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XXI. GBO-Kongress 2016 Unverzichtbar? Die digitale Kieferorthopädie

13.06.2016

Durften sich über einen hervorragend angenommen Kongress zu einem herausfordernden Thema freuen: Kongresspräsident Prof. Dr. Thomas Stamm (Bildmitte/hinten) und das GBO-Vorstands-Team (von links: Prof Dr. Ulrike Fritz, Dr. Bernd Zimmer, Dr. Michael Sost
Durften sich über einen hervorragend angenommen Kongress zu einem herausfordernden Thema freuen: Kongresspräsident Prof. Dr. Thomas Stamm (Bildmitte/hinten) und das GBO-Vorstands-Team (von links: Prof Dr. Ulrike Fritz, Dr. Bernd Zimmer, Dr. Michael Sost


Der XXI Jahreskongress des GBO (German Board of Orthodontics and Orofacial Orthopedics) am 15. und 16. April 2016 traditionell in Bonn behandlete das Thema „Digitalisierung in der KFO). Kongresspräsident Prof. Dr. Thomas Stamm (Münster) hatte ein bewusst breites Spektrum an Referenten mit unterschiedlichster Expertise und Erfahrung eingeladen, um den Kieferorthopäden aus Wissenschaft und Praxis eine bewertende Übersicht zu ermöglichen. Dr. Gundi Mindermann (Bremervörde), 1. Vorsitzende des GBO: „Für das Thema und das Programm bedanken wir uns sehr! Wir alten Hasen überlegen, ob, wann und wie wir uns mit diesem Thema befassen – für die jungen Kolleginnen und Kollegen dagegen ist die Digitalisierung unverzichtbar! Es ist also ein Programm, das generationenübergreifend relevant ist.“

Die Digitalisierung hat Behandlungsergebnisse verbessert

Es gab kaum einen KFO-Aspekt, der in Bonn nicht unter digitaler Fragestellung betrachtet wurde – auch die Lingualtechnik stand auf dem Prüfstand. Hier war Prof. Dr. Dirk Wiechmann Berichterstatter, der die Entwicklung von der „Erfindung“ selbst bis in die heutige Zeit sicher mit am intensivsten erlebt hat. Seine Bilanz: Die Digitalisierung hat das Verfahren optimiert. Beispielsweise seien die Behandlungsergebnisse besser geworden, die Behandlungen insgesamt schneller, vermutlich auch preiswerter und nicht zuletzt noch individueller möglich, und die Handhabung der lingualen Systeme habe sich vereinfacht. Dennoch gab es auch kritische Töne: Wiechmann betonte, dass die Digitalisierung zwar hilfreich sei – den Unterschied in der Behandlungsqualität mache allerdings die Kenntnis des Fachzahnarztes aus, diese könne die Technik dem Anwender nicht abnehmen. Zu den kritischen Aspekten gehörte auch die Diagnostik: „Soll man sie anhand der 3D-Darstellung im Rechner machen? Achtung – die Modelle sind oft nicht richtig zueinander positioniert!“

Intraorale Scannsysteme

Damit hatte er einen Aspekt angesprochen, den Dr. Moritz Zimmermann/Zürich vertiefend aufgriff: intraorale Scan-Systeme. „Für mich führt kein Weg mehr vorbei an der intraoralen Abformung“, betonte er. Es sei natürlich, dass es Mut brauche, neue Wege zu gehen, aber „früher kam man mit dem Kompass auch nach Amerika, heute mit dem Navigationsgerät aber schneller und genauer dorthin, wo man ankommen möchte.“ Mit dem Scannen beginne der digitale Workflow, deshalb mache es auch für die Kieferorthopädie Sinn, sich so früh wie möglich mit den vorhandenen Systemen und ihrer spezifischen Eignung für die KFO zu befassen. Eine entsprechende Übersicht war Kern seines Vortrages, dabei wurde auch deutlich: „In der Kieferorthopädie gibt es die Besonderheit, dass Sie den Gesamtkiefer brauchen – ich als Zahnarzt brauche das nicht.“ Problematisch sei bei Gesamtkiefer-Scans die Zusammenlegung der Bilder insbesondere bei Frontzähnen mit wenig Textur. Werde hier nicht sehr gut gescannt, mangele es an Präzision des Ergebnisses. Laut Werbung seien alle Systeme bestens aufgestellt, aber „wir an der Uni Zürich haben durchaus noch Optimierungsbedarf, insbesondere beim Matchen der Daten festgestellt!“

Wie sich die Anwendung in der Praxis zeigt, machte am Beispiel des Scannens im Wechselgebiss Kongresspräsident Professor Stamm deutlich. „Wir haben einen Scanner gekauft, um den Studenten die neue Technik zu zeigen und zugleich die Arbeit damit zu lernen.“ Viel Erfahrung habe das Hochschulteam nicht gehabt, aber große Begeisterung hinsichtlich der erwarteten Möglichkeiten. Das Besondere am Wechselgebiss: die Grenzflächen am Übergang zur Gingiva und zur beweglichen Mucosa im Zusammenhang mit nur teilweise oder noch gar nicht durchgebrochenen Zähnen. Stamm stellte Ergebnisse seiner entsprechenden Vergleichs-Studie vor, die sich auf die Präzision des Abdrucks solcher Grenzflächen fokussierte und klassische Alginatabformung digitalen Verfahren gegenüberstellte. Auch wenn beide Verfahren verbesserungswürdige Ergebnisse zeigten, sei doch festzuhalten, dass der digitale Weg klinisch ausreichende Ergebnisse lieferte und Fehler vermeide, wie sie bei Alginatabformung und Gipsmodell entstehen können.

Ist 3D-Technik sinnvoll?

Welche Möglichkeiten die Digitalisierung für skelettale Verankerungen bietet und wie sich deren digitale Planung auf die Belastung der Patienten auswirkt, stellte Dr. Dr. Axel Berens (Hannover) vor. Mit Blick auf die Anfänge und hier den Einsatz der Minischraube fragte er: „Würde eine 3D-Technik hier Sinn machen?“ Seine Antwort: „Vielleicht brächte sie etwas mehr Sicherheit – aber auch ohne haben wir bisher kaum mal ein Problem gehabt.“ An vielen Beispielen zeigte er Möglichkeiten (Beispiel: ein gedrucktes Modell zur Vorbereitung von Mentoplates) und Erfolge (digitale Vorarbeit konnte die OP-Zeit deutlich reduzieren, die Narkosebelastung reduzieren sowie das Risiko einer Wurzelverletzung), aber auch die Grenzen des Verfahrens: „Der Behandlungserfolg bleibt abhängig von der richtigen Indikationsstellung – nicht von der Technik!“

Auf die Kernfrage zu Genauigkeit und klinischer Eignung intraoraler Scan-Systeme als Basis aller darauf aufbauenden Planungen ging auch Univ.-Prof. Dr. Sven Reich (Aachen) noch einmal ein und verwies auf die hierfür notwendige Unterscheidung zwischen „Präzision“ und „Richtigkeit“. Die Präzision gebe die Wiederholungsgenauigkeit an, die Richtigkeit dagegen die Abweichung eines Scan-Datensatzes von der gescannten Oberfläche. Mit Blick auf die Richtigkeit zeigten Studien doch „ambivalente Ergebnisse“. Beispielsweise sei der Gaumen als eher strukturloses Areal für Oralscanner schwer darstellbar. Man müsse sich genau an den angegebenen Scanpfad des Herstellers halten und beachten, dass KFO-Scanpfade manchmal genauer seien als diejenigen für die Zahnärzte. Allerdings lieferten die digitalen Möglichkeiten auch spannende Aspekte nicht zuletzt für die Erwartbarkeit des Behandlungsergebnisses (Beispiel: Verschleiß des Antagonisten einer Zirkonoxidkrone) und die Forensik (Beispiel: Dokumentation einer Rotation). Einen Vorteil nicht zuletzt für die Patienten biete das digitale Scannen allemal: Man kann Pausen machen, das entspannt das zeitaufwendige Verfahren. Noch nicht absolut überzeugend sei der virtuelle Artikulator: „Aber das System ist auf dem richtigen Weg.“

Erfahrungswerte eines digitalen Workflows

Nicht nur aus der Praxis und mit dem Blick eines Fachzahnarztes, sondern auch aus Sicht eines in diesem Bereich spezialisierten Unternehmens berichtete Dr. Yong-Min Jo (Mettmann) über die Schritte des digitalen Workflow in der KFO-Praxis: „Wir haben Daten. Und was machen wir jetzt damit?“ Was alles möglich wäre („Man könnte Modelle drucken, gesockelt fürs Archiv oder spezielle für das Labor oder die Vorbereitung von Alignern ...“), zeigte er ebenso auf wie seine eigenen Erfahrungen: „Ich nutze keine Pudersysteme mehr, gerade bei Kindern ist die Trockenhaltung nicht so einfach.“ Der Scankopf sollte möglichst klein sein und nicht an den Antagonisten stoßen. Auch ihm lag die Beachtung der mitgelieferten Scanpfade am Herzen: „Bei gleichem Scanner können die Ergebnisse zwischen Beachtung des Scanpfades und ‚freestyle’ erheblich voneinander abweichen.“ Auch für die Planung biete die digitale KFO viele reizvolle Aspekte: „Wir können die Brackets aus einer Bibliothek abrufen, platzieren und wieder korrigieren.“ Auch die Aligner-Herstellung werde für die Praxis attraktiv.

Eine eher persönliche Bilanz all dieser Innovationen und Entwicklungen zog PD Dr. Björn Ludwig – aus Sicht des Praktikers. Was bringen Scanner, Software, Drucker und mehr? „In den letzten zehn Jahren haben wir viele Innovationen erlebt – und viel Frust angesammelt.“ Humorvoll und selbstironisch berichtete er über seine Krisen bei der Implementierung digitaler Verfahren in seine Praxis – aber auch seine motivierenden Erkenntnisse: „Wenn ein analoges Modell runterfällt, ist es kaputt – digital ist es gleich wieder da.“ Forensisch sei das zwar noch Grauzone, man könne aber auf das Gipsmodell verzichten, auf einen großen Lagerkeller – und, wenn ein Gutachter ein Modell brauche, das bedarfsgemäß ausdrucken. Spannend sei auch, dass man mit dem Patienten und dem Zahnarzt eine Planskizze besprechen könne, beispielsweise, wenn ein Implantat gesetzt werden soll. Um die Zahnwurzeln in die Planung zu integrieren, was er als enorm wichtig erachtete, nutze er Datensätze aus dem DVT oder einer „Wurzelbank“, die den Situationen in der Natur nahe komme. Seine Bilanz: „Ich klebe fast nur noch nach digitalen Daten.“ Sein Tipp an die Kolleginnen und Kollegen: „Fangen Sie mit Diagnostik-Systemen an!“

Mit der Digitalisierung müssen wir uns befassen…

Ein Verfahren, das in alle Vorträge hineinspielte, schloss den Kanon der Themen und Meinungen ab: Welche Möglichkeiten bieten 3D-Plotter schon heute? Eine Übersicht bot Physiker PD Dr. Dieter Dirksen/Münster. Es gebe einen ziemlichen Hype gerade um das Thema, dabei gebe es 3D-Druck bereits seit 1986. Solche Drucker seien durchaus teuer und nichts für jedermann derzeit. Man stehe am Anfang der Entwicklung, was man auch daran erkenne, dass es eine Vielzahl oft auch wechselnder Begriffe gebe. Die gemeinsame Grundlage aller Systeme: „Ein gedrucktes Modell kann nicht genauer sein als die Vorlage.“ Bei der Auswertung von DVT-Daten zeigten sich höhere Fehlerquellen, was aber nicht dem Drucker zuzuschreiben wäre: Ursache seien die limitierten Daten des DVT. Nach Übersicht über Verfahren und Materialien von Kunststoffen bis Metall und dem Hinweis darauf, dass 3-D-Druck in vielen Bereichen bereits voll etabliert sei, war seine Empfehlung an das GBO-Auditorium: „Beachten Sie dabei: Die Zukunft ist innovationsintensiv...“

Als Resümee des Kongresses meinte Dr. Mindermann abschließend: „Keine Frage. Das ist ganz klar die Zukunft. Und wir können nicht, wir müssen uns damit befassen. Je früher, desto besser. Und je kritischer, desto sicherer für unsere Praxis und unsere Patienten.“

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