Prophylaxe


Ergänzende Verfahren zur Erkennung des Kariesrisikos – eine Übersicht und kritische Betrachtung

Bei dieser schweren Form der frühkindlichen Karies (EEC Typ II) sind alle Milchzähne des Oberkiefers durch Karies zerstört.
Bei dieser schweren Form der frühkindlichen Karies (EEC Typ II) sind alle Milchzähne des Oberkiefers durch Karies zerstört.

Obwohl die Kariesprävalenz seit Jahrzehnten rückläufig ist, hat sich die Polarisation der Karies verschärft. Eine individuelle Kariesrisikobestimmung ist daher für bestimmte Patientengruppen sinnvoll. Sie ermöglicht es, Risikopatienten anhand von Risikofaktoren bereits vor der Entstehung kariöser Läsionen zu identifizieren und sie einer individuellen intensivprophylaktischen Betreuung zuzuführen. Im folgenden Beitrag werden die derzeit verfügbaren Methoden zur Erkennung des Kariesrisikos dargestellt und einer kritischen Wertung in Bezug auf ihre Validität und ihre Eignung für den Einsatz in der zahnärztlichen Praxis unterzogen.

 

In den vergangenen Jahrzehnten konnte in den hoch industrialisierten Ländern mit Präventionsprogrammen ein deutlicher Rückgang des Kariesbefalls und eine zunehmende Zahl von Kindern mit kariesfreien Gebissen verzeichnet werden (Abb. 1)20,25.

  • Abb. 1: Kariesfreies Milchgebiss bei einem vierjährigen Jungen.

  • Abb. 1: Kariesfreies Milchgebiss bei einem vierjährigen Jungen.
Zwar ist auch der Anteil der Kinder, die eine große Zahl kariöser Defekte auf sich vereinigen, in allen Altersstufen kleiner geworden, die Polarisation der Karies hat sich jedoch noch verschärft. So leiden Jungen und Mädchen aus sozial benachteiligten Familien häufiger an Karies; auch bei Kindern mit Migrationshintergrund tritt Karies gehäuft auf31.
 In Anbetracht dieser ungleichen Verteilung der Karies ist eine gezielte präventive Intensivbetreuung des betroffenen Personenkreises anzustreben. Instrumente, mithilfe derer Kariesrisikopatienten identifiziert werden könnten, bevor es zu irreversiblen Schäden an den Zähnen gekommen ist, wären daher zu begrüßen. Eine besondere Schwierigkeit bei der Entwicklung solcher Verfahren liegt jedoch darin, dass Karies ein hochkomplexes Geschehen ist, an dem eine Vielzahl von Faktoren ursächlich beteiligt ist.

Karies als multifaktorielles Geschehen

Unbestritten ist das Zusammenwirken einer azidogenen/azidophilen Mikroflora auf einer anfälligen Oberfläche in einer günstigen Umgebung mit dem häufigen Konsum von Nahrungsmitteln, die am Zahn haftende und schnell vergärbare Kohlenhydrate enthalten19. Daneben wurden ein niedriger sozioökonomischer Status, unzureichende Mundhygiene von Eltern und Kindern, ungenügende Fluoridexposition, Karies fördernde Essgewohnheiten (z. B. süße Zwischenmahzeiten) und eine niedrige Speichelfließrate als Kariesrisikofaktoren beschrieben23,29,35. Darüber hinaus spielt die Infektion mit Mutans-Streptokokken eine bedeutende Rolle bei der Kariesentstehung. Sie tragen als säurebildende und säuretolerante Keime mit der Fähigkeit zur Bildung intraund extrazellulärer Polysaccharide sowohl zur Säurebildung als auch zur Besiedelung der Zähne durch orale Mikroorganismen maßgeblich bei. Auch andere subklinische Parameter wie Speichel-Pufferkapazität und -pH-Wert sowie die mikrobiologische, organische und anorganische Zusammensetzung von Speichel und Plaque wurden als mit dem Kariesrisiko assoziierte Faktoren genannt und untersucht6,19,24,28. In jüngster Zeit wurden die diagnostischen Verfahren mit dem Laktatnachweis9 und einem auf monoklonalen Antikörpern basierenden, spezifischen Nachweis von Streptococcus mutans (Saliva Check Mutans, GC Germany, Bad Homburg) um zwei neue Chairside-Tests erweitert. Die Variabilität der beeinflussenden Faktoren führte zu der Entwicklung von Risikomodellen, in denen klinische und subklinische Parameter miteinander kombiniert werden, um das individuelle Kariesrisiko eines Patienten festlegen zu können7,11,28.

Begriffsdefinitionen

Als Risiko wird im Allgemeinen die Wahrscheinlichkeit bezeichnet, dass ein negatives Ereignis eintritt, als Kariesrisiko demzufolge die Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient Karies entwickelt. Für die zahnärztliche Praxis wird ein Verfahren benötigt, welches jeden Patienten mit dem Risiko, eine Karies zu entwickeln, mit höchstmöglicher Sicherheit identifiziert, idealerweise ergänzt durch eine Aussage über das Risikoausmaß. Im Rahmen der Risikoerkennung sind Risikofaktoren und Risikoindikatoren zu unterscheiden. Dabei bezeichnet der Risikofaktor einen Parameter, dessen Vorliegen die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung erhöht und dessen Eliminierung diese Wahrscheinlichkeit erniedrigt, der also mit der Erkrankung kausal verbunden ist. Ein Risikoindikator ist dagegen ein Parameter, dessen Vorliegen die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung zwar erhöht, jedoch ohne mit der Erkrankung in einem kausalen Verhältnis zu stehen. Seine Eliminierung reduziert die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung nicht.
Nach Zimmer müssen insgesamt drei Level der Risikobestimmung unterschieden werden39. So stehen außer der komplexen Kariesrisikodiagnostik mit der Möglichkeit einer quantitativen Aussage das darunter angesiedelte Risikoscreening als rein qualitatives Verfahren und die Berechnung des relativen Risikos, das eine statistische Assoziation beschreibt, zur Verfügung. Während das relative Risiko angibt, um welchen Faktor sich das Risiko in zwei Gruppen unterscheidet (z. B. Kariesentwicklung bei kariesfreien Kindern bei positivem oder negativem Mutans-Streptokokken- Nachweis), gibt ein Screening in Form von Sensitivität (Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient mit hohem Risiko als solcher erkannt wird) und Spezifität (Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient mit niedrigem Risiko als solcher erkannt wird) Auskunft über die Zuverlässigkeit eines Testverfahrens. Beide Werte werden als Prozentzahlen angegeben. Die als Summenwert von Sensitivität und Spezifität für valide Verfahren geforderte Zahl von > 160 bedeutet, dass durch den Test sowohl ein Patient mit einem niedrigen Risiko als auch ein Patient mit einem hohen Risiko mit einer Wahrscheinlichkeit von jeweils mindestens 80 % richtig identifiziert werden. Nur wenige Testverfahren genügen dieser Forderung; sie werden an anderer Stelle näher besprochen.

Klinische Verfahren zur Kariesrisikobestimmung

Ein guter Gradmesser für das zukünftige Kariesrisiko ist die Karieserfahrung27. So hat die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege auf der Basis des dmft/DMF-T-Wertes Kriterien zur Erkennung des Kariesrisikos bei Kindern im Rahmen von Reihenuntersuchungen formuliert8. Auch Initialläsionen haben sich als zuverlässiger Indikator eines Kariesrisikos in beiden Dentitionen erwiesen3,15,33. Besonders eine hohe Kariesprävalenz im Milchgebiss impliziert ein hohes Kariesrisiko für die zweite Dentition. Da hier jedoch bereits Zahnschäden eingetreten sind, kommt dieses Verfahren für eine primäre Prophylaxe zu spät.
Die Arbeitsgruppe um Marthaler aus Zürich hat anhand der Daten von einer vierjährigen Studie an 477 Kindern aus der Schweiz ein Verfahren entwickelt, das anhand der Anzahl gesunder Milchmolaren, braun verfärbter Fissuren und Glattflächen mit Initialläsionen an Sechsjahrmolaren das Kariesrisiko berechnet13. Die so genannte Dentoprog-Methode erreicht eine Sensitivität und Spezifität zwischen 70 und 77 %. Damit ist die oben beschriebene Forderung zwar nicht ganz erfüllt, doch liegt sie deutlich höher als die aller anderen verfügbaren Verfahren. Die Dentoprog-Methode wurde mittlerweile in ein kleines Computerprogramm umgesetzt, das unter www.gaba-dent.de (Dental Professionals – Indikationen – Karies – Karies – Risikotest) kostenlos zur Verfügung gestellt wird (Abb. 2 a u. b).

  • Abb. 2a: Dentoprog-Test, hohes Kariesrisiko.

  • Abb. 2a: Dentoprog-Test, hohes Kariesrisiko.
  • Abb. 2b: Dentoprog-Test, niedriges Kariesrisiko.

  • Abb. 2b: Dentoprog-Test, niedriges Kariesrisiko.

 

 

 

 

 

 

 

 

Da der Test einfach und schnell durchzuführen ist, kann er zur Bestimmung des Kariesrisikos bei Schulkindern zwischen sechs und zwölf Jahren empfohlen werden.
Ein weiterer, gut messbarer klinischer Parameter ist die Plaquemenge, die sich innerhalb von 24 Stunden nach einer professionellen Zahnreinigung bildet. Um den so genannten Plaque- Formation-Rate-Index (PFRI) zu bestimmen, wird die neu gebildete Plaque angefärbt und an sechs Flächen jedes Zahnes erfasst. Der PFRI wird als Prozent der positiven Messungen bezogen auf die Gesamtzahl der Messpunkte angegeben. Ein Wert über 20 % weist auf ein erhöhtes Kariesrisiko hin4.

Analyse subklinischer Parameter im Rahmen der Kariesrisikoerkennung

Eine Reihe kommerziell erhältlicher Testverfahren wurde in den vergangenen Jahrzehnten auf den deutschen Markt gebracht, die sich nicht alle in der Praxis durchgesetzt haben. Sie sollen im Folgenden kurz dargestellt werden (Abb. 3, Tab. 1).

  • Tab. 1: Übersicht der in Deutschland erhältlichen Kariesrisikotests.

  • Tab. 1: Übersicht der in Deutschland erhältlichen Kariesrisikotests.
  • Abb. 3: Auswahl gebräuchlicher Speicheltests.

  • Abb. 3: Auswahl gebräuchlicher Speicheltests.


 

Speichelfließrate und Speichelpufferkapazität

Grundsätzlich ist bereits bei der Probennahme darauf zu achten, dass reproduzierbare Bedingungen bei den Untersuchungen des Speichels geschaffen werden. Die Tageszeit spielt bei der Speichelgewinnung keine Rolle16. Die Speichelfließrate wird üblicherweise innerhalb einer definierten Zeitspanne unter Kauen eines sterilen Paraffinstücks bestimmt. Der durch den Kauvorgang stimulierte Speichel wird in einem Messgefäß gesammelt; die Fließrate in Milliliter pro Minute (ml/min.) angegeben. Ein weiterer Parameter zur Einschätzung des Kariesrisikos ist die Pufferkapazität des Speichels. Für ihre Bestimmung reicht ein Tropfen stimulierten Speichels aus. Sie kann mithilfe der kommerziellen Tests Dentobuff® (Orion Diagnostica, Espoo, Finnland), CRT® buffer (Ivoclar Vivadent, Ellwangen) und Saliva Check Buffer (GC Germany, Bad Homburg) chairside bestimmt werden. Möglicherweise spielt die Pufferkapazität bei der Kariesrisikobestimmung eine untergeordnete Rolle, da der Speichel, insbesondere bei dichtem Plaquebelag, nicht in ausreichendem Umfang an die Zahnoberfläche diffundieren kann38. Zwar ist die mit den kommerziellen Tests ermittelte Pufferkapazität interund intraindividuell relativ konstant, für die alleinige Risikobeurteilung aber ungeeignet32.

Nachweis von Mutans-Streptokokken und Laktobazillen mit selektiven Kulturmedien

Die heute gebräuchlichen kommerziellen Tests zum Nachweis von Mutans-Streptokokken und Laktobazillen basieren auf selektiven Kulturmedien, die die Nachweisgrenzen für beide Keimgruppen deutlich herabsetzen und die orale Begleitflora nahezu unterdrücken, so dass ein Mutans-Streptokokken- und Laktobazillennachweis durch makroskopische Befundung der Kulturträger gut möglich ist. Es sind derzeit noch drei nach diesem Prinzip arbeitende Tests in Deutschland im Handel: Der Dentocult® SM (Orion Diagnostica, Espoo, Finnland) wurde als erster Test für den routinemäßigen Einsatz in der Zahnarztpraxis entwickelt und bestimmt mithilfe der Spatel-Methode in einer Einzelprobe die Anzahl der Mutans-Streptokokken im Speichel14. Als erster Test zur gleichzeitigen Bestimmung von Laktobazillen mithilfe einer Dip-Slide- Methode ist auch der Dentocult® LB von derselben Firma heute noch gebräuchlich17. Als modernerer Dip-Slide-Test können auf einem doppelseitig beschichteten Kulturbesteck Mutans-Streptokokken und Laktobazillen gleichzeitig analysiert werden (CRT® bacteria, Ivoclar Vivadent, Ellwangen). Die Produktion des nach demselben Prinzip arbeitenden Dip- Slide-Test der Fa. Hain Diagnostica (Cario-Check®) wurde eingestellt; der Test selbst ist nicht mehr verfügbar. Die Tests sind leicht durchzuführen und mithilfe der vom Hersteller mitgelieferten Beurteilungsschemata unproblematisch auszuwerten. Gelegentlich treten jedoch Begleitphänomene auf, die das Ablesen der Dip- Slide-Tests erschweren und das Ergebnis verfälschen können. So können auf dem Laktobazillen-Test auch Hefen wachsen, die bei niedrigen Koloniezahlen an Laktobazillen als matte, cremefarbene Kolonien imponieren. Werden sie mit Wasserstoffperoxid beträufelt, sprudeln die Hefekolonien im Gegensatz zu den Laktobazillen16. Des Weiteren wurden deutliche interindividuelle Unterschiede bei der Klassifizierung von Dip-Slide- Tests nachgewiesen1, sodass die Befundung durch einen Untersucher zu empfehlen ist.
 Im Vergleich mit klassischen Kulturverfahren erreichten die kommerziellen Testbestecke eine ausreichende Genauigkeit von 82 bis 93 %. Studien zu den kommerziell erhältlichen Bakterientests zeigen eine höhere Spezifität (59 bis 85 %) und eine niedrigere Sensitivität (41 bis 82 %), d. h., dass die Tests eher Personen mit niedrigem Kariesrisiko richtig identifizieren26. Mit einer Wiederholung des Speicheltests kann das Risiko eines falsch negativen Testergebnisses vermindert und die Sicherheit der Aussage erhöht werden29.

Kombinationen verschiedener Speicheltests Keiner der dargestellten Tests vermag für sich allein genommen eine akzeptable klinische Genauigkeit von 80 % zu erreichen2. Daher wurde versucht, durch die Kombination verschiedener Tests die Sensitivität und Spezifität zu erhöhen, jedoch ohne dass das Ziel einer 80-prozentigen Genauigkeit erreicht wurde36. Dies gilt auch für die Ergänzung mit klinischen Parametern wie dem DMF-T-Wert, Mundhygieneparametern oder demographischen Daten2,37.  

Differenzierung von kariogenen Bakterien mittels Gensonden

Von LCL Biokey wurde ein Test entwickelt, der das Vorkommen von Mutans- Streptokokken mithilfe von Gensonden nachweist (LCL Kariestest, LCL Biokey, Aachen). Anders als bei den oben beschriebenen Speicheltests ist damit der spezifische Nachweis von Streptococcus mutans, S. sobrinus, S. cricetus und S. rattus möglich. Andere azidogene Mikroorganismen werden damit jedoch nicht erfasst. Die im Vergleich zu den kulturellen Verfahren hohen Kosten (pro Test ca. 34 EUR) mögen dazu beigetragen haben, dass sich dieser Test bisher auf dem Markt nicht durchgesetzt hat.

Bestimmung der Milchsäureproduktion (Laktatnachweis)

Als ein weiterer möglicher Risikofaktor kann die Milchsäureproduktion (Laktatnachweis) durch Bakterien, die mithilfe eines mit Saccharose imprägnierten Teststäbchens vom Zungenrücken des Patienten entnommen werden, semiquantitativ erfasst werden (Clinpro® Cario L-Pop, 3M Espe, Seefeld). Das Testergebnis liegt nach zwei Minuten vor (Abb. 4).

  • Abb. 4: Auswertung.

  • Abb. 4: Auswertung.
Hintergrund dieses Testverfahrens ist die Beobachtung, dass auch Non-Mutans-Streptokokken und andere orale Bakterien zur Säureproduktion befähigt sind, die über einen spezifischen Bakteriennachweis nicht erfasst würden, aber das Kariesrisiko erhöhen. Erste klinische Studien konnten keine Korrelationen zwischen etablierten klinischen Methoden der Kariesrisikobestimmung und der Milchsäurebildung herstellen5. Zu diesem Chairside-Test liegen noch keine Langzeitstudien vor. Wie die anderen mikrobiologischen Tests ist der Laktatnachweis eher als zusätzlicher Test, aber nicht als alleiniger Prädiktor bei der  Kariesrisikobestimmung einzusetzen.

Spezifischer Nachweis von Streptococcus mutans durch monoklonale Antikörper

Seit kurzem ist auch der spezifische Nachweis von S. mutans in einer Speichelprobe durch monoklonale Antikörper möglich. Der Test ist rasch und einfach im Rahmen der zahnärztlichen Untersuchung oder Behandlung durchzuführen (Abb. 5a). Die Ergebnisse des Saliva Check Mutans (GC Germany, Bad Homburg) liegen bereits nach 15 Minuten vor. Nach Angaben des Herstellers liegt die Nachweisgrenze bei 5 x 105 CFU/ml Speichel. Ein positives Testergebnis wird durch eine rote Linie im Testfenster neben der (immer erkennbaren) Linie des Kontrollfensters angezeigt (Abb. 5b). Bisher liegen kaum klinische Studien zur Validität dieses neuen Verfahrens vor. Eine vor kurzem publizierte Arbeit japanischer Autoren mit 28 Patienten konnte Korrelationen zwischen den Ergebnissen des neuen Verfahrens und kulturbasierten Nachweisverfahren zeigen21. Inwieweit dieser Test als Kariesrisikoprädiktor geeignet ist, kann derzeit nicht beurteilt werden.

  • Abb. 5b: Saliva Check Mutans: positives Testergebnis.

  • Abb. 5b: Saliva Check Mutans: positives Testergebnis.
  • Abb. 5a: Testablauf Saliva Check Mutans.

  • Abb. 5a: Testablauf Saliva Check Mutans.

 

 

 

 

 

 

Stellenwert der einzelnen Verfahren für den Einsatz in der Praxis
Unbestritten ist, dass aus wissenschaftlicher Sicht alle oben beschriebenen diagnostischen Verfahren als alleinige Prädiktoren bei der Kariesrisikobestimmung nicht die notwendige Sensitivität und Spezifität erreichen, um mit der geforderten Sicherheit Kariesrisikopatienten zu identifizieren. In der Praxis kann jedoch auch die Ermittlung eines relativen Risikos wichtige Informationen über den Mundgesundheitszustand erlauben. So zeigten Thenisch und Mitarbeiter in einem kürzlich publizierten systematischen Review, dass der Nachweis von Mutans-Streptokokken bei kariesfreien Kindern zwischen zwei und fünf Jahren das relative Risiko, später eine Karies zu entwickeln, um den Faktor 2,1 erhöht34. Wurde der Bakteriennachweis in der Plaque geführt, erhöhte sich das relative Risiko sogar um den Faktor 3,9. Anhand des Mutans-Streptokokken-Nachweises können Kinder in diesem Alter in eine intensive individualprophylaktische Betreuung eingebunden werden, bevor kariöse Defekte entstehen. Kinder, die bereits kariöse Läsionen im Milchgebiss aufweisen, gelten immer als Risikopatienten und müssen entsprechend engmaschig betreut werden. Auch aus einem anderen Grund erscheint der Einsatz von Plaque- und Speicheltests zusammen mit der Erhebung weiterer Risikofaktoren sinnvoll. Sie machen auf eine den Patienten wenig belastende Art und Weise eine möglicherweise bestehende, (noch) unsichtbare Kariesgefährdung erkennbar und können so über eine bessere Motivation die Compliance, vor allem bei Kindern und Jugendlichen, verbessern. Langjährige Erfahrungen der Verfasserin aus dem Unterricht mit Studierenden der Zahnmedizin und Zahnmedizinischen Fachangestellten bestätigen die Bedeutung der mikrobiologischen Testverfahren für eine eindrucksvolle, nachhaltige Aufklärung über die Ursachen von Zahnkaries anhand der Maxime: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Als problematisch müssen die zusätzlichen Kosten angeführt werden, die gerade Risikofamilien von einer solchen Untersuchung abschrecken.
Während also die mikrobiologischen Tests bei Klein- und Kindergartenkindern eine hohe Bedeutung für die Kariesvorhersage haben, nimmt ihre Validität im Schulalter, für sich allein betrachtet ab und die Bedeutung anderer Risikoparameter zu.
Um bei Schulkindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine optimale Kariesrisikobestimmung vorzunehmen, müssten möglichst alle Risikofaktoren und -indikatoren individuell erfasst, Alters entsprechend gewichtet und in einer statistischen Analyse ausgewertet werden und in die Berechnung eines Risikowertes einfließen. Als eine gute Näherung an ein solches Ziel hat sich ein multifaktoriell organisiertes, computerbasiertes Verfahren, das Cariogram, in der klinischen Überprüfung als tauglich gezeigt. Dabei werden als Faktoren Ernährung (Frequenz der Nahrungsaufnahme und der Nahrungszusammensetzung), Plaquemenge und -zusammensetzung (Zahl der Mutans-Streptokokken und Laktobazillen), Empfänglichkeit des Wirts (Resistenz der Zahnhartsubstanz/ Fluoridierung und funktionelle Speichelparameter) und Begleitumstände (Karieserfahrung in der Vergangenheit und genereller Gesundheitszustand) bei der Berechnung des individuellen Risikos berücksichtigt. Über das Programm wird die Wahrscheinlichkeit berechnet, dass keine neuen kariösen Läsionen entstehen werden. Mithilfe dieses Programms kann außerdem der Zusammenhang zwischen Risikofaktoren und der Kariesentstehung aufgezeigt werden. Durch die Veränderung einzelner Parameter wird für den Patienten sichtbar, wie sich das Kariesrisiko beispielsweise durch eine Verbesserung der Mundhygiene oder die Optimierung der Fluoridapplikation reduzieren lässt. Hierdurch kann die Motivation des Patienten deutlich gefördert werden7,10. Das Cariogram hat sich in prospektiven Untersuchungen als zuverlässiges Prognoseinstrument bei 10- bis 11-jährigen Kindern11 und bei älteren Patienten12 erwiesen. Es wird als hilfreiches Instrument für die Kariesrisikobestimmung in der Praxis betrachtet und kann kostenlos im Internet bezogen werden (http://www. mah.se/fakulteter-och-omraden/ Odontologiska-fakulteten/Avdelningoch- kansli/Cariologi/Cariogram/).
Eine in der Praxis gut anwendbare Methode ist die Erfassung der Kariesrisikoparameter nach Axelsson über eine Checkliste (Tab. 2)4, weil daraus direkt ersichtlich wird, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um einen kariesfördernden in einen kariesprotektiven Faktor zu verwandeln.

  • Tab. 2: Kariesrisikoindikatoren sowie kariesfördernde und -protektive Faktoren (modifiziert nach Axelsson).

  • Tab. 2: Kariesrisikoindikatoren sowie kariesfördernde und -protektive Faktoren (modifiziert nach Axelsson).


Fazit

Alle bisher bekannten Verfahren mit Ausnahme der Karieserfahrung in der Vergangenheit reichen jeweils als alleinige Risikoprädiktoren einer validen Kariesrisikobestimmung nicht aus. In jedem Fall müssen zusätzliche klinische und subklinische Befunde erhoben werden. Die Instrumente der Risikoerkennung sind je nach Alter unterschiedlich genau in ihrer Vorhersagekraft und daher altersentsprechend auszuwählen und einzusetzen. Mit dem Mutans-Streptokokken-Nachweis für Kleinkinder und Kindergartenkinder, der Dentoprog-Methode für Grundschüler und dem Cariogram für Jugendliche und Erwachsene stehen Verfahren zur Verfügung, welche die Anforderungen an eine möglichst genaue Kariesvorhersage auch aus wissenschaftlicher Sicht erfüllen. Zur Frage, wie häufig und mit welchen Maßnahmen ein Risikopatient individualprophylaktisch betreut werden muss, stehen keine ausreichenden Daten zur Verfügung, um evidenzbasierte Empfehlungen abzuleiten. Für Risikokinder ist in jedem Fall eine halb-, besser vierteljährliche Kontrolle mit gezielten individualprophylaktischen Maßnahmen (professionelle Zahnreinigung, Anwendung hochkonzentrierter Fluoridpräparate, ggf. Einsatz von Chlorhexidindigluconat-Präparaten, Optimierung der häuslichen Mundhygiene und der häuslichen Fluoridanwendung) zu empfehlen. Dabei sollten die Risikoparameter regelmäßig reevaluiert und darauf basierend der Recallabstand angepasst werden.           

 

 

 

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Dr. Christiane Elisabeth Gleissner

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Dr. Christiane Elisabeth Gleissner


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