Zahnerhaltung


Schneidezähne in Form gebracht


Aufgrund ihrer Techniksensitivität stellt sich die Durchführbarkeit der individuellen klassischen Verschalungstechnik im Frontzahnbereich in manchen Fällen als etwas problematisch dar. Der Autor dieses Beitrages beschreibt eine modifizierte Form dieser Technik und demonstriert anhand mehrerer Patientenbeispiele, dass auch mit einer vereinfachten Verschalungstechnik anatomisch korrekte und ästhetische Frontzahngestaltung möglich ist.

„Form follows function“ – dieses Bauhaus-Prinzip setzt die Natur leider nicht bei Zähnen um; die wären ansonsten eher quadratisch: Die Seitenzähne einer Kuh kombiniert mit den mittleren Schneidezähnen eines Kaninchens. Da aber so keiner rumlaufen will, hat Mutter Natur dem Ganzen eine ansprechendere, ästhetische Komponente mitgegeben: Die Zähne haben ihre größte Zirkumferenz in Höhe des Zahnäquators, darunter verjüngen sie sich in konvexer Form. Das so gestaltete Emergenzprofil verhindert, dass der Speisebolus die Papille und die angrenzende Gingiva direkt traumatisiert – eine clevere Idee; also doch „Form follows function“? Für die restaurative Zahnmedizin wäre hingegen der klassische Bauhaus-Ansatz in Form von „quadratisch-praktisch“ eher von Vorteil, würde eine solche Form die Restauration im Mund durch die Generierung gerader Flächen deutlich erleichtern. Nun müssen wir halt mit diesen Herausforderungen leben und haben gelernt, mit Unterstützung durch zahlreiche Hilfsmittel konvexe Zahnformen im Front- und Seitenzahnbereich zu gestalten. Im Endeffekt gibt es zahlreiche Möglichkeiten zur rekonstruktiven Frontzahngestaltung [8,9], die effektiv funktionieren und von vielen Praktikern erfolgreich angewendet werden.

Was die Teilmatrize im Seitenzahnbereich ermöglicht, erlaubt uns die individuelle Verschalungstechnik im Frontzahnbereich. Die von Hugo und Klaiber [3–5,7] ins Leben gerufene Technik ermöglicht vorhersehbare anatomische Ergebnisse ohne großen materiellen Aufwand und wird auch von anderen Autoren in jüngeren Publikationen gerne aufgegriffen [10]. Im Prinzip ist die Form des Zahnes die bedeutsamste ästhetische Komponente; stimmt die, werden eher noch leichte Abweichungen in der Farbe oder der Opazität optisch toleriert. Somit kann durchaus die simple Gleichung „einfache Formgestaltung = einfache Ästhetik“ aufgestellt werden. Kombiniert man die ästhetische anatomische Form noch mit einem ästhetischen Restaurationsmaterial, welches besagte Transluzenzen liefert, eine optimale Farbadaptation erlaubt und dessen durch die initiale Politur erreichter Glanzgrad auch dauerhaft bleibt, steht dem ästhetischen Erfolg der Restauration eigentlich nichts mehr im Wege.

Da die ursprüngliche Verschalungstechnik durch die Notwendigkeit des Ausbombierens mithilfe eines Heidemann- Spatels und einer manchmal existenten Anhaftungsproblematik an dem lichthärtenden Provisorium-Material teilweise etwas techniksensitiv sein kann, hatte der Autor dieses Problem in einem Beitrag der ZMK (nachzulesen auf www.zmk.aktuell.de/ernst) schon einmal aufgegriffen und die Verschalungstechnik dahingehend modifiziert, dass anstelle des auszuformenden Frasaco-Streifens eine vertikal eingebrachte und eingekürzte Teilmatrize zur Anwendung kommt [6]. Die vorliegenden Fallbeispiele verdeutlichen diese Kombination aus modifizierter Verschalungstechnik und einem einfachen ästhetischem Farbkonzept bei einer Reihe kleinerer Behandlungsindikationen, bei denen aufwendige Schichtkonzepte durchaus ein Platzproblem beinhalten würden.

Fall 1

Erneuerung von existierender Anbauten an seitlichen Schneidezähnen

Die 25 Jahre alte Kollegin stellte sich mit der Bitte um Erneuerung ihrer Kompositanbauten an ihren seitlichen Schneidezähnen vor, die diskrete Randverfärbungen und keine anatomisch korrekte Form aufwiesen (Abb. 1–3). Als Zielfarbe wurde eine Vita A1 bestimmt. Nach Entfernung der existierenden Kompositrestaurationen und Anfrischen der Klebefläche mit einem Feinkorndiamanten [10] erfolgte die Isolierung des Arbeitsfeldes mit einem extra-heavy Kofferdam (Abb. 4 u. 5). Dieses sehr dicke Kofferdamtuch hat ausreichend Spannkraft, um sich um den Zahn in den Sulkus zu spannen und dort invertieren zu lassen. Dieses Invertieren (= Umschlagen des Kofferdamtuches in den Sulkus) funktioniert nur, wenn bei Manipulation des Tuches mithilfe eines Heidemann-Spatels der Bereich mit einem Luftpüster stark getrocknet wird. Eine anschließende Zahnseidenligatur sichert das im Sulkus eingebrachte Kofferdamtuch.

  • Abb. 1: En face-Ansicht der Ausgangssituation: die zur Lückenreduktion angefertigten Kompositanbauten sind anatomisch nicht ideal konturiert und zeigen diskrete Randverfärbungen.
  • Abb. 2: Detailansicht der Ausgangssituation an Zahn 12: älterer Kompositanbau.
  • Abb. 1: En face-Ansicht der Ausgangssituation: die zur Lückenreduktion angefertigten Kompositanbauten sind anatomisch nicht ideal konturiert und zeigen diskrete Randverfärbungen.
  • Abb. 2: Detailansicht der Ausgangssituation an Zahn 12: älterer Kompositanbau.

  • Abb. 3: Detailansicht der Ausgangssituation an Zahn 22: älterer Kompositanbau.
  • Abb. 4: Arbeitsfeld um Zahn 12 mit Kofferdam isoliert, zurecht geschnittene Teilmatrize vertikal in situ und mit Clip am Nachbarzahn fixiert.
  • Abb. 3: Detailansicht der Ausgangssituation an Zahn 22: älterer Kompositanbau.
  • Abb. 4: Arbeitsfeld um Zahn 12 mit Kofferdam isoliert, zurecht geschnittene Teilmatrize vertikal in situ und mit Clip am Nachbarzahn fixiert.

  • Abb. 5: Arbeitsfeld um Zahn 22 mit Kofferdam isoliert, zurechtgeschnittene Teilmatrize vertikal in situ und mit Clip am Nachbarzahn fixiert.
  • Abb. 5: Arbeitsfeld um Zahn 22 mit Kofferdam isoliert, zurechtgeschnittene Teilmatrize vertikal in situ und mit Clip am Nachbarzahn fixiert.

Da nicht komplett ausgeschlossen werden konnte, dass doch noch verbliebene Kompositreste am Zahn vorhanden waren, erfolgte im nächsten Schritt ein Abstrahlen der Klebefläche mit Aluminiumoxid. An diese so aufgeraute Oberfläche könnte neues Komposit nach Adhäsivanwendung ähnlich gut haften wie nach einer Kompositreparatur [2]. Neben dem Zurechtschneiden einer transluzenten KerrHawe-Teilmatrize für den Seitenzahnbereich bieten sich die deutlich stabileren und somit leichter manipulierbaren Metall-Teilmatrizen für Klasse-II-Kavitäten an. Von diesen gibt es auf dem Markt viele; die Wahl fiel im vorliegenden Fall auf die bleitoten Garrison-Teilmatrizen (www.garrisondental.com). Eine Alternative wären z. B. noch die stabileren Daville-Teilmatrizen (nicht bleitot; www.minimalinvasiv.de) oder die Quickmat- Deluxe-Teilmatrizen von Polydentia (www.polydentia.ch/de). Es wurde im vorliegenden Fall eine flachere Milchzahn- Teilmatrize ausgewählt, da der Zahn in oro-vestibulärer Richtung sehr schmal war. Die Teilmatrize wurde in der Mitte in okkluso-zervikaler Richtung durchgeschnitten und ein Teil mesial an Zahn 12, das andere Teil mesial an Zahn 22 vertikal positioniert und mit einem lichthärtenden gummielastischen Provisorium-Material (Clip, VOCO, Cuxhaven) am Nachbarzahn fixiert (Abb. 4 u. 5). Hierbei ist darauf zu achten, dass die Teilmatrize dem Zahn im Sulkus dicht anliegt, um dort spätere Stufenbildungen zu vermeiden. Als Restaurationsmaterial kam im vorliegenden Fall nach klassischer Adhäsivanwendung mit Phosphorsäurekonditionierung Estelite Sigma Quick (Tokuyama, Tokyo, Japan) zur Anwendung. Aufgrund der sphärischen Füllkörpergeometrie und dem Herstellungsprozess, der runde Füllkörper mit einem mittleren Durchmesser von 0,2 ?m zulässt, ergibt sich ein harmonischer Farbübergang, der die Restauration ähnlich dem viel zitierten „Chamäleoneffekt“ nahezu unsichtbar in den Zahn integriert. Zudem kann sehr leicht ein unvergleichbarer Politureffekt erreicht werden, der als einziges Nicht-Mikrofüller-Komposit auch tatsächlich nachhaltig anhält.

Der zervikale Bereich ist aufgrund des sehr spitzen Winkels zwischen der Teilmatrize und dem Zahn nur sicher mit einem Flow-Komposit auszufüllen. Dünnlumige Applikationskanülen [10] eignen sich hierzu am besten. Trotz der Verwendung entsprechender Kanülen kann es passieren, dass eine kleine Luftblase vorweg geschoben wird, die in Folge zu einem Materialunterschuss und somit zu einer kleinen positiven Stufe approximal-zervikal führt. Um die zu vermeiden, sollte das Flow-Komposit vom Approximalkontakt mithilfe einer Explorersonde in den Sulkus gestrichen werden. So löst man die Oberflächenspannung des Flow-Komposits und stellt einen glatten Übergang approximal-zervikal sicher. Da die Zähne wenig bis kaum Transluzenz im Inzisalbereich aufwiesen, kam nahezu als alleiniges Restaurationsmaterial die Farbe OA1 des Estelite-Sigma-Quick-Komposits zur Anwendung. Lediglich im inzisalen Bereich erfolgte eine diskrete Überschichtung mit der Schmelzfarbe A1. Auf ein Einmalen weißer Akzentuierungen wurde in Rücksprache und auf Wunsch der Patientin verzichtet.

Die Ausarbeitung erfolgte approximal-inzisal mit flexiblen Scheiben (Sof-Lex XT, 3M ESPE, St. Paul, USA), labial-palatinal mit einem flammenförmigen Q-Finierer (H48LQ, Komet/ Gebr. Brasseler, Lemgo) und dem Venus Supra Zwei-Stufen-Hochglanzpolitursystem (Heraeus Kulzer, Hanau). Die Abbildungen 6 bis 8 zeigen das Endergebnis bei einer Kontrolle nach zwei Monaten. Die junge Kollegin war mit der Neugestaltung ihrer seitlichen Schneidezähne sowohl hinsichtlich der Form als auch Farbe sehr zufrieden.

  • Abb. 6: Detailansicht des Zahnes 12, zwei Monate nach Behandlungsabschluss.
  • Abb. 7: Detailansicht des Zahnes 22, zwei Monate nach Behandlungsabschluss.
  • Abb. 6: Detailansicht des Zahnes 12, zwei Monate nach Behandlungsabschluss.
  • Abb. 7: Detailansicht des Zahnes 22, zwei Monate nach Behandlungsabschluss.

  • Abb. 8: En-face-Ansicht der neu gestalteten seitlichen Schneidezähne nach zwei Monaten.
  • Abb. 8: En-face-Ansicht der neu gestalteten seitlichen Schneidezähne nach zwei Monaten.

Fall 2

Veneeralternative

Die 18-jährige Patientin wurde vom behandelnden Kieferorthopäden mit der Bitte um eine Veneerversorgung der Zähne 12, 11, 21 und 22 zum Schließen der Restlücken sowie Ausgleich der vorhandenen Angulation der Schneidekanten überwiesen (Abb. 9). Die Abbildungen 10 und 11 zeigen die seitlichen Schneidezähne in Detailaufnahmen. Sicherlich kann mit einer Veneerversorgung dem Wunsch des Kieferorthopäden und der Patientin nachgekommen und so eine perfekte Frontzahngestaltung erreicht werden. Aufgrund der doch eher diskreten Befunde wäre dies aber auch eine im Verhältnis sehr invasive und zudem sehr teure Behandlungsalternative. Aus diesem Grund wurde die Patientin konkret dahingehend befragt, was sie selbst denn am meisten störe. Sie antwortete sehr spontan mit einem Deuten auf die Lücke zwischen 12 und 11 sowie auf die mesiale Kante von Zahn 11. Die Angulation der Zähne sowie die kleinere Lücke zwischen den Zähnen 21 und 22 störte sie nicht. Um dem Wunsch der Patientin nachzukommen und gleichzeitig dem Prinzip des „nihil nocere“ zu folgen und so minimalinvasiv wie möglich zu arbeiten, wurde die Empfehlung ausgesprochen, lediglich die Lücke zwischen 12 und 11 mit einem Kompositanbau zu schließen und die Schneidekante an Zahn 11 in Form eines „tooth shaping“ [1] zu korrigieren. Da die Patientin sehr kooperativ war, keine Tendenzen zu unkontrollierten Zungenbewegungen zeigte und eine optimale Mundhygiene aufwies, die weder ein Sulkusexsudat, geschweige denn eine Blutung aus dem Sulkus erwarten ließ, konnte im vorliegenden Fall auf das Anlegen eines Kofferdamspanngummis verzichtet und unter relativer Trockenlegung mithilfe eines Foto-Wangenabhalters (Hager & Werken) gearbeitet werden. Nach Anrauen der Oberfläche mit einem Feinkorndiamanten erfolgte, wie im Fall 1 beschrieben, die Verschalung mithilfe einer vertikal inserierten Milchzahn-Teilmatrize unter Fixierung mit Clip (Abb. 12). Nach klassischer Adhäsivanwendung mit Phosphorsäurekonditionierung erfolgte der Kompositanbau identisch zu Fall 1 – mit der Ausnahme, dass im vorliegenden Fall die Farbkombination OA2/A2 von Estelite Sigma Quick zur Anwendung kam. Ein Flow-Komposit füllte erneut den Übergangsbereich nach zervikal aus. Der Übergang zwischen Restauration und labialer und palatinaler Schmelzfläche wurde entgegen den eigentlichen Empfehlungen des Herstellers ausschließlich mit der opakeren Masse OA2 erstellt. Da die Patientin – anders als die Patientin aus Fall 1 – etwas mehr transluzente Bereiche im Schneidekantenbereich aufwies, kam hier etwas mehr von der Schmelzmasse A2 zum Einsatz. Es wurde bewusst ein Lückenschluss vorgenommen und damit eine gewisse Asymmetrie in Kauf genommen. Dies lässt allerdings alle späteren Behandlungsoptionen offen: Gefällt der Patientin die geschlossene Lücke zwischen Zahn 12 und 11 besser als die diskrete Lücke zwischen Zahn 21 und 22, kann mit einer identischen Herangehensweise die Lücke im zweiten Quadranten genauso geschlossen werden. Würde die Patientin hingegen die kleine Lücke auf der linken Seite als ästhetisch ansprechender empfinden, könnte der Anbau an 12 mithilfe eines diamantierten Finierstreifens noninvasiv reduziert und somit eine Symmetrie erzielt werden. Ein Verbleiben der jetzigen Situation wäre die dritte und ideale Variante.

  • Abb. 9: Ausgangssituation: Laut Empfehlung des behandelnden Kieferorthopäden sollten die Zähne 12–22 mit Veneers versorgt werden um die Angulation auszugleichen sowie die Lücken zwischen den seitlichen und mittleren Schneidezähnen zu schließen.
  • Abb. 10: Detailaufnahme der Zähne 12 und 11. Die Lücke fällt hier stärker auf als auf der kontralateralen Seite.
  • Abb. 9: Ausgangssituation: Laut Empfehlung des behandelnden Kieferorthopäden sollten die Zähne 12–22 mit Veneers versorgt werden um die Angulation auszugleichen sowie die Lücken zwischen den seitlichen und mittleren Schneidezähnen zu schließen.
  • Abb. 10: Detailaufnahme der Zähne 12 und 11. Die Lücke fällt hier stärker auf als auf der kontralateralen Seite.

  • Abb. 11: Diskretere Lücke zwischen Zahn 21 und 22, welche die Patientin selbst nicht störte.
  • Abb. 12: Zur Formgebung des Anbaus an Zahn 12 eingebrachte, hochkant gestellte und mit Clip fixierte Teilmatrize.
  • Abb. 11: Diskretere Lücke zwischen Zahn 21 und 22, welche die Patientin selbst nicht störte.
  • Abb. 12: Zur Formgebung des Anbaus an Zahn 12 eingebrachte, hochkant gestellte und mit Clip fixierte Teilmatrize.

Die Abbildung 13 zeigt den fertig ausgearbeiteten und polierten Anbau an Zahn 12, die Abbildung 14 die En-face- Ansicht nach Abschluss der Behandlung und dem inzisalen Reduzieren der mesialen Kante des Zahnes 11 in Form des tooth shaping mithilfe unterschiedlicher Sof-Lex-Scheiben (3M ESPE). Nach Erstellung des Abschlussbildes erfolgte noch eine Fluoridierung (Duraphat) zur Remineralisation des durch die Einschleifmaßnahme geschädigten Zahnschmelzes. Die Patientin war von der vorgenommenen, deutlich minimalinvasiveren Behandlung sehr angetan und wollte die Frontzahnsituation im Weiteren auch so belassen wissen.

  • Abb. 13: Anbau an Zahn 12 unmittelbar nach Ausarbeitung und Politur.
  • Abb. 14: En-face-Ansicht nach Behandlungsabschluss. Die Asymmetrie der Lücken fällt kaum auf; die Angulation konnte durch eine minimale Einschleifmaßnahme an Zahn 11 minimalinvasiver als mit der eingangs erwünschten Veneerbehandlung korrigiert werden.
  • Abb. 13: Anbau an Zahn 12 unmittelbar nach Ausarbeitung und Politur.
  • Abb. 14: En-face-Ansicht nach Behandlungsabschluss. Die Asymmetrie der Lücken fällt kaum auf; die Angulation konnte durch eine minimale Einschleifmaßnahme an Zahn 11 minimalinvasiver als mit der eingangs erwünschten Veneerbehandlung korrigiert werden.

Fall 3

Lückenschluss nach Kieferorthopädie

Die Patientin stellte sich nach abgeschlossener kieferorthopädischer Behandlung mit verbliebenen Restlücken zwischen den mittleren und seitlichen Schneidezähnen vor (Abb. 15 u. 16). Ein kompletter Lückenschluss hätte eine erweiterte kieferorthopädische Behandlung bedingt, die in Rücksichtnahme auf die zusätzlichen Kosten und den Zeitbedarf zugunsten einer direkten restaurativen Therapie zurückgestellt wurde. Die Zähne wiesen sehr gerade Approximalflächen auf. In einer Modellanalyse erschien es am unauffälligsten, wenn der Lückenschluss ausschließlich über Anbauten an die seitlichen Schneidezähne erfolgen würde. Anbauten an die mittleren Schneidezähne ließen befürchten, dass diese in ihrem Längen- zu Breitenverhältnis zu breit wirken würden. Ein bilateraler Lückenschluss sollte hinsichtlich des zu betreibenden Gesamtaufwandes möglichst vermieden werden. Die Therapie erfolgte analog dem in Fall 2 vorgestellten Procedere: Mit Clip fixierte Teilmatrizen gestalteten einfach die Form (Abb. 17 u. 18); als Restaurationsmaterial kam Estelite Sigma in der Kombination OA2/A2 zur Anwendung, wobei die opakere Masse OA2 mehr als 90 % der Restauration ausmachte. Die Abbildungen 19 und 20 zeigen die beiden fertiggestellten Anbauten in der Ansicht von schräg-lateral, die Abbildung 21 in En-face-Ansicht bei einer Nachkontrolle nach drei Monaten.

  • Abb. 15: Ausgangsbefund: Lücke zwischen Zahn 12 und 11.
  • Abb. 16: Ausgangsbefund: Lücke zwischen Zahn 21 und 22.
  • Abb. 15: Ausgangsbefund: Lücke zwischen Zahn 12 und 11.
  • Abb. 16: Ausgangsbefund: Lücke zwischen Zahn 21 und 22.

  • Abb. 17: Mit vertikal inserierter, zurechtgeschnittener Teilmatrize verschalte Situation an Zahn 12.
  • Abb. 18: Identische Verschalung an Zahn 22.
  • Abb. 17: Mit vertikal inserierter, zurechtgeschnittener Teilmatrize verschalte Situation an Zahn 12.
  • Abb. 18: Identische Verschalung an Zahn 22.

  • Abb. 19: Anbau an Zahn 12, vorrangig aus der opakeren Masse OA2 des Estelite Sigma Quick.
  • Abb. 20: Anbau an Zahn 20; ebenso primär aus der opakeren Masse OA2 des Estelite Sigma Quick.
  • Abb. 19: Anbau an Zahn 12, vorrangig aus der opakeren Masse OA2 des Estelite Sigma Quick.
  • Abb. 20: Anbau an Zahn 20; ebenso primär aus der opakeren Masse OA2 des Estelite Sigma Quick.

  • Abb. 21: Die solitären Anbauten an den Mesialflächen der seitlichen Schneidezähne ergeben ein harmonisches Längen- zu Breitenverhältnis der gesamten Front, mit der die Patientin nach Abschluss der Gesamtbehandlung dann auch zufrieden war.
  • Abb. 21: Die solitären Anbauten an den Mesialflächen der seitlichen Schneidezähne ergeben ein harmonisches Längen- zu Breitenverhältnis der gesamten Front, mit der die Patientin nach Abschluss der Gesamtbehandlung dann auch zufrieden war.

Fall 4

Konventionelle Klasse IV-Restauration

Neben den vorgestellten Fällen zum Lückenschluss ergeben sich tagtäglich genügend Behandlungsindikationen restaurativer Art, die auch entsprechend ästhetischen Gesichtspunkten restauriert werden sollten. Im vorliegenden Fall einer 60-jährigen Patientin war eine alio loco erstellte distale Klasse-IV-Kompositrestauration an Zahn 21 verloren gegangen (Abb. 22). Es zeigte sich ein weit aufgespannter Approximalraum, welcher hinsichtlich einer konvexen Restaurationsgestaltung ebenso am einfachsten mit der beschriebenen Verschalungstechnik mithilfe einer vertikal eingebrachten Teilmatrize versorgbar schien. Die Abbildung 23 zeigt die nach Nachexkavation, Abrundung der Präparationskanten und Kofferdamisolierung mit der Teilmatrize verschalte Kavität. Eine anatomische Rekonstruktion war in Folge einfach möglich. Als Restaurationsmaterial kam im vorliegenden Fall das neue Estelite Asteria (Tokuyama) zum Einsatz, welches im Vergleich mit Estelite Sigma Quick auf einem deutlich vereinfachten Farbsystem basiert. Die klassische Empfehlung zu Estelite Sigma Quick, Opakmassen generell mit Schmelzmassen zu überschichten, wird zugunsten einer einfachen Einschichtung ausschließlich aus einer Body-Masse verändert. Lediglich im Inzisalbereich kann eine transluzentere Schmelzeffektmasse eingesetzt werden. Dieses so empfohlene Vorgehen ähnelt der eigenen Modifikation der Estelite-Sigma-Quick-Anwendung dahingehend, dass die Estelite Sigma Quick-Opakmasse in den vorgestellten Fällen ähnlich der Body-Masse von Estelite Asteria zur Anwendung kam. Da beide Massen einen ähnlichen Opazitätswert aufweisen, war dies retrospektiv betrachtet auch schlüssig. Das neue Farbkonzept von Estelite Asteria ist aber logischer, da sich hinsichtlich der Nomenklatur eine universelle „Body“-Masse von der Vorstellung her besser am Schmelzrand verträgt als eine Opakmasse. Demnach ist dies ein nachvollziehbares Konzept, welches Neueinsteigern in die Tokuyama-Komposite einen leichteren Start erlaubt. Auch hier war die Verwendung eines Flow-Komposits im zervikalen Bereich erforderlich. Vor der Härtung des Flows wird die Teilmatrize von innen an den Nachbarzahn gedrückt. Am einfachsten geschieht dies durch Verdrehen eines inzisal des Kontaktpunktes eingebrachten Heidemann-Spatels oder durch Druck eines großvolumigen Kugelstopfers. So wird eine ausreichende Approximalkontaktstärke sichergestellt. Entsprechend den Herstellerempfehlungen wurde die Body-Farbe A3 in der gesamten Kavität verwendet, wobei diese trotzdem in Einzelinkrementen eingebracht, ausmodelliert und separat polymerisiert wurden. Im Inzisalbereich erfolgte eine diskrete Überschichtung mit der NE-Schmelz-Effektmasse zur Erhöhung der Transluzenz in diesem Bereich. Dieser zusätzliche Schritt ist optional, kann aber bei Schneidekanten mit regulärer oder überdurchschnittlicher Transluzenz nur empfohlen werden.

  • Abb. 22: Distaler Defekt an Zahn 21 nach Verlust einer Kompositrestauration.
  • Abb. 23: Kofferdamisolierung und Verschalung mit der Teilmatrize.
  • Abb. 22: Distaler Defekt an Zahn 21 nach Verlust einer Kompositrestauration.
  • Abb. 23: Kofferdamisolierung und Verschalung mit der Teilmatrize.

  • Abb. 24: Endergebnis der mithilfe der modifizierten Verschalungstechnik erstellten Klasse IV-Restauration.
  • Abb. 24: Endergebnis der mithilfe der modifizierten Verschalungstechnik erstellten Klasse IV-Restauration.

Die Abbildung 24 zeigt das Endergebnis nach Ausarbeitung und Hochglanzpolitur. Diese erfolgte analog zu den Estelite-Sigma-Quick-Fällen approximalinzisal mit flexiblen Scheiben (Sof-Lex XT, 3M ESPE, St. Paul, USA), labial-palatinal mit einem flammenförmigen Q-Finierer (H48LQ, Komet/Gebr. Brasseler, Lemgo) und abschließend mit dem Venus Supra Zwei-Stufen-Hochglanzpolitursystem (Heraeus Kulzer, Hanau).

Die Abbildung 24 zeigt das Endergebnis nach Ausarbeitung und Hochglanzpolitur. Diese erfolgte analog zu den Estelite Sigma-Quick-Fällen approximal-inzisal mit flexiblen Scheiben (Sof-Lex XT, 3M ESPE, St. Paul, USA), labial-palatinal mit einem flammenförmigen Q-Finierer (H48LQ, Komet/Gebr. Brasseler, Lemgo) und abschließend mit dem Venus Supra Zwei-Stufen Hochglanzpolitursystem (Heraeus Kulzer, Hanau).

Fall 5

Lückenschluss bei Nichtanlage der seitlichen Schneidezähne

Bei einer Nichtanlage seitlicher Schneidezähne stehen primär zwei Therapieoptionen zu Verfügung: Öffnen der Lücke mit späterer Implantat- oder Klebebrückenversorgung bzw. Lückenschluss und gegebenenfalls Umformung des Eckzahnes zu einem seitlichen Schneidezahn. Schwierig wird es allerdings, wenn – wie im vorliegenden Fall – der geplante Lückenschluss nicht vollständig zu erzielen war und eine kleine Restlücke verbleibt (Abb. 25, 28, 31). Da Eckzähne in der Regel dieselbe Breite aufweisen wie mittlere Schneidezähne, seitliche Schneidezähne hingegen deutlich schmaler sind, erschien es wenig sinnvoll, die Lücken über Anbauten an die Eckzähne zu schließen. Distale Anbauten an den mittleren Schneidezähnen waren im vorliegenden Fall deutlich sinnvoller, da so ein gegenüber dem Eckzahn etwas breiterer Zahn resultieren könnte. Zudem zeigten sich die Distalflächen der Schneidezähne recht gerade, was einen Lückenschluss über eine konvexere Ausformung dieser Zähne anbot. Somit kam man in Übereinstimmung mit dem Patienten überein, die Eckzähne unverändert zu belassen, ebenso die diskrete Lücke zwischen den mittleren Schneidezähnen. Ein mesio-inzisaler Anbau an den Eckzähnen wäre zwar technisch möglich, würde die Zähne in diesem Bereich aber optisch weiter verbreitern, was nicht gewünscht war. Eine vergleichbar runde Inzisalkantenform ist bei vielen seitlichen Schneidezähnen zu finden und stört somit den optischen Gesamteindruck nicht sehr stark. Die Umsetzung der Behandlung erfolgte wiederum in der beschriebenen Form mittels individualisierter Verschalung mit den hochkant eingestellten Teilmatrizen. Auch hier war aufgrund der guten Kooperation des Patienten kein Anlegen eines Kofferdams zwingend erforderlich. Die Abbildungen 26 und 29 zeigen die fixierten Verschalungen. Als Restaurationsmaterial kam erneut Estelite Asteria (Tokuyama) in der Farbe A2B zur Anwendung. Diese inkrementell eingebrachte Universalfarbe rekonstruierte das Hauptvolumen der Restauration – einschließlich aller labialen und palatinalen Übergänge zum Zahnschmelz des Originalzahnes. Lediglich im inzisalen Bereich kam die Effektmasse NE zur Anwendung, um dort eine etwas höhere Transluzenz der Schneidekante zu erzielen. Die Abbildungen 27 und 30 zeigen die fertiggestellten distalen Anbauten an den Zähnen 11 und 21 aus schräg-lateraler Sicht, die Abbildung 32 eine mit Abbildung 31 vergleichbare Enface-Darstellung. Es zeigt sich zwar ein gewisser ästhetischer Kompromiss hinsichtlich der individuellen Form aller Frontzähne; dieser war aber für den Patienten in Anbetracht des relativ geringen Behandlungs-, Zeit- und Kostenaufwandes völlig akzeptabel.

  • Abb. 25: Die Detailaufnahme von schräglateral verdeutlicht den doch nicht unerheblichen Freiraum zwischen Zahn 11 und 13.
  • Abb. 26: Verschalung an Zahn 11.
  • Abb. 25: Die Detailaufnahme von schräglateral verdeutlicht den doch nicht unerheblichen Freiraum zwischen Zahn 11 und 13.
  • Abb. 26: Verschalung an Zahn 11.

  • Abb. 27: Ausgearbeiteter und polierter distaler Anbau an Zahn 11.
  • Abb. 28: Vergleichbare Restlücke zwischen Zahn 21 und 23.
  • Abb. 27: Ausgearbeiteter und polierter distaler Anbau an Zahn 11.
  • Abb. 28: Vergleichbare Restlücke zwischen Zahn 21 und 23.

  • Abb. 29: Verschalung an Zahn 21.
  • Abb. 30: Fertiggestellter distaler Anbau an Zahn 21.
  • Abb. 29: Verschalung an Zahn 21.
  • Abb. 30: Fertiggestellter distaler Anbau an Zahn 21.

  • Abb. 31: Ausgangssituation: En face-Aufnahme der Oberkiefer-Front bei Nichtanlage der seitlichen Schneidezähne und kieferorthopädischer Lückenreduktion.
  • Abb. 32: Abschlussaufnahme von frontal: Der erzielte ästhetische Kompromiss war für den Patienten durchaus akzeptabel.
  • Abb. 31: Ausgangssituation: En face-Aufnahme der Oberkiefer-Front bei Nichtanlage der seitlichen Schneidezähne und kieferorthopädischer Lückenreduktion.
  • Abb. 32: Abschlussaufnahme von frontal: Der erzielte ästhetische Kompromiss war für den Patienten durchaus akzeptabel.

Fall 6

Monochromatischer Lückenschluss

Der einfachste Fall zum Schluss. Eine mit den beschriebenen Fällen 1–3 vergleichbare Situation: Eine diskrete Lücke zwischen Zahn 12 und 11 sollte geschlossen werden. Die Abbildung 33 zeigt die Ausgangsituation, die Abbildung 34 die angebrachte Verschalung nach Anrauen der Klebeflächen mithilfe eines Finierdiamanten. Da im vorliegenden Fall die Zähne relativ opak waren und aufgrund der Craquelé-Linien in den Schneidekanten der mittleren Schneidezähne keinerlei natürliches Lichtspiel einer transluzenten Schneidekante aufwiesen, konnte in diesem Fall monochromatisch mit einer einzigen Farbe – in dem Fall die A1B des Estelite Asteria – versorgt werden. Auf Wunsch des Patienten wurde bewusst auf eine Akzentuierung in der Form hochtransluzenter Massen oder der Einbringung von Malfarben verzichtet. Die Abbildung 35 zeigt den Behandlungsabschluss dieser einfachen, aber effektiven Behandlungsmaßnahme.

  • Abb. 33: Diskrete Lücke zwischen Zahn 12 und 11. Da im zweiten Quadranten keine vergleichbare Lücke vorhanden war, sollte diese aus Symmetriegründen geschlossen werden.
  • Abb. 34: Vorbereitete Verschalung – bereit zur adhäsiven Vorbehandlung.
  • Abb. 33: Diskrete Lücke zwischen Zahn 12 und 11. Da im zweiten Quadranten keine vergleichbare Lücke vorhanden war, sollte diese aus Symmetriegründen geschlossen werden.
  • Abb. 34: Vorbereitete Verschalung – bereit zur adhäsiven Vorbehandlung.

  • Abb. 35: Lückenschluss in Form eines monochromatischen Anbaus in der Farbe A1B.
  • Abb. 35: Lückenschluss in Form eines monochromatischen Anbaus in der Farbe A1B.

Fazit

Die gezeigten Fälle verdeutlichen, dass es durchaus möglich ist, mit einer vereinfachten Verschalungstechnik eine anatomisch korrekte und damit nahezu automatisch ästhetische Frontzahngestaltung zu erzielen. Der Vorteil in der beschriebenen Vorgehensweise liegt wie bei der ursprünglichen Verschalungstechnik nach Hugo und Klaiber [3-5,7] darin, dass alle hierzu erforderlichen Hilfsmittel wie Teilmatrizen und ein lichthärtendes, gummielastisches Provisorium-Material in der Regel in der Praxis vorhanden sind. Je einfacher und damit umso schneller der Behandlungsablauf werden kann, desto kostengünstiger kann eine derartige Versorgung angeboten werden und stellt damit eine valide, minimalinvasivere und kostenoptimierte Alternative zur klassischen Veneerversorgung dar.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Prof. Dr. Claus-Peter Ernst

Bilder soweit nicht anders deklariert: Prof. Dr. Claus-Peter Ernst