Kinderzahnheilkunde


Das Kariesrisiko frühzeitig erkennen

08.12.2015
aktualisiert am: 22.01.2016

Plaqueentnahme mit einem feuchten Pinsel (Bild: K. Plonka).

Die frühzeitige Bewertung des individuellen Kariesrisikos bei Kindern bildet eine wichtige Grundlage für ihre gesunde Entwicklung. Präventive bzw. die Zahngesundheit erhaltende Maßnahmen lassen sich risikoorientiert planen und umsetzen. Sie zielen auf die Ursachen und die Prävention kariöser Defekte [1–3]. Im Rahmen der Früherkennung haben sich mikrobiologische Tests bewährt [4,5]. Sie liefern relevante Informationen, noch bevor White Spots als erste klinische Anzeichen einer aktiven Karies zu erkennen sind.

  • Abb. 1: Schematische Darstellung des Gleichgewichts von Risikound Schutzfaktoren, welche die Zahngesundheit beeinflussen [2].

  • Abb. 1: Schematische Darstellung des Gleichgewichts von Risikound Schutzfaktoren, welche die Zahngesundheit beeinflussen [2].
Karies hat nicht nur eine einzige Ursache: Das Zusammenspiel verschiedener, sich gegenseitig beeinflussender Faktoren entscheidet über den Gesundheitszustand der Zähne. Nach heutigem Verständnis besteht ein Gleichgewicht zwischen Risikofaktoren und Schutzfaktoren (Abb. 1) [2]. Eine Veränderung eines oder mehrerer dieser Faktoren kann zu einer Verschiebung auf die eine oder andere Seite führen.

Bakterien in gesundem Gleichgewicht 

Im hochorganisierten Ökosystem des dentalen Biofilms leben verschiedene Bakterienarten zusammen. Sie stehen normalerweise in einem gesunden Verhältnis zueinander und zu den Zähnen. Wird diese Balance jedoch so gestört, dass bestimmte säureproduzierende Bakterien Überhand gewinnen, steigt das Kariesrisiko. Da für die Erkrankung verschiedene Ursachen verantwortlich sind, müssen sich nicht zwangsläufig Läsionen entwickeln. Zudem gibt es schützende Faktoren, die ausgleichend wirken. Verringert sich aber ihr Einfluss zum Beispiel durch nachlassende Zahnpflege, reduzierte Fluoridversorgung oder Zunahme des Zuckerkonsums, führt dies zu Karies [6].

Das individuelle Kariesrisiko 

Die Bewertung des individuellen Kariesrisikos erfolgt auf Basis der Anamnese, der klinischen Inspektion und der Analyse biologischer Tests zum Nachweis kariesrelevanter Mikroorganismen. Unter Berücksichtigung dieser Erkenntnisse lässt sich das Gleichgewicht zwischen Risiko- und Schutzfaktoren einstellen oder sogar in Richtung der schützenden Faktoren verschieben [2]. Der Einsatz der Tests ermöglicht eine Risikoeinschätzung, noch bevor eine Karieserfahrung vorliegt [7–9]. Dies ist gerade bei kleinen Kindern ein wichtiger Aspekt, um ihnen von vornherein diese Erfahrung zu ersparen. Schließlich bedeuten gesund aussehende Zähne nicht zwingend, dass keine Gefährdung vorliegt.

Was bedeutet Kariesrisiko?
Kariesrisiko ist die niedrige oder hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich Karies entwickelt.

Was heißt Kariesrisikobestimmung?
Die Kariesrisikobestimmung untersucht die Risikofaktoren, welche die Zähne schädigen können.

Bestimmte Bakterien gehören zu den Risikofaktoren 

Säureproduzierende und säuretolerante Keime zählen zu den Risikofaktoren, die im Rahmen der Befundaufnahme betrachtet werden. Nach wie vor spielen Mutans-Streptokokken, die als Risikoindikatoren dienen können, eine zentrale Rolle [7–9]. Sie erzeugen aus Zucker Säure, überleben in saurer Umgebung, haften sehr gut auf glatten Zahnoberflächen und finden sich in der Regel in initialen und fortgeschrittenen kariösen Läsionen. Ist die Keimzahl erhöht, nimmt die Säureproduktion zu und die Gefahr der Kariesauslösung steigt [6]. In der Folge der Mutans-Streptokokken treten Laktobazillen auf, die in Verbindung mit dem Fortschreiten der Karies stehen. Sie gehören ebenfalls zu den Säureproduzenten und überleben im Sauren. Im Vergleich zu den Mutans- Streptokokken haften sie nicht auf glatten Zahnoberflächen. Sie finden sich bevorzugt im Speichel, auf der Zunge, in Fissuren und Grübchen, im Bereich festsitzender kieferorthopädischer Apparaturen, in Randspalten und Kavitäten [6].

Nachweis in der Praxis 

Ein in zahlreichen internationalen Studien und in der Praxis erprobter Test steht mit CRT bacteria von Ivoclar Vivadent zur Verfügung [4,10–12]. Er besteht aus jeweils einem selektiven Nährmedium für Mutans- Streptokokken und Laktobazillen. Es können Speicheloder Plaqueproben untersucht werden. Das Verfahren erlaubt das aktive, spielerische Einbeziehen der Kinder und lässt den Zahnarztbesuch zum angenehmen Erlebnis werden. Da kleine Kinder das Sammeln von Speichel noch nicht beherrschen, wird dieser mithilfe einer Pipette direkt aus dem Mund aufgezogen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, einen Holzspatel auf der Zunge zu drehen und dann auf den Nährböden abzudrücken (Abb. 2). Die gesuchten Bakterien können auch im dentalen Biofilm bestimmt werden. Dazu wird Plaque mit einem feuchten Pinsel (Abb. 3) oder Zahnhölzchen entnommen und vorsichtig auf den Agaren abgestrichen (Abb. 4). Die Proben stehen für 2 Tage in einem Brutschrank, z. B. Cultura von Ivoclar Vivadent. In dieser Zeit wachsen vorhandene Mutans-Streptokokken und Laktobazillen auf dem jeweiligen Nährmedium (Abb. 5).

  • Abb. 2: Aufbringen einer mit einem Holzspatel von der Zunge entnommenen Speichelprobe auf CRT bacteria (Bild: Prof. Dr. S. Kneist).
  • Abb. 3: Plaqueentnahme mit einem feuchten Pinsel (Bild: K. Plonka).
  • Abb. 2: Aufbringen einer mit einem Holzspatel von der Zunge entnommenen Speichelprobe auf CRT bacteria (Bild: Prof. Dr. S. Kneist).
  • Abb. 3: Plaqueentnahme mit einem feuchten Pinsel (Bild: K. Plonka).

  • Abb. 4: Aufstreichen einer Plaqueprobe auf das Nährmedium des Chairside-Tests (Bild: Prof. Dr. S. Kneist).
  • Abb. 5: Bakterienkolonien auf den selektiven Agaren von CRT bacteria; links Laktobazillen, rechts Mutans-Streptokokken (Bild: Prof. Dr. S. Kneist).
  • Abb. 4: Aufstreichen einer Plaqueprobe auf das Nährmedium des Chairside-Tests (Bild: Prof. Dr. S. Kneist).
  • Abb. 5: Bakterienkolonien auf den selektiven Agaren von CRT bacteria; links Laktobazillen, rechts Mutans-Streptokokken (Bild: Prof. Dr. S. Kneist).

Hohe Keimzahlen – was folgt daraus? 

Hohe Keimzahlen deuten in jedem Fall auf ein erhöhtes Kariesrisiko. Es besteht nun die Entscheidungsmöglichkeit, direkt einen Schutzlack zur Keimkontrolle aufzutragen oder zu beobachten, ob eine intensivere Zahnpflege und Fluoridierung ausreichen, White Spots zu verhindern. Je nach Alter und Compliance kann auch eine Versiegelung der Fissuren und Grübchen infrage kommen. Bei sehr hoher Keimbelastung und damit starker Säureproduktion bei Zuckerkonsum kann Fluorid seine Wirkung nicht voll entfalten. In diesem Fall ist eine antimikrobielle Behandlung notwendig, um das Keimspektrum in Richtung eines gesunden Gleichgewichts zu verschieben. Erst dann kommt Fluorid voll zum Zuge. Die Betrachtung der Testergebnisse unterstützt die Beratung der Eltern und macht wichtige Zusammenhänge hinsichtlich Mundgesundheit und Zahnpflege transparenter. So ist es unabdingbar, darauf hinzuweisen, dass bei kleinen Kindern die Zähne in jedem Fall nachgeputzt werden müssen.

 

 

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Gabriele David


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