Zahnerhaltung


Die Bulk-Fill-Milchzahnfüllung – ein Fallbericht


Milchzahnfüllungen müssen im Allgemeinen dieselben Anforderungen erfüllen, die an ein definitives Füllungsmaterial gestellt werden; allerdings ist hier auch eine differenzierte Betrachtung angebracht. Das Thema Abrasionsresistenz ist hier nicht so hoch zu werten, dafür sollte ein Restaurationsmaterial eher schnell und sicher applizierbar sein.

Bei der Füllungstherapie im Milchgebiss stehen neben konfektionierten Kronen die klassischen Komposite, Kompomere aber auch Glasionomerzemente zur Verfügung. Während der Glasionomerzement aufgrund seiner reduzierten Kantenbruchstabilität primär in der Klasse I zum Einsatz kommt, dominiert die Verwendung eines Kompomers wie z.B. Dyract seit Jahren die zahnärztliche Füllungstherapie im Milchgebiss.

Problematisch ist bei allen pastösen Materialien allerdings das blasenfreie Einbringen des Füllungsmaterials und die dichte Randadaptation. Da dieses Problem bei bleibenden Zähnen genau so besteht, wie bei den Milchzähnen, behilft man sich dort seit Kürzerem mit Bulk-Flow-Materialien, die eine Schichtstärke von 4 mm erlauben und zudem mit geringeren Schrumpfungskräften aufwarten können.

Nach der Gebrauchsanleitung sollen diese Bulk-Flow-Materialien noch mit einer Deckschicht aus einem konventionellen Komposit abgedeckt werden, da diese nicht so abrasionsbeständig sind wie klassische Komposite und sich auch weniger gut polieren lassen. Beides sind hinreichende Argumente für den limitierenden Einsatz im Seitenzahnbereich – aber nicht unbedingt bei Milchzähnen. Aus diesem Grunde wurde in unserer Poliklinik bei einzelnen Patienten, bei denen eine schnelle und zuverlässige Füllungstherapie im Vordergrund stand, nach Information, Aufklärung und Einverständnis der Eltern ein derartiges Bulk-Flow-Material auch für die gesamte Klasse-II-Kavität verwendet.

Patientenfall

Zur Anwendung kam im vorliegenden Fall das Bulk-Flow-Material SDR (DENTSPLY, Konstanz). Das Material weist extrem niedrige Schrumpfungskräfte auf, die nur von wenigen Materialien erreicht werden können [1,2]. Die 4-mm-Bulk-Aushärtung erlaubt eine zügige Verarbeitung ohne die Notwendigkeit einer Schichtung.

Bei dem 5-jährigen Mädchen imponiert eine ausgeprägte kariöse Läsion an Zahn 84 (Abb. 1). Entgegen den Erwartungen war eine vollständige Exkavation des ansonsten symptomlosen aber vitalen Zahnes möglich. Im pulpennahen Bereich erfolgte die finale Exkavation mithilfe eines selbstlimitierenden Kunststoffbohrers (Polybur, Komet Dental/Gebr. Brasseler, Lemgo). Die Abbildung 2 zeigt die exkavierte Kavität nach Kavitätenrandpräparation und Applikation des Automatrix-Matrizensystems, welches sich gerade in der Kinderzahnheilkunde sehr bewährt hat. Nach Applikation eines selbstkonditionierenden All-in-One-Adhäsives und dessen Lichtpolymerisation erfolgte die Bulkapplikation von SDR direkt aus der Compula. Essentiell ist hierbei das Aufsetzen auf den approximalen Kavitätenboden und das sukzessive Herausziehen der Metallkanüle unter ständiger Förderung von Material. Da die Kavität in keinem Bereich tiefer als 4 mm war, konnte die gesamte Kavität auf einmal gefüllt und für 20 Sekunden lichtpolymerisiert werden. Mit dieser Bulk-Applikation konnte das kritische Kontaminationszeitfenster eng gehalten werden. Auch wenn diese Restaurationsvariante unter Zuhilfenahme eines Bulk-Flow-Materials von dem Hersteller bislang noch nicht so freigegeben wurde, spricht nichts gegen die verantwortungsbewusste Umsetzung in Eigenverantwortung des behandelnden Zahnarztes.

  • Abb. 1: Tiefe Karies an einem unteren ersten rechten Milchmolaren.
  • Abb. 2: Exavierte Kavität mit Matrizensystem versehen.
  • Abb. 1: Tiefe Karies an einem unteren ersten rechten Milchmolaren.
  • Abb. 2: Exavierte Kavität mit Matrizensystem versehen.

Limitierende Faktoren für derartige Anwendungen sind primär die bei der Bulk-Polymerisation entstehenden Schrumpfungskräfte (die wie aus der Literatur ersichtlich, bei SDR extrem niedrig sind [1,2]) und den allgemeinen physikalischen Eigenschaften wie Biegebruchfestigkeit und Abrasionsverhalten. In diesen Punkten kann SDR zwar nicht mit klassischen pastösen Materialien mithalten, liegt nach Herstellerangaben aber auf einem mit Kompomer mehr als vergleichbaren Level. Kompomere gelten nach wie vor als das ideale Milchzahnfüllungsmaterial – neben der Fluoridionenabgabe, weil sie etwas mehr Abrasion aufweisen als konventionelle Komposite, und somit der natürlichen Milchzahnabrasion entgegenkommen.

  • Abb. 3: Die fertige Bulk-SDR-Füllung. Entgegen den Empfehlungen der Gebrauchsanleitung wurde das Material auch zur Gestaltung der Kaufläche verwendet.

  • Abb. 3: Die fertige Bulk-SDR-Füllung. Entgegen den Empfehlungen der Gebrauchsanleitung wurde das Material auch zur Gestaltung der Kaufläche verwendet.
Die Abschlussaufnahme (Abb. 3) zeigt die fertige Restauration nach Ausarbeitung (Feinkorndiamanten) und Politur (Enhance/DENTSPLY). Aufgrund der im Vergleich zum alternativ zu verwendenden Kompomer Dyract höheren Transluzenz des SDR-Materials erscheint die Restauration etwas grau. Weder die Patientin noch ihre Eltern störten sich allerdings daran.

Es bleibt zu hoffen, dass die Hersteller der Bulk-Flow-Materialien auch diese – ähnlich wie für die adhäsive Aufbaufüllung – zügig für die Indikation Milchzahnfüllung freigeben. Dies würde weniger Aufklärungsarbeit durch den behandelnden Zahnarzt bedeuten.

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Vicky Ehlers , Prof. Dr. Claus-Peter Ernst , Prof. Dr. Brita Willershausen-Zönnchen