Hygiene

Interview mit Marc Diederich, Dürr Dental anlässlich der Corona-Krise

Sind Desinfektionsmittel für Praxen und Labore derzeit noch lieferbar?

23.03.2020

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Um die Versorgung von Zahnarztpraxen und Laboren sicherzustellen, haben deutsche Desinfektionsmittel-Hersteller ihre Produktion auf maximale Kapazität hochgefahren, um den gestiegenen Bedarf zu decken. Das teilte der Verband der Deutschen Dental-Industrie jüngst in einer Pressemeldung mit. Die Dentalindustrie beobachtet derzeit mit wachsamen Augen die Lieferketten von Rohstoffen und Vorprodukten, um die eigene Produktion zu sichern. 

Bei dem schwäbischen Hygienespezialisten Dürr Dental haben wir uns erkundigt, welche Auswirkungen die Corona-Krise bislang auf das Unternehmen hat und wie die Lieferfähigkeit sichergestellt werden kann. Unsere Fragen beantwortet Marc Diederich, Leiter des Produktmanagements Hygiene & Zahnerhaltung bei Dürr Dental, Bietigheim-Bissingen.

  • Marc Diederich, Leiter Produktmanagement Hygiene & Zahnerhaltung, Dürr Dental.

  • Marc Diederich, Leiter Produktmanagement Hygiene & Zahnerhaltung, Dürr Dental.
    ©Dürr Dental

Wie stark ist derzeit die Nachfrage nach Desinfektionsmitteln seit Ausbruch der Corona-Epidemie überhaupt gestiegen? Können Sie Zahlen nennen?

Natürlich haben wir in direktem Zusammenhang mit der Präsenz des Corona-Virus eine Zunahme der Nachfrage nach Desinfektionsmitteln, speziell für die Hände- und Flächendesinfektion, wahrgenommen. Diese entstand zum einen aus der Zahnmedizin, zum anderen erreichten uns auch viele Anfragen aus „dentalfernen“ Märkten. Die gestiegene Nachfrage konkret in Zahlen zu fassen ist schwierig, da wir uns aktuell weiterhin darum bemühen, so viel Desinfektionsmaterial zu produzieren und zu liefern, wie es uns möglich ist. Die Nachfrage bringt viele Hersteller an die Produktionskapazitätsgrenzen, sodass die Mittel knapp geworden sind.

Auf Ihrer Homepage heißt es: „Durch die aktuelle Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 und der dadurch verursachten Krankheit COVID-19 sind erhöhte Hygienestandards und umfassende Maßnahmen – vor allem im Praxisumfeld – sicher zu stellen.“ Inwiefern müssen Hygienemaßnahmen in den Zahnarztpraxen (für den Regelbetrieb, also Patienten ohne Corona-Verdacht) verschärft werden?

Wir haben sicher in Deutschland einen der besten Hygienestandards weltweit in der Zahnmedizin. Auch anhand der aktuellen Fallzahlen zur Letalität sehen wir, dass die Infrastruktur unseres Gesundheitssystems und damit sicher auch die Prozesse in der Hygiene sehr gut funktionieren. Aus meiner Sicht geht es vielmehr darum, diesen Standard aufrecht zu halten und nicht um eine Verschärfung. Die Zahnarztpraxen sind in den vergangenen Jahren mit vielen Auflagen und Bürokratie belastet worden. Sie setzen das auch um, aber das allein ist schon eine besondere Leistung. Da kann ich eigentlich nur sagen „weiter so!“, auch wenn es harte Arbeit ist – sie lohnt sich, sie kann Leben retten.

Welche Produkte aus Ihrem Portfolio wirken gegen das Coronavirus Sars-CoV-2? Welche Voraussetzungen müssen diese erfüllen („begrenzt viruzide“ und „voll-viruzide“ Mittel – was heißt das eigentlich)?

Alle Desinfektionsmittel aus dem Hause Dürr Dental inaktivieren das Corona-Virus. Es handelt sich um ein behülltes Virus, das mit einer begrenzt viruziden Wirkung des Desinfektionsmittels inaktiviert wird. Für ein Desinfektionsmittel keine große Herausforderung, aber sobald der Virus in den Körper gelangt, hilft auch kein Desinfektionsmittel mehr. Die prophylaktische, richtige Anwendung des Desinfektionsmittels spielt eine zentrale Rolle. Ein voll-viruzides Mittel hingegen inaktiviert nicht nur behüllte Viren, sondern auch unbehüllte Viren (z.B. Polio). Laut der KRINKO-Vorgabe für die Abschlussdesinfektion von semikritisch A Medizinprodukten (z.B. Polymerisationslampen, Intraoralscannern) muss bei der Aufbereitung ein voll viruzides Desinfektionsmittel (z.B. FD 333 forte) zum Einsatz kommen.  

Ist Dürr Dental in allen Bereichen der Hygienemittel lieferfähig?

Wir beliefern den Zahnarzt seit jeher mit einem System, das alle Produkte für die Praxishygiene zur Verfügung stellt – die Dürr System-Hygiene. Auch wenn unsere Produktion derzeit auf Hochtouren läuft, sind wir in der Lage alle Kundenwünsche zeitnah zu bedienen. Dies gelingt uns durch moderne Produktionsprogrammplanung, aber auch durch außergewöhnlichen Einsatz der Mitarbeiter im Schichtbetrieb und sogar am Wochenende. Uns ist hier sehr bewusst, dass wir mit unseren Produktlösungen eine gesellschaftliche Verantwortung tragen.

Wie schaffen Sie es, die Versorgung derzeit aufrecht zu erhalten? Sind Grundstoffe für die Produktion von Desinfektionsmitteln noch in ausreichendem Maße auf dem Markt vorhanden? Arbeiten die Mitarbeiter von Dürr Dental bzw. beim Tochterunternehmen Orochemie weiterhin in vollem Umfang in der Produktion? Mussten Sie Engpässe ausgleichen?

Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen. Bei der Beschaffung der Rohstoffe für die Produktion musste der Einkauf hin und wieder jonglieren. Aber alles in allem hat das sehr gut funktioniert. Natürlich haben auch die Rohstofflieferanten für die aktuelle Situation Verständnis und tun ihr Möglichstes.  Die Geschäftsleitung hat äußerst früh auf die Corona-Krise mit Maßnahmen reagiert. Beispielswiese wurden bereits sehr früh Teams gebildet, die zeitlich und räumlich zusammenarbeiten, sodass bei einer möglichen Erkrankung nicht ein vollständiger Ausfall der gesamten Mitarbeiter in der Produktion möglich ist. 

Welche gravierenden Auswirkungen hat die Pandemie auf Ihr Unternehmen in Deutschland?

Wir sind davon überzeugt, dass die Welt sich nach der Corona-Krise anders darstellt als heute. Hygiene wird einen noch größeren Stellenwert einnehmen, nicht nur in der Zahnmedizin, sondern auch privat im Alltag. Derzeit versuchen wir unseren Teil dazu beizutragen, die aktuelle Situation so schnell wie möglich in den Griff zu bekommen. Aber die Pandemie hat auch eine Vielzahl an Gedankengängen ausgelöst, wie wir uns strategisch in der Zukunft ausrichten wollen. Ein sehr plötzliches Geschehen führt dazu, dass eine mittel- bis langfristige Ausrichtung vollkommen neu bewertet werden muss. Das passiert nicht so oft, aber in diesem Falle ist die Pandemie ein echter „Game-Changer“, auch wenn ich in diesem Zusammenhang sehr ungern von einem Spiel spreche.

Ziehen Sie aus der derzeitigen Situation Konsequenzen für die Zukunft? Gibt es etwas, was Sie künftig anders handhaben werden?

Wie schon angedeutet, werden wir aus der Situation Konsequenzen ziehen. Nachdem der Rauch des Einschlages des Corona-Virus verzogen ist, wird der Blick wieder klarer. Derzeit leben wir noch in der Phase, den Mitmenschen so viel Desinfektionsmittel wie möglich zur Verfügung zu stellen. Aber die Gedanken für die Zukunft sind da und müssen in Ruhe bewertet werden, wenn es die Zeit zulässt.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

 


Die VOCO GmbH aus Cuxhaven hat ihre Online-Veranstaltungs-Plattform seit Beginn der Corona-Pandemie ausgebaut.

Aufgrund des weltweit positiven Feedbacks wird das Unternehmen weiterhin Weiterbildungs-Webinare für Kunden, Partner und Mitarbeiter anbieten.

Für Interessierte sind alle bisher stattgefundenen Online-Fortbildungen im Archiv zur Einsicht hinterlegt. 

 

 

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