Parodontologie

Amoxicillin wird unnötig oft bei Parodontitis verordnet

Fast jedes 10. Antibiotika-Rezept stammt vom Zahnarzt

19.01.2017

Max Koltzscher, Laborleiter der Carpegen GmbH, befürchtet, dass viele Parodontitis-Patienten mit Antibiotika-Kombinationen übertherapiert werden.
Max Koltzscher, Laborleiter der Carpegen GmbH, befürchtet, dass viele Parodontitis-Patienten mit Antibiotika-Kombinationen übertherapiert werden.


Zahnärzte in Deutschland verordneten im vergangenen Jahr über 30 Millionen Tagesdosen Antibiotika. Das sind mehr als 8 % aller von der gesetzlichen Krankenversicherung erstatteten Antibiotika. Diese Zahlen ergeben sich aus dem aktuellen Arzneiverordnungs-Report 2016. Unbeeindruckt von der öffentlichen Diskussion um eine Zunahme von Antibiotika-Resistenzen setzen Zahnmediziner vor allem auf unspezifische Antibiotika-Kombinationen mit möglichst breitem Wirkspektrum. Besonders häufig verordnet wird der sogenannte „van-Winkelhoff-Cocktail“, eine Kombinationstherapie aus Amoxicillin und Metronidazol zur Behandlung der Parodontitis.

Amoxicillin wird unnötig oft bei Parodontitis verordnet

Zahnmedizinische Studien zu dieser Amoxicillin-Metronidazol-Therapie bei Parodontitis-Patienten beschränken sich aktuell entweder auf Vergleiche gegenüber Placebo oder auf die Resistenzentwicklung abhängig vom Zeitpunkt der Amoxicillin-Metronidazol-Gabe [1]. Kaum verglichen wird dagegen, in welchen Fällen der van-Winkelhoff-Cocktail überhaupt Vorteile gegenüber einer zielgerichteten Antibiotika-Monotherapie bietet. Dabei ist vor allem der Einsatz von Amoxicillin diskussionsbedürftig, das mit insgesamt 14,3 Millionen Tagesdosen fast die Hälfte aller zahnärztlichen Verordnungen ausmacht: „Gerade bei Parodontitis-Patienten ist Amoxicillin eigentlich nur indiziert, wenn ein pathogener Befall mit Aggregatibacter actinomycetemcomitans nachgewiesen ist. Doch dieser Keim ist nach unseren Untersuchungen nur an jedem vierten Parodontitis-Fall überhaupt beteiligt“, erklärt Max Koltzscher, Laborleiter der Carpegen GmbH: „Für 75 % der Parodontitis-Patienten stellt eine unterschiedslose Gabe des ‚van-Winkelhoff-Cocktails’ also eine Übertherapie ohne Zusatznutzen dar.“

Amoxicillin gilt, genau wie das von Zahnärzten ebenfalls häufig verordnete Clindamycin, unter anderem als Verursacher Clostridium-difficile-assoziierter Diarrhöen [2]. Solche potenziell lebensbedrohlichen Diarrhöen treten häufig als Folge von Antibiotikatherapien auf. In der Vergangenheit ging man davon aus, dass die Kombination zweier synergistischer Antibiotika hilft, die Bildung von Resistenzen zu verhindern. Neuere Studien zeigen jedoch, dass das Gegenteil der Fall sein kann [3]. Das Phänomen, das die Forscher zunächst an Escherichia coli nachgewiesen haben, tritt gerade bei der wirksamsten therapeutischen Dosierung auf. Die Forscher schreiben die verstärkte Gefahr von Resistenzbildungen dem erhöhten Selektionsdruck zu.

van Winkelhoff empfiehlt mikrobiologische Analyse der Pathogene

Vor einer unreflektierten Antibiotika-Gabe warnt denn auch der Namensgeber des van-Winkelhoff-Cocktails selbst, Prof. Arie J. van Winkelhoff von der Universität Groningen: Angesichts steigender Resistenzen empfiehlt er den verstärkten Einsatz mikrobiologischer Analysen, ggf. kombiniert mit einer Antibiotika-Empfindlichkeitsprüfung „as an aid in the selection of systemic periodontal antibiotic therapy“ [4].

Kontaktadresse:

Carpegen GmbH
Mendelstraße 11
48149 Münster
www.carpegen.de

Literatur:
[1] Mombelli et al. in: Journal of Periodontology 5/2016, DOI: 10.1902/jop.2015.150494.
[2] Gillies et al. in: CMAJ 1/2015; DOI: 10.1503/cmaj.140848.
[3] Pena-Miller et al. in: PLOS Biology 4/2013, DOI: 10.1371/journal.pbio.1001540.
[4] Rams, Degener, van Winkelhoff in: Journal of Periodontology 1/2014, DOI: 10.1902/jop.2013.130142.

weiterlesen