Prophylaxe


Der Effekt täglicher Mundraumpflege mit Zahncreme auf (Covid-19-)Viren

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Aktuell wird in wissenschaftlichen Fachkreisen und Medien diskutiert, welche Rolle die tägliche Mundraumpflege in Verbindung mit einer Covid-19-Infektion spielt. Ein Grund für die Diskussion ist, dass Zahncremes und Mundwasser Substanzen mit antibakterieller Wirkung enthalten, die denen der Händedesinfektion ähneln. Zudem wird angemerkt, „dass dem Zähneputzen keine gleichwertige Aufmerksamkeit zukommt“*. Vor diesem Hintergrund lohnt sich die Auseinandersetzung mit aktuellen medizinischen Abhandlungen aus China zu hierfür relevanten Fragestellungen.

Ein sauberer, gesunder Mund stellt allgemein eine gute Barriere gegen extrinsische Noxen dar. In aktuellen Untersuchungen in Wuhan wurde festgestellt, dass die Mundhöhle das wichtigste Einfallstor für das Coronavirus ist [1]. Nachvollziehbar ist dementsprechend auch, dass eine plaquebeladene Mundhöhle mit entzündlichen Veränderungen, vor allem am Zahnhalteapparat (Gingivitis, Parodontitis), mit einem erhöhten Risiko für diverse Erkrankungen einhergeht. Die Zusammenhänge zwischen Parodontitis und erhöhtem Risiko für beispielsweise Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind bekannt und in den vergangenen Jahren gut untersucht worden [2].

Der Grund für diese Zusammenhänge kann vereinfacht wie folgt benannt werden: Bei aktiven Parodontitiden ist die Blutschranke offen; es besteht eine große offene Wunde am Zahnfleisch, über die Keime direkt ins Blutsystem eindringen können. Durch diesen Sachverhalt können sich die Entzündungsparameter im Blut verändern und in der Folge zu einer veränderten Immunlage führen. Diese vereinfacht dargestellte Kaskade ist bei gesunden Gingiva-Verhältnissen mit dichtem Saumepithel nicht ohne Weiteres möglich. Aktuelle Studien aus Wuhan zeigen Risikofaktoren für eine fulminante Covid-19-Erkrankung, wie z.B. Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, auf [1].

Covid-19 in der Mundhöhle

Bisher ist bekannt, dass sich das Covid-19-Virus an ACE2-Rezeptoren bindet. Diese Rezeptoren befinden sich beispielsweise vermehrt an den Schleimhäuten der Mundhöhle. Das exakte Bindungsverhalten von Covid-19 ist noch nicht genauer untersucht – diesbezüglich sind weitere Untersuchungen wünschenswert. Ebenso nicht hinreichend untersucht ist, inwiefern ein pathologisch verändertes Mundmillieu eine Covid-19-Infektion begünstigen kann. Auch hierzu wären weiterführende Studien sehr hilfreich. Dennoch kann es plausibel sein, dass eine vorbelastete, vorerkrankte Mundhöhle ein höheres Risiko für eine Covid-19-Infektion darstellt, da die erste Barriere (z.B. Speichelenzyme) geschwächt ist.

Prof. Frankenberger (Präsident DGZMK) stellte in einer kürzlich veröffentlichen Stellungnahme fest, dass „im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie der Zahnmedizin über die Gesunderhaltung der Mundhöhle eine besonders wichtige Rolle zukommt. Prävention stärkt die Immunkompetenz am Entstehungsort der Virusinfektion und hilft über diese Fitmacherfunktion, sie zu vermeiden oder ihren Verlauf abzumildern. Ein Patient, der unter einer Parodontitis leidet, hat eine subgingivale Zahnfleischentzündung. Das bedeutet, dass er – häufig unbemerkt – eine offene Wunde von etwa 40 cm2 im Mundraum trägt. Es ist doch vollkommen klar, dass dadurch einer Erkrankung wie Covid-19 Tür und Tor geöffnet ist“, konstatiert der Präsident der wissenschaftlichen Dachorganisation der Zahnmedizin.

Covid-19 und Zahncreme

Händewaschen ist neben dem Mund-Nasen-Schutz das Gebot der Stunde. In allen Empfehlungen für das tägliche Verhalten während der Pandemie ist das Händewaschen mit Seife als essenzieller Bestandteil enthalten. So sollen ggf. vorhandene Keime, Viren und Bakterien abgetötet werden. Die in der Handseife enthaltenen Tenside zerstören die Lipidmembran der Viren und damit die Viren selbst. Dieser Mechanismus ist gut untersucht und evidenzbasiert [5]. Explizite Studien zu virostatischen Eigenschaften von Zahncremes sind weder in vitro noch in vivo verfügbar. Dennoch kann man unter Vorbehalt über die Eigenschaften der einzelnen Zahncreme-Bestandteile Aussagen zu etwaigen antiviralen Eigenschaften herleiten.

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    © Dr. Liebe
Prof. Martin Addy (Bristol University) nimmt hierzu in einer Verlautbarung (Letter) im British Dental Journal [3] explizit Stellung: „Viele, wenn nicht alle Zahncremes beinhalten Detergenzien, welche antimikrobielle Eigenschaften haben. Einige Zahncremes enthalten dieselben Tenside wie Handseife-Formulierungen, welche gegen Covid-19 empfohlen werden. Die Empfehlung, mindestens 2-mal täglich mit Zahncreme und Zahnbürste die Zähne zu putzen, sollte dementsprechend dringend von den Zahnärzten, den Medien, den Regierungen und ihren Beratern wieder gestärkt werden. Auch wenn wir feststellen möchten, dass diese Hygienepraktiken eigentlich die Norm sind, ist dies so nicht der Fall. Vor allem bei den Risikogruppen, die besonders Covid-19 gefährdet sind, wird das Zähneputzen häufig nicht regelmäßig durchgeführt. Dies betrifft vor allem Menschen in Pflegeheimen oder in der ambulanten Pflege.“

In einer weiteren aktuellen Veröffentlichung [4] führt Addy die positiven Eigenschaften des täglichen Zähneputzens und die möglicherweise erwartbare Wirkung von Tensiden in Zahncremes weiter aus, indem er 3 fundamentale Punkte beschreibt:

  1. Händewaschen mit Seife und Handwaschgels schränkt die direkte oder indirekte Verbreitung von Infektionskrankheiten ein. Dies schließt Covid-19 ein und basiert auf soliden wissenschaftlichen Prinzipien.
  2. Wie bei vielen Erkrankungen der Atemwege werden die infektiösen Mikroorganismen über Speicheltröpfchen über den Mund ausgeschieden – dies schließt das Coronavirus ein. Die Ausscheidung der Speicheltröpfchen kann beim Husten, Niesen oder auch nur beim Sprechen und Singen geschehen.
  3. Zahncremes enthalten Tenside, welche auch in vielen Handwaschmitteln, die gegen Coronaviren empfohlen werden, enthalten sind.

Zusätzlich, konstatiert Addy, hält die antimikrobielle Aktivität von Zahncremes in der Mundhöhle für einige Stunden an. Somit kann mit der zahnärztlichen Empfehlung, die Zähne mindestens 2-mal täglich für mindestens 2 Minuten zu putzen, die Viruslast in der Mundflüssigkeit gesenkt werden [4].

Fazit

Nach überwiegender Auffassung gehen führende Wissenschaftler im Bereich Zahnmedizin davon aus, dass das mindestens 2-mal tägliche Zähneputzen mit Zahncreme hilft, vor Virusinfektionen (Covid-19 eingeschlossen) zu schützen. Hierfür werden zum einen die virostatischen Eigenschaften der in Zahncremes enthaltenen Schaumbildner verantwortlich gemacht. Zum anderen hat eine gesunde, geputzte Mundhöhle natürliche Barrieren gegen Mikroben und Viren.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Rudolf Liebe


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