Kinderzahnheilkunde

Behandlung von Kindern:

Prophylaxekonzept nach Prof. Axelsson

15.12.2010

Die Motivation zur bedarfsgerechten Selbstzahnpflege ab dem frühen Kindesalter, das ist eine wichtige, aber immer noch vernachlässigte Säule in der Kariesprävention von Kindern, so der Autor des folgenden Beitrages. Er beschreibt, basierend auf den Studienergebnissen eines Plaquekontrollprogramms von Prof. Per Axelsson über 30 Jahre, wie individuelle Risikoprofile die Eigenzahnpflege von Kindern steigern. Kindgerechte Produkte zur Prophylaxe werden ebenso erläutert wie die Bedeutung der entsprechenden Anwendungshinweise und das dazugehörige Angebot im Prophylaxeshop der Praxis.

Die Frage, ob Prophylaxe sinnvoll ist, stellt sich seit einigen Jahren nicht mehr. So zeigen die großen Erfolge in der Kariesprävention bei Schulkindern und Jugendlichen, dass die Sensitivität hinsichtlich der Zahngesundheit gestiegen ist. Dennoch ist nur ein erster Schritt getan1. So sind Möglichkeiten zur Vermeidung von Milchzahnkaries noch lange nicht ausgeschöpft und der elementarste Baustein in der Prävention wird weitestgehend in der Praxis ignoriert: Die Motivation zur bedarfsgerechten Selbstzahnpflege ab dem frühen Kindesalter. Wer Kinder frühzeitig programmiert, Zähne gewissenhaft zu reinigen, leistet nicht nur einen Beitrag zur Kariesvorsorge, sondern sorgt auch dafür, dass Abläufe richtiger Zahnpflege in „Fleisch und Blut“ übergehen und später ganz selbstverständlich sind. Die demografische Entwicklung fordert von zahnärztlichen Behandlern außerdem, die adäquate häusliche Selbstzahnpflege frühzeitig und nachhaltig zu fördern, beispielsweise anhand von Risikoprofilen.
Mit diesen lassen sich zudem Prognosen zum späteren Krankheitsstatus treffen und Patienten in Risikogruppen einteilen – nur so kann eine bedarfsgerechte Behandlung mit entsprechenden Recallintervallen überhaupt erst stattfinden2.

Belegte Erfolge durch Motivation: 30-Jahre-Studie

Ziel einer Studie von Prof. Per Axelsson war es, anhand eines sorgfältig durchgeführten Plaquekontrollprogramms über einen Zeitraum von 30 Jahren die Inzidenz von Zahnverlust, Kariesbefall und Attachmentverlust an erwachsenen Probanden zu beobachten3. Ein Vergleich des Gesundheitszustands der 375 Teilnehmer, die 1972 im Alter zwischen 51 und 65 Jahren waren, mit der gleichen Altersgruppe des Jahres 2002 sollte weitere Aufschlüsse geben. Bei einer Eingangsuntersuchung sowie nach 3, 6, 15 und 30 Jahren wurden die Probanden auf Plaquebefall, Karies, Sondierungstiefe, Attachmenthöhe und parodontologischen Behandlungsbedarf untersucht. Im Anschluss an die Eingangsuntersuchung wurden bei Bedarf kariöse Läsionen beseitigt, Defekte an Restaurationen behoben und bei jedem Patienten eine nichtchirurgische Parodontaltherapie durchgeführt. Zudem wurde jeder Teilnehmer zur häuslichen Prophylaxe motiviert und umfassend zur richtigen Mundhygiene angeleitet. Es erfolgten Unterweisungen zur Eigendiagnose und Zahnpflege mit Schwerpunkt Plaquekontrolle einschließlich der Verwendung von Zahnbürsten und interdentalen Reinigungshilfen, wie Interdentalbürsten, Zahnseide und Zahnhölzer. Insgesamt gingen von 12.000 Zähnen lediglich 21 Zähne innerhalb von 30 Jahren aufgrund von progredienter Parodontitis oder Karies verloren. So zeigten die Probanden im Hinblick auf Karies eine geringe Inzidenz. Im Verlauf der Studie entstanden durchschnittlich etwa 1,7 neue Läsionen, die allerdings zu 80 Prozent als Kariesrezidive einzustufen sind. Nach 10 bis 15 Jahren hatte die Studiengruppe 0,7 neue kariöse Läsionen, während die Kontrollgruppe 13 neue Läsionen aufwies. Das bedeutet, dass die Kontrollgruppe 20-mal mehr Karies hatte als die Studiengruppe.

Individuelle Risikoprofile motivieren zur Eigenzahnpflege

Es wird also deutlich, dass Karies im Erwachsenenalter vermeidbar wäre, wenn einerseits Läsionen im Kindesalter gar nicht erst entstehen und andererseits frühzeitig zur richtigen Selbstzahnpflege motiviert würde. Basierend auf individuell erstellten Risikoprofilen, die ätiologische Faktoren, Kariesprävalenzen und -inzidenzen betrachten, äußere und innere Risikofaktoren feststellen und prognostizieren, aber auch präventive Faktoren aufgreifen, lassen sich individuelle Prophylaxe-Konzepte erstellen. Wichtig ist dabei die Klassifizierung jedes einzelnen Faktors hinsichtlich des Kariesrisikos in „nicht vorhanden“, „gering“, „vorhanden“ und „hoch“4. Darauf aufbauend, lassen sich zahnärztliche Maßnahmen in der Praxis besser vermitteln sowie Eltern und Patienten für häusliche Maßnahmen motivieren. Risikoprofilen ist im Hinblick auf die Eigenverantwortung der Kinder, vor allem aber ihrer Eltern, besondere Bedeutung beizumessen. Gemeinsam mit dem Behandler erstellt, sind individuelle Risikoprofile ein wichtiges Instrument für die Motivation zur bedarfsgerechten Selbstzahnpflege. Dazu gehört auch eine Einweisung in die Benutzung von Leuchtspiegeln zur Selbstuntersuchung. Anhand der Risikoprofile lassen sich zudem Prognosen zum späteren Krankheitsstatus abgeben und Patienten in Risikogruppen einteilen. Daraus resultierend sollten Recallintervalle festgelegt werden, die – wenn das Risiko Patienten und Eltern bewusst wird – auch in Anspruch genommen werden. Der entscheidende Vorteil bei Risikoprofilen ist die überblicksartige Auflistung einzelner Faktoren, die durch Grafiken unterstützt werden können. Behandler, die es schaffen, Eltern und Kindern nahezubringen, wie es um Zähne und Krankheitsrisiko steht, können leichter Maßnahmen implementieren. Die kontinuierliche Fortführung der Profile spornt Eltern und Kinder zudem an, denn die Dokumentation positiver und negativer Veränderungen schärft das Bewusstsein für Zahngesundheit.

Faktoren bei Kindern

Bei der Entwicklung von Risikoprofilen stellt die Pathogenese und Prävention von Plaque den wichtigsten ätiologischen Faktor für Karies dar. Plaque lagert sich am entzündeten Gingivasaum viermal schneller ab als am gesunden. Innerhalb von zwei Tagen nimmt zudem die Plaquedicke immens zu. Bei Plaquefreiheit heilt die Gingivitis jedoch innerhalb einer Woche aus. Daher ist der Plaqueindex ein wichtiger Indikator in Risikoprofilen. Zu den weiteren ätiologischen Faktoren zählt die Bestimmung der Anzahl von Streptococcus mutans sowie Lactobacilli als wichtigste Bakterien bei der Kariesentstehung. So stehen beispielsweise Tests mit weniger als 100.000 koloniebildenden Einheiten von Streptococcus mutans je Milliliter für ein noch geringes Kariesrisiko, während über eine Million koloniebildender Einheiten je Milliliter für ein sehr starkes Risiko sprechen. Integriert werden in Risikoprofilen auch Kariesprävalenz und -inzidenz. So sprechen Dentinkariesläsionen oder Füllungen an Approximalflächen sowie eine aktive Schmelzkaries für ein generell hohes Risiko, das sich durch erneut auftretende Dentinkariesläsionen weiter erhöht. Bereits veränderte externe Risikofaktoren, wie der Verzehr von zuckerhaltigen Produkten mit langer Zucker-Clearance-Zeit, oder auch familiäre und soziale Hintergründe sollten ebenfalls aufgegriffen werden.

  • Tab. 1: Risikoprofile: Kinder 0 bis 6 Jahre (Vorschulalter).

  • Tab. 1: Risikoprofile: Kinder 0 bis 6 Jahre (Vorschulalter).
Innere Faktoren, wie beispielsweise eine niedrige Speichel-Pufferkapazität oder eine reduzierte Immunantwort, geben weitere Aufschlüsse zum individuellen Kariesrisiko. Der Hintergrund: Eine reduzierte Speichelbildung, wie sie beispielsweise bei Kindern mit Mundatmung durch Kieferfehlstellungen zu finden ist, verringert die Pufferkapazität und die orale Clearance. Eine normale Speichel-Pufferkapazität wiederum schützt nicht nur das Zahnhartgewebe sondern verhindert auch die Schädigung der Schleimhäute durch Säuren aus Nahrung oder Plaque. Zudem gibt es einen gewissen karieshemmenden Effekt bei erhöhter Pufferkapazität. Die frühzeitige Korrektur von Kieferfehlstellungen ist daher auch aus prophylaktischer Sicht sinnvoll.
Als letzter wichtiger Punkt bei der Beurteilung des Kariesrisikos gilt es, die präventiven Faktoren der häuslichen Selbstzahnpflege zu beleuchten. Diese dienen als Ansatzpunkt, kleine Patienten zur bedarfsgerechten Pflege zu motivieren sowie Eltern von deren Wichtigkeit zu überzeugen und zur Mitarbeit zu bewegen. So weisen Kinder mit nicht vorhandenem Kariesrisiko eine exzellente Mundhygiene vor, bei denen gut gebildete Eltern ihre Kinder fürsorglich unterstützen. Tägliches Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahncreme, gute Ernährungsgewohnheiten und regelmäßige Präventionsmaßnahmen stellen wichtige Teilaspekte dar (Tab. 1).

Kindgerechte Produkte anbieten und erklären

Risikoprofile dienen also als Basis für eine individuelle und bedarfsgerechte Selbstzahnpflege sowie für zahnärztliche oder kieferorthopädische Behandlungen. Dennoch gibt es dem Alter entsprechend bei Kindern Regeln, die für nahezu jeden kleinen Patienten gelten und mit den Eltern besprochen werden müssen. Nahezu jede Kariesläsion an bleibenden Zähnen entsteht letztendlich in der Durchbruchphase als Initialkaries. So befindet sich die Plaque bei durchbrechenden Molaren hauptsächlich in den Fissuren. Es ist essenziell, Fissurenkaries in der Dentition der Molaren zu vermeiden. Damit sinkt auch das Risiko, später daran zu erkranken. An Prämolaren entsteht meist keine Fissurenkaries in der Durchbruchsphase, da diese bedeutend schneller verläuft. Über die daraus resultierenden speziellen Erfordernisse in der häuslichen Zahnpflege müssen Eltern aufgeklärt werden.

  • Abb. 1: Das Anwendungsspektrum der Einbüschelbürste ist vielseitig.
  • Abb. 2: Speziell für Kinder gibt es Zahnseide, die in jeden Prophylaxeshop gehört...
  • Abb. 1: Das Anwendungsspektrum der Einbüschelbürste ist vielseitig.
  • Abb. 2: Speziell für Kinder gibt es Zahnseide, die in jeden Prophylaxeshop gehört...

  • Abb. 3: ...sowie natürlich auch kindgerechte Zahnbürsten.
  • Abb. 3: ...sowie natürlich auch kindgerechte Zahnbürsten.


Zur speziellen Reinigung der Okklusalflächen bieten sich Einbüschelbürsten an (Abb. 1), die durch ihr konzentriertes Borstenfeld gründlich in Fissuren reinigen. Zur Reinigung von Interdentalräumen, die ebenfalls bereits bei Kindern als fester Bestandteil täglicher Mundhygiene etabliert werden sollte, bieten sich spezielle Kinderzahnseiden (Abb. 2) oder Dental-Tape an, da sie für Kinder leichter anzuwenden sind. Aber auch die Pflege mit Interdentalbürsten, die im Vergleich zu Seide und Hölzern Einziehungen und Furchen der Interdentalräume effektiv reinigen, kann schon im heranwachsenden Alter begonnen werden. Die Nützlichkeit fluoridierter Zahncremes stellt heute keiner mehr in Frage. Fluorid – auch in topischer Anwendung – reduziert die Zucker-Clearance-Zeit, hemmt die Demineralisierung und fördert die Remineralisierung des Zahnschmelzes. Zudem verringert es die Säurelöslichkeit des Schmelzes und das mikrobielle Wachstum. Zur Vermeidung von Fluorosen sollten Putzempfehlungen zu spezieller Kinderzahnpasta mit Fluoridgehalten von 500 ppm selbstverständlich sein.
Entsprechende Mundhygiene-Artikel können und sollten in der Praxis zum Verkauf angeboten werden. In der Kinderzahnheilkunde sollte der Shop von Kinderlernzahnbürsten bis hin zu spezieller kindgerechter Zahnseide passende Produkte beinhalten (Abb. 3). Kinderzahnbürsten, Lernzahnbürsten, Zahncreme und Zahnseide für Kinder, Milchzahndosen sowie zuckerfreie Süßigkeiten gehören ebenso dazu wie Einbüschel- und Interdentalbürsten. Auch hinsichtlich der Beratung zur Ernährung müssen Behandler den Eltern beratend zur Seite stehen. Die Einflüsse durch den Verzehr von Cola, Sportgetränken oder auch klebrigen Süßigkeiten sind zu erläutern. Die daraus resultierende hohe Zucker-Clearence-Zeit stellt ein großes Problem dar.

Fazit

Die medizinische Notwendigkeit präventiven Handelns sowie die Umsetzung alltagstauglicher Präventionsstrategien und -konzepte müssen den Behandlern bewusst sein. Dabei geht es auch darum, sich mit den Patienten intensiv zu beschäftigen und individuell abgestimmte Maßnahmen auf Basis einer umfassenden Analyse zu implementieren. Motivation funktioniert, wie die Studie von Prof. Axelsson eindrucksvoll zeigt. Fast noch beeindruckender ist die Tatsache, dass lediglich knapp zwei Prozent der Patienten trotz des anspruchsvollen Prophylaxeprogramms das Interesse an der Studie verloren. Zuletzt sei gesagt: Die Eigenleistung von Eltern und Kindern spielt eine wichtige Rolle bei der Erhaltung der Zahngesundheit der Kleinsten bis ins hohe Alter, jedoch ist diese nur so gut, wie die Praxis Familien anleitet. Auch wirtschaftlich lohnt sich Kinderprophylaxe, denn die kleinen Patienten von heute sind die großen von morgen.

Dr. Thomsen erteilt regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen zum Thema Prophylaxe.
Für die ZFA, ZMP, ZMF und DH sind es Kurse zur Behandlung und Betreuung des PA-Patienten sowie zur Professionellen Zahnreinigung. Forbildungsveranstaltungen für Zahnärzte behandeln die synoptische Parodontitis-Behandlung mit chirurgischer und nicht-chirurgischer PA-Therapie.
Informationen hierzu auf
www.oral-prevent.de/oral-prevent-akademie/
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