Parodontologie

Parodontitistherapie interdisziplinär – Prävention verbindet

Diabetes und Mundgesundheit

Parodontaler Erstbefund (PA-Konzepte Voice GmbH, Sendenhorst, Deutschland) bei Neuaufnahme
(Januar 2019).
Parodontaler Erstbefund (PA-Konzepte Voice GmbH, Sendenhorst, Deutschland) bei Neuaufnahme (Januar 2019).

Diabetes mellitus und Parodontitis: Beide Erkrankungen sind von hoher gesellschaftlicher Relevanz und stehen darüber hinaus in einem bidirektionalen Verhältnis zueinander, weshalb sich z.B. die Einstellung des Blutzuckerspiegels positiv auf den Parodontalstatus auswirkt und umgekehrt. Deshalb sollten sich im Rahmen der zahnärztlichen Behandlung interdisziplinäre Ansätze als zentraler Baustein in der Prävention und Früherkennung des Diabetes mellitus etablieren. Der folgende Beitrag zeigt die Möglichkeiten einer interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Zahnärzten und Diabetologen zur optimalen patientenindividualisierten Therapie auf.

Epidemiologie und Relevanz

Da die multikausale Parodontitis nach wie vor zu den häufigsten chronischen Entzündungserkrankungen des Menschen weltweit gehört [1], sollten neben einer ursächlichen Therapie mit Entfernung der oralen Biofilme die möglichen Interaktionen mit bekannten Risikofaktoren für die Erkrankung genauso Beachtung in Prävention und Therapie finden [2]. Ähnlich verhält es sich mit dem Diabetes mellitus. Weltweit leben 463 Millionen Menschen mit Diabetes mellitus, im Jahre 2045 werden es voraussichtlich 700 Millionen sein [3].

Allein in Deutschland sind etwa 7 Millionen Menschen an Diabetes mellitus erkrankt. Die Dunkelziffer liegt bei mindestens 2 Millionen Patienten [4], trotz eines von den Krankenkassen unterstützten Gesundheits-Check-ups (alle 2 Jahre) ab dem 35. Lebensjahr zur Früherkennung – insbesondere auch von Diabetes mellitus. Dazu stellt vor allem der Prädiabetes ein immer größer werdendes Gesundheitsproblem mit einer jährlichen Konversationsrate von 5 bis 10% in einen manifesten Typ-2-Diabetes-mellitus (T2DM) dar [5].

Auf Basis der Follow-up-Analysen zum Diabetes Prevention Program (DPP) konnte gezeigt werden, dass das Risiko für die Entwicklung diabetischer mikrovaskulärer Komplikationen nicht erst bei Patienten mit T2DM erhöht ist, sondern bereits bei Patienten mit einem Prädiabetes [6]. Für das Jahr 2035 prophezeit die Internationale Diabetes Foundation (basierend auf gestörter Nüchternglukose) 471 Millionen Patienten mit Prädiabetes weltweit [7]. Dies hat sowohl medizinische als auch soziokulturelle und sozioökonomische Relevanz.

Dennoch ist Prädiabetes in den meisten Ländern per se nicht als Erkrankung anerkannt. Dies erschwert u.a. die Anwendung von Pharmakotherapie zur Prädiabetesremission und/oder -prävention vor der Konversion zum manifesten T2DM.

Im DPP von 2002 [5] konnte gezeigt werden, dass Metformin effektiv sei in der Prävention der Progression vom Prädiabetes zum T2DM. Dennoch ist Metformin für die Indikation „Prädiabetes“ weder zugelassen noch werden die Kosten von den Krankenkassen in Deutschland übernommen. Aus diesem Grund kommt der Zahnmedizin in der Diagnostik und Therapie des Prädiabetes eine noch größere Rolle zu.

Wechselbeziehung zwischen Diabetes und Parodontitis

Die Assoziation zwischen den beiden Erkrankungen ist bidirektional. Parodontitis kann die Blutzuckereinstellung von Patienten mit Diabetes mellitus negativ beeinflussen und somit zur Entwicklung von diabetischen Komplikationen bis hin zu Herzinfarkt und Schlaganfall beitragen. Aus Metanalysen wissen wir, dass die Therapie der Parodontitis bei Patienten mit Diabetes mellitus wiederum zu einer Verbesserung der diabetischen Stoffwechsellage führen kann.

Die parodontale Entzündung/Infektion führt dabei wahrscheinlich über eine Erhöhung der systemischen proinflammatorischen Mediatoren zu einer Insulinresistenz [8]. Da beide eine wechselseitige Beziehung aufweisen, kann das Wissen um die möglichen Interaktionen bei der Therapie beider Erkrankungen von herausragender Bedeutung sein [9]. Gerade die vielfältigen Risikofaktoren, welche die Behandlung der Parodontitis teils so komplex werden lassen [10], stellen die zahnärztliche Praxis regelmäßig vor Herausforderungen und werden den Therapieerfolg direkt oder indirekt negativ beeinflussen können [11].

Merke: Die Volkskrankheiten Parodontitis und Diabetes mellitus stehen in einer Wechselbeziehung und stellen eine gravierende gesundheitsökonomische Belastung dar.

Herausforderung Biofilmkontrolle

Unbestritten ist, dass neben der Behandlung möglicher beeinflussender Faktoren wie Rauchen oder Stress immer noch die Entfernung der ursächlichen Biofilme während der Parodontitistherapie im Vordergrund steht. Dies gelingt aber trotz umfassender Ausschöpfung aller modernen mechanischen Techniken des nicht chirurgischen Debridements nicht zu 100% vorhersagbar. Oftmals müssen verbliebene residuale entzündliche Zahnfleischtaschen entweder mittels adjuvanter Maßnahmen wie dem Einsatz von Antibiotika [12,13] oder im Rahmen weiterführender parodontalchirurgischer Eingriffe zur Instrumentierung der Wurzeloberflächen unter direkter Sicht therapiert werden [14].

Die Indikationsstellung wird dabei nach der Art und Schwere der Parodontitis, dem Bestehen von Komorbiditäten und dem Zeitpunkt der Therapie (z.B. Erstbehandlung oder Rezidiv) unterteilt. Der rasche und plötzliche Ausbruch der COVID-19-Pandemie im Jahr 2020 zwang dazu, viele der alltäglichen Maßnahmen der (zahn)medizinischen Praxis zu überdenken. Dennoch sollte nicht infrage gestellt werden, dass eine Kontrolle dieser Risikofaktoren im Rahmen von präventiv/prophylaktisch orientierten Behandlungen von zentraler Bedeutung für das Erreichen der Therapieziele und einer Langzeitstabilität bei Parodontitiserkrankungen ist [15].

Die im Laufe der letzten Jahrzehnte erreichten Erfolge in der Prävention von Karies, Gingivitis und Parodontitis, aber auch die gesteigerte Akzeptanz einer individuell organisierten Erhaltungstherapie nach Parodontitistherapie sollten deshalb die medizinische Relevanz unseres Tuns gerade jetzt unterstreichen.* In Präventionsprogrammen der Zahnmedizin wird jedem Patienten geraten, mindestens 1-mal jährlich zum Zahnarzt zu gehen. Besser für die Prophylaxe ist allerdings ein halbjährlicher Besuch – und zwar von Geburt an.

Die Kosten werden von der Krankenkasse gedeckt. In diesen sehr frühen und häufigeren Zahnarztkontakten sehen die Autoren die große Verantwortung der Zahnmedizin in der rechtzeitigen Primär- und Sekundärprävention von entzündlichen Systemerkrankungen wie dem Diabetes mellitus. In vielen Studien konnte gezeigt werden, dass Diabetes einen etablierten Risikofaktor für die Entstehung von Parodontitis darstellt.

In mechanistischen Studien führte Diabetes mellitus zu einer hyperinflammatorischen Reaktion auf die parodontale Mikrobiota, welche die Terminierung der Entzündung sowie die Reparation verhindert. Das wiederum bedingt die Beschleunigung des klinischen Attachmentverlustes. Ein Link zwischen diesen beiden Entitäten könnten der Zelloberflächenrezeptor für „advanced glycation end products“ (AGEs) und seine Liganden sein.

Der Rezeptor wird vermehrt im Zahnhalteapparat von Patienten mit Diabetes mellitus exprimiert [8]. In einer randomisierten, kontrollierten Studie konnte eine nicht chirurgische Parodontitistherapie nachweislich zu einer Besserung des glykämischen Status bei Patienten mit T2DM beitragen [16]. Mit unserem stetigen Zuwachs an Wissen über die Beziehung zwischen Diabetes mellitus und Parodontitis muss die Aufmerksamkeit der Patienten über die Verbindung zwischen Diabetes und oraler Gesundheit verstärkt werden.

Parallel sollte die Zusammenarbeit zwischen medizinischen und zahnmedizinischen Professionen für die Behandlung betroffener Patienten verbessert werden [8]. Ziel der European Federation of Periodontology (EFP) und der International Diabetes Federation (IDF) sind Konsensus-Leitlinien für Ärzte, Zahnärzte und Patienten zwecks Prävention, früher Diagnosestellung sowie Komanagement von Diabetes mellitus und Parodontitis [17]. Im Folgenden werden anhand eines Fallberichts die Möglichkeiten einer interdisziplinären Zusammenarbeit zur optimalen patientenindividualisierten Therapie aufgezeigt.

Merke: Die Parodontitistherapie kann zu einer Verbesserung des glykämischen Status beitragen.

Fallbericht – Ausgangssituation

Im Januar 2019 stellte sich ein 45-jähriger Patient mit Überweisung seines Hauszahnarztes (HZA) im Funktionsbereich Parodontologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Kiel, vor. Anamnestisch wurden keine Vorerkrankungen angegeben, allerdings äußerte der Patient, seit etwa 25 Jahren täglich bis zu 20 Zigaretten zu rauchen (rund 25 Packungsjahre). Bei der zahnärztlichen intraoralen Untersuchung fiel vor allem die stark ausgeprägte Sekundärkaries an Zahn 45 auf.

Die klinisch parodontale Diagnostik ergab generalisierte Sondierungstiefen von 4 bis zu 7 mm sowie ein generalisiertes Bluten auf Sondierung. Alle Molaren im Oberkiefer und 36 wiesen eingängige Furkationen bis maximal Grad II auf [18]. An den Zähnen 11, 21, 22 ließ sich eine Beweglichkeit von Grad I feststellen [19] (Abb. 1a und b).

  • Abb. 1a: Parodontaler Erstbefund (PA-Konzepte Voice GmbH, Sendenhorst, Deutschland) bei Neuaufnahme (Januar 2019).
  • Abb. 1b: Intraorale Ansicht bei Neuaufnahme (Januar 2019).
  • Abb. 1a: Parodontaler Erstbefund (PA-Konzepte Voice GmbH, Sendenhorst, Deutschland) bei Neuaufnahme (Januar 2019).
  • Abb. 1b: Intraorale Ansicht bei Neuaufnahme (Januar 2019).

Bei der speziellen zahnmedizinischen Anamnese gab der Patient an, dass bereits 2 Jahre zuvor bei seinem HZA eine Parodontitisbehandlung durchgeführt worden war. Anschließend seien halbjährlich professionelle Zahnreinigungen erfolgt. Der Patient bemerkte selbst einen Zahnfleischrückgang und Bluten nach dem Zähneputzen trotz seiner häuslichen Zahnpflege mittels Zahnbürste (abwechselnde Nutzung von Hand- und elektrischer Zahnbürste) sowie Interdentalraumbürsten der ISO-Größen 2, 3 und 4.

  • Abb. 2: Die Panoramaschichtaufnahme (Januar 2019) zeigt einen gleichförmigen generalisierten horizontalen Knochenabbau bis 70% der Wurzellänge im Oberkiefer und bis zu 50% im Unterkiefer. Röntgenologisch sichtbare Furkationsbeteiligung ist an 16, 26, 27 und 36 erkennbar. Vertikale Einbrüche finden sich an 16 und 26. Zusätzlich zeigt der Zahn 16 einen verbreiterten PA-Spalt.

  • Abb. 2: Die Panoramaschichtaufnahme (Januar 2019) zeigt einen gleichförmigen generalisierten horizontalen Knochenabbau bis 70% der Wurzellänge im Oberkiefer und bis zu 50% im Unterkiefer. Röntgenologisch sichtbare Furkationsbeteiligung ist an 16, 26, 27 und 36 erkennbar. Vertikale Einbrüche finden sich an 16 und 26. Zusätzlich zeigt der Zahn 16 einen verbreiterten PA-Spalt.
    © Christian Graetz
Auf der Panoramaschichtaufnahme vom Januar 2019 (Abb. 2) lag im Ober- und Unterkiefer ein generalisierter horizontaler Knochenabbau bis in das mittlere Wurzeldrittel vor. Lokalisiert zeigten sich vertikale Knochendefekte an den Zähnen 16 und 26. Der Zahn 16 wies zusätzlich einen verbreiterten Parodontalspalt auf.

Im 4. Quadranten zeigte Zahn 45 eine stark ausgeprägte Sekundärkaries unterhalb der Füllung bei bereits vorhandener Wurzelkanalfüllung. Nach dem parodontalen Befund ließ sich somit ein generalisiertes Stadium III, Grad C mit rascher Progressionsrate diagnostizieren [10]. Wie im Rahmen einer patientenindividuellen Medizin üblich, wurden die erhobenen Befunde dem Patienten ausführlich und umfassend erklärt (PISA-Score 44%) sowie der weitere Therapieverlauf gemeinsam besprochen.

Des Weiteren wurde auch auf den negativen Einfluss des Rauchens auf die Parodontitis und die verringerten Erfolgsaussichten der Therapie bei weiterem Nikotinabusus hingewiesen [20]. Da der Patient bereits gut motiviert und instruiert seine häusliche mechanische Mundhygiene umsetzte, konnten bereits beim 1. Termin die Interdentalraumbürsten (ISO-Größe 4, 6, 8) auf die anatomischen Verhältnisse angepasst werden [21].

Überweisung zur internistischen Untersuchung

Da der Patient allgemeinanamnestisch außer einem regelmäßigen Nikotinkonsum nichts weiter angab, ließen sich Schweregrad und Progression der Parodontitis bei Neuaufnahme nicht allein durch die verbesserungsbedürftige Mundhygiene und Nikotinkonsum erklären. Aus diesem Grund erfolgte eine Vorstellung des Patienten am Lehrstuhl für Innere Medizin – Endokrinologie, Diabetologie und klinische Ernährungsmedizin an der Klinik für Innere Medizin I des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Kiel. In der u.a. durchgeführten Blutuntersuchung zeigten sich die in Tabelle 1 aufgeführten relevanten Befunde.

  • Tab. 1: Übersicht der Laborparameter und des Körpergewichts zu den verschiedenen Zeitpunkten; (a) Behandlungsbeginn der Parodontitis, (b) Reevaluation nach nicht chirurgischer Parodontitistherapie und im Vergleich zu den (c) Normalwerten.
  • Tab. 1: Übersicht der Laborparameter und des Körpergewichts zu den verschiedenen Zeitpunkten; (a) Behandlungsbeginn der Parodontitis, (b) Reevaluation nach nicht chirurgischer Parodontitistherapie und im Vergleich zu den (c) Normalwerten.
    © Christian Graetz

Bei der initialen Blutuntersuchung bestätigte sich der Verdacht der zahnmedizinischen Kollegen auf das mögliche Vorliegen internistischer Begleiterkrankungen, die womöglich den Schweregrad der Parodontitis erklären konnten. Es zeigten sich neben einem Prädiabetes eine Hypercholesterinämie mit einem erhöhten LDL-Cholesterin sowie eine Hyperlipoproteinämie (siehe Lipoprotein [a] in Tab. 1). Ebenfalls in Tabelle 1 zu erkennen sind die erhöhten CRP und IL-6 Werte, welche eine metabolische Entzündung anzeigten.

In Zusammenschau der Befunde ergab sich neben dem Prädiabetes ein sehr hohes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen. Zwischen dem Zeitpunkt 0 und 9 Monate erfolgte ausschließlich eine zahnärztliche Behandlung. Nach 9 Monaten verzeichneten sowohl der HbA1c-Wert als auch das LDL-Cholesterin, das CRP und das IL-6 eine Abnahme. 

Merke: Sind Schweregrad und Progression der Parodontitis nicht allein durch die verbesserungsbedürftige Mundhygiene und etwaigen Nikotinkonsum zu erklären, sollte der Patient an einen Hausarzt und/oder Internisten verwiesen werden.

Nach Stabilisierung des oralen Befundes (Zeitpunkt 9 Monate) leiteten wir seitens der Inneren Medizin eine Ernährungstherapie zur unterstützenden Behandlung – sowohl des Prädiabetes, der Parodontitis als auch der Fettstoffwechselstörung – ein. Zur Erfassung möglicher signifikanter atherosklerotischer Gefäßwandveränderungen auf dem Boden des Prädiabetes, der Hypercholesterinämie, der Hyperlipoproteinämie (a) und der metabolischen Entzündung empfahlen wir eine Ultraschalluntersuchung der arteriellen Gefäße (Hals, Abdomen, Beine) sowie eine Stressechokardiografie des Herzens (Aortenklappenverkalkung, koronare Herzerkrankung).

Das primäre Therapieziel für das LDL-Cholesterin liegt in der Regel bei < 3,0 mmol/l. Ergäbe sich in den Untersuchungen eine manifeste Atherosklerose, läge der LDL-Zielwert bei < 1,4 mol/l [22]. Die Therapie der Wahl wäre eine Statintherapie; Anfangsdosis z.B. 10 mg Rosuvastatin/Tag. Zur weiteren Verlaufskontrolle wurde der Patient an eine diabetologische und lipidologische Sprechstunde angebunden.

Parodontitistherapie

Im Anschluss an die internistische Vorstellung erfolgten in der zahnärztlichen Therapie das subgingivale Debridement aller pathologisch vertieften Taschen und die Extraktion des Zahnes 45 (Februar 2019). Diabetiker stellen für die zahnärztliche Praxis eine Risikogruppe dar. Aufgrund des nun anamnestisch durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit bekannten Prädiabetes wurde ein Lokalanästhetikum ohne (Ultracain® D, Sanofi-Aventis, Deutschland) bzw. mit reduziertem Adrenalingehalt (1:200.000; Ultracain® D-S, Sanofi-Aventis, Deutschland) gewählt [23]. Entsprechend der aktuellen Leitlinien zur adjuvanten Antibiotikaanwendung sowie unter Berücksichtigung des Patientenalters und der vorhandenen Taschensondierungstiefen wurde auf eine adjuvante Antibiose verzichtet [24].

Ebenfalls wurde im Rahmen der Therapie das alte Provisorium am Zahn 46 entfernt und ein neues, besser hygienefähiges Provisorium eingegliedert, da der HZA mittelfristig eine neue Kronenversorgung im Zusammenhang mit der implantatprothetischen Versorgung Regio 45 geplant hatte. Die 1. Reevaluation nach antiinfektiöser Therapie erfolgte Ende Mai 2019. Hier berichtete der Patient, dass er den Nikotinabusus drastisch reduziert habe auf 1 bis 2 Zigaretten täglich und mittelfristig das Ziel verfolgt, das Rauchen ganz aufzugeben.

Deutlich verbessert zeigten sich die Werte der Entzündungsoberfläche PISA (7%) und des BOP, Blutens auf Sondieren (8%). Die generalisierten Sondierungstiefen betrugen nun noch 3 bis 4 mm, wobei lokalisiert noch 6 mm im Molarenbereich des rechten Unterkiefers gemessen wurden (Abb. 3a und b). Diese wurden mittels eines subgingivalen Debridements nachinstrumentiert.

  • Abb. 3a: Parodontalstatus (PA-Konzepte Voice GmbH, Sendenhorst, Deutschland) bei der Reevaluation nach antiinfektiöser Therapie (Mai 2019).
  • Abb. 3b: Intraorale Ansicht bei Recall im Mai 2019.
  • Abb. 3a: Parodontalstatus (PA-Konzepte Voice GmbH, Sendenhorst, Deutschland) bei der Reevaluation nach antiinfektiöser Therapie (Mai 2019).
  • Abb. 3b: Intraorale Ansicht bei Recall im Mai 2019.

Zudem wurde eine unterstützende Parodontitistherapiephase (UPT) mit vierteljährlichen Terminen für die kommenden 12 Monate beschlossen. Nach dem 1. Jahr der UPT sollte eine erneute Beurteilung aller Parameter und eine risikoadaptierte Bewertung der zukünftigen Nachsorgeintervalle erfolgen [25]. Nach 4 Terminen im Rahmen der UPT erfolgte im September 2020 die erneute Reevaluation aller Parameter.

Die Sondierungstiefen konnten im Rahmen der UPT stabilisiert und im Molarenbereich sogar weiter reduziert werden. Der BOP lag bei 3% (Abb. 4). Auf Basis der erhobenen Befunde wurde auch das risikoadaptierte Nachsorgeinterwall neu auf eine halbjährliche UPT festgelegt.

  • Abb. 4: Parodontalstatus (PA-Konzepte Voice GmbH, Sendenhorst, Deutschland) bei erneuter Reevaluation aller Parameter nach 1-jähriger UPT (September 2020).
  • Abb. 4: Parodontalstatus (PA-Konzepte Voice GmbH, Sendenhorst, Deutschland) bei erneuter Reevaluation aller Parameter nach 1-jähriger UPT (September 2020).
    © Christian Graetz

Epikrise und Fazit

Der Fallbericht zeigt, dass bei Parodontitis eine allgemeinmedizinische/internistische Vorstellung in Betracht gezogen werden sollte, um weitere Komorbiditäten als mögliche Ursachen/Verstärker der Parodontitis zu erfassen. Allgemein gilt: Je schneller die parodontale Entzündung erkannt und beseitigt wird, desto besser sind die Heilungschancen, die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden der Patienten, einschließlich einer längerfristigen Prognose für den Zahnerhalt [26].

Es leuchtet ein, dass bei leichter parodontaler Erkrankung die notwendigen Maßnahmen weit weniger komplex und nicht in jedem Fall weiterführende Schritte, wie parodontalchirurgische Eingriffe mit entsprechend weniger vorhersagbaren Langzeitergebnissen, für den Zahnerhalt erforderlich sind [14]. Aber auch im vermeintlich einfachen Fall können Risikofaktoren wie ein nicht bekannter Diabetes mellitus zu ungeahnten Folgen bei/nach parodontal oder zahnärztlich-chirurgischen Eingriffen führen.

Dies bereits frühzeitig zu erkennen, ist die beste Prävention. Nicht nur die Erkrankung selbst, sondern auch mögliche Komplikationen können so verhindert werden. Wichtig ist dabei neben der Kenntnis z.B. des aktuellen HbA1c-Wertes auch die Gesamtdauer der Diabeteserkrankung.

Ein schlecht eingestellter Diabetiker kann eine doppelt erhöhte Sterblichkeit durch Herzinfarkt oder auch eine bis zu 8-fach erhöhte Mortalität durch Nephropathie haben [27,28], weshalb unbedingt eine Optimierung der Ausgangssituation mit Verbesserung des HbA1c-Wertes von unter 8% angestrebt werden muss [29]. Auch sollte ergänzend die Erfassung des oralen Status in den Nachsorgepass der Patienten mit Diabetes mellitus aufgenommen werden (Tab. 2).

  • Tab. 2: Übersicht zu Empfehlungen in der zahnärztlichen Praxis bei Parodontitispatienten mit oder bei Verdacht auf Diabetes mellitus [29].
  • Tab. 2: Übersicht zu Empfehlungen in der zahnärztlichen Praxis bei Parodontitispatienten mit oder bei Verdacht auf Diabetes mellitus [29].
    © Christian Graetz

Zusammenfassend soll dieser Fallbericht mit kurzer Literaturübersicht die Aufmerksamkeit für die Beziehung zwischen Parodontitis und Glukosestoffwechselstörungen samt Folgeerkrankungen sowie die gemeinsamen therapeutischen Möglichkeiten unter den Zahnmedizinern und Medizinern verbessern. Aktuell scheint bei gleichzeitigem Auftreten von Parodontitis und Prädiabetes die Behandlung der Parodontitis die einzige zugelassene und von den Krankenkassen bezahlte Therapie zu sein, die zu einer Prädiabetes-Remission und/oder -Prävention vor der Konversion zum manifesten T2DM führen könnte.

Merke: Das interdisziplinäre Vorgehen – die abgestimmte Behandlung von internistischer und zahnmedizinischer Seite – erhöht die Chance, sowohl die allgemeinmedizinischen als auch die parodontalen Parameter besser in den Griff zu bekommen. Da diese sich gegenseitig bedingen, profitiert der Patient doppelt. Beide Parteien sollten bei Verdacht auf die Kollegen zugehen.

Hinweis

Die vorliegende Kasuistik wurde mit freundlicher Unterstützung von Sanofi nach einem realen Patientenfall aus der klinischen Praxis angefertigt. Bei ähnlich gelagerten Fällen ist die individuelle Therapieentscheidung durch die behandelnde Ärztin/den behandelnden Arzt maßgeblich. Die aktuellen Fachinformationen sind zu beachten. Eine Expertenempfehlung zur Lokalanästhesie bei Diabetikern kann unter 0800 52 52 010 kostenfrei angefordert werden.


Literatur

*www.zmk-aktuell.de/frankenberger

Autoren: Christian Graetz1, Miriam Seidel1, Juliane Schulz2,3,4, Dominik M. Schulte3,4

1 Funktionsbereich Parodontologie in der Klinik für Zahnerhaltung und Parodontologie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, Kiel
2 Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, Kiel
3 Lehrstuhl für Innere Medizin – Endokrinologie, Diabetologie und klinische Ernährungsmedizin in der Klinik für Innere Medizin I, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, Kiel
4 Exzellenzcluster Präzisionsmedizin für chronische Entzündungserkrankungen (PMI), Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Kiel

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Christian Graetz


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