Prothetik

In welchem Trainingsintervall sind die besten Auswirkungen auf die Oberkörperhaltung zu beobachten?

Face-Former-Therapie – Teil 1

Abb. 1: Konfektionierter "Face-Former" zum Routineeinsatz.
Abb. 1: Konfektionierter "Face-Former" zum Routineeinsatz.

Der derzeitige wissenschaftliche Kenntnisstand geht davon aus, dass Dysfunktionen im Mund- und Gesichtsbereich Körperfehlhaltungen zur Folge haben können und diese wiederum in der Lage sind, Dysfunktionen im stomatognathen System auszulösen. Diese Wechselwirkung muss in erfolgreichen Therapiekonzepten adäquat berücksichtigt werden. Dazu kann, wie eine Pilotstudie an der Frankfurter Universität zeigte, die gezielte Therapie mit dem Funktionsgerät Face-Former eine Hilfe sein. Im Übungsprogramm mit dem Face-Former können nämlich entlang absteigender Muskelketten von kranial nach kaudal Veränderungen der Oberkörperhaltung ausgelöst werden. Nachfolgend werden Untersuchung und Ergebnisse vorgestellt.

Erkrankungen des Haltungs- und Bewegungsapparates liegen unterschiedliche Primärerkrankungen zugrunde. Durch die enge anatomische und funktionelle Beziehung sind auch craniomandibuläre bzw. orofaziale Dysfunktionen in der Lage, Körperfehlhaltungen hervorzurufen. Eine erfolgreiche ganzheitliche Behandlung muss sich mit der primären Ursache einer solchen Erkrankung beschäftigen. So kann das myofunktionelle Training mit dem Face-Former neben der Harmonisierung der orofazialen Muskulatur auch Muskelketten aktivieren, die für eine bessere Körperhaltung im Bereich der oberen Halswirbelsäule bis hin zur Lenden-Becken-Hüft-Region verantwortlich sind. Dieses innovative Therapiekonzept kann bei der Behandlung von Patienten mit Körperfehlhaltungen und gleichzeitigem Vorliegen von CMD von Erfolg versprechender Bedeutung sein, wie die folgenden Ausführungen zeigen.

Wechselwirkung craniomandibuläres System – Wirbelsäule

Erkrankungen des Haltungs- und Bewegungsapparates nehmen heutzutage in der Bevölkerung der westlichen Industrienationen immer mehr zu. Rückenschmerzen werden als die Volkskrankheit Nummer eins deklariert11.
Ferner ist ein deutlicher Anstieg der Zahl an jungen Menschen festzustellen, die Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule aufweisen. Derartige Schmerzzustände sowie Körperfehlhaltungen können sich nach längerer Zeit zu manifesten Haltungsschäden entwickeln. Therapieangebote liegen zwar reichlich vor, dennoch führt nicht zwingend jedes Therapiekonzept zum Erfolg, sodass immer mehr Menschen ein Leben mit haltungsbedingten Beschwerden verbringen müssen4,20.

In den letzten Jahren haben sich die Therapieempfehlungen für Rückenschmerzen gewandelt. Es konnte gezeigt werden, dass Therapiekonzepte mit multifaktoriellem interdisziplinärem Ansatz unter Einbeziehung somatischer, psychosozialer und sportsozialer Aspekte zu guten Therapieerfolgen führen. Basierend auf aktuellen medizinischen Erkenntnissen tritt eine ganzheitliche Betrachtungsweise zusehends in den Vordergrund der heutigen Medizin4. In der zahnärztlichen Funktionsdiagnostik und Funktionstherapie stellen vor allem die Beziehungen zwischen dem stomatognathen System und dem Haltungs- und Bewegungsapparat ein neues Forschungsgebiet dar. Bei Behandlungen im craniomandibulären System werden zunehmend Orthopäden, Physiotherapeuten, Logopäden sowie Hals-Nasen-Ohren-Ärzte in interdisziplinäre Behandlungskonzepte mit eingebunden17,18.
Das stomatognathe System sowie der Haltungs- und Bewegungsapparat werden heutzutage vielfach noch als solitäre Funktionseinheiten betrachtet21,24. Die Wechselwirkungen zwischen Okklusion, stomatognathem System und Körperperipherie werden kontrovers diskutiert19,21,24. Dennoch sind neurologische, physiologische sowie muskuläre Relationen und ihre topographische Nähe zueinander als Hinweise zu deuten, dass eine enge funktionelle Beziehung dieser Regionen existiert15,22,23.
Funktionell bedingte Abweichungen in der Körperhaltung, wie z. B. eine Extension der Halswirbelsäule, eine Hyperlordose oder eine Skoliose, können bei Nichtbehandlung nicht nur zu Funktionsstörungen an der Wirbelsäule oder zu Beckenschiefständen mit Beinlängendifferenz, sondern auch zu Veränderungen im Bereich der Okklusion und des stomatognathen Systems führen5,14,18,23,27. Orthopädische Probleme stellen daher bei entsprechender Symptomatik eine Indikation für eine zahnärztliche Funktionsbehandlung dar. Insbesondere bei therapieresistenten Patienten mit rezidivierenden HWS-Beschwerden, Schulter-Arm-Syndromen oder LWS-Beschwerden sollte an Malokklusionen oder an craniomandibuläre Dysfunktionen gedacht werden.
Mit ca. 75 % stellen muskuläre Funktionsstörungen und Schmerzen im craniomandibulären System den Hauptanteil der diagnostizierbaren Beschwerden dar18,19. Eine Muskelhypotonie im orofazialen Bereich korreliert häufig mit einer hypotonen Muskulatur im gesamten Stütz- und Bewegungssystem sowie mit Zahn- und Kieferfehlstellungsanomalien14. Nach Behandlungen im craniomandibulären System und feststellbarer Aufhebung von muskulären Dysfunktionen konnten Veränderungen der Bisslage sowie Auflösungen von Anomalien vielfach beobachtet werden. Durch Therapiekonzepte mit Aufbissbehelfen, die Okklusionsveränderungen herbeiführen, konnte die Funktionalität einzelner Wirbelsäulenareale bereits verbessert werden18,19. Ausgehend von einer anatomischen und funktionellen Interdependenz zwischen stomatognathen System und Halswirbelsäule, müsste folglich auch eine Stärkung der orofazialen Muskulatur unmittelbar zu Verbesserungen in der Körperstatik führen.
Daher sollte in der Pilotstudie herausgefunden werden, ob sich durch eine gezielte Auflösung von muskulären Dysbalancen im orofazialen Bereich in Form einer myofunktionellen Therapie mit dem Funktionsgerät Face-Former auch die Körperhaltung verbessert. Hier soll insbesondere erforscht werden, ob sich ab einem bestimmten Zeitraum ein Trainingseffekt durch den „Face-Former einstellt bzw. nach wie vielen Wochen mögliche Veränderungen in der Körperhaltung messtechnisch zu belegen sind.

Material und Methode

Probanden

An dieser Untersuchung nahmen 10 (6 w/4 m) Probanden mit einem Altersdurchschnitt von 21,89 Jahren teil. Alle Probanden wiesen unterschiedliche Dysfunktionen im orofazialen System auf. Diese Indikation stellte sich aufgrund der Angaben des Funktionsfragebogens der Poliklinik für Kieferorthopädie (Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main). Zu Erkrankungen im orofazialen System zählen Fehlhaltungen des Mundes, d. h. mangelnder Mundschluss, Mundatmung, abnorme Mobilität der Zunge, Zungenpressen sowie muskuläre Dysfunktionen im orofazialen Bereich6. Für den Ausschluss aus dieser Untersuchung galten folgende Kontraindikatoren: aktuelle Verletzungen des Bewegungsapparates (Bandscheibenvorfälle, Wirbelverletzungen etc.), stark einschränkende Fehlformen (Skoliosen) der Wirbelsäule, genetisch bedingte Muskelerkrankungen, aktuelle Physiotherapie neben der Behandlung mit dem „Face-Former“, zusätzliche myofunktionelle sowie logopädische Therapieformen, Knack- oder Reibegeräusche im Kiefergelenk, Schmerzen beim Bewegen oder beim Kauen im Kiefergelenk, Missbildungen, Trauma oder Operationen am Ober- oder Unterkiefer, Kieferklemme bzw. Kiefersperre, Tumoren der Mund-, Kiefer- oder Gesichtsregion, akuter Infekt sowie Medikamente zur Muskelrelaxation.

  • Abb. 2: Grundposition (nach Berndsen11). Positionierung des Apex linguaean der Papilla incisiva.
  • Abb. 3: Nackenstreckung von ca. 90º  (nach Berndsen11). Der Winkel zwischen Unterkiefer und Halswirbelsäule soll 90º betragen.
  • Abb. 2: Grundposition (nach Berndsen11). Positionierung des Apex linguaean der Papilla incisiva.
  • Abb. 3: Nackenstreckung von ca. 90º (nach Berndsen11). Der Winkel zwischen Unterkiefer und Halswirbelsäule soll 90º betragen.

Face-Former

Im Rahmen dieser Studie wurde der Face-Former (Abb. 1–3) zur Therapie der vorliegenden orofazialen Dysfunktionen eingesetzt. Diese Therapie basiert auf wichtigen Funktionszusammenhängen, da zum einen durch die passive Anwendung der Mundraum verschlossen wird und dadurch Habits wie Lippenbeißen, Daumenlutschen oder Nägelkauen verhindert werden. Zum anderen wird durch ein aktives Muskeltraining ein neurophysiologisches Übungsprogramm durchgeführt, das sich primär auf das Training der perioralen Muskulatur, Zungenposition, Kopfhaltung und Nasenatmung richtet2. Durch regelmäßiges Üben kann über eine längere Zeitdauer die Spannung von Gewebe, Muskulatur und Haut positiv beeinflusst werden1,2,16,17.

Dreidimensionale Rückenvermessung

  • Abb. 4: Das Messsystem: Formetric 4D-System (Diers).

  • Abb. 4: Das Messsystem: Formetric 4D-System (Diers).
Zur dreidimensionalen Oberflächenvermessung des Rückens und insbesondere der Wirbelsäule kommt das Messgerät „Formetric 4D-System“ der Firma Diers (Schlangenbad, Deutschland) zum Einsatz (Abb. 4). Das optische Messverfahren, welches diesem System zugrunde liegt, ist die Rasterstereografie. Sie dient zur Vermessung und zur Analyse der Rückenform.
Diese Untersuchungsmethode liefert eine 3D-Rekonstruktion der Rückenoberfläche, ein Modell der Wirbelsäulenkurve und Informationen über die Stellung des Beckens7,12.

Untersuchungsablauf

In der durchgeführten Studie wurde die Statik der Wirbelsäule dreimal vermessen: zu Beginn, nach drei Monaten und am Ende des Untersuchungszeitraumes nach sechs Monaten. Alle erhobenen Befunde wurden mit der Statistik-Software SPSS (Version 15.0) erfasst und statistisch ausgewertet. In die statistische Analyse wurden 30 Parameter einbezogen. Für eine optimale Datenauswertung wurden sie in fünf Blöcke untergliedert. Jedem Block sind somit mehrere Subparameter zugeordnet. Zunächst wurde der Kolmogorow-Smirnow-Anpassungstest (KS-Test) eingesetzt, um zu prüfen, ob die vorliegenden Daten einer Normalverteilung entsprechen. Nach der Bestätigung dieser Annahme wurde eine multivariate Varianzanalyse mit Messwiederholungen angewendet. Diese prüft die Unterschiede der Differenzen zwischen den Messzeitpunkten dieser Probanden. Im Anschluss erfolgte die Bonferroni-Korrektur.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Daniela Ohlendorf - Annika Herget

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Daniela Ohlendorf , Annika Herget



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