Prothetik


Amalgamverbot ante portas?

Prof. Dr. Claus-Peter Ernst
Prof. Dr. Claus-Peter Ernst

Im dem Beitrag "Dentale Kunststoffe ... Teil 1 und 2 auf diesem Portal" (www.zmk-aktuell.de/durner) gibt der Münchner Toxikologe PD Dr. Dr. Durner viel Wissenswertes zu toxikologischen Aspekten dentaler Kunststoffe preis. Ausgehend von der exzellent aufbereiteten Übersicht zur Toxikologie von Kunststoffen, mag man sich der toxikologischen Diskussion um das Amalgam erinnern. Viel konnte hier in den letzten Jahren aufgearbeitet, erklärt und wissenschaftlich belegt werden.

In der EU beschäftigen sich zwei Kommissionen mit dem Thema Amalgam: SCHER (Scientific Committee on Health and Environmental Risks) bewertet die Umwelteinflüsse und SCENIHR (Scientific Committee on Emerging and Newly Identified Health Risks) die Toxikologie von Amalgam und alternativen Restaurationsmaterialien. Das letzte Konsensuspapier von SCENIHR zu dem Thema stammt aus dem Jahre 2008 (Link 1), eine überarbeitete Version soll noch dieses Jahr folgen. Das Arbeitspapier hierzu findet man auch im Netz (Link 2).

Nachdem an dieser Front von wissenschaftlicher Seite her eher wieder Ruhe eingekehrt war, findet man in der letzten Zeit allerdings Aussagen zu einem bevorstehenden Amalgamverbot, welches von der UN ausgehen soll. Anfang des Jahres konnte man hierzu in einem Bericht mit dem Titel „Neue Sicht auf Glasionomermaterialien“ (DT today Ausgabe 1+2/2015, S. 26) Folgendes lesen: „... Das lange Zeit als Goldstandard geltende Amalgam (Quecksilbergehalt ? 50 %) steht vor dem Hintergrund eines möglichen Verarbeitungsverbotes von Quecksilber im Fokus globaler Bemühungen. Unter anderem die im Rahmen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) verabschiedete Minamata-Konvention sieht ... bis zum Jahr 2020 auch die stufenweise Reduktion („phase down“) des Quecksilbereinsatzes bei Zahnfüllungen vor. Dies erfordert die Entwicklung und den Einsatz alternativer Materialien, was sich jedoch bei genauer Betrachtung bereits heute aufdrängt ...“ Ist man jetzt nicht komplett in dem Thema sattelfest, mag man die Zeilen so interpretieren, dass ab 2020 der Einsatz von Amalgam verboten sein könnte. Dies ist aber keinesfalls so: Betrachtet man den zitierten UNEP-Report (Report of the intergovernmental negotiating committee to prepare a global legally binding instrument on mercury on the work of its fifth session, Genf, 13.–18.1.2013), so findet man dort im Anhang auf Seite 61 die Vorgaben zu Amalgam: „Primäres Ziel soll eine Kariesprävention sein, um generell die Notwendigkeit zahnärztlicher Restaurationsmaßnahmen zu minimieren, die Verwendung von kosteneffektiven und klinisch effektiven Alternativen soll unterstützt werden, ferner die Entwicklung quecksilberfreier Alternativprodukte. Der Gebrauch von Amalgam soll auf die Verwendung von Kapselprodukten beschränkt werden und es sollen die besten umwelttechnischen Möglichkeiten genutzt werden, um die Freisetzung von Quecksilber in Wasser und Boden zu reduzieren.“

Für zahnärztliches Amalgam ist aber keine Deadline gesetzt; diese gilt nur für andere „mercury added products“, die eine Seite davor abgehandelt werden, wie Batterien mit > 2 % Quecksilberanteil, bestimmte Lampen, Kosmetika mit Quecksilberanteilen > 1 ppm, Pestizide, Oberflächendesinfektionsmittel, Thermometer etc. Diese Produkte dürfen in der Tat ab 2020 nicht mehr produziert werden („Date after which the manufacture, import or export of the product shall not be allowed“). Wenn Sie z. B. noch nebenbei Quecksilber in der Chlor-Alkali-Produktion einsetzen (manche Zahnärzte haben ja interessante Nebentätigkeiten), können Sie sich sogar noch etwas mehr Zeit lassen, hier greift die „Phase-Out“-Deadline erst 2025.

Somit ist die am Anfang zitierte Aussage, dass die Minamata- Konvention bis zum Jahre 2020 die stufenweise Reduktion des Quecksilbereinsatzes bei Zahnfüllungen vorsieht, falsch. Korrekt ist das Ziel des „phase down“ über Prävention, Verwendung von Amalgamalternativen, den Einsatz von gekapseltem Amalgam und Amalgamabscheidern – aber ohne zeitliche Limitierung; diese gilt nur für die erwähnten anderen Quecksilber-enthaltenden Produkte.

Optimal zusammengefasst hat das Ergebnis der oben angesprochenen, 2013 in Minamata stattgefundenen Konferenz zu dem Thema Herr Professor Dr. Gottfried Schmalz 2014 in der zm (Schmalz G. Internationales Abkommen zu Amalgam. zm 2014; 104 (6): 48–53). Hier können Sie aus berufenem Munde eines anerkannten Experten zu dem Thema alles für Sie und für Ihre Patientenaufklärung Wichtige entnehmen.

Also, keine Panik: Sie müssen nicht sofort in vorauseilendem Gehorsam Ihre Amalgam-Restbestände entsorgen und durch Zemente ersetzen! Wen das UNEP-Papier in ganzer Länge interessiert: Sie können es als PDF (Link 3) oder als Word-Datei herunterladen.

Ihr

 

Prof. Dr. Claus-Peter Ernst

 

 

  1. http://ec.europa.eu/health/archive/ph_risk/committees/04_scenihr/docs/scenihr_o_016.pdf
  2. http://ec.europa.eu/health/scientific_committees/emerging/docs/scenihr_o_046.pdf
  3. http://www.unep.org/chemicalsandwaste/Mercury/Negotiations/INC5/INC5MeetingDocuments/tabid/3495/language/en-US/Default.aspx
Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Prof. Dr. Claus-Peter Ernst

Bilder soweit nicht anders deklariert: Prof. Dr. Claus-Peter Ernst