Parodontologie


Parodontitis während der Schwangerschaft vermeiden

10.01.2022

Die Vorsorge beginnt im Mund.
Die Vorsorge beginnt im Mund.

Schon vor 90 Jahren wurde von einer Arbeitsgruppe der Columbia-Universität in New York beschrieben, dass eine Schwangerschaft eine Gingivitis auslösen kann [1]. Seither wird die Zahnfleischentzündung während der Schwangerschaft intensiv untersucht, um die Zusammenhänge zu verstehen und präventive und therapeutische Maßnahmen entsprechend gesichert abzuleiten.

Die Zunahme von Zahnfleischentzündungen während der Schwangerschaft ist die am häufigsten beschriebene Veränderung im Mund bei Schwangeren. Erhöhte Sondierungstiefen (Zahnfleischtaschen, Parodontitis) wurden mehrfach nachgewiesen [4]. Außerdem finden sich erhöhte Zahnfleischenzymwerte (aMMP-8).

Nicht nur die Morphologie des Zahnfleisches, auch die Zusammensetzung und damit die Eigenschaften des Speichels ändern sich [5]. Im Speichel können während der Schwangerschaft ein Anstieg des Proteinanteils (mehr Enzyme) und ein damit erniedrigter pH-Wert nachgewiesen werden.

Damit ist das Risiko für Karies und Erosionen erhöht, da der Speichel die entstehenden oder zugeführten Säuren nicht mehr so gut puffern kann [6]. Auswirkungen auf die Mundgesundheit sind auch durch eine mögliche Schwangerschaftsübelkeit (Erosion) und eine unter Umständen erhöhte und vor allem häufigere Aufnahme von raffinierten Zuckern (Karies) möglich.

Risiken einer Parodontitis während der Schwangerschaft

Die mögliche negative Beeinflussung der Gesundheit der Schwangeren und des ungeborenen Kindes bei Bestehen einer unbehandelten Parodontitis ist vielfach diskutiert und publiziert worden. Das Risiko, an einer Parodontitis zu erkranken, ist während einer Schwangerschaft größer [6]. Wenn die Patientin bei Beginn der Schwangerschaft schon an einer Parodontitis leidet, wird diese in der Schwangerschaft schlimmer oder fulminanter [7].

Bei gesundem Zahnfleisch ist der Zahnfleischrand dicht, das Saumepithel ist am Zahn angeheftet und bildet quasi die natürliche Barriere zum Blutsystem. Bei einer Gingivitis, und erst recht bei einer Parodontitis, ist diese Anhaftung gestört oder nicht mehr vorhanden und damit ein direkter Zugang für Keime zum Blutsystem offen. Über diese offene Schranke können nun die häufig aggressiven Bakterien der Mundhöhle, ebendiese Parodontitisbakterien, aber auch multiple andere Keime in die Blutbahn und möglicherweise auch über die Plazentaschranke zum Kind gelangen [8].

Gesundes Zahnfleisch ist nicht nur während einer Schwangerschaft wichtig. Mit einer aktiven Parodontitis haben Betroffene eine offene Wundfläche im Mund, die bis zu handtellergroß werden kann. Damit sich die Wunde schließt, muss sich das Zahnfleisch wieder gesund am Zahnhals anheften.

Was bei einer Gingivitis durch verbesserte Mundhygiene und kontinuierliche Pflege möglich ist, sieht bei einer Parodontitis, bei der schon Zahnfleischtaschen entstanden sind, anders aus. Hier kann die behandelnde Zahnarztpraxis einen Therapieplan erstellen. Die genaue Diagnose, ob eine Gingivitis oder eine Parodontitis vorliegt, kann nur bei der zahnärztlichen Kontrolle gestellt werden. Sollte also ein Schwangerschaftswunsch (oder eine frühe Schwangerschaft) bestehen, ist eine zahnärztliche Untersuchung dringend anzuraten.

Bewusstsein schwangerer Frauen für die Risiken schärfen

Die hormonellen und damit einhergehenden weiteren Veränderungen des Zahnfleisches sind normal und physiologisch. Aufgrund einer erhöhten Anfälligkeit, was die Mundgesundheit während der Schwangerschaft betrifft, ist eine optimierte verbesserte Mundhygiene sowohl für die Mutter als auch das ungeborene Kind unerlässlich. Es muss hierfür mehr Bewusstsein bei den Frauen selbst, aber auch beim beteiligten Fachpersonal geschaffen werden [9,10].

Nicht bei jeder parodontalen Behandlung besteht die Gefahr des möglichen Einwanderns von Keimen in die Blutbahn. Bei einer lokalisierten, nicht stark fortgeschrittenen Parodontitis kann auch während der Schwangerschaft eine atraumatische Behandlung im 2. Trimenon stattfinden. Auch eine prä-prozedurale Mundspülung mit Chlorhexidin vor der Behandlung vermindert die Keimzahl im Mund stark und kann im Rahmen der Prophylaxe oder Parodontaltherapie zahnärztliche Anwendung finden.

Bei einer Parodontitisbehandlung einer Schwangeren mit einem erhöhten Frühgeburtsrisiko empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in ihrer Leitlinie eine Abklärung mit dem betreuenden Gynäkologie-Team. Hier könnte gegebenenfalls eine Vorabgabe eines Antibiotikums nötig werden [11].

Praxistipps für das Behandlungsgespräch

Eine sorgfältige und gründliche Mundhygiene mit einer sanften Zahnbürste (sensitiv, mit feinen Borstenenden) und einer zahnfleischpflegenden Zahncreme, wie beispielsweise der neuen aminomed, ist essenziell. Vor allem abends sollte sich die werdende Mutter ausreichend Zeit für eine ausführliche Mundpflege nehmen, zu der auch der konsequente Gebrauch von Zahnseide für die Zahnzwischenräume gehört.

Tipp: Mit einem Knoten in der Mitte der Zahnseide lässt sich die Plaque im Zwischenraum gut entfernen. Anschließend kann noch eine Mundspülung verwendet werden. Eine sanfte Reinigung mit einer Munddusche ist auch möglich; wurde jedoch eine Parodontitis diagnostiziert, ist die Munddusche nicht geeignet.

Checkliste für die zahnärztliche Behandlung einer schwangeren Patientin

  • Kontrolle in der Zahnarztpraxis schon bei Schwangerschaftswunsch bzw. vor der Schwangerschaft durchführen.
  • Spätestens, wenn eine Schwangerschaft festgestellt wurde, einen Kontrolltermin mit vorheriger professioneller Zahnreinigung vereinbaren.
  • Der beste Zeitpunkt für die Behandlung einer bestehenden Karies oder Parodontitis ist das 2. Schwangerschaftsdrittel; im 1. Schwangerschaftsdrittel besteht die Gefahr, durch Eingriffe die Organbildung des Kindes zu stören, am Ende der Schwangerschaft sollte Stress möglichst vermieden werden, um einer Frühgeburt vorzubeugen.
  • Zur Vermeidung des Vena-Cava-Kompressionssyndroms wird bei der zahnärztlichen Behandlung einer schwangeren Patientin die Linksseitenlagerung empfohlen, kombiniert mit einer Unterstützung der rechten Hüfte (Polster oder Kissen); auf diese Weise wird das Eigengewicht des Kindes verlagert und der Blutfluss der Mutter bleibt ungestört. Insbesondere in den letzten Schwangerschaftsmonaten sollte man auf diese Lagerung hinweisen und ggf. bestehen.
  • Auch während der Schwangerschaft an mindestens halbjährliche professionelle Zahnreinigung erinnern.
  • Hinweis auf Essgewohnheiten: Häufiges Snacken wird für eine erhöhte Kariesinzidenz verantwortlich gemacht. Daher bei Hunger auf etwas Süßes eine Portion auf einmal essen – und nicht kleine Zuckerportionen über den Tag verteilt.
  • Das gegebenenfalls häufige Erbrechen bei Schwangeren (morgendliche Übelkeit) führt vermehrt zu Erosionen. Sollte eine Patientin darunter leiden, sollte sie nach dem Erbrechen eine Mundspülung verwenden, da kurzfristiges Zähneputzen zu viel stärkeren Abtragungen der Zahnhartsubstanz führt.

Fazit

„Jedes Kind kostet einen Zahn“, ist eine eigentlich veraltetete Aussage, die heutzutage nicht mehr zutrifft. Wenn vor und während der Schwangerschaft eine gründliche Mundhygiene, professionelle Zahnreinigung und zahnärztliche Kontrolluntersuchungen stattfinden, lassen sich Zahnfleisch- oder Zahnprobleme vermeiden. Die Ergebnisse einer 2018 veröffentlichten Datenerhebung belegen jedoch, dass „zusätzliche Schwangerschaften (...) tendenziell einen Effekt auf die Mundgesundheit der Mütter“ haben, und „die Geburt eines Kindes offenbar tatsächlich zu überdurchschnittlich häufigem Zahnverlust führen kann [12].

Daher: Besonders vor und während der Schwangerschaft auf eine exzellente Mundhygiene achten und sich am besten vor der Schwangerschaft zahnärztlich beraten lassen.

 

Quelle:
www.aminomed.de/special/zahnaerzte/fachthema/parodontitis-schwangerschaft


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