder positiv noch negativ bewertet.

Entspanntes Arbeiten

Die Arbeit mit der Mehrfunktions- Absaugkanüle MultiAssist ermöglicht eine entspannte und ergonomisch richtige Sitzhaltung. Da bei Behandlung ohne Stuhlassistenz der Kopf des Patienten in Richtung des Behandlers geneigt werden kann, ist es dem Behandler möglich, in aufrechter Haltung und ohne Torsion der Wirbelsäule zu arbeiten. Die Belastung der Bandscheiben wird signifikant reduziert. Muskulären Verspannungen des Behandlers kann dadurch vorgebeugt werden. Auch die Aerosol-Sprühnebel-Situation stellt sich für den Behandler günstiger als bei konventioneller Behandlung dar: Durch die Schutzflächen des Multisaugers sowohl lingual als auch bukkal und distal ist die Belastung deutlich geringer.

Straffere Abläufe

Der Wechsel von der konventionellen Team-Behandlung hin zur MultiAssist-Absaugkanüle ohne Stuhlassistenz erfordert beim Behandler eine Einübungsund Gewöhnungszeit, die mit etwa 5 bis 10 Tagen – oder vergleichbar 50 bis 100 Behandlungen – angesetzt werden sollte. Während dieser Zeit muss sich der Zahnarzt damit vertraut machen, die Absaugkanüle eigenhändig zu positionieren und die Bewegungsabläufe während der Behandlung ohne Stuhlassistenz zu optimieren.

Bei Anwendung eines ergonomischen Spritzensystems, z. B. einer Dosierhebel- oder einer Dosierrad-Spritze, können nach Positionierung des MultiAssist intraligamentale Injektionen zur örtlichen Betäubung appliziert werden. Die bereits angesprochene Taubheit von Wange, Lippen und Zunge tritt bei dieser Lokalanästhesie-Methode nicht ein, was vom Patienten ebenfalls positiv registriert wird. Da bei dieser Lokalanästhesie-Methode keine Latenzzeit zwischen Anästhetikum-Injektion und Anästhesieeintritt überbrückt werden muss, kann die Behandlung ohne Unterbrechung durchgeführt werden.

  • Abb. 3: Das MultiAssist-Instrumentarium kann problemlos an individuelle Gegebenheiten, z. B. für die Kinderbehandlung, angepasst werden.

  • Abb. 3: Das MultiAssist-Instrumentarium kann problemlos an individuelle Gegebenheiten, z. B. für die Kinderbehandlung, angepasst werden.
Durch die strafferen Arbeitsabläufe ergibt sich für den Behandler ein deutlicher Zeitgewinn, zumal die Koordination mit der Stuhlassistenz bei allen Behandlungsschritten entfällt. Die Freistellung der Assistentin während der Präparationszeit ermöglicht neue Einsatzgebiete für das Praxisteam, beispielsweise Individual-Prophylaxe, Patientenmarketing, Qualitätsmanagement, die für die Praxis interessante Perspektiven eröffnen können.

Für die Herstellung des MultiAssist wird ein Hochleistungswerkstoff verwendet, der uneingeschränkt sterilisierbar ist und sehr hohe thermische, mechanische und chemische Belastungen über lange Zeiträume ohne Beeinträchtigungen überdauert. In der praktischen Anwendung hat sich gezeigt, dass eine Adaptation der Form der Kanüle an spezielle Patienten- Gegebenheiten sinnvoll sein kann (Abb. 3). Bei Patienten mit geringer SKD empfiehlt sich die Reduzierung bzw. Einebnung der Aufbissfläche. Der Werkstoff gestattet eine Reduzierung auf ?10 mm. Für die Kinderbehandlung kann zusätzlich die Länge des Weichteilflügels individuell reduziert werden, um ihn an die verkürzte Zahnreihe des kindlichen Gebisses anzupassen.

Fazit

Als Ergebnis zwanzigjähriger Erfahrungen mit der Multifunktions-Absaugkanüle MultiAssist kann festgestellt werden, dass die Stuhlassistenz der zahnärztlichen Helferin in der täglichen Praxis deutlich reduziert werden kann. Nach der Einübung der Bewegungsabläufe mit der ergonomischen Multifunktionskanüle kann der Behandler auch aufwendige Präparationen ohne Assistenz durchführen. Die Assistentin wird für andere Tätigkeiten frei.

Alle Abläufe der täglichen zahnärztlichen Arbeit können durch das Praxisteam individueller und auch rationeller gestaltet werden. Die Arbeitsbedingungen für den Behandler werden durch konsequenten Einsatz der Multifunktions- Absaugkanüle optimiert. Somit können personelle Ressourcen wirtschaftlicher genutzt und das direkte Verhältnis zwischen Patient und Behandler verstärkt werden.

weiterlesen
Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Lothar Taubenheim

Bilder soweit nicht anders deklariert: Lothar Taubenheim



Das könnte Sie auch interessieren: