Parodontologie


Therapieoption lokale Antibiose in der Parodontitisbehandlung – ein Fallbericht


Das Ziel der nichtchirurgischen Parodontitistherapie ist die Reduktion der Taschentiefen und -aktivität, um entzündungsfreie und parodontal stabile Verhältnisse zu schaffen und einen weiteren Attachmentverlust zu verhindern.

Wenn nach geschlossener Therapie die gewünschte Taschenreduktion und Entzündungsfreiheit ausbleiben und eine chirurgische Intervention nicht möglich oder sinnvoll ist, stellt die zusätzliche adjuvante lokale Antibiose eine mögliche Behandlungsoption dar, wie nachfolgend anhand eines Patientenfalls eindrücklich demonstriert wird. Auch wenn die nichtchirurgische Parodontaltherapie (Scaling und Root Planing, SRP) den Goldstandard in der Behandlung der Parodontitis darstellt, so kann nicht immer durch SRP allein eine Ausheilung aller entzündlichen Prozesse in aktiven Taschen erreicht werden. Schwer zugängliche Taschen, intraossäre Defekte sowie in das angrenzende Gewebe eingewanderte Mikroorganismen (Aggregatibacter actinomycetemcomitans, A.a., und Porphyromonas gingivalis, P.g.) können unter anderem die Ergebnisse der rein mechanischen Therapie limitieren. Treten im Rahmen der unterstützenden Parodontalbehandlung trotz eines sorgfältig durchgeführten Scaling und Root Planing vereinzelt persistierende oder rezidivierende pathologisch vertiefte Taschen auf (ST ? 5 mm; BOP positiv), werden zusätzliche therapeutische Maßnahmen notwendig. Eine dieser Therapieoptionen stellt die lokale Antibiose dar, bei der eine hohe lokale Wirkstoffkonzentration am Wirkort bei gleichzeitig geringer systemischer Belastung des Patienten erreicht wird.

 

 

Fallbericht

Im Jahr 2007 stellte sich nach Überweisung durch den Hauszahnarzt ein 89-jähriger Patient wegen parodontaler Erkrankung am Restzahnbestand erstmals in der Universitätsklinik vor. In der allgemeinen Anamnese gab er Hypertonie, Diabetes (Typ 2), Herzinfarkt (2000) und eine Bypass-OP (2000) sowie die Einnahme zahlreicher Medikamente (ASS 100, Simvastatin, Metformin u. a.) an. Anhand des zahnärztlichen und röntgenologischen Befundes ergab sich die Diagnose einer chronischen Parodontitis. Im Rahmen der systematischen Parodontitistherapie erfolgte nach mehrmaligen Vorbehandlungen die nichtchirurgische Parodontalbehandlung (subgingivales SRP) und – im Anschluss an eine Reevaluation – die Aufnahme des Patienten in die unterstützende Parodontaltherapie (UPT) mit der Empfehlung einer 6-monatigen Nachsorge. Auf diese Weise konnten überwiegend stabile parodontale Verhältnisse erreicht werden. Bei einem Nachsorgetermin im Mai 2013 gab der Patient jedoch leichte Beschwerden sowie immer wieder auftretende Blutungen regio 46 und 35 an. Im Befund zeigten sich erhöhte Sondierungstiefen an Zahn 46 von 8 mm und an Zahn 35 von 7 mm, jeweils mit Blutung auf Sondierung (Abb. 1–3). Der röntgenologische Befund (Abb. 4 u. 5) ergab einen generalisierten horizontalen Knochenabbau mit vertikalen Knocheneinbrüchen regio 35 und 46. Bei dem mittlerweile 95-jährigen Patienten fiel aufgrund seiner Vorgeschichte und seines Alters die Entscheidung gegen eine chirurgische Intervention bei den pathologisch vertieften Taschen (ST ? 5 mm, Bluten auf Sondieren). Als Therapieoption wurde ihm die zusätzliche Anwendung eines lokalen Antibiotikums für die rezidivierenden Parodontaltaschen vorgeschlagen. Nach mechanischer Desintegration des Biofilms (SRP) wurde das 14%ige bioresorbierbare Doxycyclin-Gel Ligosan Slow Release (Heraeus Kulzer) in die Taschen der Zähne 46 und 35 appliziert. Dazu wurde die Applikationskanüle bis zum Taschenboden eingeführt und unter kontinuierlicher Abgabe von Gel langsam nach koronal geführt, bis überschüssiges Gel am Zahnfleischsaum zu erkennen war (Abb. 6a u. b).

  • Abb. 1: Ausgangsbefund UK vom 24.5.2013.
  • Abb. 2: Ausgangssituation: Sondierungstiefe regio 46 mesiobukkal 7 mm.
  • Abb. 1: Ausgangsbefund UK vom 24.5.2013.
  • Abb. 2: Ausgangssituation: Sondierungstiefe regio 46 mesiobukkal 7 mm.

  • Abb. 3: Ausgangssituation: Sondierungstiefe regio 35 mesiobukkal 5 mm.
  • Abb. 4: Röntgen-Zahnfilm Zahn 46: horizontaler Knochenabbau mit vertikalem Knocheneinbruch mesial (intraossärer Defekt).
  • Abb. 3: Ausgangssituation: Sondierungstiefe regio 35 mesiobukkal 5 mm.
  • Abb. 4: Röntgen-Zahnfilm Zahn 46: horizontaler Knochenabbau mit vertikalem Knocheneinbruch mesial (intraossärer Defekt).

  • Abb. 5: Röntgen-Zahnfilm Zahn 35: horizontaler Knochenabbau mit vertikalem Knocheneinbruch mesial (intraossärer Defekt).
  • Abb. 6a: Subgingivale Applikation von Ligosan Slow Release (Heraeus Kulzer) regio 46.
  • Abb. 5: Röntgen-Zahnfilm Zahn 35: horizontaler Knochenabbau mit vertikalem Knocheneinbruch mesial (intraossärer Defekt).
  • Abb. 6a: Subgingivale Applikation von Ligosan Slow Release (Heraeus Kulzer) regio 46.

  • Abb. 6b: Zustand vor Überschussentfernung.
  • Abb. 6b: Zustand vor Überschussentfernung.

Mit einer leichten Drehbewegung des Applikators wurde das Gel am Gingivarand „abgedreht“ und der Überschuss mit einem feuchten Wattepellet entfernt bzw. in die Tasche adaptiert. Zum Abschluss der Therapie wurde der Patient darauf hingewiesen, dass er die mit Ligosan behandelten Stellen für 12 Stunden nicht putzen sowie in den ersten sieben Tagen nach der Behandlung auf die Verwendung von Zahnseide oder Zwischenraumbürsten in diesem Bereich verzichten sollte. Bei der Reevaluation ca. 3 Monate nach der lokalen Antibiose zeigte sich eine deutliche Reduktion der Sondierungstiefen der Zähne 46 und 35 um bis zu 3 mm auf Sondierungstiefen von 3–5 mm ohne Blutung auf Sondieren (Abb. 9 u. 10). Auch röntgenologisch war zumindest kein Fortschreiten des Knochenverlusts in den Defekten zu erkennen (Abb. 7 u. 8).

  • Abb. 7: Kontroll-Röntgenaufnahme Zahn 46: keine Progression des Knochenabbaus regio 46.
  • Abb. 8: Kontroll-Röntgenaufnahme Zahn 35: keine Progression des Knochenabbaus regio 35.
  • Abb. 7: Kontroll-Röntgenaufnahme Zahn 46: keine Progression des Knochenabbaus regio 46.
  • Abb. 8: Kontroll-Röntgenaufnahme Zahn 35: keine Progression des Knochenabbaus regio 35.

  • Abb. 9 a u. b: Zahn 46 Ausgangsbefund vom 24.5.2013 (links), Reevaluationsbefund vom 02.09.2013 (rechts).
  • Abb. 10 a und b: Zahn 35 Ausgangsbefund vom 24.5.2013 (links) und Reevaluationsbefund vom 02.09.2013 (rechts).
  • Abb. 9 a u. b: Zahn 46 Ausgangsbefund vom 24.5.2013 (links), Reevaluationsbefund vom 02.09.2013 (rechts).
  • Abb. 10 a und b: Zahn 35 Ausgangsbefund vom 24.5.2013 (links) und Reevaluationsbefund vom 02.09.2013 (rechts).

Es zeigte sich keine weitere Progression an den Zähnen 46 und 35, vielmehr ließ sich eine gewisse Zunahme der Knochendichte in den vertikalen Knocheneinbrüchen ausmachen. Der Patient gab an, bereits relativ schnell nach der letzten Behandlung beschwerdefrei gewesen zu sein und die lokale Antibiose gut vertragen zu haben.

Fazit

Als noninvasive Methode stellt die lokale Antibiose z. B. mit Ligosan Slow Release (Heraeus Kulzer) ein wirksames Hilfsmittel ergänzend zu Scaling und Root Planing dar, wenn nach abgeschlossener systematischer Parodontitistherapie – vor allem in der Nachsorge – persistierende bzw. rezidivierende pathologisch vertiefte Taschen (ST ? 5 mm, BOP positiv) vorliegen.

 

 

 

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Prof. Dr. Nicole Arweiler

Bilder soweit nicht anders deklariert: Prof. Dr. Nicole Arweiler


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