Kinderzahnheilkunde


Frühzeitiger Milchzahnverlust und Lückenhalter in der Kinderzahnheilkunde

Seit mehr als einem Jahrzehnt ist für Deutschland eine Verbesserung der Mundgesundheit im Kindes- und Jugendalter zu konstatieren. Diese Beobachtung gilt allerdings nur eingeschränkt für das Milchgebiss [4], denn die Kariesreduktion ist hier deutlich geringer als in der bleibenden Dentition und die Karies selbst stärker polarisiert [1]. Gegenwärtig weisen Sechs- bis Siebenjährige fast doppelt so viele an Karies erkrankte Zähne im Milchgebiss auf wie Zwölfjährige im bleibenden Gebiss [10]. In Einzelfällen kann dabei die vorzeitige Milchzahnextraktion nicht vermieden werden, obwohl es moderne Therapiekonzepte für Kinder gibt. Der vorliegende Artikel zeigt verschiedene Optionen auf, wie die möglichen Folgen nach einem frühzeitigen Milchzahnverlust in Form eines Platzmangels, Stützzoneneinbrüchen oder Sprachentwicklungsstörungen verhindert werden können.

Definition des frühzeitigen Milchzahnverlustes

Der frühzeitige Milchzahnverlust ist definiert als ein Zahnverlust mindestens ein Jahr vor physiologischer Exfoliation und Eruption seines permanenten Nachfolgers. Weitere Parameter sind eine Dicke des Alveolarknochens über dem durchbrechenden Zahnkeim von mehr als 1 mm oder eine ausgebildete Wurzellänge des Nachfolgers mit weniger als 2/3 [6]. Um abschätzen zu können, wo und wie die bleibenden Zahnkeime liegen und wann mit deren Durchbruch zu rechnen ist, sind Röntgenbilder unerlässlich. So können auch eventuell vorhandene Nichtanlagen oder sonstige Störungen der Zahnentwicklung ausgeschlossen werden. Weiterhin sollten die Stellung der Zähne im Milchgebiss und die Bisslage beurteilt werden. Physiologisch stehen Milchzähne lückig. Sollte dies nicht der Fall sein, ist umso eher auch ohne vorzeitigen Milchzahnverlust mit einem Platzmangel für die nachfolgenden bleibenden Zähne zu rechnen.

Ursachen für Zahnverlust und fehlende Zähne in der Kinderzahnheilkunde

Die häufigste Ursache für Zahnverlust in der Kinderzahnheilkunde ist nach wie vor Karies. Hier ist insbesondere das gehäufte Auftreten der frühkindlichen Karies zu nennen, die bereits im Kleinkindalter dominiert (Synonym: Nuckelflaschenkaries [NFK], „Nursing Bottle Syndrom“ [NBS] oder „Early Childhood Caries“ [ECC]) [7] (Abb. 1). Dabei ist das Risiko, an ECC zu erkranken, bei Kindern mit niedrigem sozioökonomischem Status oder bei Kindern aus Migrantenfamilien erhöht. In sozialen Brennpunktgebieten liegt die Prävalenz der frühkindlichen Karies besonders hoch [3]. Wie jede andere Kariesform ist auch die frühkindliche Karies multifaktoriell bedingt und das Resultat aus einem zeitlich bestimmten Zusammenspiel von kariogenen Mikroorganismen mit vergärbaren Kohlenhydraten auf der kariesanfälligen Zahnoberfläche [1]. Hinzu kommt, dass die Milchzähne mikrostrukturelle Besonderheiten aufweisen. Milchzahnschmelz und Milchzahndentin sind dünner und geringer mineralisiert als die Zahnhartsubstanzen der bleibenden Dentition. Dementsprechend kann eine Zerstörung viel schneller fortschreiten. Darüber hinaus sind aber auch traumatisch bedingte Pathogenesen denkbar. Unfälle im Milchgebiss ereignen sich vor allem zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr, da in diesem Alter die Entwicklung der motorischen Koordination beginnt, Kleinkinder mobiler werden und ihre Umgebung alleine erkunden wollen [5]. Weiterhin ist eine unterminierende Resorption als Ursache möglich. Hierbei resorbiert der Sechsjahrmolar durch Mesialabweichung auf seinem Durchbruchsweg zuerst die distale Wurzel des Milchmolars und gegebenenfalls in der Folge auch das Kronendentin [11]. Der Oberkiefer ist meist häufiger betroffen als der Unterkiefer. Weitere Gründe für das Fehlen von Zähnen im Milch- und Wechselgebiss können auch Nichtanlagen sein, wie z. B. beim Krankheitsbild der ektodermalen Dysplasie (Abb. 2).

  • Abb. 1: Frühkindliche Karies bei einem 3-jährigen Kind durch zu häufigen Konsum eines zuckerhaltigen Tees aus der Trinkflasche.
  • Abb. 2: Multiple Nichtanlagen bei einem 4,5-jährigen Kind mit ektodermaler Dysplasie. Im ersten Quadranten bricht bereits der Zahn 16 durch.
  • Abb. 1: Frühkindliche Karies bei einem 3-jährigen Kind durch zu häufigen Konsum eines zuckerhaltigen Tees aus der Trinkflasche.
  • Abb. 2: Multiple Nichtanlagen bei einem 4,5-jährigen Kind mit ektodermaler Dysplasie. Im ersten Quadranten bricht bereits der Zahn 16 durch.

Folgen

  • Abb. 3: Platzverlust in Regio 55 durch Mesialwanderung von 16 nach vorzeitigem Milchzahnverlust von Zahn 55.

  • Abb. 3: Platzverlust in Regio 55 durch Mesialwanderung von 16 nach vorzeitigem Milchzahnverlust von Zahn 55.
Prinzipiell muss bei den möglichen Folgen eines Milchzahnverlustes zwischen Frontzähnen und Seitenzähnen unterschieden werden. Während bei einem vorzeitigen Verlust von Frontzähnen mit Sprachstörungen, Zungendysfunktionen und ästhetischen Problemen zu rechnen ist, kann es im Bereich der Seitenzähne zu einem Platzverlust der Stützzone (Abb. 3), einer Störung der Kaufunktion und Kippungen bzw. der Elongation der Antagonisten kommen [6]. Insbesondere bei einem Milchzahnverlust vor Durchbruch des ersten Molaren bzw. der bleibenden Front, einem vorzeitigen Verlust des zweiten Milchmolaren oder Verlust von 2–3 Milchzähnen in einem Quadranten (besonders im OK) sollte der behandelnde Zahnarzt an einen möglichen Platzverlust denken [6].

Lückenhalter

Die Lösung zur Unterbindung dieser nicht gewünschten möglichen Folgen sind sog. Lückenhalter oder Platzhalter. Sie können sowohl herausnehmbar als auch festsitzend konstruiert werden [2,8,9]. Festsitzende Lückenhalter eignen sich dabei hervorragend für Einzelzahnlücken, während herausnehmbare Lückenhalter für multiple Lücken verwendet werden können. Prinzipiell richtet sich die Wahl des Lückenhalters nach folgenden Kriterien:

  • der Anzahl der zu ersetzenden Zähne,
  • der Mundhygiene,
  • der Familiensituation (Verlässlichkeit) und
  • dem Abrechnungsmodus.

Festsitzende Lückenhalter

Festsitzende Lückenhalter bestehen in der Regel aus zementierten Bändern mit Drahtschlaufen zur anterioren Abstützung. Sie werden in Form konfektionierter Lückenhaltersysteme angeboten, können aber auch laborgefertigt (individuell) (Abb. 4) sein.

Konfektionierte Systeme (z. B. Denovo, Denovo Dental, Boldwin Park, USA) erlauben dem Behandler die Herstellung eines Lückenhalters in einer Behandlungssitzung innerhalb kurzer Zeit. Abformungen sind dabei nicht notwendig. Das auf dem Markt verfügbare Denovo Sofortplatzhaltersystem (Abb. 5) besteht aus mehreren Komponenten, welche vom Behandler in einem Set erworben werden können. In diesem Set befinden sich Molarenbänder („bands“) und Drahtschlaufen („loops“) unterschiedlicher Größe und Gestaltungsformen (einfach, okklusale Abstützung, distal shoe) (Abb. 6). In der Behandlung wird dann zunächst das passende Molarenband ausgewählt und auf den Nachbarzahn gesetzt (Abb. 7). Anschließend wird der individuelle Abstand der Lücke ausgemessen, die Schlaufe dementsprechend angepasst und mittels Zange arretiert (Abb. 8). Danach erfolgt die Eingliederung durch Zementierung (z. B. Ketac Cem, 3M Espe Dental, Neuss) (Abb. 9 u. 10).

  • Abb. 4: Laborgefertigter festsitzender Lückenhalter.
  • Abb. 5: Konfektionierter festsitzender Lückenhalter: das Denovo-System.
  • Abb. 4: Laborgefertigter festsitzender Lückenhalter.
  • Abb. 5: Konfektionierter festsitzender Lückenhalter: das Denovo-System.

  • Abb. 6: Aussuchen des Molarenbandes und der Drahtschlaufe.
  • Abb. 7: Anpassen des Molarenbandes und Ausmessen der Lücke.
  • Abb. 6: Aussuchen des Molarenbandes und der Drahtschlaufe.
  • Abb. 7: Anpassen des Molarenbandes und Ausmessen der Lücke.

  • Abb. 8: Arretieren der Drahtschlaufe auf der richtigen Länge.
  • Abb. 9: Arretierter festsitzender Lückenhalter nach Zementierung.
  • Abb. 8: Arretieren der Drahtschlaufe auf der richtigen Länge.
  • Abb. 9: Arretierter festsitzender Lückenhalter nach Zementierung.

  • Abb. 10: Ansicht von vestibulär. Ein Aufliegen des Lückenhalters auf der Ginigiva ist zu vermeiden.
  • Abb. 10: Ansicht von vestibulär. Ein Aufliegen des Lückenhalters auf der Ginigiva ist zu vermeiden.

Der Vorteil eines festsitzenden Lückenhalters ist darin zu sehen, dass dieser vom Patienten nicht selbstständig entfernt werden kann und die Tragedauer somit unabhängig von seiner Compliance ist. Nachteile des festsitzenden Lückenhalters sind der Erhalt der Lücke ohne Kontrolle der Gegenkieferzähne und eine erschwerte Mundhygiene. Weitere Komplikationen bei schlechter Compliance können das Abrutschen des Bandes in die Gingiva durch Lockerung sein oder der Durchbruch des bleibenden Zahnes, der von den Eltern nicht rechtzeitig bemerkt wird.

Herausnehmbare Lückenhalter und Kinderprothesen

Bei dem Verlust mehrerer Milchzähne wird in der Regel ein herausnehmbarer Lückenhalter angefertigt (Abb. 11 u. 12). Der Übergang zu einer Kinderprothese ist hier sicherlich fließend. Lückenhalter sind per definitionem als eine Apparatur zum Offenhalten von Lücken und zur Vermeidung einer Lückeneinengung zu sehen. (Kinder-)Prothesen dagegen dienen vornehmlich der Wiederherstellung der Kaufunktion.

  • Abb. 11: Ersatz der Fronzähne 51 und 61. An den verbleibenden Milchmolaren wurden Pfeilklammern als Retentionselemente gewählt.
  • Abb. 12: Ersatz der Zähne 54, 52–62 und 64.
  • Abb. 11: Ersatz der Fronzähne 51 und 61. An den verbleibenden Milchmolaren wurden Pfeilklammern als Retentionselemente gewählt.
  • Abb. 12: Ersatz der Zähne 54, 52–62 und 64.

In Einzelfällen können auch Totalprothesen notwendig sein. Herausnehmbare Lückenhalter und Kinderprothesen werden kinderfreundlich aus einer farbigen Basis gefertigt, die nur die Schleimhaut mit Knochenunterlage belastet. Als Halteelemente werden einfache Klammern wie die C-, Adamsoder Pfeilklammer gewählt. Pfeilklammern bieten sich bei Vorhandensein beider Milchmolaren an, Adamsklammern und C-Klammern bei der Existenz nur noch eines Milchmolaren. Für Kinderprothesen sind zum Ersatz der Zähne spezielle Milchzahngarnituren, die sog. „Bambino Zähne“, erhältlich, die weiß und kindgerecht gestaltet sind. Ziel der Platzhalter und Kinderprothesen ist es, im Bereich der Molaren eine Sicherung der kieferorthopädischen Stützzone zu erreichen und eine Abstützung der Antagonisten zur Verhinderung einer Elongation zu gewährleisten. Im Frontzahnbereich sind der positive Einfluss auf die Ästhetik, die Unterstützung einer regelrechten Sprachentwicklung und die Funktion von Lippen, Zunge und Wangen sowie die Vermeidung von Dysfunktionen anzuführen. Der Vorteil dieser Versorgungsform liegt bei der guten Reinigungsmöglichkeit, als nachteilig ist die Abhängigkeit von der Mitarbeit des Patienten zu sehen.

Fazit

Milchzähne sollen in ihrer Funktion möglichst bis zum physiologischen Durchbruch der bleibenden Zähne erhalten werden. Dies ist jedoch nicht immer möglich. Die Übergangslösung ist in der Verwendung von Lückenhaltern zu sehen, die es ermöglichen, unerwünschte Folgen wie Stützzonenverlust und Platzmangel zu unterbinden. Der Erhalt von tief zerstörten Milchzähnen durch etwaiges „Offenlassen“, lange bevor der Durchbruch des permanenten Nachfolgers zu erwarten ist, ist somit nicht notwendig.

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Univ.-Prof. Dr. Katrin Bekes


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