Hygiene


Behördliche Praxisbegehung: Die Top 10 der Mängelliste

28.02.2020

© kzenon/fotolia
© kzenon/fotolia

Das Thema „Hygiene in der Praxis und Zahnarztpraxis“ ist derzeit aktueller denn je. Die RKI-Richtlinien, die Empfehlungen der KRINKO/BfArM, die MPBetreibV und weitere Regelungen tragen dazu bei, dass das Hygienemanagement im Praxisalltag eine Herausforderung darstellt. Diese Richtlinien und Empfehlungen haben Gesetzescharakter und sind unbedingt einzuhalten. Welche Hygienemängel bei behördlichen Praxisbegehungen sehr oft auftreten, zeigt Hygieneberaterin Viola Milde nachstehend auf und gibt Ratschläge, wie diese vermieden werden können.

Die Bezirksämter oder auch Gesundheitsbehörden* überprüfen in den Praxen neben der RKI-konformen Aufbereitung der Medizinprodukte (MP) vor allem die desinfizierenden und reinigenden Maßnahmen. Kurz gesagt: die Flächen-, Personal- und Wäschehygiene, die Wasserqualität, die korrekte Kennzeichnung und Aufbereitung von Spendern etc. sowie natürlich auch die allgemeine Sauberkeit der Praxis.

Die Gewerbeaufsicht, die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz oder auch das Regierungspräsidium* legen neben der Überprüfung des validierten Aufbereitungsprozesses ihren Schwerpunkt meist auf die Technik, d.h. auf die Einhaltung der Medizinprodukte-Betreiberverordnung (MPBetreibV): Darunter fallen die sicherheits- und messtechnischen Kontrollen, die Überprüfung der Validierungsprotokolle, Instandhaltungs- und Instandsetzungsprotokolle, DGUV-Prüfungen, Einweisungen, das Bestandverzeichnis, die Risikoklassifizierung etc. Die viel beschriebenen bundeslandspezifischen Unterschiede der Gesetzgebung existieren hingegen faktisch nicht.

In Deutschland gibt es verschiedene Richtlinien, Gesetze und Leitlinien, die Sie in Ihrem Praxisalltag „leiten“. Die bekanntesten sind die „RKI-Richtlinien“ des Robert Koch-Instituts, (die selbstständige Bundesbehörde für Infektionsschutz in Deutschland), die Medizinprodukte-Betreiberverordnung (MPBetreibV), die Technischen Regeln für biologische Arbeitsstoffe (TRBA), das Infektionsschutzgesetz (IfSG), die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Sterilgutversorgung (DGSV) und viele andere mehr. Allen gemeinsam ist, dass sie ausnahmslos bundesweit gelten und bindend sind. Zu diesen geltenden Richtlinien und Gesetzen hat jedes Bundesland noch eine eigene Hygieneverordnung (MedHygVo), die das eine oder andere Gesetzesschräubchen hier und da fester anzieht – aber meist mit weniger Relevanz in der Praxisbegehung.

„Individuelle“ Auslegung der gesetzlichen Regeln und Richtlinien

Warum gibt es nun eklatante Unterschiede von Bundesland zu Bundesland? Die Erklärung ist einfach: Im Falle einer Begehung definiert und bewertet ein Mitarbeiter der ortsansässigen Behörde Ihren Praxisstandard und Ihre Arbeitsweise. Nicht jeder Mitarbeiter, der die Praxisbegehung durchführt, hat denselben Erfahrungsschatz, kennt sämtliche Regelwerke in aller Tiefe und nicht jeder ist in der Bewertung bzw. in der Prüfung gleich. Zudem unterscheidet sich jede Praxis auch in ihrer Arbeitsweise. Wenn Ihnen also eine bekannte Zahnarztpraxis von deren Begehung erzählt und Ihnen mitteilt, dass die Auflagen nicht ganz so streng erfüllt sein müssen und dass die Aufbereitungskette auch die eine oder andere Lücke aufweisen kann, so birgt das Gefahren. Zum einen kann die Begehung bei Ihnen ganz anders verlaufen, sodass Sie unangenehme Überraschungen erleben; und zum anderen, wenn es zum Klagefall kommt, bei der die Beweislastumkehr gilt, sind Sie als Praxisbetreiber gefordert, den Nachweis zu erbringen, dass Sie RKI-konform gearbeitet und dokumentiert haben. In diesem Fall interessiert den zuständigen Richter nicht, ob ein ortsansässiger Begeher Ihnen das eine oder andere Türchen offengelassen hat, sondern nur, ob Sie gesetzeskonform handeln.

Die Behördenvertreter, die ich in meiner 7-jährigen Tätigkeit der Begehungsvorbereitung kennengelernt habe und deren Protokolle ich zur Einsicht erhielt, haben immer wohlwollend zur Kenntnis genommen, wenn die Praxis bemüht war, die korrekten Prozesse durchzuführen. Sie traten meist konstruktiv beratend auf, entgegen anderslautenden Gerüchten. Nachfolgend möchte ich die am häufigsten im Protokoll der Behördenvertreter aufgelisteten Mängel ausführen.

Top 1: Eine mangelhafte Prozessvalidierung

Die Norm DIN ISO 14937 regelt, vereinfacht erklärt, den dokumentierten Prüfvorgang des Aufbereitungsprozesses in der Praxis. Auch ist in § 8 der MPBetreibV festgelegt, wer die Prozesse validieren darf – nämlich nur qualifizierte Fachkräfte: Diese Fachkräfte müssen besondere Voraussetzungen erfüllen, d.h. aktuelle Kenntnisse aufgrund einer geeigneten Ausbildung und einschlägigen beruflichen Tätigkeit besitzen und Weisungsfreiheit hinsichtlich der fachlichen Beurteilung und geeignete Mess- und Prüfeinrichtungen haben.

Der Vorgang der Validierung besteht aus einer Installations-, Betriebs- und Leistungsqualifikation. Ein korrekt validierter Aufbereitungsprozess ist also weit mehr als die Überprüfung der Geräteleistung. Wurde der Aufbereitungsprozess gar nicht oder mangelhaft validiert, so stellt dies einen groben Verstoß dar, der zum Teil mit recht empfindlich hohen Ordnungsgeldern und weiteren Sofortmaßnahmen geahndet wird. Schließlich handelt es sich dabei nicht um einen Bagatellmangel, sondern um die seit Langem gesetzlich verpflichtende Basis der Medizinprodukte-Aufbereitung.

Die korrekte Validierung der Prozesse

Die Installationsqualifikation (IQ) dient der Festlegung, ob das Medizinprodukt/Gerät korrekt installiert wurde und ob alle notwendigen schriftlichen Informationen zum sicheren Betrieb vorhanden sind. Die IQ, die bei der Aufstellung des Gerätes vorgenommen wird, stellt durch ein schriftliches Abnahmeprotokoll des Lieferanten sicher, dass das Gerät und dessen Zubehör ordnungsgemäß geliefert und installiert worden sind.

Die Betriebsqualifikation (BQ) dient der Festlegung, ob das Gerät ordnungsgemäß am Aufstellungsort funktioniert. Sie stellt die eigentliche Inbetriebnahme des Autoklaven oder des RDG dar. Sie erfolgt durch den Techniker oder den zuständigen Validierer, wenn sich das Gerät an seinem finalen Standort befindet und an das Stromnetz angeschlossen ist. Mittels Musterbeladung erfolgt u.a. eine Überprüfung der Einzel- und Sicherheitsfunktionen, z.B. Alarm bei Wassermangel o.ä.

Die Leistungsqualifikation (LQ) dient der Feststellung, ob das installierte Gerät entsprechend den Betriebsabläufen betrieben wird, verlässlich nach den vorbestimmten Kriterien arbeitet und reproduzierbare Ergebnisse liefert. Die LQ ist der Nachweis, dass das Gerät mit den vom Betreiber verwendeten Beladungen sicher und reproduzierbar seine spezifischen Funktionen erfüllt.

Ein Tipp: Bitte planen Sie nicht, Ihre Prozesse erst nach Ankündigung der Behörden validieren zu lassen. Das erleben die Behörden häufig und handeln dementsprechend wie folgt: Alles, was erst nach der schriftlichen Ankündigung einer bevorstehenden Begehung vom Praxisbetreiber angeschafft, überprüft, validiert wurde, gilt zum Zeitpunkt der Begehung als „nicht rechtzeitig erledigt“ und wird – je nach Schweregrad – ggf. mit Ordnungsgeldern belegt.

Top 2: Fehlerhafte Aufbereitung von Übertragungsinstrumenten

  • © Walenga Stanislav/fotolia

  • © Walenga Stanislav/fotolia
    © Walenga Stanislav/fotolia
Hand- und Winkelstücke sind sehr teuer und stehen deshalb in der Praxis in den seltensten Fällen in großen Mengen zur Verfügung. Gleichzeitig wird über den Arbeitstag verteilt eine große Menge benötigt. Ein grober Mangel liegt vor, wenn Sie nicht plausibel erklären können, wie Sie Ihre Übertragungsinstrumente nach jedem Gebrauch RKI-konform aufbereiten. Dabei wird unterschieden zwischen den „semikritisch B“- und den chirurgisch genutzten „kritisch B“-Instrumenten. Dass die chirurgischen Instrumente validiert, maschinell aufbereitet und anschließend steril verpackt werden müssen, ist den meisten Praxen bekannt. In den Mängelprotokollen wird meist die nicht richtlinienkonforme Aufbereitung der semikritischen Hand- und Winkelstücke schriftlich festgehalten.

Immer noch gängige Praxis ist es, die Übertragungsinstrumente nach der Nutzung nur wischdesinfizierend grob zu reinigen, diese dann für die nächsten Patienten weiter zu verwenden, abends zu ölen und dann zu sterilisieren. Diese Vorgehensweise ist jedoch nicht nur aus hygienischen Gründen nicht zugelassen, sie fördert zusätzlich noch die Reparaturanfälligkeit Ihrer wertvollen MP.

Die Metallstäube, die Sie bei jeder Behandlung unweigerlich im Inneren des Instruments produzieren, sammeln sich mit der Zeit an und werden dann „geölt“ und bilden dann einen klebrigen Klumpen Metallstaub im Inneren. Wenn Sie diesen klebrigen Klumpen dann noch abends sterilisieren, haben Sie einen „gebratenen Metallstaubklumpen“. Werden diese Ablagerungen nicht durch Reinigung nach außen gebracht, können sie zu einer Funktionsstörung mit anschließender kostenintensiver Reparatur führen. Doch der Grund, weshalb eine nicht korrekte Aufbereitung nach jedem Patienten durch die Behörden bemängelt wird, ist nicht der Werterhalt, sondern natürlich der hygienische Aspekt. Nach jedem Patienten muss tatsächlich eine Innen- und Außenreinigung sowie eine viruzide Innen- und Außendesinfektion der Hand- und Winkelstücke erfolgen. Ideal ist natürlich der validierte maschinelle Aufbereitungsprozess im Reinigungs- und Desinfektionsgerät (RDG) oder im DAC (mit geeigneten Aufnahmehalterungen). Hierfür ist natürlich eine ausreichende Menge an Handund Winkelstücken für eine im RDG zeitaufwendige Aufbereitung erforderlich. Die Behördenvertreter können sehr wohl beurteilen, ob die Auskunft, dass alle Übertragungsinstrumente jedes Mal nach Nutzung im RDG aufbereitet werden, plausibel ist. Die Anzahl Ihrer Instrumente, Ihr Leistungsspektrum und die Patientenanzahl lassen schnell darauf schließen, ob dies der Tatsache entspricht.

Um also keine Falschaussage zu machen, und vor allem, um Ihren Patienten täglich eine RKI-konforme Aufbereitung zu bieten, überprüfen und ggf. optimieren Sie bitte die Aufbereitung Ihrer Hand- und Winkelstücke. Sofern Sie die Aufbereitung dieser Instrumente nicht maschinell validiert durchführen, sondern ggf. mittels Spraysystemen, mit motorenspezifischen Adaptern, so besprechen Sie bitte mit Ihrem Validierer, in welchen Abständen Sie stichprobenartig Restproteinbestimmungen durchführen müssen, um Ihre Prozessschritte qualitativ zu überwachen.

Top 3: Mangelhafter Aufbereitungsraum

  • Abb. 1: Mangelhafter Unterschrank.

  • Abb. 1: Mangelhafter Unterschrank.
    © Viola Milde
Die Liste der Mängel hinsichtlich der Ausstattung und Aufteilung des Aufbereitungsraums ist häufig lang. Dies kann eine nicht korrekte Trennung der unreinen und reinen Seite sein oder die fehlenden, handberührungslos zu bedienenden Spendersysteme: Überprüfen Sie daher bitte Ihre „AEMP“ (Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte) mal dahingehend, ob alles korrekt ist. Beispiele häufig benannter Mängel sind:

  • Aufquellende Regalböden oder offenporiges Mobiliar: Diese sind die Eintrittspforten für Keime und können auch nicht korrekt gereinigt oder desinfiziert werden (Abb. 1).
  • Die Tür des Aufbereitungsraums ist überhaupt nicht oder nicht eindeutig beschriftet. Die Beschriftung muss klarstellen, dass der Patient keinen Zutritt zu diesem Raum hat.
  • Inkorrekte Seitentrennung der „unreinen“ von der „reinen Seite“.

  • Abb. 2: Beispiel einer einseitigen Aufbereitungszeile.

  • Abb. 2: Beispiel einer einseitigen Aufbereitungszeile.
    © Viola Milde
Auf der unreinen Seite erfolgten die Abfallentsorgung (handberührungsfrei bedienbar), Abstellen der kontaminierten MP, Vorreinigen der kontaminierten MP, Bestücken des RDG oder ggf. des DAC.

Auf der reinen Seite erfolgen das Entladen des RDG oder ggf. des DAC, die Reinigungs- und Funktionskontrolle, die Pflege und Freigabe der semikritischen MP, die Verpackung der kritischen MP, das Beladen des Autoklaven, Entladen des Autoklaven, Endkontrolle und Freigabedokumentation der sterilisierten MP (Abb. 2).

Top 4: Fehler- oder lückenhafte Prozessdokumentation

Ein Klassiker der Mängelprotokolle ist die unzureichende Dokumentation über die Kernprozesse der Aufbereitung. Wichtig zu wissen ist, dass die Prozessdokumentation im Klagefall die „Lebensversicherung“ für die Praxis darstellt. Bitte beachten Sie daher, dass jede Charge des RDG (Reinigungs- und Desinfektionsgerät) und des Autoklaven sowohl technisch (Drucker, Netzwerkkabel, Datenchip o.ä.) als auch persönlich (Beurteilung des Ergebnisses, ggf. Auslesen von Indikatoren etc.) mit PIN-codierter digitaler Unterschrift oder aber händisch, d.h. unterschrieben freigegeben werden muss.

Die technische Dokumentation wie z.B. die Temperatur, der Druck, die Haltezeit und das Programm ersetzt keinesfalls die persönliche Freigabe. Ob Sie diese ausschließlich am PC (wichtig: PIN-codiert oder passwortgeschützt) oder aber manuell mit Listenführung und Unterschrift durchführen, ist gleichwertig rechtssicher. Der mögliche Richterspruch: „Was nicht dokumentiert wurde, hat nie stattgefunden“ unterstreicht die Notwendigkeit der korrekten Dokumentation. Das noch immer häufig praktizierte Archivieren bzw. Aufkleben des kontrollierten Helix-Testreifens ist übrigens nicht erforderlich: Ihre Unterschrift (und der Haken bei der Indikatorkontrolle) ist Beweis dafür, dass Sie den Teststreifen auf korrekten Farbumschlag kontrolliert haben, sodass dieser dann verworfen werden darf.

Top 5: Mangelhafte Hygiene der Behandlungseinheit

  • Abb. 3: Zerlegtes Saughandstück.

  • Abb. 3: Zerlegtes Saughandstück.
    © Viola Milde
Ein voller Terminkalender, zu wenig Zeitpuffer zwischen den Behandlungen von einem zum nächsten Patienten oder auch andere Umstände führen häufig dazu, dass der Reinigung der Behandlungseinheit nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird, was fatale Folgen haben kann. Bei der behördlichen Begehung wird genau geprüft, welche Hygienemaßnahmen zu welchem Zeitpunkt, gemäß den Herstellerangaben der Behandlungseinheit, durchgeführt wurden.

Erstellen Sie eine Arbeitsanweisung, in der diese notwendigen Maßnahmen exakt benannt werden, und führen Sie eine Checkliste. Denken Sie auch an die Handstücke der Saugschläuche (Abb. 3). Ferner werden bei der Begehung die Ergebnisse der mikrobiologischen Untersuchungen Ihres Wassers überprüft werden. Sollten Sie diese bisher nicht einmal jährlich durchführen, so fangen Sie bitte ab sofort damit an.

Top 6: Fachwissen des aufbereitenden Personals

Häufig wird bemängelt, dass das Personal, ZAH oder ZFA, hinsichtlich der Infektionsprävention und der MP-Aufbereitung nicht auf dem aktuellen Kenntnisstand ist. In etwa alle 2 Jahre sollte das Wissen durch externe oder interne Schulungsmaßnahmen aufgefrischt werden.

Ein leitender Mitarbeiter eines Gewerbeaufsichtsamtes erwähnte mir gegenüber einmal: „Mir ist egal, wann die Ausbildung der ZAH oder ZFA beendet wurde. Ich stelle während der Begehung die eine oder andere Wissensfrage und erkenne auch sofort, ob die Mitarbeiterin weiß, was sie tut. Und nur wenn ich den Eindruck habe, dass das aufbereitende Personal nicht sattelfest ist, schicke ich die betreffende Person zum Sachkunde-1-Kurs (40-Stunden-Kurs der DGSV)“.

In diesem Kontext sei auf die MPBetreibV, § 8 „Aufbereitung von Medizinprodukten“, verwiesen [1], mit dem Wortlaut: „(4) Der Betreiber darf mit der Aufbereitung nur Personen, Betriebe oder Einrichtungen beauftragen, die selbst oder deren Beschäftigte, die die Aufbereitung durchführen, die Voraussetzungen nach § 5 hinsichtlich der Aufbereitung des jeweiligen Medizinproduktes erfüllen.

Sofern die beauftragte Person oder die Beschäftigten des beauftragten Betriebes oder der beauftragten Einrichtung nicht über eine nach § 5 erforderliche Ausbildung verfügen, kann für den Nachweis der aktuellen Kenntnis die Teilnahme an fachspezifischen Fortbildungsmaßnahmen berücksichtigt werden.“ Ergänzend dazu steht im § 5 unter „Besondere Anforderungen“: „(1) Sofern für eine Tätigkeit nach dieser Verordnung besondere Anforderungen vorausgesetzt werden, darf diese Tätigkeit nur durchführen, wer hinsichtlich der jeweiligen Tätigkeit über aktuelle Kenntnisse aufgrund einer geeigneten Ausbildung und einer einschlägigen beruflichen Tätigkeit verfügt …“

Trotzdem gibt es landesspezifische Vorgaben. Baden-Württemberg z.B. setzt für die freigabeberechtigte Person den von der Landeszahnärztekammer angebotenen H1–H3-Hygienekurs voraus. Sollten Sie also Wissensdefizite haben, frischen Sie Ihr Fachwissen rund um Hygiene und MP-Aufbereitung auf und geben es anschließend intern auch an Ihr gesamtes Team weiter. Diese Maßnahme müssen Sie zudem schriftlich dokumentieren.

Top 7: Fehlerhafte oder fehlende Risikoklassifizierung

Die Basis der Aufbereitung stellt die vom Betreiber festgelegte Risikoklassifizierung Ihrer aufzubereitenden Instrumente dar. Die Festlegung ist unbedingt durchzuführen und vom Praxisbetreiber zu unterschreiben. Das ist sehr wichtig. Wenn Sie z.B. nicht festlegen, welche Sonde als semikritisch und welche als kritisch eingestuft wird, können Sie auch nicht wissen, welche davon nach dem RDG-Prozess noch verpackt und sterilisiert werden muss. Darüber hinaus gilt es unbedingt zu überprüfen, ob Ihre Risikoklassifizierung komplett und korrekt ist, denn eine fehlende oder eine „runtergeladene, jedoch nicht individualisiert angepasste“ Risikoklassifizierung stellt einen gravierenden Mangel dar.

Ein weiterer Klassiker im Mängelprotokoll – die Risikoklassen: Während der Begehung muss die/der Hygienebeauftragte fit im Umgang mit den Risikoklassen sein. Nicht unüblich ist, dass bei der Begehung die in den Schubladen/Schränken befindlichen Medizinprodukte (Instrumente) bezüglich der korrekten Risikoklasse hinterfragt werden. Entsteht dabei der Eindruck, dass die Risikoklassen nicht verstanden wurden und nicht korrekt angewendet werden, so wird dies nicht nur im Mängelprotokoll festgehalten, sondern stellt meist den „Freifahrtschein“ zu einer verpflichtenden Teilnahme an einer geeigneten Fortbildungsmaßnahme dar.

Top 8: Mängel der Schutzausrüstung und der Personalhygiene

Die Gesundheitsämter überprüfen zu Ihrer Sicherheit, ob die notwendige Schutzausrüstung vorhanden ist. Zur Verfügung stehen sollten: stichhemmende Handschuhe für den Umgang mit kontaminierten MP, chemikalienbeständige Handschuhe für den Umgang mit Gefahrstoffen, Schutzkittel/Schürze für selbigen Zweck, Einmalhandschuhe, Mund-Nasen-Schutz, Schutzbrille (für Brillenträger unbedingt eine Schutzbrille, die über der normalen Brille getragen werden kann), Schutzkittel für den Umgang mit Patienten, die mit multiresistenten Keimen besiedelt sind. Darüber hinaus wird überprüft, ob für ggf. durchzuführende chirurgische Eingriffe in ausreichender Menge sterile Einmalkittel und Abdeckmaterialien vorhanden sind.

  • Abb. 4: Undichter Handschuh.

  • Abb. 4: Undichter Handschuh.
    © Viola Milde
Was das Thema „Personalhygiene“ betrifft, ist es eigentlich mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass das Tragen künstlicher Fingernägel im Bereich Behandlung und/oder MP-Aufbereitung laut „RKI-Händehygiene“ ein absolutes „No-Go“ ist. Trotzdem ist die mangelhafte Personalhygiene auch heute noch ein häufig genannter Punkt im Mängelprotokoll. Übrigens ist es ein weitverbreiteter Irrglaube, dass der Praxisinhaber das Tragen künstlicher Nägel erlauben darf. Mitnichten, denn es gefährdet nicht nur die Gesundheit der Trägerin, sondern auch die des Patienten. Bei Duldung dessen handelt sich im Begehungsfall die Praxismitarbeiterin und der Praxisinhaber Ärger ein.

Die Abbildung 4 verdeutlicht, wie durchlässig ein Einweghandschuh sein kann. Mit fluoreszierender Lösung eingeriebene behandschuhte Hände wurden nach dem Ausziehen der Handschuhe unter Schwarzlicht beleuchtet: Die weißen Flecken bzw. Flächen auf der Haut wären bei diesem Handschuhpaar durchgelassene Keime gewesen – auch auf Ihren Nägeln.

Top 9: Mangelhafte Aufbereitungsprozesse endodontischer MP

Die Aufbereitung von Wurzelkanalinstrumenten stellt in vielerlei Hinsicht eine große Herausforderung dar. Da es in vielen Praxen an korrekter Aufbereitung mangelt, finden wir diesen Punkt sehr häufig in den Protokollen der Behörden. Für eine korrekt durchgeführte Aufbereitung müssen Sie folgende Fragen beantworten können:

  • Ist Ihnen die Aufbereitungs- bzw. Nutzungshäufigkeit der unterschiedlichen WK-Instrumente bekannt? (Herstellerangaben sind verpflichtend)
  • Wird die Aufbereitungshäufigkeit mit geeigneten Maßnahmen nachvollziehbar überwacht?
  • Werden die WK-Instrumente, die für den Mehrfachgebrauch vorgesehen sind, korrekt maschinell validiert aufbereitet? (Kategorie: kritisch B)
  • Erfolgt die maschinelle Aufbereitung im RDG in geeigneten Ständern/Halterungen und nicht im „Kleinteile-Sieb“?
  •  Werden die kleinen Instrumenten-Größen, die der Hersteller zur Einmalverwendung vorsieht, nach einmaligem Gebrauch entsorgt?
  • Werden die WK-Instrumente nach dem validierten maschinellen Aufbereitungsprozess (RDG) korrekt verpackt, sterilisiert und bis zur Anwendung staubgeschützt steril gelagert?

  • Abb. 5: Big Box als Beispiel für nicht hygienisch korrekte Aufbereitung.

  • Abb. 5: Big Box als Beispiel für nicht hygienisch korrekte Aufbereitung.
    © Viola Milde
Die Verwendung von großen Endoboxen, wie in Abbildung 5 dargestellt, ist hygienisch keinesfalls vertretbar. Zum einen sind sämtliche Instrumente in dieser Box als unsteril zu betrachten, zum anderen lässt es sich nicht nachweisen, welches dieser Instrumente in welcher Häufigkeit bereits autoklaviert und verwendet wurde.

Top 10: Dokumente

Fehlende und fehlerhafte Dokumente sind ein weitverbreiteter Mangel, den es spätestens vor der behördlichen Begehung zu beseitigen gilt. Dies sind:

  • Hygieneplan/Hautschutzplan, individualisiert
  • Risikoklassifizierung der MP, individualisiert und von der Praxisleitung unterschrieben
  • Arbeitsanweisungen, individualisiert, für alle hygienerelevanten Arbeitsschritte.
  • korrekte Validierungsunterlagen
  • Dokumentationen der Prozesse und Routineprüfungen
  • Bestandsverzeichnis aller aktiven Medizinprodukte nach § 13 der MPBetreibV
  • Gerätebücher nach § 12 und Nachweise der STK § 11 und MTK § 14 (STK = Sicherheitstechnische Kontrolle, MTK = Messtechnische Kontrolle
  • Organigramm (Regelung der Zuständigkeiten)
  • Praxisreinigungs- und Desinfektionsplan
  • Arbeitsanweisung für den Umgang mit MRE-besiedelten Patienten (MRE = multiresistente Erreger)
  • Freigabeberechtigung
  • Arbeitsanweisung für den Umgang mit Vorkommnissen nach MPSV (MPSV = Medizinprodukte-Sicherheitsplanverordnung)
  • Dokumentation nosokomialer Infektionen
  • etc. …

Fazit

Die hier behandelten Top 10 der Hygienemängel sind nur ein Auszug der Mängelprotokolle aus meinem mittlerweile 7-jährigen Einsatz als bundesweiter Hygienecoach. Wie eingangs erwähnt, hängt es von der jeweiligen Behörde ab, was geprüft und wie mehr oder weniger akribisch bemessen und ggf. geahndet wird. Wichtig für Sie als Praxisbetreiber und Ihr Praxisteam ist, die Auflagen zu kennen und sukzessive umzusetzen, bevor sich eine Praxisbegehung ankündigt. Stockt die Umsetzung und sind Sie unsicher, was und wie etwas umgesetzt werden muss, dann sollten Sie sich ggf. externe professionelle Hilfe einholen. Hinterfragen Sie bei einer externen Beratung, wenn Ihnen eine Auflage seltsam vorkommt. Es gibt wirklich kompetente Berater, die fachmännisch weiterhelfen können.

Mitunter haben Praxen nach einer durchgeführten „Beratung“ Unmengen an Waren und Geräten gekauft, die sie laut ihrem „Berater“ nach geltenden Richtlinien angeblich brauchen würden. In solchen Fällen dürfte der „Berater“ ein kommerzielles Interesse verfolgt haben und weniger die Unterstützung im Hinblick auf eine ggf. anstehende behördliche Praxisbegehung.  

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Viola Milde


Erfahren Sie im kostenlosen Live-Webinar „TrioClear – Aligner online & unlimited“ von Permadental am 14.09.2022 von 14:00–15:00 Uhr alles über die neuen und innovativen Möglichkeiten aus der Welt der Aligner.

Jetzt kostenlos anmelden