Kinderzahnheilkunde


Diagnostik und Therapie von Strukturstörungen der Zahnhartsubstanz im Kindes- und Jugendalter – Teil 2

Abb.7a: MIH – mittelschwerer Befall am Zahn 46 mit Schmelzeinbruch.
Abb.7a: MIH – mittelschwerer Befall am Zahn 46 mit Schmelzeinbruch.

Fortsetzung

Behandlung der MIH

Kinder mit MIH weisen häufiger Verhaltensprobleme und Zahnarztangst auf als nicht betroffene Kinder, da ihre Zähne infolge offen liegender Dentintubuli sehr sensibel auf thermische,

  • Abb. 7b: MIH – adhäsive Versorgung am Zahn 46 mit Komposit und Versieglung der Fissuren.

  • Abb. 7b: MIH – adhäsive Versorgung am Zahn 46 mit Komposit und Versieglung der Fissuren.
chemische und mechanische Reize reagieren und die Verhaltensprobleme aus der Schmerzerfahrung resultieren, wenn die Behandlung ohne Lokalanästhesie erfolgte. Eine gute Schmerzausschaltung durch Lokalanästhesie, Sedierung oder Allgemeinanästhesie ist eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Behandlung16,26.
Die Fissurenversiegelung (FV) ist die Behandlung der Wahl bei gering befallenen Molaren ohne erhöhte Sensibilität nach (klinischem, laseroptischem und/oder röntgenografischem) Ausschluss einer Dentinkaries16,27. Die regelmäßige Kontrolle der FV ist notwendig, um frühzeitig Einbrüche der Zahnhartsubstanz zu erkennen.
  • Abb. 8a: MIH – schwerer Befall am Zahn 46 mit ausgedehnten Defekten der Zahnhartsubstanzen, insuffiziente Versorgung mit Glasionomerzement.

  • Abb. 8a: MIH – schwerer Befall am Zahn 46 mit ausgedehnten Defekten der Zahnhartsubstanzen, insuffiziente Versorgung mit Glasionomerzement.
  • Abb. 8b: MIH – Interimsversorgung von Zahn 46 mit einer konfektionierten Krone.

  • Abb. 8b: MIH – Interimsversorgung von Zahn 46 mit einer konfektionierten Krone.
Da Lokalisation, Ausprägung und Schweregrad der MIH erheblich differieren, sind Empfehlungen allgemeingültiger Therapiekonzepte nicht möglich. Amalgam ist jedoch als nicht adhäsives Material und schlechter Isolator kontraindiziert16,27. Glasionomerzemente sind zur „semi-permanenten“ kurz- und mittelfristigen Versorgung bis zum vollständigen Zahndurchbruch indiziert, bis eine bessere Kooperation des Kindes eine Kompositrestauration16 erlaubt. Die Kompositrestauration der Molaren ist die definitive Versorgung der Wahl bei Schmelzstörungen, die auf eine oder zwei Flächen ohne Einbeziehung von Höckerarealen begrenzt sind, da hiermit eine Stabilisierung der Zahnhartsubstanz erreicht wird (Abb. 7a u. b)16. Die Restauration der Molaren mit einer konfektionierten Krone ist bei ausgedehnten Defekten mit Höckerverlust indiziert, um die Zähne vor weiterer mechanischer und kariöser Zerstörung zu schützen (Abb. 8a u. b)16,45. Darüber hinaus sollte bei schweren Strukturstörungen die Extraktion des Zahnes mit dem Kieferorthopäden abgeklärt werden und ein orthodontischer Lückenschluss mit dem Durchbruch der zweiten Molaren angestrebt werden.
Kompositrestaurationen und direkte Kompositveneers sind zur Behandlung der strukturgestörten Frontzähne Erfolg versprechend und die Versorgung der Wahl (Abb. 9a u. b)16.
  • Abb. 9a: MIH – Befall der Inzisivi.

  • Abb. 9a: MIH – Befall der Inzisivi.

Dentalfluorose

Die Dentalfluorose (DF) ist eine entwicklungsbedingte Schmelzbildungsstörung, die durch eine erhöhte Fluoridaufnahme während der Schmelzbildung bedingt ist17. Der epidemiologische Beweis des Zusammenhangs zwischen dem Fluoridgehalt im Trinkwasser und dem Kariesbefall sowie dem Auftreten von Schmelzflecken geht auf die Erstbeobachtung von Dean um die 1940er Jahre in den USA zurück14.

  • Abb. 9b: MIH – adhäsive Versorgung der Inzisivi mit direkten Kompositfüllungen.

  • Abb. 9b: MIH – adhäsive Versorgung der Inzisivi mit direkten Kompositfüllungen.
Diese Beobachtung war die Geburtsstunde der Kariesprävention mit Fluoriden.
Die Ausprägung der DF hängt von der aufgenommenen Fluoridmenge, der Expositionsdauer, dem Stadium der Zahnentwicklung zum Zeitpunkt der Fluoridexposition sowie individuellen Unterschieden der Empfindlichkeit ab13. Die tägliche Fluorid-Gesamtaufnahme von 0,05 bis 0,07 mg F/kg Körpergewicht wird als Optimum zur effektiven Kariesprävention angesehen und sollte bei Kindern unter 6 Jahren nicht überschritten werden, um eine DF zu vermeiden18. In Regionen mit geringer Fluoridkonzentration im Trinkwasser stellt die breite Verfügbarkeit von häufig additiv genutzten Fluoridquellen – fluoridiertes Speisesalz, Fluoridtabletten, fluoridhaltige Zahnpasten, Mundspüllösungen, Mineralwässer, Fluoridlacke und -gele – ein Risiko für die Entstehung einer DF dar.
  • Abb. 10: Leichte Dentalfluorose.

  • Abb. 10: Leichte Dentalfluorose.
Die Fluoridaufnahme während der ersten drei Lebensjahre ist für die Entstehung einer DF an den oberen mittleren Schneidezähnen und den ersten bleibenden Molaren am bedeutsamsten21. Hong et al. bezeichneten diese Zeit daher auch als „window of maximum susceptibility“22. Die gleiche Arbeitsgruppe wies weiterhin nach, dass die Amoxicillingabe bei Erkrankungen zwischen dem 3. und 6. Lebensmonat mit einer 2,5-fachen Erhöhung eines DF-Risikos einhergeht20. In einer jüngsten Studie zur Fluoridaufnahme aus fluoridierter Zahnpaste mit einem Fluoridgehalt zwischen 289 und 1399 ppm bei 1,5- bis 3,5- jährigen Kindern in sieben europäischen Ländern wurde nachgewiesen, dass die Fluoridaufnahme zwischen 0,009 und 0,023 mg F/kg Körpergewicht während einer Zahnputzaktion variierte,
  • Abb. 11: Mittelschwere Dentalfluorose.

  • Abb. 11: Mittelschwere Dentalfluorose.
  • Abb. 12: Schwere Dentalfluorose.

  • Abb. 12: Schwere Dentalfluorose.
aber deutlich die kritische Dosis für die Entstehung einer DF unterschritt8. Im Gegenzug zeigte die gleiche Autorengruppe, dass die langzeitige Gabe von Fluoridsupplements die Wahrscheinlichkeit eines DF-Risikos erhöhte9.
Die leichte DF zeichnet sich durch den symmetrischen Befall mit weißlichen, kosmetisch unauffälligen unregelmäßig begrenzten Flecken oder Linien auf der Labialfläche der oberen Schneidezähne und der Okklusalflächen der 1. Molaren aus, wobei die Schmelzoberfläche glatt und glänzend ist sowie keine erhöhte Kariesanfälligkeit besteht (Abb. 10)15. Bei der mittelschweren DF imponiert ei- ne kosmetische Beeinträchtigung in Form flächenförmiger oder fassreifenförmiger konfluierender Flecken von kreidiger Verfärbung, die Schmelzoberfläche ist glatt und glänzend, gesunde Schmelzareale zeigen eine normale Transparenz, die Kariesanfälligkeit ist nicht erhöht (Abb. 11)15. Die schwere DF geht hingegen mit ausgedehnten kreidigweißen oder bräunlichen Flecken einher, wobei die gesamte Zahnoberfläche betroffen sein kann; Formdefekte und lochartige Vertiefungen bedingen neben der kosmetischen Beeinträchtigung eine erhöhte Kariesanfälligkeit (Abb. 12)15.

Behandlung der DF

Die Behandlung ist sowohl im Frontzahn- als auch im Seitenzahnbereich von der Schwere der Strukturstörung abhängig. Bei begrenzten wie auch diffus verlaufenden Opazitäten ohne einen lokalisierten Schmelzeinbruch ist eine lokale Fluoridapplikation in Form von Fluoridlacken bei begleitenden häuslichen Prophylaxemaßnahmen indiziert. Bei lokalisierten Schmelzeinbrüchen sind im Milchgebiss läsionsbezogene Kompomer- und im bleibenden Gebiss Kompositrestaurationen die Versorgungen der Wahl. Bei der schweren DF können unter Beachtung minimalinvasiver Präparationstechniken direkte oder indirekte Kompositveneers in Erwähnung gezogen werden. Eine definitive Versorgung der Zähne mit Keramikkronen ist erst nach dem 18. Lebensjahr möglich, um Pulpaschäden aufgrund der weiten Pulpaausdehnung am jugendlich- bleibenden Zahn zu vermeiden. Im Seitenzahngebiet ist neben der adhäsiven Restauration lokalisierter Defekte die Versorgung der Molaren mit konfektionierten Kronen indiziert, um eine vertikale Reduktion der Bisshöhe bei ausgedehnten Strukturstörungen zu vermeiden. In Einzelfällen gehört insbesondere bei Letzteren auch die Abklärung einer Extraktionstherapie mit dem Kieferorthopäden zum Therapiespektrum.

Medikamentös bedingte Schmelzveränderungen

  • Abb. 13: Tetracyclin-induzierte Strukturstörung.

  • Abb. 13: Tetracyclin-induzierte Strukturstörung.
Tetracycline sind die bekanntesten Medikamente, die zu internen permanenten Zahnverfärbungen führen, da sie in die Odontogenese eingreifen. Weniger bekannt sind die medikamentös bedingten grün-grauen Verfärbungen durch Minocyclin und die grünlichen durch Ciprofloxacin39. Die Tetracyclin-Gabe führt zu gelb-braunen bis grauen Zahnverfärbungen (Abb. 13), wenn sie Kindern vor dem 8. Lebensjahr, also vor dem Abschluss der Mineralisation der bleibenden Zähne (mit Ausnahme des Weisheitszahnes), verabreicht werden. Die Tetracyclin-Medikation im zweiten oder dritten Schwangerschaftstrimenon kann zu Zahnverfärbungen der Milchzähne führen. Bei einem Drittel aller Kinder, die Tetracycline erhielten, wurden Zahnverfärbungen beobachtet; am häufigsten wurden sie bei einer Gesamtdosis von mehr als 3 g und einer Behandlungsdauer von mehr als 10 Tagen festgestellt (www.continuingeducation.com, 2004).

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Prof. Dr. Roswitha Heinrich-Weltzien

Bilder soweit nicht anders deklariert: Prof. Dr. Roswitha Heinrich-Weltzien