Kinderzahnheilkunde

Ein Konzept für die erfolgreiche Kinderbehandlung

Die ritualisierte Verhaltensführung

Der Pilot steuert.
Der Pilot steuert.

„Kommst du mit nach Afrika?“ In Kinderohren klingt dies sicherlich verlockender als die Aufforderung, ins Behandlungszimmer zu gehen. Mit Empathie für die kindliche Vorstellungswelt hat die Autorin des folgenden Beitrags ein spezielles Konzept für die zahnärztliche Praxis entwickelt: die ritualisierte Verhaltensführung. Diese Methode zur Führung junger Patienten setzt auf wiederkehrende Rituale, die das Kind über alle Stationen eines Praxisbesuchs begleiten. Dabei entsteht der Praxis kaum zusätzlicher Aufwand, wohl aber ein merklicher Nutzen: eine bessere Compliance und damit erfolgreichere Behandlungen von Kindern.

Kinder in der Zahnarztpraxis bedeuten oftmals Unruhe im Praxisalltag und das Team braucht teilweise starke Nerven. Viele Kollegen fühlen sich nach einem Nachmittag mit Kinderbehandlungen erschöpft und mitunter ausgelaugt, da es ein hohes Maß an Empathie und Aufmerksamkeit erfordert, die kleinen Patienten sowie deren Eltern erfolgreich durch eine zahnärztliche Behandlungssituation zu führen. Ein ritualisiertes Verhaltenskonzept basierend auf Erkenntnissen der verbalen und nonverbalen Kommunikation hilft dabei, die Energiereserven von Behandler und Team zu schonen und Behandlungsabbrüche deutlich zu reduzieren.

Intuitiv entstanden und dann von mir gezielt weiterentwickelt, gestaltete sich das Konzept der „Ritualisierten Verhaltensführung“ über Jahre zu einem zuverlässigen Leitfaden in der Behandlung von Kindern mit und ohne Zahnarztangst. Es ist aus der Erkenntnis entstanden, dass immer wiederkehrende und wiedererkennbare Strukturen (= Rituale) v. a. von Kindern sehr geschätzt werden. Sie dienen als Richtschnur, bieten Sicherheit und lösen positive Emotionen aus.

Viele solcher Strukturen finden sich in den alltäglichen Abläufen von Praxiskonzepten und in den Abfolgen der einzelnen Zahnbehandlungen ohnehin wieder. Die Verbindung eines relativ starren, wiederkehrenden Ablaufs mit wiedererkennbaren Strukturen, in der verhaltensführende Maßnahmen sowie Techniken der hypnotischen Kommunikation individuell eingesetzt werden können, führt zu einem praktikablen Konzept. Dabei wird ohne nennenswerten zeitlichen Mehraufwand und ohne eine grundlegende Veränderung von etablierten Arbeitsabläufen ein Rahmen gesetzt, in dem sich das Kind, das Behandlerteam und die Begleitperson sicher aufhalten können. Es dient dem effektiven Angstabbau genauso wie dem Einbetten eines noch unerfahrenen Kindes in eine potenziell unangenehme Situation. Durch diesen festen – und somit vertrauten – Rahmen baut sich ein Vertrauensverhältnis auf, das zu einer guten Compliance führt, die selbst bei unbekannten oder unangenehmen Behandlungssituationen stabilisierend wirkt.

Die vier Strukturelemente eines Rituals

Ein Ritual definiert sich über vier spezifische Strukturelemente: die Elemente der Verkörperung, Förmlichkeit, Modalität und Transformation. Diese Strukturelemente müssen erfüllt sein, um ein Ritual von einem geregelten Ablauf zu unterscheiden. Im Einzelnen bedeutet dies in unserem Praxiskontext:

1. Die Verkörperung: Eine handelnde Person wirkt bewusst und zielgerichtet auf ihre Umgebung ein und hebt sich in ihrem Auftreten und ihrer Kleidung vom Alltagsgeschehen ab. Dies erfüllen wir per se in unserer Funktion als Behandler in Form von gezieltem Verhalten und in unserem Auftreten in unserer praxistypischen Arbeitskleidung.

2. Die Förmlichkeit: Die Handlungen bestehen aus standardisierten, sich wiederholenden Einzelelementen, die einen eindeutigen Beginn und einen ebenso eindeutigen Abschluss aufweisen und damit eine Abgrenzung zwischen Alltagswelt und Zahnarztbesuch beinhalten. Da der Arztbesuch immer ein besonderes Ereignis ist und, wie oben beschrieben, die Abläufe immer in der gleichen Art und Weise geschehen, brauchen wir auch hier keine grundlegenden Veränderungen in unserem Praxisalltag vorzunehmen, um dieses Strukturelement zu bedienen, sondern lediglich bestehende Handlungen leicht anzupassen.

3. Die Modalität: Durch die so geschaffene Ausgangslage ist es nun die Aufgabe des geschulten Zahnarztes, die Begegnung im Behandlungszimmer nicht alltäglich, sondern durch Faszination zu einem besonderen Ereignis werden zu lassen.

4. Die Transformation: Eingebunden in das Unerwartete (beim Erstbesuch) oder gerade in das Erwartete (beim Wiederholungstermin), begibt sich der kleine Patient in eine andere Welt, aus der er möglichst klüger und gesünder hinausgeht, als er sie betreten hat. Die hypnotische Kommunikation wird zum einen zum Schaffen eines sogenannten Rapports genutzt. Dieser Rapport bezeichnet einen guten und positiven Kontakt zweier Personen miteinander. Durch das gezielte und persönliche Eingehen auf die Befindlichkeit und die Situation des Patienten (Pacing) und das Erzeugen einer bejahenden Einstellung zu Vorschlägen des Behandlers (Yes-Set) kann der Patient den Vorschlägen (Leading) des Behandlers voller Vertrauen folgen. Dieser Rapport ist somit die Grundlage der Behandlungseinwilligung, ohne die wir den Patienten nicht erfolgreich behandeln können. Dies gilt bei der Behandlung von Kindern sowohl in der Behandlungseinwilligung durch die Eltern als auch durch das Kind selbst.

Die zahnärztliche Hypnose definiert den Begriff „Trance“ als einen veränderten Bewusstseinszustand, der die Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand, ein Geschehen oder ein Gefühl fokussiert. Da sich ein Kind beim Betreten einer Zahnarztpraxis durch die besondere Situation per se in einem veränderten Bewusstseinszustand und damit in einem sogenannten Trancezustand befindet, ist es einfach, diese Tatsache zu nutzen. Über die Sinnesmodalitäten Sehen (V – visuell), Hören (A – auditiv), Fühlen (K – kinästhetisch), Riechen (O – olfaktorisch) und Schmecken (G – gustatorisch), abgekürzt VAKOG, erlebt ein Kind seine Umgebung. Hier setzen auch die Trance-induzierenden und -vertiefenden hypnotischen Interventionen an. Diese helfen beim Erzeugen des Rapports wie auch in schwierigen Behandlungssituationen, auf verbaler als auch auf nonverbaler Ebene. Es sollte folgerichtig versucht werden, mit diesen Sinnesmodalitäten sowohl begünstigend auf die Behandlung als auch im Praxiskontext positiv auf den kleinen Patienten einzuwirken.

Beschreibung der ritualisierten Verhaltensführung

  • Abb. 1: Die verbale oder nonverbale Kommunikationstechnik.

  • Abb. 1: Die verbale oder nonverbale Kommunikationstechnik.
Beim Betreten und Verlassen der Praxis und auf dem Weg zu der/von der Behandlung gibt es feste Stationen, die der Patient passiert. Wichtig ist, immer wieder in den verschiedenen Stationen den überaus wichtigen persönlichen Kontakt zum Kind herzustellen und zu vertiefen. Die Abbildung 1 zeigt den Weg entlang eines Zeitstrahls: Die Kinder – unterschiedlichen Alters, mit verschiedenen Vorahnungen, Erfahrungen und aus den verschiedensten Kontexten – kommen in die Praxis. Während sie die Stationen Rezeption, Wartezimmer, Behandlungszimmer, Wartezimmer, Rezeption durchlaufen, findet eine Kommunikation mit dem Praxisteam statt. Hier legen wir immer wieder verbale und nonverbale „Netze“ aus, in denen wir, im Sinne einer gelungenen Kontaktaufnahme, die Kinder auffangen möchten.

Ist der Kontakt einmal hergestellt, fällt es dem Team im weiteren Verlauf immer leichter, eine tragfähige und stabile Kommunikationsbasis zu finden und zu halten. Ist also eine direkte Kommunikation mit Blickkontakt und Sprache an der Rezeption nicht geglückt, sollte es unbedingt bei der Begrüßung im Wartezimmer gelingen, und wenn nicht da, dann im Behandlungszimmer. Die Begleitpersonen sollten in entsprechenden Aufklärungsunterlagen oder Gesprächen dazu ermuntert werden, diesen Kontakt unbedingt zu fördern und zuzulassen. Dies geschieht zum einen durch ein defensives Auftreten, das dem Kind einen Raum zur eigenen Reaktion öffnet. Zum anderen sollten Begleitpersonen dazu ermutigen, bestimmte Antworten selbst zu geben, die Versichertenkarte persönlich abzugeben, alleine in das Behandlungszimmer zu gehen oder auf den Behandlungsstuhl zu steigen.

Im Sinne des Rituals und seines Strukturelements der Förmlichkeit brauchen diese Stationen einen eindeutigen Beginn und ein eindeutiges Ende. Diese werden durch sogenannte Marker gesetzt. Marker sind in diesem Kontext Gesten oder Sätze, die dem Kind und den Eltern zeigen, dass eine neue Station auf dem Weg durch die Praxis beginnt. Diese Marker sollen einen Wiederkennungseffekt sowie Signalwirkung haben und zuverlässig anzeigen, wo sich das Kind befindet und was als Nächstes kommt. Daher ist es wichtig, dass die Formulierung gut durchdacht ist und zu der betreffenden Praxis passt. Außerdem sollte sie von allen Mitarbeiterinnen in der jeweiligen Aufgabe auswendig gelernt und ohne Variation wiedergegeben werden können.

Station 1 – Begrüßung in der Praxis

Betreten Kinder und Eltern die Praxis, verschwinden die Kinder aufgrund ihrer Körpergröße oft hinter der hohen Rezeption und die Eltern – in meinem Beispiel stellvertretend die Mutter – übernehmen die Formalien der Begrüßung. Das Kind sollte hier als erste Person persönlich mit Augenkontakt und optimalerweise seinem Namen begrüßt werden; erst danach erfolgt die Begrüßung seiner Begleitperson.

Marker Erstbesuch: „Hallo! Bist du die/der (Name)? Hast du deine Versichertenkarte dabei?“ Marker wiederholter Besuch: „Hallo (Name), schön, dass du da bist! Hast du deine Versichertenkarte dabei?“

  • Abb. 2: Die Übergabe der Versichertenkarte.

  • Abb. 2: Die Übergabe der Versichertenkarte.
Die persönliche Begrüßung vermittelt dem Kind Wertschätzung seiner Person und stellt seine besondere Position als Patient heraus (Abb. 2). Sie ist eine ideale Voraussetzung eines offenen Kind-Behandler-Kontakts. Die Frage nach der Versichertenkarte ist so ungewöhnlich wie verblüffend und animiert das Kind zudem, zu antworten und selbstständig zu handeln. Durch Abgabe der Karte signalisiert das Kind seinen eigenen Behandlungswunsch. So sollte im Rahmen der Begrüßung der erste Kontakt mit dem Kind entstehen. Erst im zweiten Schritt wird die Mutter begrüßt.

Dann wird das Kind eingeladen, im Wartezimmer noch ein wenig zu spielen, während „deine Mutter die Unterlagen ausfüllen darf“. Kindgerechte Räumlichkeiten und Spielzeuge sind eine weitere gute Chance, den kleinen Patienten positiv einzustimmen. Da das Zahnarztteam nicht weiß, welchen Alltagsstress das Kind mit in die Praxis bringt, ist es sinnvoll, ihm die Zeit zu geben, sich zu akklimatisieren. Ein Zeitraum von circa 10 bis 15 Minuten hat sich bewährt, um das Kind in der neuen Situation ankommen zu lassen.

Stationen 2 und 3 – Begrüßung im Wartezimmer und Begleitung in das Behandlungszimmer

Wichtig bei der Kontaktaufnahme mit dem Behandlerteam ist es, die Kinder immer auf die gleiche Art und Weise zu begrüßen, die Marker zu kennen und sie zum Mitgehen einzuladen. Die Mitarbeiterin kommt ins Wartezimmer. Hier tritt sie möglichst aus dem Türrahmen heraus und hält den „Ausweg“ frei. Das ist ein Signal: Ich bin keine Bedrohung für dich, du sitzt nicht in der Falle! Mit offener Körperhaltung geht sie, unter Einhaltung eines räumlichen Abstands (Sicherheitsabstand) und mit Augenkontakt, optimalerweise vor dem Kind in die Hocke. Ihre Kommunikation sollte direkt und ruhig sein. Sie bietet mit nach oben präsentierter Fläche die Hand zum Gruß an und stellt sich ggf. vor. Auch hier wird erst wieder der kleine Patient, dann die Mutter begrüßt. Gibt das Kind seine Hand und grüßt zurück, haben wir es wieder in einem unserer „Netze“ aufgenommen. Jetzt erfolgt die Einladung, die Mitarbeiterin in „ihr Zimmer“ zu begleiten. Das Wort Behandlungszimmer sollte vermieden werden, da es unter Umständen negativ besetzt sein könnte. Die Formulierung des Markers entlehnt sich den Kontexten, in denen Kinder unter sich Einladungen zum gemeinsamen Spielen aussprechen, und ist somit in anderen Lebensbereichen positiv besetzt.

Die Gestaltung des Zimmers ist jedem Praxisinhaber persönlich überlassen. Erfahrungsgemäß ist ein kindgerechtes Ambiente hilfreich, aber nicht existenziell notwendig. Vielmehr sind es der persönliche Kontakt und die Sympathie zwischen Kind und Behandler und den Praxismitarbeitern, die die Behandlung begleiten. Daher sollte sich der Marker auf etwas Markantes im Zimmer beziehen; z. B. kann ein Bild mit einem Segelboot den folgenden Marker haben: „Darf ich dir mein Segelboot zeigen?“ oder eine blaue Zwei an der Zimmertür: „Darf ich dir meine blaue Zwei zeigen?“ Dieses Thema muss beim Betreten des Zimmers nicht noch einmal aufgenommen werden, sondern kann im Eindruck des Zimmers getrost beiseitegelegt werden. Der dazugehörige Marker klingt bei uns folgendermaßen:

Erstbesuch: „Darf ich dir mein Zimmer zeigen? Kommst du mit nach Afrika?“ Folgetermin: „Komm, wir gehen nach Afrika.“

Diese Formulierung wirkt ungewöhnlich: In einer Zahnarztsituation denkt man nicht an Weltreisen; Afrika gehört in einen anderen Kontext. Durch die Überraschung und die ausgelösten Assoziationen kommt es sehr wahrscheinlich zu einem Nicken. Neugier entsteht. Wieder ist Kontakt hergestellt. Ergreift das Kind die Hand, hat es in der Mitarbeiterin eine „Verbündete“ gefunden oder besser: gewählt, die es auf seiner Reise durch den Zahnarztbesuch stützen und erklärend begleiten wird. Damit ist optimalerweise die Rolle der Mutter als Beschützerin abgelöst und das Kind ist für die von uns angestrebte ritualisierte Verhaltensführung gut zu lenken.

Station 3 – Im Behandlungszimmer

Beim Betreten des Behandlungszimmers greift das Element der Modalität: Das Kind betritt einen besonderen Raum; es erwartet eine interessante und ungewöhnliche Umgebung. Der Raum ist eingerichtet, wie es beim Zahnarzt üblich ist. (Den für eine Zahnarztpraxis typische Geruch sollte vermieden werden, da dieser bei vielen Kindern negative Eindrücke hinterlässt.) Die Mitarbeiterin bietet dem Kind an, sich in Ruhe umzuschauen. Generell ist es nach dem Betreten des Behandlungszimmers wichtig, dem Kind Zeit und Raum für seine Orientierung zu geben. Es sollte niemand im „Fluchtweg“ – also in der Tür nach draußen – stehen oder die Tür hinter ihm schließen. Alle eintretenden Personen sollten daher zügig in das Zimmer gebeten und eingeladen werden, auf den ihnen zugedachten Sitzgelegenheiten Platz zu nehmen.

Ein wirksamer Schachzug ist es, dem Kind den Behandlungsstuhl zu „verbieten“, verbunden mit dem Hinweis, dass es eventuell hierzu später vom Zahnarzt selbst eingeladen wird. Bestrebungen von Kindern, die sich aufgrund schlechter Erfahrungen oder Befürchtungen gar nicht erst auf den Behandlungsstuhl setzen, werden somit im Keim erstickt. Diese Aktion fällt unter die sogenannten Musterunterbrechungen, bei denen Dinge anders gehandhabt werden als erwartet. Dadurch wird bewusst oder unbewusst geplanten Unterbrechungen oder Behandlungsverweigerungen der Boden entzogen.

Besser ist es, dem Kind einen Platz auf dem Schoß der Mutter anzubieten. Dann sollte die Mitarbeiterin das Kind unterhalten oder aber mit ihm das Interview führen, das im Arbeitsablauf der Praxis vorgesehen ist. Nur wenn es die jeweiligen Fragen nicht beantworten kann, sollte die Mutter einbezogen werden. Wenn möglich, sollte vermieden werden, unangenehme Erlebnisse bei Vorbehandlern zu erwähnen, da es den Kindern den Ernst ihrer Situation deutlich macht und dadurch die nötige Kooperation möglicherweise schon an diesem Punkt endet.

Station 4 – Kontaktaufnahme mit dem Behandler

Wenn der Behandler in das Zimmer tritt, rennt die Zeit. Die Zeitspanne, in der sich ein Kind konzentrieren kann, Interesse hat und Geduld zeigt, um eine Behandlung zuzulassen und kraftmäßig durchzustehen, kann mittels einer Faustregel errechnet werden. Das Alter wird multipliziert mit 3. Das sind zum Beispiel bei einem Vierjährigen zwölf Minuten! Das ist nicht viel, gemessen an der Zeit des vorbereitenden Gesprächs – vor allem mit der Mutter, dem Einladen auf den Stuhl und dann noch die zahnärztliche Behandlung mit Anästhesie, Kofferdam, Matrize und Füllung inklusive Ausarbeitung.

Diese Zeit sollte effektiv genutzt werden. Hierbei helfen ebenfalls die Strukturen des Rituals. Das Kind wird begrüßt; dann wird z. B. gefragt, ob es ein Pilot sein möchte. Für die Dauer der Behandlung ist dies seine Rolle. Kinder kennen Piloten als handelnde, selbstbewusste Akteure, die große Maschinen fliegen oder fahren. Sie selbst sollen dies auch sein; selbstständig handelnd und selbstverantwortlich für ihre Aktionen. Mit der eigenen Entscheidung auf den Stuhl „einzusteigen“, der für die Dauer der Behandlung „ihr“ Stuhl ist, geben sie ihre Behandlungseinwilligung. Das Kind ist Herr der Lage, fährt „seinen“ Stuhl durch Knopfdruck selbst herunter und blendet sich selbst durch Einschalten der Lampe. Dies dokumentiere ich mit der Aussage, dass sie ihren Zähnen Licht anmachen, damit diese mich anschauen können. Hiermit wird eine Umkehrung der klassischen Täter/Opfer-Rolle erreicht. Das Kind geht mit in die Behandlerebene, und die Zähne werden behandelt.

Weisen Sie das Kind darauf hin, sollten die Zähne schmerzen, diese müde oder ungeduldig werden, es selbst entscheidet, ob ich als Behandler diese Information bekomme oder nicht. Sagen sie ihm, dass oftmals die Zähne nach einer Behandlung beleidigt, müde oder sauer sind; das Kind aber nicht. Und schon gar nicht auf mich als Barbara Beckers-Lingener, in der Praxis und mit meiner Arbeitskleidung. Denn auch ich schlüpfe nach dem Strukturelement der Verkörperung nochmals in eine andere Rolle: Wenn das Kind den Stuhl besetzt hat und bevor es ihn bewegt, verkleide ich mich als Zahnärztin, indem ich Mundschutz und Handschuhe anziehe.

Station 5 – Behandlungsstart

Erst wenn das Kind mich als „Zahnarzt“ erkennt, sollte es den Stuhl bewegen. Mit dem Herunterfahren des Stuhls startet die eigentliche Behandlung. Dies ist gemäß dem Ritual wiederum mit einem Marker gekennzeichnet: Ich nehme den rechten Zeigefinger des Kindes, ziehe ihn zur Schalttafel und sage: „Langmachen, langmachen (drückt) und die Fahrt nicht verpassen.“ Jetzt wird es sanft nach hinten begleitet und die Hände der beiden Behandler rahmen seinen Kopf ein.

Station 6 – Die „Kern-Behandlung“

Nun beginnt die eigentliche Behandlung, in der alles geschehen kann. Dabei kommen neben den klassischen Elementen der Verhaltensführung, wie Desensibilisierung und Tell-Show-Do, die Techniken der verbalen und nonverbalen Kinderhypnose zum Tragen. Diese helfen, die einzelnen Behandlungsschritte optimal vorzubereiten, zu begleiten und zu unterstützen. Sie verlängern die Formel Alter x 3 um den Faktor X, abhängig von den Behandlungsinhalten und den dazu notwendigen Schritten. Die Fertigkeit, Trance und Trancezeichen bei den Kindern zu lesen, zu interpretieren und zu lenken, ist gut und verständlich zu lernen. Sie findet Raum in diversen Fortbildungsangeboten und der Fachliteratur.

Station 7 – Behandlungsende und Verabredung

  • Abb. 3: Der Pilot steuert.

  • Abb. 3: Der Pilot steuert.
Ist die Behandlung erfolgreich beendet, muss gemäß der Ritualisierung erst einmal das Behandlungsende markiert werden. Dies geschieht mit einem Lob: „So, wir sind fertig, das hast du klasse gemacht!“ und der Frage mittels eines erneuten Markers: „Und? Wo ist dein Pilotenfinger?“ Erst schaltet das Kind das Licht aus. Dann ergreife ich den rechten Zeigefinger, und es kommt der Marker: „Langmachen (drückt) und die Fahrt nicht verpassen!“ (Abb. 3).

Hier endet die Kern-Behandlung, und das Ritual rollt sich wieder auf. Ich nehme den Mundschutz und die Handschuhe ab und werde wieder zu Barbara Beckers-Lingener. Das Kind steigt vom Stuhl und schlüpft wieder aus der Pilotenrolle. Dann erfolgt noch eine Behandlungsverabredung, die mit dem gezielten Berühren des verabredeten Zahns verbunden ist. Diese Berührung verbindet den Plan mit einer definierten Stelle, und das Kind hat eine genaue Vorstellung, welcher Zahn als nächster behandelt werden muss.

Danach folgt noch die Dehypnose. Auch wenn der Behandler mit seinem individuellen Erfahrungsschatz Trancezustände gut beurteilen kann, so ist doch per definitionem und durch die Behandlung an sich ein Trancezustand vorhanden, den es aufzulösen gilt, ehe das Kind die Praxis verlässt. Die leichteste und sicherste Methode, das Kind zu „wecken“, ist das klassische „Gib mir 5“. Wichtig ist, darauf zu achten, dass das Kind eine angemessene Körperspannung hat und die Hand des Behandlers mit den Blicken sucht, fixiert und kräftig abklatscht. Nur dann kann sicher davon ausgegangen werden, dass das Kind wieder ganz im Hier und Jetzt angekommen ist.

  • Abb. 4: Das Aufkleben eines Tattoos als Belohnung.

  • Abb. 4: Das Aufkleben eines Tattoos als Belohnung.
Wichtig ist nun, die Bindung zum Kind zu festigen, damit schmerzhafte oder anstrengende Ereignisse nicht unangenehm in Erinnerung bleiben. Hilfreich hierfür ist eine Belohnung: Wir bieten Tattoos zum Aufkleben an, die bei den Patienten gut ankommen (Abb. 4).

Der Behandler soll sich für das Belohnungsprocedere Zeit nehmen. Schon allein das Aussuchen liefert neue Eindrücke und beginnt, die Behandlung zu überschreiben, denn bekanntlich zählt ja der letzte Eindruck.

Der Behandler fragt: „Darf ich dir das Tattoo aufkleben?“ Erteilt das Kind die Erlaubnis, hat der Behandler bei ihm etwas Positives „hinterlassen“, nämlich ein sichtbares Bild, das bewundert werden kann. Danach kommt eine erneute Auswahl: „Wohin?“ Und dann: „Wie herum?“

Ist die Entscheidung des Wo- und Wie-Aufklebens getroffen, erscheint die Behandlung schon weit weg, und es hat eine erfreuliche und wertschätzend lobende Interaktion zwischen Behandler und Kind stattgefunden. Anschließend klebt der Behandler das Tattoo auf den Arm und kann dem Kind Botschaften mitgeben wie z. B.: „Das hat dein Zahn heute ganz toll gemacht! Und wenn er nachher aufwacht und vielleicht noch ein bisschen sauer ist, dann kannst du ihm sagen, wie prima er das gemacht hat. Und dass er noch ein wenig geduldig sein soll.“ Oder auch: „Das hast du ganz prima gemacht heute! Und das kannst du jetzt allen sagen, die dein Tattoo bewundern! Und dann magst du vielleicht deinen Zähnen sagen, dass sie das nächste Mal noch ein wenig leiser sein sollen, damit du mir noch besser zuhören kannst, einverstanden?“

Auch hier greife ich das Thema der Trennung zwischen dem, was der Zahn empfunden, und dem, was das Kind erlebt hat, auf. Und ich schließe die Unterhaltung – wenn nötig – mit einer Zukunftsvoraussage ab.

Stationen 8 bis 11 – Verabschiedung bis Verlassen der Praxis

Dann verabschiede ich mich erst vom Kind, dann von der Mutter. Die Familie verlässt das Behandlungszimmer und kehrt in das Wartezimmer zurück. Auf dem Weg an der Rezeption vorbei wird das Kind nach dem Behandlungserfolg gefragt, wie es ihm gefallen hat und ob es eine neue Verabredung mit mir haben möchte. Dabei wird es gebeten, beim nächsten Termin seine Versichertenkarte selbst abzugeben. Dann verlassen die zufriedenen und stolzen Kinder unsere Praxis.

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Barbara Beckers-Lingener

Bilder soweit nicht anders deklariert: Barbara Beckers-Lingener


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