Prothetik


Temporäre Befestigung von provisorischen Restaurationen und Probetragen von Zahnersatz

05.10.2023

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Die Versorgung von Patienten/-innen mit provisorischen Restaurationen gehört zu den alltäglichen Aufgaben von Zahnmediziner/-innen. Oft jedoch wird dieser Behandlungsschritt – gerade im Zuge umfänglicher und zeitintensiver Sanierungen – als beiläufig betrachtet. Die Vielzahl an von provisorischen Restaurationen zu erfüllenden Aufgaben zeigt jedoch ihre relevante Bedeutung in der zahnärztlichen Behandlung. Auch ihre temporäre Befestigung und die von definitivem Zahnersatz im Sinne eines Probetragens ist keineswegs trivial und sollte wohlüberlegt sein. Vor diesem Hintergrund soll der nachfolgende Artikel einen Überblick über die Möglichkeiten und Materialien geben.

Aufgaben und Arten von provisorischen Restaurationen 

Provisorische Restaurationen gelten als in zeitlicher Hinsicht begrenzt nutzbare Restaurationen zur funktionellen, ästhetischen und biologischen Sicherung, Evaluation und Prüfung eines klinischen Zustands. Zu den klassischen Aufgaben von provisorischen Restaurationen zählen somit neben dem Schutz von präparierter Zahnhartsubstanz und Pulpa sowie der Stabilisierung von Nachbarzähnen und Antagonisten gerade auch im Frontzahnbereich der Erhalt und die Wiederherstellung von Ästhetik und Phonetik.

Auch die Ausformung von Weichgewebe kann als klassische Aufgabe angesehen werden [1]. Zudem können provisorische Restaurationen beispielsweise zur Abklärung unklarer Prognosen von Pfeilerzähnen und zum Austesten von Veränderungen der Kieferrelation im Sinne eines prospektiven Diagnostikums verwendet werden [2,3]. Die Anforderungen an provisorische Restaurationen sind dementsprechend nahezu analog zu denjenigen, die an definitiven Zahnersatz gestellt werden [4].

Das direkte Herstellen von provisorischen Restaurationen am Behandlungsstuhl mittels Vorabdruck oder vorgefertigter Tiefziehschiene liefert schnell und kostengünstig Versorgungen, die sich für einen kurzzeitigen Gebrauch, i.d.R. von wenigen Wochen und Monaten, etabliert haben [5]. Ist eine langzeitprovisorische Versorgung des Patienten geplant, kann es aufgrund besserer Passgenauigkeiten, Ästhetik und Langzeitstabilität lohnend sein, auf indirekte Provisorien zurückzugreifen [6–8] (Tab. 1).

Direkte Technik > „Kurzzeit“Direkte Technik > „Kurzzeit“Indirekte Technik > „Langzeit“Indirekte Technik > „Langzeit“
VorteileNachteileVorteileNachteile

schnell

Beständigkeitbesseres Alterungsverhaltenunter Umständen keine reine Chairside-Behandlung, insbesondere bei größeren Restaurationen
günstiginsbesondere bei großen Restaurationen sehr abhängig vom zahnärztlichen Geschickbessere Ästhetik; passgenauerteuer;
zeitaufwendig

Tab. 1: Vor- und Nachteile direkt und indirekt gefertigter provisorischer Restaurationen.

Befestigung von provisorischen Restaurationen

Zur Befestigung der provisorischen Restaurationen stehen mittlerweile eine Vielzahl an temporären Befestigungswerkstoffen zur Verfügung. Anforderungen an diese sind – wie auch bei definitiven Befestigungswerkstoffen – neben der Erzielung einer ausreichenden Retentionskraft gegenüber Kau- und Abzugskräften suffiziente Festigkeit, Randdichtigkeit und Temperaturbeständigkeit. Ein gutes Handling sowie eine leichte und vollständige Entfernbarkeit sind bei temporären Befestigungswerkstoffen ebenfalls relevant [9].

Die Einteilung der temporären Befestigungswerkstoffe kann auf Basis ihrer Zusammensetzung und dem Härteverhalten erfolgen. Aktuell verfügbare provisorische Befestigungsmaterialien umfassen selbsthärtende Zinkoxidzemente mit und ohne Eugenol sowie transparente bzw. zahnfarbene dualhärtende Präparate auf Basis von Harzen [8,10,11]. Bei eugenolhaltigen Präparaten geht die stetige Aufnahme des Eugenols durch den Zahnstumpf mit einer reduzierten Übertragung von Schmerzimpulsen durch Hemmung der Prostaglandinsynthese einher; dementsprechend kann man sich diesen Sachverhalt im Sinne einer Pulpasedierung zu Nutze machen [12].

Die Wahl des temporären Befestigungsmaterials sollte unter anderem vom geplanten Befestigungsmodus für die definitive Restauration abhängig gemacht werden. So steht bei eugenolhaltigen Zinkoxidzementen das nach Ablösen der temporären Restauration auf dem Zahnstumpf verbleibende Eugenol in Verdacht, mit für die adhäsive Befestigung verwendeten Adhäsivsystemen in Wechselwirkung zu treten. Dabei soll das Eugenol mit freien Radikalen des Adhäsivsystems reagieren und somit die Polymerisation von Methacrylat verschlechtern, was mit einer verminderten Haftwirkung einhergeht [13].

Vor diesem Hintergrund ist bei geplanter adhäsiver Befestigung der definitiven Restauration die Verwendung eines eugenolfreien Präparats zur Befestigung der temporären Restaurationen zu bevorzugen [14]. Im direkten Vergleich von eugenolfreien und eugenolhaltigen Zementen erzielen die eugenolhaltigen Präparate bessere Haftwerte [15]. Als Alternative zu den Zinkoxidzementen stehen darüber hinaus temporäre Befestigungswerkstoffe auf Kompositbasis zur Verfügung.

Durch ihr transluzentes bzw. zahnfarbenes Erscheinungsbild eignen sich diese besonders für hochästhetische bzw. transluzente temporäre Versorgungen vor allem im Frontzahnbereich [9]. Auch bei sehr kurzen oder konisch präparierten Stümpfen, bei denen generell schlechtere Retentionswerte zu erwarten sind, können temporäre Befestigungskomposite wegen höherer Retentionskräfte bevorzugt eingesetzt werden [16]. Allerdings ist die Datenlage zu temporären Befestigungswerkstoffen gegenwärtig dünn.

Eine aktuelle Laborarbeit konnte zeigen, dass bezüglich Retentionskraft sowie Ablöseverhalten verschiedener temporärer Befestigungswerkstoffe auf Zement- bzw. Kompositbasis eine erhebliche Abhängigkeit von verwendetem Restaurationsmaterial sowie der Art der Restauration (direkt vs. indirekt) besteht [17]. Dementsprechend ist aktuell keine pauschale Aussage zu den Eigenschaften von verschiedenen temporären Befestigungswerkstoffen zu treffen.

Generell haben alle temporären Befestigungswerkstoffe gemein, dass Rückstände einen negativen Einfluss auf die Haftung und Abbindereaktion von definitiven Befestigungswerkstoffen haben können [18]. Deshalb ist eine gründliche Reinigung der Stümpfe vor definitiver Befestigung obligat. Welche der zur Verfügung stehenden Reinigungsmethoden (Reinigung mittels Aluminiumoxidoder Glycinpulver oder Reinigung mittels Bürstchen und Bimsmehl) am effektivsten ist, ist laut aktueller Studienlage noch nicht sicher geklärt [19,20].

Probetragen und temporäre Befestigung von festsitzendem Zahnersatz

Auch zur temporären Befestigung von definitivem Zahnersatz sind in der Literatur nur wenige Vorgaben beschrieben. Prinzipiell ermöglicht das Probetragen von Zahnersatz, später Korrekturen in funktioneller und ästhetischer Hinsicht vor definitiver Eingliederung durchzuführen. Ob ein Probetragen von definitivem Zahnersatz möglich ist, muss vom Zahnarzt als Einzelfallentscheidung getroffen werden und hängt von folgenden Fragestellungen ab:

  • Handelt es sich um eine zahn- oder eine implantatgestützte Versorgung?
  • Welcher definitive Befestigungswerkstoff soll später zum Einsatz kommen?
  • Eignet sich der Werkstoff, aus dem die definitive Restauration hergestellt wurde, zum temporären Befestigen [21]?

Zahngestützte Restauration: metallische Werkstoffe Zahngetragene Restaurationen auf der Basis von metallischen Werkstoffen können grundsätzlich temporär befestigt werden [22]. Durch eine ausreichende Festigkeit des Metalls kann auch in Kombination mit Befestigungsmaterialien mit geringer Druckfestigkeit und Retention den Kaukräften standgehalten werden [23]. Der Halt beim Probetragen wird auf dem Zahnstumpf durch die Geometrie der Präparation gesichert.

Bei nichtretentiven, minimalinvasiven Restaurationen (z.B. Adhäsivbrücke) ist deshalb zur Befestigung zwingend ein adhäsiver Verbund notwendig, weshalb ein Probetragen nicht möglich ist. Für verblendete Metallrestaurationen sollte aufgrund der Gefahr eines Chippings der Verblendung beim Ablösen der Restauration ein Probetragen kritisch hinterfragt werden [21].

Zahngestützte Restauration: keramische Werkstoffe 

  • Abb. 1: Mikroriss in durchleuchteter vollkeramischer Brücke.

  • Abb. 1: Mikroriss in durchleuchteter vollkeramischer Brücke.
    © Dr. Haas
Bei vollkeramischen Restaurationen besteht – ähnlich wie bei metallkeramischen Restaurationen – ein hohes Risiko für eine Beschädigung beim Ablösen der Restauration, weshalb ein Probetragen grundsätzlich nicht empfohlen werden kann [24]. Die Bildung von Mikrorissen durch das Ablösen kann unter Umständen nicht sicher erkannt werden, sodass diese erst nach dem definitivem Einsetzen durch Risswachstum bei Kaubelastung sichtbar werden [21] (Abb. 1).

Implantatgestützte Restaurationen

Grundsätzlich sind verschraubte Implantatversorgungen aufgrund der geringeren Prävalenz von technischen und biologischen Komplikationen oftmals zu bevorzugen. Wird dennoch eine zementierte Versorgung gewählt, gilt die semipermanente Befestigung auf Abutments als Mittel der Wahl. Dabei stehen dualhärtende Zemente auf Methacrylat- und Kompositbasis zur Verfügung, ebenso hat sich in der Praxis die Verwendung von temporären Zinkoxidzementen zur semipermanenten Befestigung etabliert.

Die aktuelle Studienlage deutet darauf hin, dass Zemente auf Methacrylatbasis die Entwicklung von periimplantären Infektionen begünstigen, während Zemente auf Zinkoxid-Eugenol-Basis mit einer antibakteriellen Wirkung in Verbindung gebracht werden [25]. Für alle semipermanent befestigten Implantatversorgungen gilt, dass Abzugskräfte erreicht werden müssen, die sowohl eine ungestörte Funktion unter Kaulast als auch die Möglichkeit zum Lösen der Suprakonstruktion sicherstellen [21].

  • Implantatgestützte Restauration: metallische Werkstoffe Ähnlich wie bei den zahngestützten Restaurationen ist ein Probetragen grundsätzlich möglich.
  • Implantatgestützte Restauration: keramische Werkstoffe Hier sollte – wie auch bei den zahngestützten keramischen Restaurationen – von einem Probetragen wegen erhöhter Chipping- und Frakturrisiken abgesehen werden.

Fazit

Sowohl bei der Versorgung mit provisorischen Restaurationen als auch beim Probetragen von definitivem Zahnersatz ist es nur schwer möglich, allgemein gültige Empfehlungen abzuleiten. Therapieentscheidungen müssen immer patientenspezifisch und individuell getroffen werden. Weitere Informationen sind der aktuellen wissenschaftlichen Mitteilung „Temporäre Befestigung von festsitzendem Zahnersatz“ der DGPro zu entnehmen [21].

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Laura Haas


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