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Ein Update in Zeiten der Pandemie 2020

Aerosol in der zahnärztlichen Prophylaxe – eine unterschätzte Gefahr?

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In der Zahnarztpraxis gefährden Infektionskrankheiten das gesamte Personal – vor allem dann, wenn Spraynebel und Aerosole durch die Wasserkühlung hochtouriger Hand- und Winkelstücke, maschineller Scaler sowie durch den Wassermantel von Pulver-Wasser-Strahlgeräten erzeugt werden. Die individuelle Gefahr des jeweiligen Systems für die Aerosolbildung sollte erfasst und geeignete Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Der folgende Beitrag verschafft einen Überblick über mögliche Gefahren.

Es scheint unbestritten, für jede Tätigkeit in der zahnärztlichen Praxis bestehen arbeitsbedingte Belastungen, welche vielfältiger Ursache sind und durch entsprechende Gegenmaßnahmen in der täglichen Routine beachtet werden sollten. Die nachfolgende beispielhafte Übersicht möglicher Risiken durch Bildung von Aerosolen und Spraynebeln etc. berücksichtigt speziell Tätigkeiten im Rahmen der Prophylaxe und Therapie parodontaler Erkrankungen für das gesamte Praxisteam.

Obwohl auch kurz auf die Folgen der Anwendung von hochtourig-rotierenden Instrumenten, wie sie zur Präparation der Zahnhartsubstanz Anwendung finden, eingegangen wird, erheben die Autoren aber bei weitem keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Weiter möchten die Autoren dringend auf die im September erschienene S1- Leitlinie zum Umgang mit zahnmedizinischen Patienten bei Belastung mit Aerosol-übertragbaren Erregern verweisen (AWMF-Registernummer: 083-046).

Biofilme – die Ursache allen Übels?

Entsprechend einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) zu Virusinfektionen in der Zahnarztpraxis gefährden Infektionskrankheiten das gesamte zahnärztliche Personal während der Behandlung [1] vor allem dann, wenn durch Wasserkühlung Spraynebel und Aerosole erzeugt werden [2]. Hier gelten neben Hand- und Winkelstücken maschinelle Instrumente zur Zahnreinigung als eine große Gefahrenquelle. Generell ist bekannt, dass der Speichel aus schätzungsweise 108 Keime/ml besteht [3].

Die Bakterien heften sowohl supragingival als auch subgingival in Form eines organisierten Biofilms an der Zahnoberfläche [4]. Idealerweise wird dieser Biofilm durch häusliche Mundhygiene entfernt, um entzündlichen Erkrankungen der Gingiva und des Parodontiums vorzubeugen [5]. In der Praxis werden jedoch mithilfe der Handzahnbürste lediglich 42% [6] und durch die elektrische Zahnbürste etwa 46% der Beläge wirklich entfernt [7].

Neben manuellen Defiziten kommen hier individuelle Gegebenheiten erschwerend hinzu, sogenannte Prädilektionsstellen. Diese entstehen durch Engstände oder Verschachtelungen und erschweren die suffiziente Plaquekontrolle. Wenn es bereits zur Mineralisation des Biofilms gekommen ist, kann dieser durch den Patienten häuslich gar nicht mehr entfernt werden. Diese verbliebenen supragingivalen harten und weichen Auflagerungen ebenso wie subgingivale Auflagerungen lassen sich nur noch durch die professionelle Reinigung im Rahmen der Prophylaxe oder einer unterstützenden Parodontitistherapie in der Zahnarztpraxis entfernen. Hierbei sollte situationsspezifisch und angepasst an das jeweilige Ziel der Maßnahme (z.B. differenziert für harte Auflagerungen versus Biofilm) vorgegangen werden.

Aerosol gleich Aerosol? Begrifflichkeiten richtig definiert

Aerosol definiert eine Suspension aus Flüssigkeit und Feststoffpartikeln mit einem Durchmesser bis zu 5 μm, Ablagerungen und lebenden oder toten Mikroorganismen in einem gasförmigen Medium. Wird ein Aerosol durch den Einsatz von maschinellen Instrumenten im Bereich der Zahnmedizin produziert, so kann es mehrere Meter weit getragen und bis zu 30 Minuten in der Raumluft nachgewiesen werden [8]. Im Gegensatz dazu ist der Spraynebel ein Gemisch aus Luft, Wasser und Feststoffen mit Partikeln im Durchmesser von 50 μm bis mehrere Millimeter und mit dem bloßen Auge sichtbar [9].

Als Spraynebelrückprall wird jenes Medium bezeichnet, welches nach dem Aufprall auf dem Zahn oder dem Weichgewebe aus der Mundhöhle glockenartig im Arbeitsfeld austritt und zusätzlich zum Spraynebel Keime, Schleifkörper, Speichel und eventuell Blut enthält [2]. Sowohl Aerosol als auch Spraynebel oder Spraynebelrückprall können somit übertragbare Krankheitserreger enthalten [9] (Abb. 1).

  • Abb. 1: Aerosol und Spraynebelrückprallbildung im unmittelbaren Umfeld des Patientenmundes während der Anwendung eines maschinellen Scalers am Phantomkopf im verdunkelten Behandlungsraum. (Kühlmedium mit bei Schwarzlicht fluoreszierendem Natriumsalz versetzt nach digitaler Bearbeitung des Bildes mit einer Grafiksoftware).
  • Abb. 1: Aerosol und Spraynebelrückprallbildung im unmittelbaren Umfeld des Patientenmundes während der Anwendung eines maschinellen Scalers am Phantomkopf im verdunkelten Behandlungsraum. (Kühlmedium mit bei Schwarzlicht fluoreszierendem Natriumsalz versetzt nach digitaler Bearbeitung des Bildes mit einer Grafiksoftware).
    © Dr. Graetz

Instrumente zur Präparation und Zahnreinigung – geht es ohne Kühlung?

Rotierende Instrumente

Der Einsatz von hoch- und höchsttourigen, rotierenden Instrumenten ist bisher zur Präparation von Zahnhartsubstanz unabdinglich und erfordert ausreichend Kühlflüssigkeit, welche gleichmäßig um Bohrer oder Fräse herumgeleitet werden muss. Anderseits gilt dies auch für oralchirurgische Maßnahmen mit einer langsameren Rotation, wie z.B. die Implantatbohrung im Kieferknochen oder die Freilegung verlagerter und retinierter Zähne. Ohne diese Kühlung würde es aufgrund von Reibung zu einer zu hohen Wärmezufuhr mit nachfolgender irreversibler Schädigung der Pulpa-Dentin-Einheit (Denaturierung von Proteinen), des Knochengewebes und/oder zu einer Irritation aller umliegenden Gewebe kommen [10].

Zur Vermeidung ist somit zwingend eine Kühlung notwendig. Dabei kommt es aber durch die Rotation des Arbeitsendes zum Aufwerfen der Kühlflüssigkeit und es entstehen Aerosol und Spraynebel/-rückprallmedien. Studien zeigen, dass je näher die Kühlflüssigkeit an die Spitze des Bohrers gerichtet wird, je mehr Düsen zum Einsatz kommen und je geringer der Durchmesser bzw. die Wölbung der rotierenden Instrumente ist, desto geringer ist die entstehende Verwirbelung und somit auch die Aerosolbildung [2].

Maschinelle Scaler

Ursprünglich wurden die maschinellen Systeme zur Zahnreinigung entwickelt, um die Effizienz der Handinstrumente zu verbessern, was teils zu einer Zeitersparnis und Arbeitserleichterung führte [11]. Denn die kinetische Energie der in Schwingung versetzten Arbeitsspitzen ermöglicht eine weniger mühsame Bearbeitung der Zahnoberflächen und eine vergleichsweise leichtgängigere Arbeitsweise mit weniger Anpresskraft [12,13]. Dabei wird die notwendige Schwingungsenergie bei Schallscalern durch eine Luftströmung erzeugt, wodurch hörbare Schwingungen der Arbeitsspitzen mit bis zu 6 kHz die Folge sind.

Hingegen werden Ultraschallscalerspitzen zumeist piezoelektrisch, aber auch magnetostriktiv zu Schwingungen bis zu 40 kHz angeregt. Dabei beeinflusst die Schwingungscharakteristik der verschiedenen Systeme entscheidend die Zeit für eine effektive Instrumentierung [14], und dies unabhängig davon, ob der Anwender die eigene Effektivität gerade bei subgingivaler Instrumentierung richtig einzuschätzen vermag.

  • Abb. 2: Spraynebelrückprall intraoral bei Anwendung eines Schallscalers (KaVo Dental GmbH, Biberach/Riß, Deutschland) subgingival in Regio 23 im Rahmen eines Deep Scalings.

  • Abb. 2: Spraynebelrückprall intraoral bei Anwendung eines Schallscalers (KaVo Dental GmbH, Biberach/Riß, Deutschland) subgingival in Regio 23 im Rahmen eines Deep Scalings.
    © Dr. Graetz
Das hochfrequente Schwingen bedingt aber zwingend eine ausreichende Flüssigkeitskühlung unmittelbar an der Instrumentenspitze des Arbeitsendes. Analog den Ausführungen zu den rotierenden Instrumenten muss aber auch hier wieder bedacht werden, dass dies ebenso bei oralchirurgischen Maßnahmen wie der Fensterung der Knochenwand einer Kieferhöhle mit oszillierenden Ansätzen auftritt. In jedem Fall führt es zu einer nicht zu unterschätzenden Aerosol- und Sprühnebel/-rückprallbildung [15] (Abb. 2), welche als potentiell infektiös zu betrachten ist, da Speichel, Sulkusflüssigkeit und Blutbestandteile sowohl bei supra- als auch subgingivaler Instrumentierung enthalten sind [16].

Obwohl Neu- und Weiterentwicklungen beim Spitzendesign oder Geräteantrieb teils zu deutlichen Reduzierungen der unvermeidlichen Missempfindungen für den Patienten [17] führten, können systematische Übersichtsarbeiten bisher keinen klinischen Vorteil dieser oder eines spezifischen maschinellen Systems nachweisen [18]. Ebenso konnte das systemimmante Problem der ausreichenden Zufuhr von Kühlflüssigkeit und damit das Risiko für Anwender und Patienten in Form von Spraynebel- bzw. Aerosolbildung und Bakterienkontamination nicht ausreichend gelöst werden [8]. Bis heute lässt sich die Gefährdung nur durch entsprechende Schutzmaßnahmen reduzieren, aber nicht vollständig eliminieren.

Pulver-Wasser-Strahl-Geräte

Eine Alternative zur konventionellen Biofilmentfernung mit Handinstrumenten oder maschinellen Scalern stellen Pulver- Wasser-Strahlgemische dar, welche aufgrund von neuentwickelten wenig abrasiven Pulvern auch subgingival oder auf exponiertem Dentin eingesetzt werden können [19]. Auf dem Markt befinden sich seit längerem das Glycinpulver und seit neuerem das Erythritol- [20] beziehungsweise Trehalosepulver [21], wobei die Effektivität und Abrasivität [22] neben der jeweiligen Pulverart, von der Pulvermenge im Tank, aber auch dem Typ des verwendeten Gerätes [23] abhängt. Bisherige Weiterentwicklungen beschränken sich aber auf die Praktikabilität der Gerätesysteme und insbesondere auf die Pulver, um deren Reinigungsleistung bei Reduzierung der Abrasivität immer weiter zu verbessern [21], was deren Einsatzmöglichkeiten im Rahmen der Biofilmtherapie gleichsam paradigmenartig erweitert [24].

Im Alltag muss aber neben der latenten Gefahr des Auftretens von subkutanen Emphysemen [25] auch einer möglichen Reizung des Lungengewebes bei Patienten mit Asthma und Atemwegserkrankungen durch Aspirierung von Pulvern Aufmerksamkeit geschenkt werden (Kontraindikation!). Obwohl die größeren Spraynebeltröpfchen unmittelbar absinken, verbleibt das Aerosol noch mehrere Minuten in der Luft, wodurch auch für das zahnärztliche Personal das Risiko einer Reizung selbst bei korrekter Anwendung eines Mund-Nasen-Schutzes bestehen kann.

  • Abb. 3: Spraynebelbildung bei der Anwendung von Pulver-Wasser-Strahlgeräten und niedrig-abrasivem Glycinpulver (zur besseren Darstellung ohne Sauger fotografiert).

  • Abb. 3: Spraynebelbildung bei der Anwendung von Pulver-Wasser-Strahlgeräten und niedrig-abrasivem Glycinpulver (zur besseren Darstellung ohne Sauger fotografiert).
    © Dr. Graetz
Besonders hoch scheint dieses Risiko, wenn durch Verunreinigung der Düsen die Einbettung des Pulvers in den Wassermantel nicht mehr erfolgt. Eine Aerosolbildung ist aufgrund dieser Funktionsweise wie bei den bereits beschriebenen maschinellen Scalern unvermeidbar (Abb. 3). Entsprechende Schutzmaßnahmen müssen unbedingt ergriffen werden [26], sodass auch Prophylaxemaßnahmen zur Prävention von Karies und Gingivitis bzw. Parodontitis in Zeiten einer Pandemie mit erhöhter Hygiene- und Infektionskontrolle sicher und erfolgreich durchgeführt werden können.

Folgen – Infektionserkrankungen

Aerosole können in Abhängigkeit von ihrer Konzentration in der Luft und ihrem aerodynamischen Verhalten Infektionen verursachen [20], die dann zu Erkrankungen wie Asthma, Rhinitis, Legionellose und Tuberkulose oder Hepatitis führen [27,28]. Einige Autoren weisen deshalb darauf hin, dass gerade das zahnärztliche Personal einem höheren Risiko ausgesetzt ist als andere Mitarbeiter im Gesundheitswesen [29–31]. Jedoch ist entsprechend einer Mitteilung der Bundeszahnärztekammer kein Fall dokumentiert, in dem HIV, HBV oder HCV durch Aerosole von Hand- und Winkelstücken übertragen wurden.

  • Abb. 4: Aerosolbildung und Ausbreitungstendenz der maschinellen Scaler. Direkt nach Betätigen des Motors und nach 2-sekündiger Bewegung der Instrumentenspitze. a1 und a2) verschiedene Ultraschallscaler, a3) Schallscaler. Die Bilder a1 bis a3 zeigen die schwingenden Spitzen von oben und die Bilder b1 bis b3 sind aus seitlicher Position aufgenommen (Fläche: 0,8 x 1,5 m), (Originalabbildung aus Graetz, Bielfeldt [32]).

  • Abb. 4: Aerosolbildung und Ausbreitungstendenz der maschinellen Scaler. Direkt nach Betätigen des Motors und nach 2-sekündiger Bewegung der Instrumentenspitze. a1 und a2) verschiedene Ultraschallscaler, a3) Schallscaler. Die Bilder a1 bis a3 zeigen die schwingenden Spitzen von oben und die Bilder b1 bis b3 sind aus seitlicher Position aufgenommen (Fläche: 0,8 x 1,5 m), (Originalabbildung aus Graetz, Bielfeldt [32]).
    © Dr. Graetz
Zudem zeigt bisher keine klinische Studie eine direkte Ursachen-Wirkungs-Beziehung zwischen den von Bakterien verunreinigten Aerosolen und Infektionen. Es scheint unbestritten, dass die Konzentration der entstehenden Aerosole in der direkten Umgebung des zu behandelten Patienten am größten ist. Eine Veränderung der bakteriellen Kontamination lässt sich allerdings noch in einer Entfernung von bis zu 3 Metern nachweisen [27]. Sogar für Spritzer beziehungsweise Tropfen konnte eine Verteilung von rund 1,5 m um die Mundhöhle des Patienten gemessen werden (Abb. 4), wie es auch eigene Untersuchungen der Autoren nach Anwendung verschiedener Schall-/Ultraschallscaler bestätigten [15].

Somit besteht eine latente Gefahr der Infektion für Praxispersonal und Patienten und entsprechend der Gesundheitsberichterstattung des Bundes (abgerufen am 20.10.2017) kann es durch die Globalisierung der Arbeitswelt, eine Zunahme von Fernreisenden, Resistenzentwicklungen gegen Antibiotika, aber auch kulturelle Veränderung der zu behandelnden Patientengruppe in Deutschland wieder zu einem erhöhten Ansteckungsrisiko für vormals bereits zurückgedrängte Infektionserkrankungen kommen. Da einige Infektionskrankheiten, unter anderem auch HIV, in Deutschland nicht meldepflichtig, aber auch Patienten unwissend über mögliche Erkrankungen sind, sollte jeder Patient als potenziell infektiös angesehen werden.

Durch die weltweite Ausbreitung von SARS-CoV-2 ab März 2020 steht die Zahnmedizin vor großen Herausforderungen. Denn obwohl die oberste Priorität auf dem Schutz sowohl von Personal als auch Patienten vor einer Infektion mit Tuberkulose, SARSCoV-2 etc. liegen sollte, muss gleichzeitig die zahnmedizinische Grundversorgung der Bevölkerung gewährleistet bleiben. Dies bedingt, die im Folgenden erläuterten Schutzmaßnahmen zwingend in der täglichen Routine einzuhalten, um Patienten und Praxispersonal gleichermaßen zu schützen.

Einfache und komplexe Schutzmaßnahmen – 100% Risikovermeidung möglich?

Zur Verwendung von hoch- und höchsttourigen Präparationsinstrumenten gibt es bisher kaum Alternativen, wenn auch eine Kariesexkavation statt eines Bohrers mit Lasern erfolgen kann. Diese finden auch im Bereich der Parodontologie Anwendung, wobei es hier ebenso fraglich bleibt, welche signifikanten Vorteile des kostenintensiveren Lasers es gibt [33]. Anstatt die etablierten Methoden zur Zahnreinigung und Präparation bezüglich einer Risikominimierung hinsichtlich des Infektionspotentials durch Spraynebel und Aerosole gänzlich zu hinterfragen, scheint es wesentlich einfacher, über deren Reduktion nachzudenken. Wenn auch eine gewisse Kühlflüssigkeitsmenge systemimmanent notwendig ist, so sollte doch beachtet werden, dass nicht zu viel Kühlflüssigkeit zugeführt wird, aber auch dass weder Austrittsdüsen verstopft sind noch beschädigte Fräsen/Bohrer/Arbeitsspitzen verwendet werden.

  • Abb. 5: Kontamination abhängig von der Sitzposition. Graphische Darstellung während der Wurzeloberflächenbearbeitung mit einem Schallscaler und Ultraschallscalern, (Originalabbildung aus Graetz, Bielfeldt [32]).

  • Abb. 5: Kontamination abhängig von der Sitzposition. Graphische Darstellung während der Wurzeloberflächenbearbeitung mit einem Schallscaler und Ultraschallscalern, (Originalabbildung aus Graetz, Bielfeldt [32]).
    © Dr. Graetz
Letzteres sollte durch Sichtkontrolle vor jeder Benutzung sichergestellt werden. Die Menge an Kühlflüssigkeit muss regelmäßig überprüft und sollte für rotierende Instrumente um die 50 ml/min und für maschinelle Scaler etwa 25 bis 30 ml/min betragen [34–36]. Diese reduzierte Menge ist bedingt durch die oben genannten Unterschiede in der Funktionsweise zwischen den maschinellen Scalern und rotierenden Instrumenten, den Kontakt zur Zahnoberfläche, aber auch die Möglichkeit der Kühlflüssigkeitszuführung (intern versus extern). Dabei sollte ergänzend noch beachtet werden, dass in der Gruppe der maschinellen Scaler Schallscaler, wie Studien der Autoren [15] gezeigt haben, deutlich mehr Spraynebel im Vergleich zu Ultraschallscalern generieren (Abb. 4 und 5).

Vor diesem Hintergrund ist die Wahl des Instrumentes sorgfältig zu treffen. Bei potenziell infektiösen Patienten empfehlen die Autoren deshalb nur den Einsatz von Ultraschallscalern für die Instrumentierung der Zahnoberfläche, oder ganz auf maschinelle Scaler zu verzichten und stattdessen nur Handinstrumente zu verwenden. In der Abbildung 5 ist zu erkennen, dass sich Spraynebel entsprechend der Sitzposition des Behandlers unterschiedlich im Raum um die Mundhöhle des Patienten ausbreitet, was analog auch für rotierende Instrumente gilt [2]. Somit hat unabhängig der Absaugvorrichtung die Sitzposition des Behandlers einen signifikanten Einfluss auf die Ausbreitung des Spraynebels.

Um dies besser beschreiben zu können, wird die Sitzposition nach der Uhr im Folgenden definiert: Studienergebnisse der Autoren zeigen für maschinelle Scaler die größte Ausbreitung im Raum beim Arbeiten in der 10 bis 12 Uhr-Sitzposition und die geringste bei der Instrumentierung aus der 8 Uhr-Position (Abb. 5). Erklärt werden kann dies, da von der 12 Uhr-Behandlerposition vor allem die Frontzähne und von der 8 Uhr-Position die Molaren bearbeitet wurden.

Zu ähnlichen Erkenntnissen bei der Verwendung von hoch- und höchsttourigen Präparationsintrumenten kommt die Arbeitsgruppe um Reitemeier und Jatzwauk [2], wobei es speziell bei der Frontzahnpräparation eine deutlichere Kontamination im Raum gab. Ursächlich erklärt wird dies durch die fehlende Schutzfunktion in Form eines Schildes durch Wange und Lippe [2]. Trotzdem konnten genauso wie für Schall- und Ultraschallscaler auch nach Präparation mit einer zahnärztlichen Turbine in einem Abstand von 1,8 m um die Mundhöhle des Patienten Tröpfchen aus dem Spraynebel nachgewiesen werden [37]. Seit langem bekannt ist, dass gerade kleinere Partikel unter 10 μm aufgrund einer geringeren Sedimentationsgeschwindigkeit länger in der Raumluft verweilen und dadurch größere Strecken ausgehend von der eigentlichen Emissionsquelle zurücklegen können [38]. Somit besteht eine Infektionsgefahr auch für Personen in anderen Räumen oder Personen, die sich zu einem späteren Zeitpunkt im Behandlungsraum aufhalten [39].

Schutzmaßnahmen – situationsspezifisch oder ubiquitär möglich?

Da, wie bereits erläutert, eine absolute Reduktion des Aerosols unmöglich ist und jeder Patient als potentiell infektiös gilt, sollten folgende Schutzmaßnahmen bei der Verwendung von rotierenden und schwingenden Instrumenten ergriffen und vom gesamten Praxisteam umgesetzt werden: Bekannte Schutzmaßnahmen sind das Tragen von Schutzbrille und Mund-Nasen-Schutz, wobei auf das korrekte Anlegen dieses mit Abdichten an Mund und Nase zu achten ist. Werden umfangreiche Spraynebel- und Aerosolbildungen erwartet, so sollte zusätzlich ein Visier getragen werden. Ergänzend sollte die Keimlast im Patientenmund durch ein 30 bis 60-sekündiges Spülen/Gurgeln mit einer antiseptischen Lösung verringert werden [40,42].

Neben den klinischen Empfehlungen der S1-Leitlinie zum Umgang mit zahnmedizinischen Patienten bei Belastung mit Aerosol-übertragbaren Erregern (AWMF: 083-046) sollte aber auch die regelmäßige Wartung und ggf. Desinfektion von Aerosol generierenden technischen Systemen helfen, die Übertragung von Erregern respiratorischer Infektionen entscheidend zu verhindern. Dies wird auch in den Ausführungen des Arbeitskreises Krankenhaus- und Praxishygiene empfohlen. Zudem reduziert nur die Verwendung einer Hochleistungsabsauganlagen mit einem Saugvolumen von bis zu 300 l/min in Verbindung mit einer durchmesseroptimierten Saugkanüle wirksam die Aerosolkontamination des Behandlungsraumes [2,32].

Anderseits muss aber auch durch Einhaltung eines Mindestabstandes der Saugkanüle von der Arbeitsspitze (ca. 1 bis 2 cm, Abb. 2) sicher gewährleistet sein, dass die Kühlfunktion der Arbeitsspitze, egal ob rotierend oder schwingend, aufrechterhalten wird. Nicht zu vergessen ist, dass neben einer optimal angepassten Absaugtechnik [41] die korrekte Desinfektion von Arbeitsflächen und das Durchspülen der Sauganlage nach jedem Patienten zur Unterstützung der Schutzmaßnahmen beitragen. Dies setzt aber auch einen ergonomisch an die vielfältigen Anforderungen angepassten Behandlungsraum voraus [2].

Zusammenfassung

Nicht erst mit Beginn der COVID 19-Pandemie gefährden Infektionskrankheiten das gesamte zahnärztliche Personal, vor allem dann, wenn durch Wasserkühlung hochtouriger Hand- und Winkelstücke, maschineller Scaler, aber auch den Wassermantel von Pulver-Wasser-Strahlgeräten Spraynebel und Aerosole erzeugt werden. Auch bei den notwendigen Hygienemaßnahmen wird zwischen Tröpfcheninfektion und aerogener Infektion unterschieden. Leider lässt sich aber das Auftreten von Spraynebel und Aerosolen bauartbedingt nicht vermeiden, sodass die individuelle Gefahr des jeweiligen Systems im Rahmen verschiedener zahnärztlicher Behandlungen, insbesondere infektiöser Patienten, richtig eingeschätzt werden muss. Ausgeprägte Spraynebel- und Aerosolbildung entsteht hauptsächlich beim Arbeiten mit Pulver-Wasser-Strahlgeräten und hochtourig rotierenden Winkelstücken/Turbinen, aber auch bei Schallscalern.

Fazit

Eine absolute Reduktion von Spraynebel und Aerosol ist derzeitig unmöglich, aber um die Risiken potentieller Infektionen so gering wie möglich zu halten, sollten unter anderem folgende, bereits bekannte Schutzmaßnahmen ergriffen und vom gesamten Praxisteam zwingend umgesetzt werden: Tragen entsprechender Schutzkleidung wie Schutzbrille oder Gesichtsvisier, ein korrekt angelegter Mund-Nasen-Schutz und Handschuhe sowie die Verwendung einer Hochleistungsabsauganlage in Kombination mit einer durchmesseroptimierten Absaugkanüle. Ergänzend sollte der Patient vor Beginn der Behandlung den Mund für 1 Minute mit einer antiseptischen Lösung spülen/gurgeln, was eine deutliche Reduktion der intraoralen Mikroorganismen bewirkt. Unbedingt erforderlich ist es, dass trotz dieser allgemeingültigen Empfehlungen eine individuelle Risikobewertung der jeweiligen Lage in Abhängigkeit der regionalen epidemiologischen Situation in der zahnärztlichen Praxis zu erfolgen hat.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Christian Graetz - Dr. Anica Tillner - Dr. Sonja Sälzer


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