Kinderzahnheilkunde


Kieferorthopädische Prophylaxe und Frühbehandlung – Teil 2

05.01.2011

Abb. 8: Asymmetrisch offener Biss bei einer Patientin mit Lutschhabit.
Abb. 8: Asymmetrisch offener Biss bei einer Patientin mit Lutschhabit.

Fortsetzung

Habits rechtzeitig abgewöhnen

Der Begriff Habit steht für alle „schlechten“ Angewohnheiten, die zu einer Fehlentwicklung im Zahn-, Mund- und Kieferbereich führen können. Nach der Abrechnungsposition 121 der GKV ist die „Beseitigung von Habits bei einem habituellen Distalbiss oder bei einem offenen Biss“ abrechnungsfähig. Nach Prof. Schopf3 ist eine Differenzierung der Habits in drei Gruppen möglich:

  • Lutschen
  • autoaggressive Fehlfunktionen (z. B. Bruxismus, Nägelkauen)
  • Zungendysfunktionen
Lutschhäufigkeit

In der Literatur wird die Lutschhäufigkeit bei unseren kleinen Patienten mit Werten von ca. 70–80 % angegeben3. Dabei dient nicht nur der Daumen zur Beruhigung, sondern auch andere Finger, Nuckel, Lippen, Wangen, Gegenstände oder Kleidungsstücke. Der Phantasie sind praktisch keine Grenzen gesetzt. Je nach Gebrauch führt das Lutschen zu einem symmetrischen oder asymmetrischen offenen Biss sowie einer Rücklage des Unterkiefers (Abb. 8).
Sofern die Lutschgewohnheiten zwischen dem 3. und 4. Lebensjahr und somit vor Durchbruch der permanenten Frontzähne abgewöhnt werden, kann in der Regel mit einem Selbstausgleich gerechnet werden7. Wird jedoch weit über das 4. bzw. 5. Lebensjahr hinaus gelutscht, wirkt sich dies dauerhaft auf das skelettale System aus und ist in einigen Fällen nur noch schwer kieferorthopädisch zu lösen, sodass in Extremfällen später eine kombinierte kieferorthopädisch-kieferchirurgische Therapie in Erwägung gezogen werden muss.
Ein sehr einfaches und kostengünstiges Hilfsmittel zur Abgewöhnung von Lutschgewohnheiten, Nägelkauen, Lippenbeißen oder -saugen (Abb. 9) stellt die individuelle Mundvorhofplatte (IMVP) dar, die über die Abrechnungspositionen 122 a–c der GKV abgerechnet werden kann.

  • Abb. 9: Lippenbeißen führt zu einer starken Einlagerung der Unterlippe und Anteinklination der OK-Front.
  • Abb. 10: Individuelle Mundvorhofplatte (IMVP), hergestellt aus einer 3 mm dicken Bioplast®-Folie (Scheu Dental). Zur höheren Akzeptanz bei unseren jungen Patienten wird die IMVP in verschiedenen Farben und Designs angeboten.
  • Abb. 9: Lippenbeißen führt zu einer starken Einlagerung der Unterlippe und Anteinklination der OK-Front.
  • Abb. 10: Individuelle Mundvorhofplatte (IMVP), hergestellt aus einer 3 mm dicken Bioplast®-Folie (Scheu Dental). Zur höheren Akzeptanz bei unseren jungen Patienten wird die IMVP in verschiedenen Farben und Designs angeboten.

  • Abb. 11: IMVP in situ.
  • Abb. 11: IMVP in situ.


Zudem dient sie zum Training einer hypotonen Lippenmuskulatur8 (Abb. 10 u. 11). Eine solche IMVP kann beispielsweise auf sehr einfache Art und Weise im Tiefziehverfahren hergestellt werden. Die Erfolgsquote liegt bei ca. 90 %. Zusätzliche Hilfsmittel haben sich im Rahmen eines „Anti- Lutsch-Programms“ bewährt, z. B. der von den Kindern individuell geführte Lutschkalender sowie der Einsatz von „Daumengarage“ (Fingerling aus Leder) und bitter schmeckendem Nagel-Schutzlack (z. B. stopp`n grow®).

Bruxismus

Bruxismus gilt in Fachkreisen im Milchgebiss als „normal“. Das Wachstum der Kiefer und die damit verbundene ständig variierende Zahn- und Kieferstellung erfordert einen Anpassungsprozess – den „physiologischen“ Bruxismus. Die Grenzen zwischen Physiologie und Pathologie sind allerdings fließend. Sind bereits im Alter zwischen 6 und 8 Jahren Schliffflächen an den Sechsjahrmolaren erkennbar, kann man nicht mehr von Physiologie sprechen. In diesen Fällen gilt es, eine weitere Progredienz zu verhindern, zumal die Auswirkungen weit über die sichtbaren Abrasionen hinausgehen. Eine Aufbissschiene zum Schutz der permanenten Zähne sowie zur Entlastung des Kiefergelenks und zur Entspannung des gesamten Systems ist hier das Mittel der Wahl. Weiterhin ist eine begleitende Manualtherapie bzw. Osteopathie sinnvoll.

Zungendysfunktionen

Zungendysfunktionen, angefangen vom infantilen (viszeralen) Schluckmuster über eine tiefe Zungenlage bis hin zum Sigmatismus interdentalis erfordern eine möglichst frühe Diagnostik und Intervention. Mögliche Folgen sind vielfältig und umfassen zum Beispiel die Entstehung eines offenen Bisses oder Kreuzbisses in Verbindung mit einem hohen Gaumen.
Die Zunge nimmt im physiologischen Zustand die Position direkt hinter den oberen Schneidezähnen an der Papilla incisiva ein. Dort wirkt sie auf die Entwicklung des Oberkiefers in sagittaler und transversaler Richtung.
Die Diagnose einer Zungendysfunktion erfolgt durch die Überprüfung des Schluckmusters. Besteht ein infantiles Schluckmuster bis über das 4. Lebensjahr hinaus und ist eine Auswirkung auf Zähne und Kiefer erkennbar, sollte ein Logopäde zurate gezogen werden. In vielen Fällen lassen sich „kleine“ Störungen innerhalb von wenigen Sitzungen mithilfe von myofunktioneller Therapie (MFT) beseitigen.

CMD erfordert interdisziplinäre Zusammenarbeit

Kiefergelenksbeschwerden, Knackgeräusche bis hin zu Haltungsfehlern mit erheblichen Einschränkungen des Bewegungssystems – die Ursachen sind meist multifaktoriell und werden in der Zahnmedizin unter dem Sammelbegriff cranio-mandibuläre Dysfunktion (CMD) zusammengefasst. In den zahnärztlichen Praxen werden meist nur erwachsene Patienten mit oben genannten Beschwerden behandelt. Dass die Ursachen dafür oft schon im Kindesalter vorliegen, ist vielen noch nicht bewusst. Als kieferorthopädische Risikofaktoren werden unter anderem Parafunktionen und Habits sowie Deckbisse, Zwangsbisse, Kreuzbisse und offene Bisse diskutiert.
Ziel ist es also auch hier, möglichst früh zu intervenieren, um eine spätere CMD zu vermeiden. Frau Prof. Korbmacher-Steiner (Universität Marburg) betonte beim diesjährigen GBO-Jahreskongress in Bonn, dass gerade beim Kreuzbiss alles für eine frühe Intervention spreche. „Tierversuche haben gezeigt, dass sich nach Behebung des Kreuzbisses bei gleichzeitiger Skoliose auch Verbesserungen an der Wirbelsäule zeigten“, so Korbmacher-Steiner.

  • Abb. 12: Progene Verzahnung links bei einer 9-jährigen Patientin.

  • Abb. 12: Progene Verzahnung links bei einer 9-jährigen Patientin.

Vom 24. bis 26. September dieses Jahres fand in Münster ein Fachkongress zum Thema „Manuelle Medizin und Zahnheilkunde“ statt. Aus den Vorträgen der verschiedenen Referenten ging hervor, dass es sich bei der craniomandibulären Dysfunktion in den meisten Fällen um ein multifaktorielles Geschehen handelt, was die Zusammenarbeit mehrerer Fachdisziplinen notwendig macht. Prof. Kopp (Universität Frankfurt/Main) verdeutlichte die Entstehung anhand einer Badewanne mit mehreren Einlaufwasserhähnen. Der menschliche Körper sei in der Lage, über längere Zeit im Sinne einer Kompensation ein gewisses „Gleichgewicht“ aufrechtzuerhalten. Oft laufe die Wanne erst mit Öffnung des x-ten Wasserhahns über und führe zu einer Dekompensation des Systems.
Ziel einer präventiv orientierten Zahnheilkunde muss es sein, die Voraussetzung für eine optimale Entwicklung und Funktion des orofazialen Systems zu schaffen. Frau Dr. Fränkel sieht demnach die wichtigste Aufgabe einer funktionellen Orthopädie darin, „neue Funktionsmuster zu erlernen4.“ Stabile, physiologische Funktionsmuster können, so Fränkel, dann die CMD-Gefahr auf Dauer minimieren.

Fazit

Das Interesse der Zahnärzte an einem präventionsorientierten Behandlungskonzept wächst. Das zeigen die zunehmenden Teilnehmerzahlen an den oben genannten Fortbildungen und Kongressen sowie die Präsenz der Thematik in der Fachliteratur. Ziel ist es nun, dieses Interesse in ein konsequentes Handeln im Sinne der kieferorthopädischen Prophylaxe und Frühbehandlung umzusetzen. Dabei sind ein frühes und regelmäßiges Screening vonseiten der Zahnärzte und Kinderzahnärzte z. B. anhand des oben genannten Leitfadens und die damit verbundene rechtzeitige Zuweisung an einen Fachzahnarzt für Kieferorthopädie von essenzieller Bedeutung.
Nur durch eine hohe Aufmerksamkeit vonseiten der Zahnärzte und Kinderärzte können Fehlfunktionen und beginnende Anomalien rechtzeitig erkannt werden.
Dabei sollte es zur Routine eines jeden Kollegen gehören, die Kinder nicht nur im Sinne einer 01 in Bezug auf eventuelle kariöse Läsionen zu untersuchen, sondern in regelmäßigen Abständen auch den Zusammenbiss durch „Zubeißen“ zu kontrollieren, um Anomalien wie die progene Fontverzahnung (Abb. 12), den seitlichen Kreuzbiss, offenen Biss oder den Distalbiss rechtzeitig zu erkennen und ggf. der sofortigen Therapie zuzuführen. Die Screening-Bögen des BDK helfen bei der systematischen Vorgehensweise.
Eine Kooperation seitens der Kostenträger – ohne Wirtschaftlichkeitsprüfung – wäre wünschenswert.



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