Parodontologie

Parodontologie von A bis Z

Teil 4: Plastische Parodontalchirurgie


Rezessionen können sowohl bei guter als auch bei schlechter Mundhygiene entstehen. Sie stellen häufig für die Patienten ein ästhetisches Problem dar oder gehen mit Überempfindlichkeiten der Zähne einher, was gleichzeitig die beiden Hauptindikationen für deren Behandlung darstellt. Die Rezessionsklassifikation nach Miller teilt die Defekte entsprechend deren Behandlungsprognose ein. So kann bei Rezessionen der Klassen I und II eine vollständige Rezessionsdeckung, bei Klasse III nur eine unvollständige bzw. bei Defektklasse IV überhaupt keine Deckung erwartet werden. Im folgenden Artikel wird eine Übersicht über verschiedene Operationstechniken gegeben. Außerdem wird auf die zu erwartenden Ergebnisse und Langzeitprognosen der verschiedenen Techniken eingegangen.

In diesem vierten und letzten Teil der Serie Parodontologie von A bis Z soll zunächst auf die Ätiologie und Diagnostik von gingivalen Rezessionen eingegangen werden. Eine genaue Diagnostik ist für ein vorhersagbares Ergebnis essentiell. Im Anschluss daran werden verschiedenste Techniken der Rezessionsdeckung vorgestellt und bewertet. Laut Definition handelt es sich bei Rezessionen um eine apikale Lokalisation des Gingivasaumes in Bezug auf die Schmelzzementgrenze, wodurch es zu einer Exposition des Wurzelzementes kommt. Rezessionen entstehen sowohl bei guter als auch bei schlechter Mundhygiene.

  • Tab. 1: Verschiedenste erworbene Faktoren entsprechend ihrer Ätiologie.

  • Tab. 1: Verschiedenste erworbene Faktoren entsprechend ihrer Ätiologie.
Bei der Ätiologie von Rezessionen unterscheidet man zwischen anatomischen Anomalien und äußeren Einflüssen. Anatomische Anomalien umfassen prominente Wurzeln im Zahnbogen, bedingt z. B. durch ektopischen Zahndurchbruch oder labiale Achsneigung der Zähne, was zu dünnen bukkalen Knochenwänden bis hin zu Fenestrationen des bukkalen Knochens führen kann. Weiterhin wird der hohe Ansatz von Frenula und Muskelzügen zu den anatomischen Anomalien gezählt. Bei den äußeren Einflüssen unterscheidet man wiederum zwei weitere Untergruppen gemäß ihrer Ätiologie, wie in Tabelle 1 dargestellt.

Die Hauptindikationen für die Rezessionsdeckungen sind ästhetisch/kosmetische Ansprüche des Patienten und sensible, freiliegende Zahnhälse. Des Weiteren können auf diese Weise oberflächliche Kariesläsionen der freiliegenden Wurzeloberfläche vor dem Fortschreiten gehindert werden. Eine Erleichterung der Plaquekontrolle für den Patient zählt ebenfalls zu den häufig gestellten Indikationen. Bei Kindern, die sich noch im Wachstum befinden sowie vor kieferorthopädischer Behandlung, bei der es zu einer Lingualbewegung der betreffenden Zähne kommt, sollte eine abwartende Haltung eingenommen werden.

Es sollte an dieser Stelle nochmals darauf hingewiesen werden, dass die Hauptursachen für Rezessionen traumatisches Zähneputzen und plaqueinduzierte parodontale Entzündungen darstellen. Die Kontrolle dieser beiden Faktoren verhindert in den meisten Fällen ein Fortschreiten der gingivalen Rezession. Dies bedeutet, dass Patienten mit dünner Gingiva (ob mit oder ohne bestehende Rezessionen) zu einer guten, gleichzeitig jedoch auch schonenden Mundhygiene geschult werden sollten.

Klassifikation

Miller [1] hat eine Klassifikation entwickelt, die auf den zu erreichenden Ergebnissen der Rezessionsdeckung beruht. Miller-Klasse I: Die Rezession reicht nicht bis an die Mukogingivalgrenze und es liegt kein interdentaler Verlust von parodontalem Gewebe vor (Abb.1).

Miller-Klasse II: Die Rezession reicht bis an oder über die Mukogingivalgrenze hinaus und es liegt ebenfalls kein Verlust von parodontalem Gewebe im Approximalraum vor (Abb. 2).

  • Abb. 1: Miller-Klasse I.
  • Abb. 2: Miller-Klasse II.
  • Abb. 1: Miller-Klasse I.
  • Abb. 2: Miller-Klasse II.

  • Abb. 3: Miller-Klasse III.
  • Abb. 4: Miller-Klasse IV.
  • Abb. 3: Miller-Klasse III.
  • Abb. 4: Miller-Klasse IV.

Miller-Klasse III: Die Rezession reicht bis an oder über die Mukogingivalgrenze hinaus und es liegt ein Verlust von Knochen oder Weichgewebe im Approximalraum vor. Das interdentale Weichgewebe liegt apikal der approximalen Schmelzzementgrenze, jedoch koronal des bukkalen Gingivasaumes (Abb. 3).

Miller-Klasse IV: Die Rezession reicht bis an oder über die Mukogingivalgrenze hinaus mit einem starken Knochenund Weichgewebsverlust im Approximalraum. Das interdentale Weichgewebe liegt apikal des bukkalen Gingivasaumes (Abb. 4).

Während bei den Miller-Klassen I und II eine vollständige Wurzeldeckung erreicht werden kann, lässt sich bei der Miller-Klasse III die Rezession nur teilweise decken. Der Gewebeverlust ist bei Miller-Klasse IV so stark, dass sich keine Rezessionsdeckung erreichen lässt. Der für die Prognose des Behandlungsergebnisses von Rezessionsdeckungen kritische Faktor ist somit die Höhe des approximalen Gewebes.

Behandlung

Operationstechniken für die Rezessionsdeckung können in zwei Hauptgruppen unterteilt werden: gestielte Lappen und freie Transplantate. Die gestielten Lappen werden wiederum in Rotationslappen (z. B. lateraler Rotationslappen, doppelter Papillenlappen, schräger Rotationslappen) und Verschiebelappen (z. B. koronaler Verschiebelappen, Semilunarlappen) unterteilt. Bei den freien Transplantaten unterscheidet man das freie Gingivatransplantat (epithelialisiert) und das freie subepitheliale Bindegewebstransplantat (nicht epithelialisiert). Vor einer Operation zur Rezessionsdeckung sollten keine gingivalen Entzündungen bestehen, außerdem sollte eine schonende Mundhygiene etabliert sein. Wurzelkaries oder zervikale Füllungen stellen keine Kontraindikation dar, müssen jedoch vor der Deckung mit Weichgewebe entfernt werden. Um die Wurzeloberfläche im Bereich der Rezession zu glätten und Endotoxine von der Wurzeloberfläche zu entfernen, sollte die freiliegende Wurzeloberfläche kürettiert werden. Ein exzessives Kürettieren sollte nur erfolgen, wenn eine Abflachung der Wurzelprominenz für das Behandlungsergebnis wichtig ist oder wenn flache kariöse Läsionen bestehen. Kontrollierte klinische Studien konnten keinen Vorteil der Wurzelkonditionierung durch Säuren oder Komplexbildner ausmachen [2].

Gestielte Lappen

Rotationslappen

  • Abb. 5: Lateraler Rotationslappen zur Deckung der Rezession an Zahn 31.

  • Abb. 5: Lateraler Rotationslappen zur Deckung der Rezession an Zahn 31.
Stellvertretend für die Rotationslappen soll hier das chirurgische Vorgehen beim lateralen Rotationslappen nach Pfeifer & Heller [3] beschrieben werden. Zunächst muss das Empfängerbett für die Aufnahme des Weichgewebes vorbereitet werden. Hierzu wird eine Zone von ca. 3 mm mesial und apikal der zu deckenden Rezession entepithelialisiert (sofern die Donorstelle distal der zu deckenden Rezession liegt). Nach der Präparation des Empfängerbettes wird eine horizontale und vertikale Inzision durchgeführt, um den zu rotierenden Lappen zu bilden. Da eine ausreichende Beweglichkeit des Lappens erreicht werden muss, wird die vertikale Inzision über die Mukogingivalgrenze ausgedehnt (Abb. 5). Anschließend erfolgt die Bildung eines Mukosalappens entlang der beiden Inzisionen bis über die Mukogingivalgrenze hinaus. Abschließend wird der rotierte Lappen mit Einzelknopfnähten spannungsfrei in gewünschter Position fixiert. Generell sind Rotationslappen nur bei ausreichend dicker Gingiva indiziert, diese Technik sollte nur von geübten Operateuren angewandt werden. Wird der Lappen zu dünn präpariert oder perforiert, kommt es zu einer Nekrotisierung. Wenn wiederum zu wenig Gewebe im Bereich der Donorstelle belassen wird, kann es zu dem Fall kommen, dass die ursprüngliche Rezession zwar gedeckt wird, eine neue jedoch an der Donorstelle iatrogen entsteht.

Verschiebelappen

koronaler Verschiebelappen [4]

Bei dem koronalen Verschiebelappen beginnt die Vorbereitung des Empfängerbettes mit zwei horizontalen Inzisionen mesial und distal der Rezession. Die horizontalen Inzisionen werden mit zwei vertikalen Inzisionen verbunden, die über die Mukogingivalgrenze extendieren. Die Papillen werden entepithelialisiert, um den später koronal verschobenen Lappen aufnehmen zu können (Abb. 6). Zunächst erfolgt die Präparation eines Mukosalappens, der apikal der Rezession in einen Mukoperiostlappen übergeht. Nach erfolgter Periostschlitzung kann der Lappen spannungsfrei in seiner idealen Position fixiert werden. Eine Behandlung multipler Rezessionen ist mithilfe des koronaren Verschiebelappens ebenfalls möglich [5]. Diese von Zucchelli & De Sanctis [5] beschriebene Technik kommt ohne vertikale Entlastungsinzisionen aus, was zum einen für die Blutversorgung äußerst positiv zu bewerten ist, zum anderen die Bildung von unästhetischen Narben in diesen Bereichen verhindert. Aus dem Grunde der fehlenden vertikalen Inzisionen ist diese Technik nur bei multiplen Rezessionen indiziert, da sonst nicht genügend Mobilität für einen spannungsfreien Verschluss erreicht wird. Die Schnittführung ist nun etwas komplizierter als bei dem von Langer & Langer [4] beschriebenen Vorgehen. Wie in Abbildung 7 dargestellt, ist zunächst das Zentrum der Rotation zu ermitteln. Obwohl es sich hierbei nicht um einen Rotationslappen handelt, entsteht ein Rotationszentrum, da der präparierte Lappen wegen der fehlenden vertikalen Inzisionen nicht parallel verschoben werden kann. Ist das Rotationszentrum nun ermittelt, wird die Rezessionstiefe des Zahnes, der im Rotationszentrum steht, ermittelt und nach mesial bzw. distal abgetragen. Dies erfolgt derart, dass die Rezessionstiefe von der Spitze der Papille entlang des Zahnes abgetragen wird. Ist dies geschehen, erfolgt eine Inzision in direkter Verbindung zum tiefsten Punkt der Rezession am Nachbarzahn. Hierbei ist jedoch darauf zu achten, dass die Inzision nicht bis aufs Periost erfolgen soll. So werden die Rezessionen, die mesial des Rotationszentrums liegen, nach mesial abgetragen und diejenigen, die distal des Rotationszentrums liegen, dementsprechend nach distal. Ist dies geschehen, erfolgt die Präparation eines Spaltlappens beginnend von den zuvor gezogenen Inzisionslinien, die über eine sulkuläre Inzision miteinander verbunden werden, bis zur mukogingivalen Grenze. Ab der mukogingivalen Grenze wird ein Volllappen präpariert, der nach wenigen Millimetern wieder in einen Spaltlappen übergeht (Abb. 8). Somit wird eine maximale Mobilität des Lappens erreicht. Vor dem Nahtverschluss mit koronaler Positionierung des Lappens muss jedoch noch das interdental verbliebene Gewebe entepithelialisiert werden. Dabei ist darauf zu achten, dass dieses Gewebe nur in horizontaler Richtung ausgedünnt und unter gar keinen Umständen in dessen Höhe reduziert wird. Nun wird die ehemals chirurgische Papille (SP, Abb. 9) durch koronale Verschiebung zur anatomischen Papille (AP, Abb. 9) und dort durch Nähte fixiert.

  • Abb. 6: Koronaler Verschiebelappen der Technik nach Langer & Langer [4].
  • Abb. 7: Lappenpräparation nach der Technik von Zucchelli & De Sanctis [5].
  • Abb. 6: Koronaler Verschiebelappen der Technik nach Langer & Langer [4].
  • Abb. 7: Lappenpräparation nach der Technik von Zucchelli & De Sanctis [5].

  • Abb. 8: Koronaler Verschiebelappen nach Zucchelli & De Sanctis [5] unter Verwendung einer Mucograft©-Membran zur Gewebsverdickung.
  • Abb. 9: Die chirurgische Papille (SP) wird nach Entepithelialisierung des verbliebenen interdentalen Gewebes zur anatomischen Papille (AP).
  • Abb. 8: Koronaler Verschiebelappen nach Zucchelli & De Sanctis [5] unter Verwendung einer Mucograft©-Membran zur Gewebsverdickung.
  • Abb. 9: Die chirurgische Papille (SP) wird nach Entepithelialisierung des verbliebenen interdentalen Gewebes zur anatomischen Papille (AP).

Diese Technik nach Zucchelli & De Sanctis [5] führt bei multiplen Rezessionen zu vorhersagbar guten Ergebnissen, vorausgesetzt es hat vorher eine gute Patienten- und Fallselektion stattgefunden. Ästhetisch bleiben die Ergebnisse jedoch hinter denen der modifizierten Tunneltechnik [15] häufig zurück. In einigen Fällen bilden sich im Bereich der horizontalen Inzisionen trotz der koronalen Verschiebung unschöne Narben, die zwar nur von begrenzter Dauer sind, das ästhetische Ergebnis zunächst aber limitieren. In Bereichen mit einem hohen Muskeltonus (z. B. im UK-Frontzahnbereich) ist die Technik nach Zucchelli & De Sanctis [5] nichtsdestotrotz der modifizierten Tunneltechnik [15] vorzuziehen, da in solchen Fällen mit der Tunneltechnik [15] keine ausreichende Mobilität des Lappens erreicht werden kann. Auch bei der Verwendung von Weichgewebsersatzmaterialien (Mucograft©, Geistlich) ist der koronale Verschiebelappen der Tunneltechnik vorzuziehen, da sich das Einbringen der Mucograft©-Membran in den Tunnel als sehr schwierig und zeitaufwendig herausgestellt hat.

Semilunarlappen [6]

  • Abb. 10: Semilunarlappen zur Deckung multipler Rezessionen.

  • Abb. 10: Semilunarlappen zur Deckung multipler Rezessionen.
Eine halbmondförmige Inzision wird parallel zur Rezession geführt. Die Inzision endet im Bereich der Papille, wobei auf eine ausreichend große Lappenbasis geachtet werden muss. Die apiko-koronale Breite der Weichgewebsbrücke sollte 3 mm größer sein als die Rezessionstiefe (Abb. 10). Die Schnittführung muss nicht komplett in der keratinisierten Gingiva liegen, es sollte jedoch mindestens 3 mm keratinisierte Gingiva vorhanden sein. Nachdem die Gewebsbrücke durch einen Mukosalappen mobilisiert wurde, erfolgt die koronale Verschiebung. Die Weichgewebsbrücke muss so gut mobilisiert sein, dass sie passiv auf der Rezession liegen bleibt. In dieser Position wird nun mittels feuchter Gaze für fünf Minuten Druck auf den Lappen ausgeübt. Der Semilunarlappen wird nicht vernäht, es erfolgt lediglich eine Abdeckung durch einen Parodontalverband. Mit der Semilunartechnik ist auch eine Deckung multipler Rezessionen möglich. Das ästhetische Ergebnis kann durch eine häufig zu beobachtende Narbenbildung gemindert werden. Außerdem können mit dieser Technik lediglich flache (1–2 mm Rezessionstiefe) Rezessionen erfolgreich behandelt werden.

Freie Transplantate

Freies Gingivatransplantat [7]

  • Abb. 11: Verbreiterung der befestigten, keratinisierten Gingiva bei der Freilegung mittels eines freien Gingivatransplantates (Regio 36, 37) und mittels Mucograft©-Membran (Regio 34, 35).

  • Abb. 11: Verbreiterung der befestigten, keratinisierten Gingiva bei der Freilegung mittels eines freien Gingivatransplantates (Regio 36, 37) und mittels Mucograft©-Membran (Regio 34, 35).
Zur Vorbereitung des Empfängerbettes sollte mindestens eine Zone von 3–4 mm um die Rezession endepithelialisiert werden, da die Blutversorgung des Transplantates sonst nicht sichergestellt werden kann. Für die Entnahme des Transplantates aus dem Gaumen kann eine Schablone, die aus Zinnfolie zurechtgeschnitten wird, sehr hilfreich sein. Nachdem die Schablone am Gaumen umschnitten wurde, erfolgt die Präparation eines möglichst gleichmäßig 2–3 mm dicken Transplantates. Hierbei muss darauf geachtet werden, dass die A. palatina nicht verletzt wird, die meist im Übergang der horizontalen zur vertikalen Gaumenwand verläuft. Nach der Entnahme wird das Transplantat durch Einzelknopfnähte auf dem vorbereiteten Transplantatbett fixiert (Abb. 11). Als Nachteil dieser Technik ist zum einen die Farbabweichung des Transplantates von der umgebenden Gingiva zu werten, zum anderen stellt die sekundär heilende Wunde des Gaumens eine Belastung für den Patienten dar. Die Zeit der Heilung kann dem Patienten durch Anfertigung einer Gaumenschutzplatte erleichtert werden. Diese Technik sollte aus dem oben genannten Grund der Farbabweichung bei Rezessionsdeckungen nicht mehr zur Anwendung kommen. Sie ist aber nach wie vor die Technik der Wahl, wenn es um die Verbreiterung der keratinisierten Gingiva an Zähnen oder Implantaten geht. Um die schmerzhafte Entnahmestelle am Gaumen zu vermeiden, können hier auch erfolgreich xenogene Ersatzmaterialien zum Einsatz kommen.

Freies subgingivales Bindegewebstransplantat [8]

  • Abb. 12: Entnahme eines subepithelialen Bindegewebstransplantates zur Rezessionsdeckung wie in Abbildung 13 dargestellt.

  • Abb. 12: Entnahme eines subepithelialen Bindegewebstransplantates zur Rezessionsdeckung wie in Abbildung 13 dargestellt.
Die Entnahme des subepithelialen Bindegewebstransplantates erfolgt optimalerweise mittels der sog. „trap door“- Technik. Hierbei wird am Gaumen eine Inzision ca. 3 mm apikal der marginalen Gingiva, entsprechend der Länge des Transplantates, durchgeführt. Ausgehend von dieser Inzision wird nun nach apikal präpariert. Es ist darauf zu achten, dass eine Mindestdicke des unterminierten Gewebes von 2 mm nicht unterschritten wird. Bei der Präparation nach apikal muss auch hier der Verlauf der A. palatina beachtet werden. Nach erfolgter Präparation wird das Bindegewebe von allen Seiten bis auf den Knochen durchtrennt und mithilfe eines Raspatoriums vom Knochen abgelöst (Abb. 12). Es kann nun entnommen werden. Unter dem unterminierten Gewebe befindet sich jetzt nur noch Knochen. An Stellen, an denen die Gewebedicke von 2 mm unterschritten wurde, entsteht eine Nekrose des bedeckenden Gewebes. Wenn die entsprechende Gewebedicke von 2 mm jedoch eingehalten wurde, ist die Heilung für die Patienten viel weniger belastend als nach Entnahme eines freien Gingivatransplantates. Sowohl nach Entnahme eines freien Gingivatransplantates als auch nach Entnahme eines subgingivalen Bindegewebstransplantates wird häufig über Sensibilitätsstörungen im Bereich des Gaumens berichtet, die bis zu 6 Monaten anhalten können. Das freie subgingivale Bindegewebstransplantat kann im Prinzip mit allen gestielten Lappen kombiniert werden, es ist jedoch in Kombination mit dem koronalen Verschiebelappen am besten dokumentiert [9–12].

Zwei weitere Techniken, die im Zusammenhang mit dem subgingivalen Bindegewebstransplantates genannt werden müssen, sind die Envelope-Technik [13] und die Tunneltechnik [14].

  • Abb. 13: Deckung der Rezession an Zahn 41 mittels der modifizierten Tunneltechnik nach Azzi [14] unter Verwendung eines subepithelialen Bindegewebstransplantates.

  • Abb. 13: Deckung der Rezession an Zahn 41 mittels der modifizierten Tunneltechnik nach Azzi [14] unter Verwendung eines subepithelialen Bindegewebstransplantates.
Bei der Envelope-Technik wird, ausgehend von einer sulkulären Inzision, eine Mukosatasche (Mukosalappen) präpariert. Die Envelope-Technik kommt ohne weitere Inzisionen aus, was die Gefahr der Narbenbildung eliminiert. Das Gewebe um die Rezession herum sollte 3–5 mm tief unterminiert werden. Das freie subgingivale Bindegewebstransplantat wird nun in die gebildete Gewebetasche eingebracht und kann entweder mit Nähten oder nur durch einen Parodontalverband fixiert werden. Wenn die Gewebetasche apikal die Mukogingivalgrenze überschreitet, wird das Einbringen des Bindegewebes um Einiges vereinfacht. Im Gegensatz zum freien Gingivatransplantat fügt sich das freie subgingivale Bindegewebstransplantat farblich optimal in das umgebende Gewebe ein.

Durch die Weiterentwicklung der Envelope-Technik für multiple Rezessionen hat Allen [14] die Tunneltechnik entwickelt. Hierbei erfolgt die Verbindung der einzelnen Rezessionen interdental, sodass ein Gewebetunnel entsteht. Durch diesen Tunnel wird anschließend das Bindegewebstransplantat durchgezogen und mit Nähten fixiert. Bei der Tunnelierung besteht die Gefahr des Abreißens der Papillen, insbesondere wenn die Zahnwurzeln sehr dicht zueinander lokalisiert sind. Bei einer Modifikation der Tunneltechnik durch Azzi [15] erfolgt die Bedeckung des Bindegewebes durch koronale Verschiebung der Gingiva (Abb. 13).

Heilung

Zunächst besteht nur eine Fibrinschicht zwischen Wurzeloberfläche und dem darüberliegenden Gewebe. Vom marginalen Gingivalrand wachsen Epithelzellen in apikale Richtung, das zur Bildung eines langen Saumepithels führt, was durchschnittlich 50 % der ursprünglichen Rezessionstiefe ausmacht. In einem Zeitraum zwischen 4 und 28 Tagen kommt es im apikalen Bereich zur Besiedlung der Fibrinschicht mit Fibroblasten, die Kollagenfasern bilden. Im apikalen Anteil kommt es zur Insertion der Kollagenfasern im neugebildeten Zement, was zu einem neuen bindegewebigen Attachment führt. Die Heilung von freien Transplantaten ist von einem suffizienten Transplantatbett abhängig, das mindestens so breit sein sollte wie die Rezession, da die Versorgung zunächst lediglich durch avaskuläre Plasmadiffusion erfolgt. Während der Gewebematuration kann es bis ca. ein Jahr nach Behandlung zum sog. „creeping attachment“ (koronale Proliferation des Gingivalrandes bis zu 1 mm) kommen.

Zu erwartende Ergebnisse und Langzeitprognosen

Abhängig von Technik, patienten- und stellenbezogenen Faktoren ist eine durchschnittliche Deckung von 63–86 % der ursprünglichen Rezessionsfläche möglich (Tab. 2). Eine komplette Rezessionsdeckung kann durchschnittlich in 28–61 % der Fälle erreicht werden (Tab. 3). Zu den patientenbezogenen Faktoren zählt, wie bei anderen parodontalchirurgischen Eingriffen auch, eine schlechte Mundhygiene, die das Ergebnis der Rezessionsdeckung negativ beeinflusst. Ein fortbestehendes traumatisches Zähneputzen verschlechtert natürlich die Prognose der durchgeführten Rezessionsdeckung. Ob Rauchen zu schlechteren Ergebnissen nach einer Rezessionsbehandlung führt, wird derzeit noch kontrovers diskutiert. Bei den stellenbezogenen Faktoren hat die Höhe des interdentalen Parodonts einen signifikanten Einfluss auf das Behandlungsergebnis (siehe Klassifikation). Die Rezessionsgröße scheint ebenfalls einen Einfluss auf die Ergebnisse zu haben. So zeigen Defekte mit einer Rezessionsbreite von mehr als 3 mm und einer Rezessionstiefe von mehr als 5 mm schlechtere Ergebnisse als Defekte, die unterhalb dieser Dimensionen liegen [16]. Bei allen oben beschriebenen Techniken kommt es zu einer Verbreiterung der keratinisierten Gingiva. Der größte Gewinn an keratinisierter Gingiva ist nach der Envelope-Technik [13] bzw. Tunneltechnik nach Allen [14] sowie nach Behandlung mittels freiem Gingivatransplantates zu beobachten. Nach alleiniger Behandlung mit Rotations- oder Verschiebelappen kommt es zu einer Bildung von keratinisierter Gingiva durch Granulationsgewebe, ausgehend vom parodontalen Ligament [17].

  • Tab. 2: Ergebnisse mehrerer Studien bezüglich der durchschnittlichen Rezessionsdeckung sowie der Spanne der Einzelwerte (modifiziert nach Wennström & Pini Prato [20]).
  • Tab. 3: Ergebnisse mehrerer Studien in Bezug auf den Anteil von kompletten Rezessionsdeckungen sowie die Spanne der Einzelwerte (modifiziert nach Wennström & Pini Prato [20]).
  • Tab. 2: Ergebnisse mehrerer Studien bezüglich der durchschnittlichen Rezessionsdeckung sowie der Spanne der Einzelwerte (modifiziert nach Wennström & Pini Prato [20]).
  • Tab. 3: Ergebnisse mehrerer Studien in Bezug auf den Anteil von kompletten Rezessionsdeckungen sowie die Spanne der Einzelwerte (modifiziert nach Wennström & Pini Prato [20]).

Die Langzeitergebnisse sind stark von der Compliance der Patienten (Teilnahme an einer Erhaltungstherapie) wie auch von der individuellen Anfälligkeit des Patienten gegenüber gingivalen Rezessionen abhängig [18]. Die meisten Studien zeigen bessere Ergebnisse, wenn es zu einer Verdickung des Gewebes kam [19]. Diese Verdickung kann sowohl durch ein subepitheliales Bindegewebstransplantat als auch durch xenogene oder alloplastische Ersatzmaterialien erreicht werden.

Je nach Kombination aus Operationstechnik und subepithelialen Bindegewebstransplantaten werden bei Defekten der Miller-Klasse I und II nach zwei Jahren im Durchschnitt 84–98 % Rezessionsdeckung erreicht. Nach drei Jahren wird von einer durchschnittlichen Deckung von 92 % berichtet [20].

Schlussfolgerung

Nach gründlicher Patienten- und Defektselektion scheinen die besten und stabilsten Ergebnisse der Rezessionsdeckung durch die Verdickung des Gewebes erreicht zu werden.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Florian Rathe

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Florian Rathe



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