Implantologie


Mini-Implantate: Eine indikationsabhängige Behandlungsalternative

Abb. 1: Das Mini-Implantat ist einteilig und besitzt einen Kugelkopf. Gegen ihn wird die Prothese mit basal eingeklebtem Metallgehäuse (in der Zeichnung: oben) gedrückt. Der eingelassene Gummiring (Mitte) schnappt über den Kugelkopf und die Prothese si
Abb. 1: Das Mini-Implantat ist einteilig und besitzt einen Kugelkopf. Gegen ihn wird die Prothese mit basal eingeklebtem Metallgehäuse (in der Zeichnung: oben) gedrückt. Der eingelassene Gummiring (Mitte) schnappt über den Kugelkopf und die Prothese si

Herausnehmbare Prothesen können durch die Insertion von Mini-Implantaten stabilisiert werden und bieten deshalb in der Praxis u. U. aus medizinischen oder finanziellen Beweggründen eine Behandlungsalternative zur konventionellen Implantologie, wie der Autor des folgenden Beitrages ausführt. Beispielhaft wird dargestellt, wie sich ein vorhandener Zahnersatz mit Mini-Implantaten stabilisieren lässt und eine Indikationserweiterung im Falle eines Pfeilerverlusts bei Teleskopprothesen erfolgt. Produktangaben sind im Beitrag integriert.

Patienten, die bisher mit festsitzenden, weitspannigen Brücken versorgt waren, fragen bei weiterem Zahnverlust nicht selten nach einer Implantatversorgung. Vielfach kann diesem Wunsch entsprochen werden. Anders sieht es aus, wenn allgemeinmedizinische und spezifisch zahnheilkundliche Gründe dagegen sprechen oder ein „Veto“ aus finanzieller Sicht kommt. Für diese Patientengruppe können Mini-Implantate eine Lösung sein.

  • Abb. 2: Vier Mini-Implantate geben der Unterkieferprothese festen Halt.

  • Abb. 2: Vier Mini-Implantate geben der Unterkieferprothese festen Halt.

Das Prinzip der MDIs und der klinische Erfolg

Die klassischen Mini-Implantate („MDI“, 3M ESPE-Implantologie, vorm. IMTEC) besitzen Durchmesser von 1,8 bis 2,4 mm. Damit finden sie oftmals selbst im stark atrophierten Kiefer Platz. Über den Kugelkopf dieser Einstück-Implantate (Abb. 1) wird ein Gummiring gezogen, der sich in einem kleinen Metallgehäuse befindet und fest mit diesem verbunden ist. Der Behandler (oder dessen Labor) baut die Metallgehäuse mithilfe eines Kaltpolymerisats in die zuvor basal ausgeschliffene Totalprothese ein. Die Insertion erfolgt schonend und schnell, meist braucht die Gingiva nicht aufgeklappt zu werden. Die Versorgung mit mindestens vier Mini-Implantaten im Unterkiefer beziehungsweise mindestens sechs im Oberkiefer nimmt üblicherweise maximal zwei Stunden in Anspruch.

Dr. Ronald A. Bulard, ein Miterfinder der MDIs, dokumentierte systematisch die subjektive Einschätzung seiner Patienten, die demnach eine entscheidende Verbesserung der Funktion und des Tragekomforts ihrer Totalprothesen nach Stabilisierung durch Mini-Implantate registierten1. In klinischen Studien ließen

  • Abb. 3: Im Oberkiefer fixieren sechs Mini-Implantate die Prothese.

  • Abb. 3: Im Oberkiefer fixieren sechs Mini-Implantate die Prothese.
sich Erfolgsraten von 94,2 Prozent über fünf Jahre ermitteln2,3. Zusätzlich interessant: Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA (Food and Drug Administration) hat die MDIs mit Durchmessern von 1,8 bis 2,4 mm sowie auch das MDI-Hybrid mit 2,9 mm für die Langzeitanwendung zugelassen.

Dieses große Mini-Implantat mit seinem aggressiveren Gewinde kann besonders im atrophierten Oberkiefer, ebenfalls zur Prothesenstabilisierung, zum Einsatz kommen. Darüber hinaus eignet es sich zum Einzelzahnersatz – immer dann, wenn der verfügbare Platz für das kleinste klassische Implantat zu eng, für ein kleineres Mini-Implantat jedoch zu weit erscheint. Preislich siedelt sich die Prothesenstabilisierung mittels MDI zwischen der Neuanfertigung einer schleimhautgetragenen Totalprothese und einer Stegversorgung an.

Das Vorgehen: Fixierung der Totalprothesen

Das MDI-Konzept wurde zur Stabilisierung von schleimhautgetragenen Totalprothesen im Unterkiefer entwickelt. Dies ist die klassische Anwendung. Eine Erweiterung dieser Indikation liegt in der Versorgung des Oberkiefers. Dabei erfolgt die Fixierung des herausnehmbaren Zahnersatzes auf dieselbe Weise.

Wenn sich der Zahnarzt durch visuelle und taktile Untersuchung sowie anhand eines OPGs einen Überblick über die Anatomie insgesamt und speziell über die Knochenbreite und -dichte sowie die Lage von Mandibularkanälen

  • Abb. 4 a und b: Die Zahnbürste ACCESS Oral Care besitzt zusätzliche lang gebogene Borsten zur gründlichen Reinigung von Implantathals und -kopf.

  • Abb. 4 a und b: Die Zahnbürste ACCESS Oral Care besitzt zusätzliche lang gebogene Borsten zur gründlichen Reinigung von Implantathals und -kopf.
beziehungsweise Kieferhöhlen verschafft hat, plant er die Insertion so, dass der Abstand zwischen jeweils zwei MDIs mindestens 5 bis 6 mm beträgt. Dann wählt er seine Mini-Implantate in der passenden Länge – 10, 13, 15 oder 18 mm – und mit dem geeigneten Durchmesser aus. Die kleinen Durchmesser von 1,8 mm und 2,1 mm sind für den dichten D1- oder D2-Knochen vorgesehen, wie er sich meist im Unterkiefer findet. Da hier die Gingivadicke größtenteils unter 2 mm liegt, ist die „classic“-Ausführung ohne Kragen angezeigt. Liegt keine natürliche Restbezahnung mehr vor, benötigt der Zahnarzt für die Versorgung des Unterkiefers mindestens vier MDIs (Abb. 2).

Der Unterschied bei der Anwendung im Oberkiefer: Hier sind mindestens sechs MDIs erforderlich (Abb. 3), außerdem ist vor der Belastung in der Regel eine vier- bis sechsmonatige Einheilzeit einzuhalten. Die Totalprothese wird in dem Fall bis zum Abschluss der Osseointegration weich unterfüttert. Besitzt die Maxilla eine Knochendichte von D2 oder D3, kommen bevorzugt MDIs mit 2,4 mm oder 2,9 mm (MDI Hybrid) Durchmesser zum Einsatz. Handelt es sich dagegen um einen D4-Knochen, sind Mini-Implantate kontraindiziert. Ein Hinweis aus der Praxis: Da im Oberkiefer die Gingivadicke häufig 2 mm überschreitet, wählt man hier bevorzugt die Ausführung mit Kragen („Collar“-Variante).

Prinzipiell weist das chirurgische Vorgehen im Ober- und Unterkiefer keine Unterschiede auf. Nach Einsetzen der lokalanästhetischen Wirkung wird eine 1,1-mm-Pilotfräse angesetzt, um die Kortikalis zu perforieren. Ist das Implantatbett auf ein Drittel bis die Hälfte der Implantatgewindelänge aufbereitet, entnimmt man das Implantat über eine Kunststoffkappe der Sterilverpackung und schraubt es mit einigen Umdrehungen per Hand ein. Die Kunststoffkappe wird dann durch einen Fingerschlüssel ersetzt und das Implantat weiter eingedreht. Das Gewinde ist selbstschneidend. Es empfiehlt sich immer abwechselnd eine Viertelumdrehung mit anschließender Warte zeit von 5 bis 6 Sekunden, bis ein starker Widerstand spürbar wird. Konnte man bis hierher mit dem Fingerschlüssel vorgehen – so ist die beste Taktilität gegeben –, steigt man nun zur größeren Kraftausübung auf den Flügelschrauber und erst zum Abschluss auf die Ratsche um. Es empfiehlt sich, eine Ratsche mit Drehmomentkontrolle zu benutzen und diese auf 35 bis 40 Ncm einzustellen. So erhält man eine genaue Information über die Primärstabilität der Implantate und bleibt sicher unter der Bruchgrenze, welche für die MDIs ab 48 Ncm beginnt.

  • Abb. 5a: Mini-Implantate in einer erweiterten Anwendung: Ausgangssituation mit den aufgesetzten Gehäusen.

  • Abb. 5a: Mini-Implantate in einer erweiterten Anwendung: Ausgangssituation mit den aufgesetzten Gehäusen.
  • Abb. 5b: Die Einarbeitung der Gehäuse in den vorbereiteten Zahnersatz erfolgte direkt am Behandlungsstuhl.

  • Abb. 5b: Die Einarbeitung der Gehäuse in den vorbereiteten Zahnersatz erfolgte direkt am Behandlungsstuhl.
Für die Insertion im Unterkiefer gibt es den Tipp, dass der Patient bevorzugt aufrecht sitzen sollte, um der Neigung des Zahnarztes, das MDI zu weit nach vestibulär zu angulieren, entgegenzuwirken4. Da jedoch das Implantat einen Kugelkopfaufbau besitzt, toleriert es eine leichte Angulation: Divergenzwinkel bis zu 30 Grad zwischen zwei Implantaten sind problemlos realisierbar.

Sind alle Implantate inseriert, prüft der Behandler die Primärstabilität. Wenn diese im Unterkiefer bei allen Implantaten mindestens 35 Ncm erreicht, können die MDIs sofort belastet werden. In allen anderen Fällen schützt eine weiche Unterfütterung der Totalprothese die Implantate während ihrer Einheilzeit und bietet dem Patienten zudem bereits in der Übergangsphase einen deutlich gesteigerten Tragekomfort.

Wenn der Zeitpunkt zur Belastung erreicht ist und die Metallgehäuse eingebaut wurden, übt der Zahnarzt mit dem Patienten das Einsetzen der umgearbeiteten Prothese: Die Metallgehäuse werden sanft über die Kugelköpfe gedrückt, bis sich die Gummiringe darüber legen. Auch die Mundpflege wird demonstriert. Hierfür hat 3M spezielle Zahnbürsten (ACCESS Oral Care) entwickelt. Da hierbei die äußeren Borsten extra lang und gebogen sind, reinigt die Zahnbürste den Übergangsbereich zwischen Gingiva und Implantathals besonders gründlich. So wird verhindert, dass in diesem Bereich Speisereste zurückbleiben und sich harte Beläge ansammeln (Abb. 4a u. b).

Weitere Anwendungsmöglichkeiten

Das Konzept, Prothesen mittels Gummiringen auf Kugelkopf- Implantaten zu stabilisieren, hat sich so gut bewährt, dass sich andere, darüber hinausgehende Anwendungen abzeichnen. Zum Beispiel berichten erfahrene Behandler von Erfolgen, die sie mit der Stabilisierung von Teleskopbrücken nach Pfeilerverlust erzielt haben. Das belegt beispielsweise der folgende Fall5.

Ein 78-jähriger Patient war mit einer Unterkiefer-Teleskopprothese versorgt, es zeigte sich jedoch nur noch die rechtsseitige Restbezahnung in regio 43 und 44 erhaltungswürdig. Die linke Unterkieferhälfte erhielt nun zwei MDIs mit jeweils

  • Abb. 6: Mit dem MDI-Konzept können Teleskopprothesen bei Pfeilerverlust erhalten werden. Die Mini-Implantate mit Kugelkopf und Gummiring fixieren sicher den Zahnersatz und beugt somit dem unweigerlich eintretenden Knochenabbau vor.

  • Abb. 6: Mit dem MDI-Konzept können Teleskopprothesen bei Pfeilerverlust erhalten werden. Die Mini-Implantate mit Kugelkopf und Gummiring fixieren sicher den Zahnersatz und beugt somit dem unweigerlich eintretenden Knochenabbau vor.
1,8 mm Durchmesser, wobei das vordere Implantat mit Kragen gewählt wurde. Dies diente dazu, den Höhenunterschied des Alveolarkammes auszugleichen und die Kugelattachments aller vier Haltepunkte in nahezu eine Ebene zu bringen. Die enge Zusammenarbeit mit dem Labor bewährte sich hier besonders, denn der Techniker brachte die Idee ein, spezielle Teleskope mit einem ähnlichen Schnappmechanismus wie bei den Mini-Implantaten zu verwenden. Die Röntgenkontrollaufnahme nach einem Jahr ergab, dass die beiden Mini-Implantate gut eingeheilt und die Restzähne 43 und 44 parodontal entzündungsfrei waren. Der Patient zeigte sich gleich zweifach zufrieden: Seine Prothese hatte festen Halt, was ihm Sprech- und Kaukomfort bot, und sein Budget war im Vergleich zu einer komplett neuen Lösung geschont worden (Abb. 5a u. b). Auch im Oberkiefer können auf dieselbe Weise Teleskopversorgungen gerettet werden. Hier ist dann allerdings eine vier- bis sechsmonatige Einheilzeit zu beachten.

Fazit

Ausgehend von der klassischen Indikation der Stabilisierung von Unterkiefer-Totalprothesen sind im Einzelfall weitere Anwendungen für MDIs denkbar, wie etwa die Rettung von teleskopgetragenen Brücken nach Pfeilerverlust (Abb. 6). Mini- Implantate eignen sich auch dann oft noch, wenn der Kieferkamm bereits stark atrophiert ist. Diese Versorgung führt zum gewünschten Kau- und Sprechkomfort, wenn die konventionelle Implantologie aus medizinischen (besonders bei der Generation „60 plus“) bzw. anatomischen Gründen nicht infrage kommt oder mit den finanziellen Voraussetzungen des Patienten nicht vereinbar ist.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Christian Ehrensberger

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Christian Ehrensberger


Bislang deuten die vorliegenden Daten auf ein geringes Infektionsrisiko mit dem Coronavirus in der zahnärztlichen Praxis hin. Um eine realistische Einschätzung zu erhalten, wie stark Zahnärzte und ihre Mitarbeiter betroffen sind, bittet die BZÄK betroffene Praxen um Meldung.

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