Prophylaxe


Die Betreuung von Patienten mit Mundtrockenheit – ein spezieller Aspekt in der zahnärztlichen Prophylaxe


Risikogruppen sollten in der zahnärztlichen Praxis in ein engmaschiges Recall eingebunden und mit speziellen prophylaktischen Maßnahmen bedacht werden. Eine Risikogruppe, die oftmals gar nicht identifiziert wird – es sein denn, diese Patienten machen von sich aus auf sich aufmerksam –, sind Menschen mit Mundtrockenheit. Ziel des folgenden Beitrags ist es, einen Überblick über prophylaktische Aspekte hinsichtlich der zahnärztlichen Betreuung von Patienten mit Mundtrockenheit zu geben. Zudem geht der Autor auf die Ätiologie der Erkrankung, die Diagnostik und die Linderung der Beschwerden mithilfe von Speichelersatzmitteln ein.

Mundtrockenheit ist ein Krankheitsbild, das eine Vielzahl von Patienten betrifft und mit dem der klinisch tätige Zahnarzt aufgrund der demografischen Entwicklung zunehmend häufiger konfrontiert wird. Je nach Ausprägung der Mundtrockenheit sinkt die Lebensqualität der betroffenen Patienten deutlich; darüber hinaus steigt das Risiko für typische orale Erkrankungen wie Karies oder mikrobiell verursachte Infektionen der Mundhöhle, weswegen eine suffiziente prophylaktisch orientierte zahnärztliche Versorgung dieser Patienten als conditio sine qua non gelten muss.

Allgemeine Aspekte

Epidemiologie

Während in der Literatur die Begriffe „Mundtrockenheit“, „Xerostomie“ und „Hyposalivation“ häufig als Synonyme gebraucht werden, bedarf es insbesondere aus epidemiologischen Gründen einer fundierteren Begriffsbestimmung. So bezeichnet der Begriff „Hyposalivation“ eine echte, objektiv messbare Verringerung der Speichelsekretion, während der Begriff „Xerostomie“ das subjektive Gefühl eines Patienten, an trockenem Mund zu leiden, ohne objektiv messbare Komponente beschreibt. Während im Hinblick auf eine epidemiologische Analyse der objektiven Komponente der Mundtrockenheit kaum valide Daten existieren, gibt es eine Vielzahl von epidemiologischen Untersuchungen zur Prävalenz von Xerostomie. Im Allgemeinen muss mit einer Prävalenz der Xerostomie von etwa 20 % gerechnet werden [23], wobei die Prävalenz der Xerostomie mit zunehmendem Alter und mit der Zahl eingenommener Medikamente stark ansteigt: So existieren epidemiologische Studien, die von einer Prävalenz der Xerostomie bei Patienten über 65 Jahre von zum Teil mehr als 40 % berichten [18,19,37]. In diesem Kontext sollte allerdings berücksichtigt werden, dass ein Patient, der über Xerostomie klagt, nicht automatisch auch eine objektiv messbare Verringerung der Speichelsekretion im Sinne einer Hyposalivation aufweist.

Ätiologie

Die Ätiologie von Mundtrockenheit ist vielfältig; besonders schwere Fälle von Mundtrockenheit finden sich als Folge der strahlentherapeutischen Behandlung von Tumorerkrankungen. In der zahnärztlichen Praxis öfter zu sehen sind besonders stark ausgeprägte Fälle von Mundtrockenheit als Folge von Autoimmunerkrankungen wie dem Sjögren-Syndrom, das mit einer Prävalenz von 0,5–1 % Frauen um ein Vielfaches häufiger betrifft als Männer. Es ist durch eine sukzessive Zerstörung exokriner Drüsen, wie der Speichel- und Tränendrüsen, gekennzeichnet [3,24].

  • Tab. 1: Häufig mit Mundtrockenheit assoziierte Medikamente [23].

  • Tab. 1: Häufig mit Mundtrockenheit assoziierte Medikamente [23].
Ältere Menschen leiden besonders häufig an Mundtrockenheit. Aufgrund der demografischen Entwicklung ist somit zu erwarten, dass die Prävalenz der Mundtrockenheit in der Gesamtbevölkerung stetig steigt. Allerdings scheint es im Alter nicht per se zu einer Verminderung der Speichelsekretion der Speicheldrüsen zu kommen; vielmehr ist die Ursache für die erhöhte Prävalenz von Mundtrockenheit in den Nebenwirkungen einer Vielzahl von Medikamenten zu suchen [7,39]. So waren etwa im Jahr 2004 1.800 in den USA erhältliche Medikamente mit Xerostomie assoziiert; von den 200 im Jahr 1992 in den USA am häufigsten verschriebenen Medikamenten zeigten über 80 % als häufigste orale Nebenwirkung die Xerostomie [43,46]. Tabelle 1 gibt einen Überblick über oft mit Mundtrockenheit assoziierte Medikamente. 

Darüber hinaus wird in vielen Fällen von Mundtrockenheit im Rahmen des Diabetes mellitus berichtet [4,5,34,45]. Aufgrund der zunehmenden Prävalenz des Diabetes mellitus ist auch in dieser Hinsicht mit einer zunehmenden Zahl von Patienten mit Mundtrockenheit zu rechnen. Während Patienten mit Diabetes mellitus in besonderem Maße über Xerostomie klagen, konnten verschiedene Studien kein einheitliches Bild im Hinblick auf eine Verminderung der Speichelsekretion zeichnen: Während manche Autoren von einer deutlichen Verringerung der Speichelsekretion bei Patienten mit schlecht eingestelltem Diabetes mellitus berichten [1,2,12,26,45], konnten andere Autoren keine verminderte Speichelsekretion nachweisen [8,11,31]. Allerdings scheint eine medizinisch korrekte Einstellung des Diabetes mellitus nicht unbedingt eine verbesserte Speichelsekretion zu bewirken [2].

Klinik und Diagnostik

Die Anamnese besitzt in der Diagnostik der Mundtrockenheit einen besonderen Stellenwert. Spezifische Fragen, die in besonderem Maße mit dem Vorliegen von Mundtrockenheit korreliert sind, können dabei gut in einen schon bestehenden Anamnesebogen integriert werden. Typische Fragen sind etwa [17,36]:

  • „Haben Sie einen trockenen Mund beim Essen?“
  • „Müssen Sie Flüssigkeiten zu sich nehmen, um trockene Speisen zu schlucken?“
  • „Haben Sie Schwierigkeiten beim Schlucken?“ 
  • „Haben Sie das Gefühl, zu wenig Speichel im Mund zu haben?“

Neben typischen, häufig von Patienten mit Mundtrockenheit geäußerten Beschwerden, wie einem verstärkten Durst- oder Rauigkeitsgefühl, Stimm-, Sprech- und Geschmacksstörungen oder Problemen beim Kauen und Schlucken, finden sich in vielen Fällen typische orale Befunde, die auf Mundtrockenheit hindeuten. Dazu zählen insbesondere Veränderungen in der Speichelqualität, der sich bei Patienten mit Hyposalivation häufig sehr zäh, trübe oder schaumig präsentiert. Die Schleimhäute imponieren in vielen Fällen wie dünnes Papier, ihnen fehlt der den speichelbedeckten Schleimhäuten eigene Glanz und es kommt zu Einrissen und Verletzungen. Weitere typische intraorale Befunde umfassen u. a. rezidivierende Infektionen der Schleimhäute (z. T. mit Candida albicans assoziiert), morphologische Veränderungen der Zunge, wie Atrophien der Zungenpapillen, und Fissuren [47,49], eine verstärkte Bildung von Plaque sowie z. T. foudroyante Verläufe von dentaler Karies. Bei Patienten, die schon über einen längeren Zeitraum zahnärztlich betreut werden, kann das Auftreten von Karies an eher untypischen Stellen (z. B. Glattflächen, Schneidekanten) ein Indiz für eine verminderte Speichelsekretion sein (Abb. 1 u. 2).

  • Abb. 1: Dünne, vulnerable Schleimhäute und ausgeprägte Akkumulation von Belägen bei einer Patientin mit ausgeprägter Psychopharmaka-assoziierter Mundtrockenheit.
  • Abb. 2: Foudroyanter Verlauf von Karies bei einem Patienten mit Mundtrockenheit als Folge einer Bestrahlungstherapie. Der Speichel erscheint als schaumiges Sekret.
  • Abb. 1: Dünne, vulnerable Schleimhäute und ausgeprägte Akkumulation von Belägen bei einer Patientin mit ausgeprägter Psychopharmaka-assoziierter Mundtrockenheit.
  • Abb. 2: Foudroyanter Verlauf von Karies bei einem Patienten mit Mundtrockenheit als Folge einer Bestrahlungstherapie. Der Speichel erscheint als schaumiges Sekret.

Im Allgemeinen finden sich bei Patienten mit Hyposalivation in vielen Fällen eine Verminderung der Pufferkapazität sowie eine Veränderung des pH-Werts des Speichels [23]; darüber hinaus ist die Konzentration von kariogenen Mikroorganismen und Pilzen im Speichel von Patienten mit verringerter Speichelsekretion vielfach höher als bei Patienten mit physiologischem Speichelfluss [13,15,22,25,29].

Die prophylaktisch orientierte Betreuung von Patienten mit Mundtrockenheit in der zahnärztlichen Praxis

Prophylaktische Aspekte

Da eine kausale Therapie von Mundtrockenheit sich in vielen Fällen schwierig gestaltet, ist die zahnärztliche Betreuung von betroffenen Patienten häufig auf supportive und prophylaktische Aspekte reduziert. Vor dem Hintergrund, dass viele Patienten erst bei einer Verminderung der Speichelsekretion um mehr als 50 % erste Symptome der Trockenheit bemerken [9], kommt der Prophylaxe gerade bei bezahnten Patienten mit Mundtrockenheit eine entscheidende Rolle in der zahnärztlichen Betreuung zu.

  • Abb. 3: Ausrüstung zur Bestimmung der Speichelfließrate: skaliertes Messröhrchen und Stoppuhr.

  • Abb. 3: Ausrüstung zur Bestimmung der Speichelfließrate: skaliertes Messröhrchen und Stoppuhr.
Bei Patienten mit einem subjektiven Trockenheitsgefühl oder Patienten, bei denen der klinische Verdacht auf eine Verminderung der Speichelsekretion besteht, bietet sich eine Quantifizierung der Speichelsekretion (Sialometrie) an. Das Procedere ist einfach und kann in jeder zahnärztlichen Praxis erfolgen; eine Abrechnung ist z. B. über die GOÄ 3712 möglich. Benötigt werden lediglich eine Stoppuhr, ein Teströhrchen mit Milliliter-Skalierung (vorzugsweise in 0,5-ml-Schritten) sowie Paraffin-Kautabletten, die über den dentalen Fachhandel bezogen werden können. Wesentlich ist, dass eine Bestimmung der Speichelfließrate immer unter möglichst standardisierten Bedingungen erfolgen sollte. Aufgrund von tageszeitlichen Schwankungen in der Speichelsekretion wird empfohlen, die Messung möglichst früh am Tag und möglichst immer zur selben Uhrzeit durchzuführen [16]. Der Patient sollte in jedem Fall zumindest eine Stunde vor der Messung weder trinken, essen, rauchen noch Mundhygienemaßnahmen betreiben (Abb. 3). Im Allgemeinen kann sowohl die unstimulierte als auch die stimulierte Speichelfließrate bestimmt werden. Nach den persönlichen Erfahrungen des Autors ist es etwas leichter, die stimulierte Speichelfließrate zu messen, da das höhere Speichelvolumen eine etwas einfachere und exaktere Quantifizierung des Speichelflusses erlaubt. Insbesondere bei Patienten mit extremer Mundtrockenheit erlaubt die Bestimmung der stimulierten Speichelfließrate zudem die Durchführung weiterer Untersuchungen, wie etwa der Pufferkapazität des Speichels. Zur Bestimmung der stimulierten Speichelfließrate sollte der Patient angenehm sitzen und den Kopf leicht nach vorne beugen. Der Patient sollte die Paraffin-Kautablette mit einer Frequenz von etwa einer Kaubewegung pro Sekunde kauen, nach einer Minute den im Mund vorhandenen Speichel ausspucken und dann den Speichel für einen Zeitraum von fünf Minuten durch Expektorieren in das Messgefäß sammeln. Die stimulierte Speichelfließrate pro Minute kann im Anschluss leicht festgehalten werden. Die Messung der unstimulierten Speichelfließrate erfolgt analog ohne Kauen auf einer Paraffin-Kautablette. Im Allgemeinen gelten eine unstimulierte Speichelfließrate von weniger als 0,1 ml/min und eine stimulierte Speichelfließrate von weniger als 0,7 ml/min als Indikator für das Vorliegen einer Hyposalivation [23].

Prinzipiell unterscheidet sich die zahnärztliche Prophylaxe bei Patienten mit Mundtrockenheit nicht wesentlich von den prophylaktischen Grundsätzen bei Patienten anderer Risikogruppen. Je nach Ausmaß der Mundtrockenheit sollte der Patient in ein engmaschiges Recallsystem aufgenommen werden. In unserer Behandlung werden Patienten mit hohem Risiko zumindest vierteljährlich einbestellt.

Im Rahmen der Prophylaxe bietet sich besonders bei Patienten mit Einschränkungen oder mäßiger häuslicher Mundhygiene eine professionelle Zahnreinigung zur Unterstützung der täglichen Zahnpflege an. Aufgrund des in vielen Fällen stark erhöhten Kariesrisikos sollte gerade bei bezahnten Patienten mit Mundtrockenheit die Kariesprophylaxe einen besonderen Stellenwert einnehmen. Dabei besitzt die topische Fluoridierung die größte Bedeutung; die Fluoriddosis sollte sich in jedem Fall am Ausmaß der Mundtrockenheit orientieren. Die Applikation kann mittels Zahnpasten oder Spüllösungen erfolgen; Produkte mit einer besonders hohen Fluoridkonzentration werden in der Regel als Gelees oder Pasten bereitgestellt, die am besten mittels Pinseln oder individuell hergestellten Fluoridierungsschienen appliziert werden. In der Literatur werden Produkte mit neutralem pH-Wert empfohlen, da ein saurer pH-Wert gerade bei Patienten mit Mundtrockenheit zu Irritationen und Schmerzen an den Schleimhäuten führen und in manchen Fällen sogar eine zusätzliche Demineralisation der Zahnhartsubstanzen bewirken kann [42]. Darüber hinaus ist gerade bei bezahnten Patienten die Anfertigung von Röntgenbildern in Abhängigkeit vom individuellen Kariesrisiko zumindest jährlich sinnvoll.

Im Rahmen der zahnärztlichen Prophylaxe sollten zudem eine wiederholte Demonstration mundhygienischer Maßnahmen sowie eine stete Remotivation des Patienten im Fokus stehen. Besonderes Augenmerk sollte hierbei auf eine profunde Information des Patienten hinsichtlich der z. T. sehr individuellen Ätiologie der Mundtrockenheit und des erhöhten Risikos für das Auftreten von Erkrankungen wie Karies oder Pilzinfektionen gelegt werden. Bei Bedarf kann der Patient zusätzlich in Bezug auf spezielle Maßnahmen zur Mundhygiene instruiert werden; diese umfassen etwa die Anwendung von Zungenbürsten zur Reinigung des Zungenrückens bei Patienten mit Mundtrockenheitsbedingter Halitosis.

Allerdings sollte sich die zahnärztliche Prophylaxe auch bei Patienten mit Mundtrockenheit nicht ausschließlich auf eine Entfernung von Belägen beschränken: So greifen gerade Patienten mit Mundtrockenheit häufig zu Fruchtsäften und zuckerhaltigen Limonaden, um ihre Beschwerden zu lindern [41]. Aus diesem Grund sollte im Rahmen der zahnärztlichen Prophylaxe auch eine Ernährungsberatung und -lenkung erfolgen. Patienten mit Mundtrockenheit sollten den Konsum von kariogenen Nahrungsmitteln und Getränken ebenso vermeiden wie den (häufigen) Konsum von Alkohol und Kaffee, welche – zumindest temporär – vor allem die subjektive Symptomatik von Mundtrockenheit verstärken können [42].

Zur Bestimmung des individuellen Kariesrisikos sind eine Bestimmung der Pufferkapazität und eine Analyse der Anzahl kariogener Mikroorganismen im Speichel möglich. Allerdings müssen Patienten mit Hyposalivation ohnehin als Risikogruppe für die Genese kariöser Läsionen gelten, sodass diese Diagnostik meist nicht regelmäßig durchgeführt wird. Gegebenenfalls ist eine Bestimmung der Anzahl der kariogenen Mikroorganismen im Speichel zur Verlaufskontrolle und zusätzlichen Motivation des Patienten sinnvoll.

  • Tab. 2: Überblick über derzeit in Deutschland erhältliche klassische und moderne Speichelersatzmittel.

  • Tab. 2: Überblick über derzeit in Deutschland erhältliche klassische und moderne Speichelersatzmittel.
Bei Patienten mit moderater Mundtrockenheit kann u. U. eine Stimulation der Speichelsekretion eine Linderung des Beschwerdebildes bewirken. Diese Stimulation kann durch gustatorische bzw. mechanische Reize oder auf pharmakologischem Wege erfolgen. Das Kauen von Kaugummi bewirkt in der Regel eine effektive Stimulation der Speichelsekretion; Kaugummis mit Geschmacksstoffen haben dabei eine stärker stimulierende Wirkung als solche ohne Geschmacksstoffe [10]. Gerade bei bezahnten Patienten sollte darauf geachtet werden, dass Kaugummis statt Saccharose Zuckeraustauschstoffe wie Xylit oder Sorbit enthalten. Manche Kaugummis sind speziell für die Anwendung bei Patienten mit Mundtrockenheit entwickelt und enthalten Enzymsysteme mit antimikrobiellen Eigenschaften (z. B. BioXtra Kaugummi, Sunstar Deutschland, Kriftel; vgl. Tab. 2), die eine bessere Kontrolle der mikrobiellen Flora der Mundhöhle von Patienten mit Mundtrockenheit versprechen. Wissenschaftliche Evidenz zur antimikrobiellen Wirksamkeit derartiger Produkte existiert allerdings kaum.

Eine medikamentöse Stimulation der Speichelsekretion ist insbesondere mit Parasympathomimetika möglich. Das bekannteste Präparat ist Pilocarpin, das als Agonist an muskarinischen Acetylcholin-Rezeptoren eine Steigerung des Tonus der glatten Muskulatur sowie eine Steigerung der Sekretion exokriner Drüsen, darunter der Speichel- und Tränendrüsen, bewirkt. Die typische Dosierung von Pilocarpin beträgt 5 bis 10 mg, wobei es 3- bis 4-mal täglich verabreicht werden sollte [40]; der maximale Effekt stellt sich erst im Verlauf mehrerer Monate ein [6,38]. Aufgrund potenzieller kardiovaskulärer und pulmonaler Nebenwirkungen sollte die Gabe von Pilocarpin insbesondere bei Patienten mit kardiovaskulären und Lungenerkrankungen kritisch hinterfragt werden und nur in enger Absprache und unter Überwachung der behandelnden Ärzte erfolgen. Bei Patienten mit unkontrollierten Herz- und Nierenerkrankungen sowie Patienten mit gastrointestinalen Ulkuserkrankungen, unkontrollierter Hypertonie oder Glaukomen ist die Gabe von Pilocarpin kontraindiziert [21]. Gerade bei Patienten mit medikamentenassoziierter Mundtrockenheit (vgl. Tab. 1) kann eine Umstellung der Medikation auf ein unter Umständen weniger xerogenes Präparat eine Linderung der Mundtrockenheit bewirken. Dies sollte in enger Absprache mit den anderen behandelnden Ärzten erfolgen.

Zahnersatz bei Patienten mit Mundtrockenheit

Die prothetische Rehabilitation bei Patienten mit Mundtrockenheit gestaltet sich in vielen Fällen schwierig; letztlich existiert so gut wie keine wissenschaftliche Evidenz zu dieser Thematik.

Während die prothetische Rehabilitation von Patienten mit sehr ausgeprägter Mundtrockenheit in der Folge von Bestrahlungstherapien von Tumorerkrankungen, welche in vielen Fällen mit Defekten im Kiefer-Gesichts-Bereich einhergehen, in den allermeisten Fällen in den Universitätszahnkliniken erfolgt, sind niedergelassene Kollegen häufig mit der prothetischen Versorgung von Patienten mit leichter und moderater Mundtrockenheit konfrontiert.

Im Allgemeinen stehen dem Zahnarzt auch bei Patienten mit Mundtrockenheit die bekannten prothetischen Rekonstruktionsmöglichkeiten offen. Dabei wird immer wieder thematisiert, dass bei diesen Patienten die Anfertigung von herausnehmbarem Zahnersatz mit großflächiger Bedeckung der Schleimhäute kontraindiziert sei: So wird von rezidivierenden Druckstellen bis hin zur Bildung von Epuliden, Prothesen-Stomatopathien und mangelnder Retention des Zahnersatzes berichtet. Wissenschaftliche Evidenz aus klinischen Studien hinsichtlich derartiger Problematiken existiert allerdings kaum. Unstrittig ist jedoch, dass Speichel insbesondere für den Halt von gingival getragenem Zahnersatz eine herausragende Bedeutung besitzt. Eine verminderte Speichelsekretion kann damit zu schlechterer Retention und zu Irritationen der Schleimhäute führen. Die Eingliederung von schleimhautgetragenem Zahnersatz sollte aus diesen Gründen – fehlender wissenschaftlicher Evidenz zum Trotz – zurückhaltend erfolgen. Patienten mit Mundtrockenheit sollten den Zahnersatz vor der Eingliederung befeuchten; Speichelersatzmittel können zudem die Retention schleimhautgetragener Prothesen verbessern.

Im Rahmen von zahnärztlichen Prophylaxesitzungen sollte herausnehmbarer Zahnersatz von betroffenen Patienten gründlich gereinigt und desinfiziert werden, um der Genese von Pilzerkrankungen vorzubeugen.

Die supportive Betreuung mit Speichelersatzmitteln

Speichelersatzmittel sind klassische Mittel zur adjuvanten Betreuung von Patienten mit Mundtrockenheit, die insbesondere folgende Aufgaben erfüllen sollen:

  • Benetzung und Befeuchtung von Zähnen, Zahnersatz und Schleimhäuten,
  • Erleichterung von Nahrungsaufnahme, Sprechen und Schlucken,
  • Prophylaxe von Demineralisationen und aktive Remineralisation der Zahnhartsubstanzen.

In den letzten Jahren ist eine Vielzahl verschiedener Speichelersatzmittel auf den deutschen Markt gekommen, die sich insbesondere hinsichtlich ihrer Basissubstanz und Darreichungsform unterscheiden. Klassische Speichelersatzmittel basieren vornehmlich auf Wasser und sind als solche typischerweise wässrige Lösungen, deren Viskosität durch Addition von Muzinen (tierisch oder pflanzlich), verschiedenen Zellulosearten wie Hydroxyethyl- oder Carboxymethylzellulose und anderen Zusätzen wie Sorbit oder Leinsamenöl an die erforderlichen Bedürfnisse angepasst wird [23]. Üblicherweise werden klassische Speichelersatzmittel als (Mund-)Spray zur Verfügung gestellt, wobei der Patient in der Regel eine Applikation ad libitum durchführt. Durch den Sprühnebel soll eine möglichst gleichmäßige Benetzung und Befeuchtung der Gewebe der Mundhöhle erreicht werden.

Da klassische Speichelersatzmittel keine Differenzierung der Behandlung hinsichtlich des Ausmaßes der Mundtrockenheit erlauben, wurde die Entwicklung von moderneren Vertretern der Speichelersatzmittel forciert, die durch eine Diversifizierung der Produktpalette eine Individualisierung der supportiven Betreuung von Patienten mit Mundtrockenheit ermöglichen. Diese Gruppe der Speichelersatzmittel umfasst Präparate in unterschiedlicher Darreichungsform, die häufig als ganze Produktfamilie auf den Markt gebracht werden. So werden Mundspüllösungen mit geringer Viskosität für mildere Fälle von Mundtrockenheit und Gele mit hoher Viskosität und Substantivität für ausgeprägte Fälle angeboten. In manchen Fällen umfasst die Produktpalette auch Kaugummis und spezielle Zahnpasten. Typisch für viele Vertreter der neuen Generationen von Speichelersatzmitteln ist die Inkorporation von antimikrobiellen Agenzien mit dem Bestreben, die antimikrobiellen Eigenschaften des nur in geringer Menge vorhandenen residualen Speichels zu unterstützen. Die klinische Effektivität derartiger antimikrobieller Zusätze ist umstritten; in einigen Untersuchungen konnte zumindest eine gewisse antimikrobielle Wirkung nachgewiesen werden [14,20,28, 30,33,35,48].

Tabelle 2 gibt einen Überblick über derzeit in Deutschland erhältliche klassische und moderne Speichelersatzmittel. Aufgrund des erosiven Potenzials mancher Speichelersatzmittel, von dem in den letzten Jahren immer wieder berichtet wurde [27,32,44], sollten gerade bei bezahnten Patienten Präparate verwendet werden, die einen möglichst neutralen pH-Wert besitzen, Fluorid enthalten und mit Kalzium und Phosphat übersättigt sind [23]. Im Allgemeinen ist die Therapie mit Speichelersatzmitteln jedoch von hoher Individualität geprägt, weswegen ein Patient unter Umständen mehrere Produkte ausprobieren sollte, um das für ihn individuell am besten geeignete Mittel zu finden. Gerade bei sehr ausgeprägter Mundtrockenheit versprechen moderne Speichelersatzmittel mit hoher Viskosität (z. B. in Gel-Form) eine deutlich verringerte Applikationsfrequenz.


Weitere Informationen:

Mehr zum Thema Mundtrockenheit lesen Sie im neuen Fachbuch „Mundtrockenheit – Ursachen, Diagnose, Therapie“ von PD Dr. Sebastian Hahnel. >> Weitere Infos zum Buch erhalten Sie hier

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Prof. Dr. Sebastian Hahnel

Bilder soweit nicht anders deklariert: Prof. Dr. Sebastian Hahnel