Zahnerhaltung

Ein biologisches Konzept zum Erhalt tief zerstörter bzw. frakturierter Zähne

Forcierte Extrusion – ein Behandlungskonzept für bisher ausweglose Fälle

07.02.2017
aktualisiert am: 17.02.2017

Im Fachbereich der Zahnerhaltung hat sich neben altbewährten Methoden die forcierte Extrusion als Behandlungsalternative etabliert. Tief zerstörte oder bis subkrestal frakturierte Zähne können unter Berücksichtigung der biologischen Breite und des Ferrule-Designs nach initial forcierter Extrusion und anschließender Fixation prothetisch adäquat versorgt werden. Behandelte Zähne zeigen nachhaltig optimale ästhetische Ergebnisse in der Langzeitkontrolle und der Therapieerfolg kann radiologisch verifiziert werden. Ziel der nachfolgenden Fallpräsentationen ist es, den Behandlungshorizont für Zahnerhalt bisher nicht mehr erhaltungswürdiger Zähne beziehungsweise Wurzeln durch forcierte Extrusion zu erweitern. Die vorgestellten Behandlungsschritte sollen einen Leitfaden für die klinische Anwendung bilden.

Primäres Ziel unserer Therapien ist es, unseren Patienten langfristig feste Zähne zu erhalten. Dem sind allerdings oftmals unter anderem durch anatomische Gegebenheiten Grenzen oder Einschränkungen gesetzt. Prothetische Rekonstruktionen auf eigentlich nicht mehr erhaltungswürdigen Zähnen lassen sich heute mittels körpereigener Mechanismen als wichtige Pfeilerzähne in ein prothetisches Gesamtkonzept einbinden. Die Grundlage der Therapie ist die kieferorthopädische forcierte Extrusion, die als Behandlungsoption tief frakturierter Zähne in der Literatur gut umschrieben ist [6,7, 25]. Klinische und histologische Untersuchungen zeigen nachweisliche Erfolgsparameter wie Knochenneubildung und weichgewebige Adaptation des Gewebes an die veränderte Position der Zahnwurzel nach kieferorthopädischer Extrusion [9,26]. Wird in der klassischen Kieferorthopädie vielmals mithilfe aktivierter Elemente gearbeitet, gibt es seit geraumer Zeit weitere Hilfsapparaturen. Hierzu zählen orthodontische Häkchen [12], Magnete [10,22] oder spezielle Hanteln (Komet Dental) [23,24]. Jedes System weist Vor- und Nachteile auf. Orthodontische Häkchen bedürfen einer planen Klebefläche. Die mögliche Wegstrecke der zu extrudierenden Wurzel ist somit geringer. Vorteil orthodontischer Häkchen ist mitunter die einfache Platzierung und schnelle Handhabung. Bei Extrusion mittels Magneten ist erfahrungsgemäß deutlich weniger Krafteinwirkung möglich als bei der hier vorgestellten forcierten Extrusion, sodass beim Einsatz von Magneten ein massiv längerer Therapiezeitraum notwendig wäre. Hinzu kommt, dass die Magneten sehr aufwendig regelmäßig neu adhäsiv fixiert werden müssten, da ein reduzierendes Beschleifen der einzelnen Magneten nicht lege artis wäre. Das System mit Extrusionshantel (Komet Dental) und kieferorthopädischem Spanngummi lässt sich direkt über Zahnfleischniveau an die Zahnwurzel fixieren und ist deswegen auch bei wenig Interokklusalabstand indiziert. Die kieferorthopädischen Gummiringe können täglich gewechselt und die gewünschte Zugrichtung ggf. neu ausgerichtet werden. Die applizierten Kräfte sind hier grundsätzlich deutlich höher als bei der Magnetextrusion und lassen sich zusätzlich durch Verwendung verschiedener Gummizüge oder -ketten sehr gut variieren. Die Versorgung kann chairside direkt in der ersten Sitzung erfolgen. Es sind keine Laborschritte abzuwarten. Die Zugkräfte herkömmlicher kieferorthopädischer Apparaturen betragen zwischen 150 und 500 cN (Zentinewton) [4,17]. Mit tendenziell noch geringeren Kräften wird bei Verwendung von Extrusionsmagneten [21] therapiert. Diese Werte entsprechen der bisherigen Lehrmeinung, dass stärkere Zugkräfte zu irreversiblen Schäden führen könnten [10]. Bei der hier vorgestellten Methode werden zum Beispiel bei mehrwurzligen festsitzenden Zähnen Zugkräfte bis zu 850 cN eingesetzt, ohne dass bisher Strukturschäden hätten diagnostiziert werden müssen. Im Gegenteil – in verschiedenen hier vorgestellten Kasuistiken konnte Knochen sogar gezielt generiert werden.

Vorgehensweise: Erhalt von subgingival frakturierten bzw. tief zerstörten Wurzeln

Bei Vorstellung eines Patienten mit einem tief frakturierten oder tief kariös zerstörten Zahn legen wir wie folgt unsere Erfolgsanforderungen fest: Als Zielsetzung gilt die Versorgung des entsprechenden Zahnes nach den gängigen Kriterien für prothetische Rekonstruktionen. Der Zahn soll nach Abschluss der Therapie stabil im Kieferknochen verankert sein. Optimalerweise sollten sowohl das Parodont [19,21] als auch das periapikale Gewebe [31] entzündungsfreie Voraussetzungen aufweisen. Unter Berücksichtigung der biologischen Breite hat sich entsprechend vielseitig umschriebener Literatur ein Durchschnittswert von 2–3 mm Gingivahöhe [8] am eigenen Zahn und am Implantat bewährt [3]. Für den Erhalt des alveolären Knochens mit seinen darüberliegenden Interdentalpapillen speziell auch im approximalen Col ist zudem das Design des Zahnersatzes von Bedeutung. Seit Längerem scheint erwiesen, dass die Gestaltung eines straffen Approximalkontaktes 3 bis 5 mm oberhalb des krestalen Knochens die Papille nachhaltig unterstützt [27].

Die forcierte Extrusion mit bisher in der Literatur nicht beschriebenen hohen Kräften ist eine modifizierte Verfahrenstechnik, welche mithilfe des körpereigenen regenerativen Potenzials des supraalveolären Bindegewebes und des parodontalen Faserapparates alveoläre Strukturen in einem außergewöhnlich kurzen Zeitintervall regenerieren lassen kann [22,23]. Ferner sei hier erwähnt, dass die forcierte Extrusion zur Erhaltung oder Regeneration der bukkalen Knochenlamelle im Rahmen einer Zahnentfernung bereits umfassend und erfolgreich belegt werden konnte [11,12,20,23,24]. Grundlegend unterscheidet sich dieser Therapieansatz der forcierten Extrusion, dessen Ziel im Erhalt der kompromittierten Wurzel besteht, gegenüber invasiven Methoden, die im Rahmen einer Extraktion anfallen würden, durch seine deutlich kürzere Behandlungszeit und das komplett atraumatische Vorgehen. Die Dauer der forcierten Extrusion ist naturgemäß von Zahn zu Zahn verschieden und hängt von diversen Parametern wie Lockerungsgrad, Anzahl und Formen der Wurzeln, Lage des Zahnes etc. ab.

Langjährige klinische Erfahrungen belegen, dass zum Beispiel speziell devitale Unterkiefermolaren häufig durch die relativ hohe Knochendichte eine deutlich prolongierte Extrusionsphase benötigen. Der Behandlungszeitplan ist daher stets individuell und massiv vom Fall abhängig. Vor Behandlungsbeginn ist zwischen einer reinen Extrusion der Wurzel und/ oder einer zusätzlichen Rekonturierung des umliegenden Parodontiums zu differenzieren. Soll ausschließlich die Wurzel vertikal aus ihrem Zahnfach bewegt werden und liegen physiologische parodontale Verhältnisse vor, so empfiehlt sich, zu Beginn der Extrusion eine Fibrotomie durchzuführen. Verlangt die Fallplanung einen vertikalen bzw. koronalen Zugewinn gingivaler und/oder alveolärer Strukturen, darf zu Beginn der Extrusion selbstverständlich keine Fibrotomie [2,5] erfolgen, bis das umliegende Hart- und Weichgewebe die angestrebte Position erreicht hat. Dieser Effekt ist jedoch nur bei gesunden parodontalen Verhältnissen zu erzielen. Soll daran anschließend noch eine reine Extrusionsbewegung zum Gewinn von Retentionsflächen für die spätere Krone erfolgen, wäre jetzt eine Fibrotomie zum Trennen des suprakrestalen Faserapparates von der Wurzeloberfläche indiziert.

Indikationen für eine forcierte Extrusionstherapie zur langfristigen prothetischen Versorgung bisher nicht mehr erhaltungswürdiger Wurzeln zeigen sich in der zahnärztlichen Praxis nahezu täglich. Hier soll anhand eines typischen Falles gezeigt werden, wie bisher klassische, sehr invasive Therapien mit Implantaten ggf. kombiniert mit Augmentationen oder mit Brückenkonstruktionen vermieden werden können.


1. Fallpräsentation

Erhalt von Zähnen mit subkrestalen Frakturen bzw. weit subgingival liegenden kariösen Läsionen

Selbst bei stark destruierten Frontzähnen, in diesem Fall Zahn 12, (Abb. 1) ist es sehr häufig möglich, das Wurzelfragment in wenigen Tagen so weit zu extrudieren, bis anschließend eine langfristige Kronenversorgung indiziert ist. Für chirurgische Kronenverlängerungen zum Erhalt von Wurzeln [18] mit im Regelfall massiven ästhetischen Einbußen [16] gibt es daher aus unserer Sicht besonders im ästhetisch relevanten Bereich heute keine Indikation mehr. Durch eine Knochenreduzierung würde zusätzlich das Hebelverhältnis zwischen Wurzel- und Kronenlänge negativ beeinflusst werden (Abb. 2), da die klinische Krone entsprechend der Reduzierung verlängert werden müsste. Im vorliegenden Fall waren alio loco die Entfernung der Wurzel und der anschließende Lückenschluss mittels eines Implantates geplant gewesen. Als Instrumentarium diente eine spezielle, adhäsiv fixierte Hantelverankerung (Komet Dental) (Abb. 3). Die abgebrochene klinische Krone wurde von basal ca. 4 mm gekürzt und anschließend adhäsiv an den Nachbarzähnen befestigt. Ein kleiner, kräftiger KFO-Gummiring 1/8“ Heavy, (Smiledental) wurde von der palatinalen Kunststoffhantel ausgehend über die adhäsiv fixierte Restkrone bis zur vestibulären Seite der Hantel gespannt (Abb. 4). In diesem konkreten Behandlungsfall (oberer 1er ohne Lockerungsgrad) wurde initial mit 730 cN die Extrusion begonnen. Zwischen der adhäsiv an den Nachbarzähnen befestigten Krone und dem horizontal fixierten Extrusionsstift sollte ausreichend Platz verbleiben, um durch den Zug der Wurzel bis an die basale Begrenzung der Krone ausreichend vertikale Wegstrecke zurücklegen zu können (Abb. 4). Da in diesem Fall ausschließlich die Wurzel extrudiert werden sollte, ohne dabei umliegendes Gewebe mit vertikal zu bewegen, wurde der supra-alveoläre Faserapparat zu Beginn der Extrusion mittels Elektrotom durchtrennt, was alternativ auch mit dem Mikroskalpell möglich gewesen wäre. Wir bevorzugen hier den Einsatz des Elektrotoms, weil bei einmalig zügiger Führung der dünnen Elektrodensonde die Blutungsgefahr deutlich reduziert wird, was wiederum bei der weiteren Therapie mittels Adhäsivtechnik von Vorteil ist. Der KFO-Gummiring wird in der Regel täglich gewechselt. Für die häusliche Zahnpflege wurde empfohlen, die Extrusionsapparatur mit Zwischenraumbürstchen vorsichtig zu reinigen. Die Wurzel war in diesem Fall nach sechs Gummiwechseln schon so weit extrudiert, dass unter Berücksichtigung der biologischen Breite und des Ferrule- Designs später eine neue Kronenversorgung möglich wurde (Abb. 5).

  • Abb. 1: Ausgangsbefund des Zahnes 12 nach Trauma mit vestibulär teils subgingivaler Frakturlinie.
  • Abb. 2: Die Abbildung zeigt einen forciert extrudierten Zahn links und einen mit chirurgischer Kronenverlängerung behandelten Zahn rechts. Das Kronen-Wurzel-Verhältnis ist nach chirurgischer Kronenverlängerung ungünstig. Der extrudierte Zahn hingegen zeigt entsprechend der Hebelgesetze ein günstigeres Kronen-Wurzel-Verhältnis. © Dr. Stefan Neumeyer
  • Abb. 1: Ausgangsbefund des Zahnes 12 nach Trauma mit vestibulär teils subgingivaler Frakturlinie.
  • Abb. 2: Die Abbildung zeigt einen forciert extrudierten Zahn links und einen mit chirurgischer Kronenverlängerung behandelten Zahn rechts. Das Kronen-Wurzel-Verhältnis ist nach chirurgischer Kronenverlängerung ungünstig. Der extrudierte Zahn hingegen zeigt entsprechend der Hebelgesetze ein günstigeres Kronen-Wurzel-Verhältnis. © Dr. Stefan Neumeyer

  • Abb. 3: Adhäsiv fixierte, horizontale Extrusionshantel (Komet Dental). Nachdem die palatinale Retentionslinse auf die Hantel geschoben und adhäsiv mit einem Flow-Komposit fixiert wurde, wird der überschüssige Anteil des Stiftes abgetrennt (grüne Linie).
  • Abb. 4: Das Extrusionsgummi ist über die basal reduzierte, adhäsiv fixierte Restkrone gespannt und wird durch die Retentionslinsen palatinal und vestibulär an der Hantel gehalten. Der grüne Pfeil markiert den Freiraum für die maximale Extrusionsstrecke.
  • Abb. 3: Adhäsiv fixierte, horizontale Extrusionshantel (Komet Dental). Nachdem die palatinale Retentionslinse auf die Hantel geschoben und adhäsiv mit einem Flow-Komposit fixiert wurde, wird der überschüssige Anteil des Stiftes abgetrennt (grüne Linie).
  • Abb. 4: Das Extrusionsgummi ist über die basal reduzierte, adhäsiv fixierte Restkrone gespannt und wird durch die Retentionslinsen palatinal und vestibulär an der Hantel gehalten. Der grüne Pfeil markiert den Freiraum für die maximale Extrusionsstrecke.

  • Abb. 5: Die hier schon ca. 3 mm erfolgte Extrusion wird solange durchgeführt, bis eine restaurative Versorgung des Zahnes unter Berücksichtigung der biologischen Breite und des Ferrule-Effekts möglich ist.
  • Abb. 5: Die hier schon ca. 3 mm erfolgte Extrusion wird solange durchgeführt, bis eine restaurative Versorgung des Zahnes unter Berücksichtigung der biologischen Breite und des Ferrule-Effekts möglich ist.

Radiologisch ist unmittelbar nach Abschluss der forcierten Extrusion besonders im apikalen Bereich die Wegstrecke von ca. 3 mm deutlich zu erkennen, um die die Wurzel extrudiert worden ist (Abb. 6). Der Patient wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass eine Revision der Wurzelbehandlung indiziert sei. Diese hat er (selbst Arzt) kategorisch abgelehnt, mit dem Hinweis, dass die Wurzelfüllung vor über 20 Jahren gemacht wurde und keinerlei Probleme bereite. Anschließend wurde der verbliebene kleine Freiraum zwischen der Wurzeloberfläche und der basal reduzierten Krone adhäsiv mit Komposit aufgefüllt (Abb. 7), sodass die Wurzel für ca. 3 Monate retentiv gehalten werden konnte und somit eine apikale Rückbewegung verhindert wurde. Die später erfolgte Präparation des Zahnes entsprach den Grundregeln der Zahnpräparation (Abb. 8). Danach konnte der Zahn unter vollständigem Erhalt des umliegenden Weichgewebes (Papillen) mit einer Restauration definitiv neu versorgt werden (Abb. 9). Empfehlenswert erscheinen sowohl die Fotodokumentation vor, während und nach Versorgung sowie die radiologische Kontrolle vor Extrusion, zu Beginn der Retentionsphase und ggf. nach Abschluss der Therapie. Eine typische Fehlerquelle könnte der zu geringe Zeitraum der Fixierung der extrudierten Wurzel oder eine nicht ausreichende Fixation mit entsprechend nicht kompletter Ossifikation des apikalen Bereiches darstellen. Dies könnte zu einer Rückwanderung der entsprechenden Wurzel führen [14,30]. Die Gestaltung der prothetischen Versorgung sollte nach Möglichkeit enge sphärische Approximalkontakte aufweisen [14]. Einer zu vermeidenden Abwanderung des Zahnes nach apikal kann so zusätzlich entgegengewirkt werden. Sowohl die physiologische Struktur des umgebenden Weichgewebes als auch das ästhetische Ergebnis mit vollständigem Erhalt der Papillen wirken in der Detailaufnahme (Abb. 10) im Rahmen des Recalls 2 Jahre nach Eingliederung überzeugend. Die forcierte Extrusion liefert langfristig stabile Ergebnisse.

  • Abb. 6: Ein deutlicher Hohlraum im apikalen Bereich ist ersichtlich und entspricht der vertikalen Dimension der Extrusion von ca. 3 mm, was wiederum einen ausreichenden supraalveolären Wurzelanteil zur Folge hat.
  • Abb. 7: Adhäsive Fixierung des Zahnes während der retentiven Phase. Je nach ästhetischem Anspruch des Patienten könnte hier auch ein höherer Aufwand betrieben werden.
  • Abb. 6: Ein deutlicher Hohlraum im apikalen Bereich ist ersichtlich und entspricht der vertikalen Dimension der Extrusion von ca. 3 mm, was wiederum einen ausreichenden supraalveolären Wurzelanteil zur Folge hat.
  • Abb. 7: Adhäsive Fixierung des Zahnes während der retentiven Phase. Je nach ästhetischem Anspruch des Patienten könnte hier auch ein höherer Aufwand betrieben werden.

  • Abb. 8: Präparation des Zahnes mit ausreichendem Ferrule-Design als Fundament für eine Krone.
  • Abb. 9: Die ästhetisch optimale Lösung wird besonders durch den kompletten Erhalt der Papillen unterstrichen. Die Vollkeramikkrone e.max Lithium-Disilikat (Ivoclar Vivadent) adaptiert sich vollständig an die umliegende Rot-Weiß-Ästhetik.
  • Abb. 8: Präparation des Zahnes mit ausreichendem Ferrule-Design als Fundament für eine Krone.
  • Abb. 9: Die ästhetisch optimale Lösung wird besonders durch den kompletten Erhalt der Papillen unterstrichen. Die Vollkeramikkrone e.max Lithium-Disilikat (Ivoclar Vivadent) adaptiert sich vollständig an die umliegende Rot-Weiß-Ästhetik.

  • Abb. 10: Auch 2 Jahre nach Eingliederung zeigt sich im Recall eine optimale Adaptation des Gingivasaumes an die Lithiumdisilikatkrone.
  • Abb. 10: Auch 2 Jahre nach Eingliederung zeigt sich im Recall eine optimale Adaptation des Gingivasaumes an die Lithiumdisilikatkrone.


2. Fallpräsentation

In einem weiteren spektakulären Patientenfall ist der Brückenpfeilerzahn 13 ca. 8 mm oberhalb der Präparationsgrenze frakturiert gewesen (Abb. 11). Die insuffiziente Brückenversorgung wurde so umgearbeitet, dass die Zuggummis mittels einer speziellen Stiftretention fixiert und über die Brücke gespannt werden konnten (Abb. 12). Die restliche apikale Wurzel wurde so weit (ca. 10 mm) nach kaudal extrudiert, bis die ursprüngliche Frakturlinie im bukkalen Bereich identisch mit der neuen Präparationsgrenze auslaufen konnte. Nach ca. 3 Monaten Retentionsphase konnten die Pfeilerzähne präpariert und für eine neue Versorgung vorbereitet werden (Abb. 13). Gut ein Jahr nach Eingliederung der neuen Brücke zeigte der Zahn 13 bzw. dessen Wurzel nachweislich massiv neu gebildeten Knochen bis ca. 4 mm unterhalb des Kronenrands (Abb. 14), welcher zum Zeitpunkt der Fraktur dort nicht vorhanden war. Der Vergleich eines prätherapeutischen Röntgenbildes (Abb. 15a) mit einem Kontrollbild nach über 4 Jahren (Abb. 15b) zeigt eine vollständige Verknöcherung der apikalen Region, als auch einen leichten vertikalen Knochengewinn in beiden Interdentalbereichen des extrudierten Zahnes. Ebenfalls stellt sich die klinische Situation stabil und ästhetisch ansprechend dar (Abb. 16). Der eigene Zahn als Basis für eine restaurative Versorgung ist entsprechend der derzeitigen Studienlage einer Implantatversorgung in seiner Langlebigkeit überlegen [26] und auch einer invasiven Brückenversorgung mit Präparation der Nachbarzähne, wenn immer möglich, vorzuziehen.

  • Abb. 11: Der diagonale Bruch der Wurzel des Pfeilerzahnes stellt sich vestibulär ca. 8 mm kranial des Kronenrandes (Pfeil) dar. Zum Zeitpunkt der Fraktur verläuft der Marginalrand des Knochens noch einmal weitere 2 bis 3 mm weiter apikal.
  • Abb. 12: Die Brücke wurde insoweit modifiziert, dass das Extrusionsgummi am Retentionsstift der Wurzel fixiert und über die Inzisalkante gespannt werden konnte. Zu diesem Zeitpunkt ist die Restwurzel bereits massiv nach kaudal bewegt worden.
  • Abb. 11: Der diagonale Bruch der Wurzel des Pfeilerzahnes stellt sich vestibulär ca. 8 mm kranial des Kronenrandes (Pfeil) dar. Zum Zeitpunkt der Fraktur verläuft der Marginalrand des Knochens noch einmal weitere 2 bis 3 mm weiter apikal.
  • Abb. 12: Die Brücke wurde insoweit modifiziert, dass das Extrusionsgummi am Retentionsstift der Wurzel fixiert und über die Inzisalkante gespannt werden konnte. Zu diesem Zeitpunkt ist die Restwurzel bereits massiv nach kaudal bewegt worden.

  • Abb. 13: Die hier sichtbare bukkale Präparationsgrenze entspricht der ursprünglichen Frakturlinie. Nach erfolgter Extrusion  von ca. 10 mm konnte unter Berücksichtigung der biologischen Breite und des Ferrule-Designs eine neue Brücke eingegliedert werden.
  • Abb. 14: Ca. 12 Monate nach erfolgter Neuversorgung zeigt sich vestibulär gut vaskularisierter, neu gebildeter Knochen bis ca. 4 mm unterhalb des Kronenrandes (vgl. Abb. 12).
  • Abb. 13: Die hier sichtbare bukkale Präparationsgrenze entspricht der ursprünglichen Frakturlinie. Nach erfolgter Extrusion von ca. 10 mm konnte unter Berücksichtigung der biologischen Breite und des Ferrule-Designs eine neue Brücke eingegliedert werden.
  • Abb. 14: Ca. 12 Monate nach erfolgter Neuversorgung zeigt sich vestibulär gut vaskularisierter, neu gebildeter Knochen bis ca. 4 mm unterhalb des Kronenrandes (vgl. Abb. 12).

  • Abb. 15a: Auf dieser früher, vor der endodontischen Therapie erstellten Röntgenaufnahme, ist die unmittelbare Nähe der Wurzelspitze vor dem Sinusboden klar sichtbar. Abb. 15b: Gut 4 Jahre nach forcierter Extrusion ist deutlich der vertikale Abstand zum Sinusboden zu erkennen und in Relation zur Abb.15a ist ein zusätzlicher leichter Knochengewinn im jeweiligen Interdentalraum erkennbar.
  • Abb. 16: Auch gut 4 Jahre nach Eingliederung der neuen Brücke zeigt sich eine stabile und gesunde Gingivamanschette mit komplett erhaltenen und adaptierten Interdentalpapillen.
  • Abb. 15a: Auf dieser früher, vor der endodontischen Therapie erstellten Röntgenaufnahme, ist die unmittelbare Nähe der Wurzelspitze vor dem Sinusboden klar sichtbar. Abb. 15b: Gut 4 Jahre nach forcierter Extrusion ist deutlich der vertikale Abstand zum Sinusboden zu erkennen und in Relation zur Abb.15a ist ein zusätzlicher leichter Knochengewinn im jeweiligen Interdentalraum erkennbar.
  • Abb. 16: Auch gut 4 Jahre nach Eingliederung der neuen Brücke zeigt sich eine stabile und gesunde Gingivamanschette mit komplett erhaltenen und adaptierten Interdentalpapillen.

Diskussion

Die forcierte und daher zügige Extrusion stark destruierter Zähne ist klinisch erprobt [6,7,25]. Sie stellt eine Behandlungsalternative gegenüber klassischen, zeitaufwendigeren kieferorthopädischen Methoden dar. Das Vorgehen der forcierten Extrusion nach Neumeyer [22,23] ist vom geschulten Zahnarzt im Praxisalltag als Chairsideversorgung hervorragend integrierbar. In vielen Fällen können die Patienten nach Unterweisung den täglichen Gummiwechsel über einen kleinen Zeitraum selbst durchführen. Der Aufwand für die adhäsive Fixierung des Retentionssystems von Komet und der basal reduzierten Krone an den Nachbarzähnen ist überschaubar, jedoch nicht annähernd vergleichbar mit zeitaufwendigen augmentativen und implantologischen Verfahren etc. nach einer vermeidbaren Wurzelextraktion. Aufgrund der Variabilität des Verfahrens kann die genaue Krafteinwirkung nicht pauschal angegeben werden. Je nach Elastizität des Gummizuges liegt die Kraft bei 250 bis 850 cN, wobei die durch das Gummi übertragende Zugkraft analog der Bewegung der Wurzel automatisch abnimmt. Die Kraft steht in Abhängigkeit zur Elastizität des Gummizuges und der sich verringernden Strecke zwischen beiden Retentionslinsen. Mit dieser Krafteinwirkung liegen wir bei der forcierten Extrusion bewusst deutlich über Kraftangaben anderer kieferorthopädischer Therapien.

Kritische Nebeneffekte der forcierten Extrusion, wie sie für die klassische kieferorthopädische horizontale Bewegung beschrieben worden sind, könnten laut Literaturangaben externe Wurzelresoptionen oder Ankylosen [6] sein. Dieser Effekt ist bei der rein vertikalen forcierten Bewegung nicht zu erwarten und von unserer Seite bislang noch in keinem Fall beobachtet worden. Ebenso wenig konnten wir bisher eine klinisch relevante Intrusion wertiger Nachbarzähne beobachten, wobei gegebenenfalls eine stabile Schienung weiterer Nachbarzähne dann indiziert erscheint, wenn der zu extrudierende Zahn massive, stark gebogene Wurzeln aufweist und die direkten Nachbarzähne eventuell bei leichtem Lockerungsgrad sehr grazile Wurzeln haben sollten. Einhergehend mit der aktuellen Literatur [13] mussten wir in einem Patientenfall bei nicht ausreichender Retentionszeit eine anschließende Intrusion des zuvor extrudierten Zahnes nach definitiver Versorgung diagnostizieren. Nach erneuter Extrusion wurde der Zahn neu versorgt. Unterstützend zu einer ausreichend langen Retentionsphase kann hier, wie oben bereits beschrieben, die approximale Gestaltung des Zahnersatzes zusätzlich als Retentionselement dienen [29].

Fazit

Die forcierte Extrusion mit bis zu 850 cN Zugkraft steht im Widerspruch zu bisherigen Lehrmeinungen und hat sich dennoch mittlerweile klinisch bewährt (Praxis Neumeyer annähernd 405, Praxis Hopmann 120 und Praxis Mörig annähernd 100 erfolgreiche Fälle). Auch wenn aus der allgemeinen Orthopädie längst bekannt ist, dass durch Zugkräfte Knochenwachstum generiert werden kann [1], bedarf es entsprechender wissenschaftlicher Studien, um die biologischmorphologischen Umbauvorgänge zum Erhalt bzw. Regeneration dentoalveolärer Strukturen verifizieren zu können. Die forcierte Extrusion bietet eine minimalinvasive Behandlungsalternative zum langfristigen Erhalt tief zerstörter Zähne. Darüber hinaus bietet diese Methode die elegante, nicht operative Möglichkeit, umliegendes Gewebe mit nach koronal zu bewegen. Gegenüber der chirurgischen Kronenverlängerung oder gar der Wurzelentfernung mit folgender Implantation stellt die forcierte Extrusion eine schonende und im Sinne des Patienten biologische Behandlungsoption dar. Basierend auf bereits bekannten Erkenntnissen vor allem aus dem Fachbereich der Kieferorthopädie, kann dieser einfache Therapieansatz für den alltäglichen zahnärztlichen Gebrauch und somit als neues biologisches Konzept betrachtet werden.

Das nachstehende Autorenteam bietet praktische Arbeitskurse an. Ausführliche Informationen finden Interessierte auf www.za-go.de/Seminare

 

 

weiterlesen
Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Gernot Mörig - ZA Robert Svoboda - Dr. Laura Podolsky


Weiterführende Links

> Zur Literaturliste

Das könnte Sie auch interessieren:


Ihre Meinung ist uns wichtig!
Beurteilen Sie unsere Zeitschrift ZMK und teilen uns mit, was Ihnen gefällt und welche Wünsche Sie an uns bzw. an diese Fachzeitschrift haben.

Verlost werden Amazon-Gutscheine im Wert von 25 Euro.

Hier gehts zu den Fragen

Namhafte Referenten vermitteln Fachwissen über Zahnersatz - von der Farbnahme bis zur Befestigung. Fortbildungspunkte können erworben werden.

Frühzeitige Anmeldung empfehlenswert - limitierte Plätze

Meistgelesene Artikel

bredent Bild 3 Full Range Bonding Kit – Ein kompaktes Set mit allen benötigten Produkten, um alle prothetischen Materialen miteinander zu verbinden.