Endodontie


Handlungsempfehlungen für eine erfolgreiche Wurzelkanalaufbereitung

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Die Wurzelkanalaufbereitung stellt einen essenziellen Schritt der endodontischen Therapie dar. Doch nicht allzu selten führen Komplikationen während der Durchführung, wie z.B. die Verlegung des Wurzelkanals oder eine Instrumentenfraktur, zu Beeinträchtigungen des täglichen Praxisablaufs und damit zur Entstehung von Frustrationen. Der nachfolgende Artikel bietet eine Übersicht der wichtigsten Schritte der Wurzelkanalaufbereitung. Praktische Tipps helfen, den Behandlungsablauf zu optimieren und ermöglichen es, das gewünschte Behandlungsergebnis zuverlässig zu erreichen.

Das primäre Ziel einer endodontischen Therapie stellt der Zahnerhalt durch die Ausheilung oder Prävention einer apikalen Parodontitis dar. Entscheidend für ein optimales Behandlungsergebnis sind dabei eine möglichst große Bakterienreduktion sowie ein dichter postendodontischer Verschluss.

Für den endodontischen Misserfolg spielen im Wurzelkanal verbliebene Bakterien als Folge einer unzureichenden Aufbereitung eine entscheidende Rolle [1]. Dieser Umstand kann z.B. als Folge einer unvollständigen Instrumentierung auftreten oder auf eine mangelhafte Desinfektion des Wurzelkanalsystems zurückgeführt werden (Abb. 1). Wie die Wurzelkanalaufbereitung optimiert und damit das Behandlungsergebnis verbessert werden kann, wird nachfolgend erläutert.

  • Abb. 1: Die Optimierung der Wurzelkanalpräparation ermöglicht bei der Revisionsbehandlung das Erschließen des gesamten Wurzelkanalsystems und somit einen erfolgreichen Abschluss der Behandlung.
a) Zahn 37 mit postendodontischer Parodontitis apicalis bei Vorliegen einer röntgenologisch insuffizienten Wurzelfüllung.
b) Nach der Revision ist das Wurzelkanalsystem vollständig gefüllt, die periapikale Läsion befindet sich in Ausheilung.
  • Abb. 1: Die Optimierung der Wurzelkanalpräparation ermöglicht bei der Revisionsbehandlung das Erschließen des gesamten Wurzelkanalsystems und somit einen erfolgreichen Abschluss der Behandlung. a) Zahn 37 mit postendodontischer Parodontitis apicalis bei Vorliegen einer röntgenologisch insuffizienten Wurzelfüllung. b) Nach der Revision ist das Wurzelkanalsystem vollständig gefüllt, die periapikale Läsion befindet sich in Ausheilung.
    © Dr. Kowollik

Prinzipien der Wurzelkanalaufbereitung

Die Präparation des Wurzelkanalsystems verfolgt 2 Ziele:

1. Verbesserung der Spülwirkung: Aufgrund der zumeist sehr komplexen Wurzelkanalanatomie mit häufig ovalen Wurzelkanalquerschnitten, Isthmen, Ramifikationen und Seitenkanälen ist es nicht möglich, allein durch die Präparation alle bakteriell besiedelten Areale des Wurzelkanalsystems zu erreichen und das infizierte Dentin vollständig abzutragen. Diverse Studien konnten anhand von Micro-CT-Untersuchungen eindrucksvoll zeigen, dass annähernd die Hälfte der Wurzelkanaloberfläche trotz ordnungsgemäßer Aufbereitung unbearbeitet blieb [2,3].

Die vollständige Präparation des Wurzelkanalsystems kann folglich nicht als primäres Ziel der Wurzelkanalaufbereitung formuliert werden, sondern sollte vielmehr als Mittel zum Zweck gesehen werden; nämlich einen ausreichend großen Zugang zu den nicht instrumentierbaren Bereichen zu schaffen, um dort eine möglichst große Menge an Spüllösung platzieren zu können. Und zwar so, dass eine ausreichende Desinfektion bzw. Bakterienreduktion und somit eine Ausheilung stattfinden kann.

2. Ermöglichung einer suffizienten Wurzelfüllung: Da die chemo-mechanische Aufbereitung nicht in der Lage ist, das Wurzelkanalsystem vollständig zu desinfizieren (s.o.), haben die Wurzelfüllung und der postendodontische Verschluss zum Ziel, die im Wurzelkanal verbliebenen Bakterien so weit einzumauern, dass eine Vermehrung und Rekolonisation des Wurzelkanals weitestmöglich unterbunden wird.

Um die genannten Ziele zu erreichen, formulierte Herbert Schilder bereits Mitte der 1970er-Jahre diverse Anforderungen an die Wurzelkanalpräparation, die auch heute noch ihre Gültigkeit besitzen (Tab. 1). Wie die Arbeitslänge zuverlässig erreicht und die Wurzelkanalaufbereitung gemäß den Anforderungen umgesetzt werden kann, wird im Folgenden besprochen.

  • Tab. 1: Ansprüche an die Wurzelkanalpräparation, mod. nach Schilder [4].
  • Tab. 1: Ansprüche an die Wurzelkanalpräparation, mod. nach Schilder [4].
    © Dr. Kowollik

Technisches Vorgehen

Generelle Überlegungen

Die meisten Bakterien befinden sich bei einer Infektion des Endodonts im koronalen sowie im mittleren Wurzelabschnitt [5]. Folglich erscheint es sinnvoll, egal welches Instrumentensystem zum Einsatz kommt, das Wurzelkanalsystem konisch in einem Step-down-Prinzip zu erschließen. Dabei wird schrittweise zunächst der koronale Anteil des Wurzelkanalsystems ausgeformt, dann das mittlere Wurzelkanaldrittel erweitert und erst im letzten Schritt der apikale Wurzelkanalbereich bis zum Apex erschlossen (Abb. 2).

  • Abb. 2: Beispielhaftes Vorgehen beim Step-down-Prinzip. Bei einer angenommenen Zahnlänge von 21 mm erfolgt die koronale Ausformung (Preflaring) bis zu einer Arbeitslänge von 12 mm. Das mittlere Wurzelkanaldrittel wird im zweiten Schritt erweitert (Arbeitslänge: 16 mm). Erst zuletzt wird der Wurzelkanal bis zur endgültigen Arbeitslänge (hier: 20 mm) aufbereitet.
  • Abb. 2: Beispielhaftes Vorgehen beim Step-down-Prinzip. Bei einer angenommenen Zahnlänge von 21 mm erfolgt die koronale Ausformung (Preflaring) bis zu einer Arbeitslänge von 12 mm. Das mittlere Wurzelkanaldrittel wird im zweiten Schritt erweitert (Arbeitslänge: 16 mm). Erst zuletzt wird der Wurzelkanal bis zur endgültigen Arbeitslänge (hier: 20 mm) aufbereitet.
    © Dr. Kowollik

Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass im koronalen Wurzelkanalabschnitt bereits ein Großteil des infizierten Dentins abgetragen und infolgedessen eine Keimverschleppung nach apikal reduziert wird. Zudem ermöglicht die Erweiterung bereits zu einem frühen Zeitpunkt der Behandlung eine effektivere Spülung und somit eine weitere Bakterienreduktion. Nicht zuletzt führt die Erweiterung des koronalen und mittleren Wurzelkanaldrittels zu einer leichteren Erschließung des apikalen Wurzelkanalsystems und reduziert damit die Möglichkeit des Auftretens von Aufbereitungsfehlern.

Schritt 1: Kanaleingangsdarstellung

Nach dem Anlegen einer ausreichend großen primären Zugangskavität, also dem Zugang zur Pulpakammer, wird die sekundäre Zugangskavität präpariert. Im 1. Teilschritt werden dabei die an der Pulpakammerwand liegenden Dentinüberhänge mit entsprechendem Instrumentarium entfernt, wodurch ein geradliniger Zugang zu den Wurzelkanaleingängen geschaffen wird. Im 2. Teilschritt erfolgt die trichterförmige Erweiterung der Wurzelkanaleingänge: das koronale oder auch zervikale Preflaring (Abb. 3).

  • Abb. 3:
a) Primäre und sekundären Zugangskavität; die roten Bereiche entsprechen dem Dentinabtrag, der bei der Präparation der sekundären Zugangskavität und dem koronalen Preflaring erfolgt.
b) Instrumentarium: Neben dem vorsichtigen Einsatz diamantierter Schleifkörper sind auch überlange Rosenbohrer dem gezielten Dentinabtrag sehr dienlich.
  • Abb. 3: a) Primäre und sekundären Zugangskavität; die roten Bereiche entsprechen dem Dentinabtrag, der bei der Präparation der sekundären Zugangskavität und dem koronalen Preflaring erfolgt. b) Instrumentarium: Neben dem vorsichtigen Einsatz diamantierter Schleifkörper sind auch überlange Rosenbohrer dem gezielten Dentinabtrag sehr dienlich.
    © Dr. Kowollik

Koronales Preflaring

Die Erweiterung der Kanaleingänge ist einer der wichtigsten Schritte bei der Wurzelkanalaufbereitung. Die wesentlichen Vorteile, die sich daraus für die endodontische Therapie ergeben, sind in Tabelle 2 aufgeführt.

  • Tab. 2: Vorteile, die aus der Durchführung des koronalen Preflarings resultieren.
  • Tab. 2: Vorteile, die aus der Durchführung des koronalen Preflarings resultieren.
    © Dr. Kowollik

Zum Vorgehen: Zunächst wird eine dünne K-Feile, meist der ISOGröße 10, passiv einige Millimeter in den Wurzelkanal eingebracht, um die Durchgängigkeit des koronalen Wurzelkanalabschnittes zu überprüfen. Im Anschluss wird der Kanaleingang, beschränkt auf das koronale Wurzeldrittel, erweitert. Zur Durchführung können verschiedene Instrumente zum Einsatz kommen.

Bei kleineren Kanallumina empfiehlt sich die Verwendung spezieller Kanaleingangserweiterer. Diese sogenannten Orifice-Opener besitzen einen kurzen Arbeitsteil und einen größeren Taper, wodurch sie ausreichend stabil und sehr effektiv im Hartsubstanzabtrag sind. Bei größeren Kanallumina können hingegen auch Gates-Glidden-Bohrer in einer Crown-Down-Technik eingesetzt werden. Beim Gebrauch aller Instrumente ist darauf zu achten, mit einem leichten Druck nach außen bzw. weg von der Furkation („danger zone“) zu arbeiten, um das Risiko einer Perforation in diesem Bereich zu vermeiden. Einer Verblockung wird durch die regelmäßige Rekapitulation mit einer ISO-10-Handfeile und einer ausreichenden Spülung entgegengewirkt.

Auch kann es manchmal sinnvoll werden, verschiedene Instrumente miteinander zu kombinieren, z.B. bei sehr engen Kanaleingängen zunächst mit Handinstrumenten der ISO Größen 6, 8 und 10 zu beginnen und das Kanallumen folgend mit rotierenden Instrumenten zu erweitern.

Schritt 2: Arbeitslängenbestimmung

1. Patency

Im nächsten Behandlungsschritt wird die sogenannte Patency sichergestellt bzw. erstellt. Unter dem Begriff der Patency versteht man einfach gesagt die Durchgängigkeit des apikalen Wurzelkanalabschnitts. Zur Durchführung wird das Wurzelkanalsystem mit einer Handfeile geringen Durchmessers, zumeist der ISO-Größe 10, ausgetastet. Dabei wird die apikale Konstriktion passiv, ohne Erweiterung, instrumentiert [12].

Die Patency wird in der Literatur etwas kritischer diskutiert. Allerdings sprechen einige Aspekte wie die Verhinderung apikaler Blockaden [13] oder eine Verbesserung der Spülwirkung [14] für dieses Vorgehen. Zudem hat das Erreichen einer Patency einen signifikanten Einfluss auf die periapikale Heilung [15]. Entscheidend ist hier, dass die Patency-Feile sehr vorsichtig eingesetzt wird. Insofern darf die Feile nicht zu groß gewählt werden und nicht zu exzessiv arbeiten, um eine Transportation des apikalen Foramens zu vermeiden [16].

2. Elektrometrische Längenmessung

Parallel zum Vorgehen der Patency sollte die endodontische Arbeitslänge bestimmt werden. Im Allgemeinen wird die endodontische Arbeitslänge definiert als Distanz zwischen einem koronalen Referenzpunkt und dem Punkt, an dem die Wurzelkanalpräparation und Obturation enden sollte [17]. Als apikaler Referenzpunkt wird dabei der Bereich an bzw. kurz vor der physiologisch engsten Stelle des Wurzelkanals, der apikalen Konstriktion, angestrebt [18,19]. Auf diese Weise kann die Kontaktfläche zwischen der Wurzelfüllung und dem apikalen Gewebe so gering wie möglich gehalten und die Gefahr persistierender periapikaler Entzündungsreaktionen reduziert werden [18].

Aus der Literatur ist hinreichend bekannt, dass die Bestimmung der Arbeitslänge mithilfe eines elektronischen Apexlokators im Vergleich zur Röntgendiagnostik präziser möglich ist [20,21]. Als apikaler Messpunkt kann dabei entweder die apikale Konstriktion (als gewünschter Endpunkt der Präparation und Obturation) oder das apikale Foramen dienen. Da die Lokalisation der apikalen Konstriktion im Vergleich zum Foramen nur mit einer geringen Präzision möglich ist [22] und damit das Risiko einer Unter- oder Überinstrumentierung steigt, wird zumeist das Foramen als apikaler Referenzpunkt präferiert (Anzeige 0 auf Display). Zur Festlegung der endodontischen Arbeitslänge müssen demgemäß abschließend noch 0,5 mm von der elektrometrisch ermittelten Länge subtrahiert werden [23].

3. Gleitpfad

Nach der elektrometrischen Bestimmung der Arbeitslänge und deren röntgenologischer Überprüfung wird im folgenden Schritt ein Gleitpfad angelegt. Dafür wird der Wurzelkanal bis zu einer ISO-Größe von ca. 15 (abhängig vom verwendeten System) auf der festgelegten Arbeitslänge erweitert. Die Erstellung des Gleitpfades kann sowohl mit Handfeilen als auch mit maschinell betriebenen Gleitpfad-Systemen erfolgen. Der Gleitpfad dient dem sicheren Einsatz der nachfolgenden rotierenden Feilensysteme.

Auch wenn viele Hersteller damit werben, dass für die Verwendung ihres Feilensystems kein Gleitpfad benötigt wird, reduziert die Präparation eines solchen dennoch das Drehmoment [24] und resultiert somit in einem geringeren Risiko für Instrumentenfrakturen [25]. Zudem können Komplikationen wie das Überpressen von Dentinspänen [26] und Kanaltransportationen reduziert werden [27], da die rotierenden Feilen den Gleitpfad als eine Art Leitschiene nutzen.

Schritt 3: Präparation Mittleres Drittel

Nach der koronalen Erweiterung folgt die Präparation des mittleren Wurzelkanaldrittels. Ziel dieses Schrittes ist es, den Zugang zum apikalen Wurzelkanalabschnitt zu erleichtern und die mechanische Belastung der Feilen weiter zu reduzieren. Unabhängig vom verwendeten Aufbereitungssystem sollte der Wurzelkanal in einer Crown-Down-Technik erweitert werden.

Nach dem Einsatz jeder einzelnen Feile erfolgen sowohl eine Spülung als auch Rekapitulation. Bei der Rekapitulation wird eine ISO-10-Handfeile jeweils 1 mm tiefer als die bereits erfolgte Aufbereitung eingebracht. Auf diese Weise werden die durch die Präparation eingepressten Dentinspäne gelockert. Durch die Spülung des Wurzelkanals werden nachfolgend die gelösten Dentinspäne herausbefördert.

Schritt 4: Präparation apikales Drittel

Bevor die Aufbereitung des apikalen Wurzelabschnitts beginnen kann, gilt es einige Faktoren zu erörtern, die Auswirkungen auf die Art und Weise der Präparation haben:

Aufbereitungsgröße

Über das Thema der Aufbereitungsgröße gibt es zahlreiche Diskussionen. Auf der einen Seite steht die Forderung, eine minimale apikale Präparation durchzuführen, um die Zahnhartsubstanz zu schonen und mögliche Aufbereitungsfehler zu vermeiden [28]. Auf der anderen Seite ist der Anspruch, eine ausreichende Bakterienreduktion zu erzielen. In der Literatur finden sich hierzu kontroverse Studienergebnisse. Einige Untersuchungen zeigten keine erhöhte Bakterienreduktion durch eine größere Aufbereitung [29], andere konnten hingegen sehr wohl eine stärkere Bakterienreduktion nachweisen [30]. Eine allgemeingültige Empfehlung zur Größe der Präparation kann aufgrund der zahlreichen beeinflussenden Faktoren nicht gegeben werden. Jedoch ist es sinnvoll, die Aufbereitungsgröße unter Berücksichtigung verschiedener Gesichtspunkte zu adaptieren:

  • Die Aufbereitungsgröße sollte entsprechend der Größe der Spülkanüle gewählt werden, da die Spülwirkung abhängig vom gewählten Kanülendesign z.T. nur 1 mm über die Kanülenspitze hinaus reicht [31]. Wird z.B. eine Spülkanüle mit einem Durchmesser von 30 Gauge (entspricht einem Außendurchmesser von 0,32 mm) eingesetzt, muss der Wurzelkanal mindestens bis zu einer ISO 35 erweitert werden, um eine ausreichende Spülwirkung zu erzielen; ohne dabei ein Verklemmen der Kanüle oder ein Überpressen der Spülflüssigkeit zu riskieren.
  • Weiterhin muss die Aufbereitung eine optimale Obturation des Wurzelkanals erlauben. Hier variiert die Präparationsgröße bzw. der gewählte Taper je nach angewandter Fülltechnik.
  • Die Hartsubstanz sollte jedoch nicht übermäßig entfernt werden, um die Wurzel nicht zu stark zu schwächen und Aufbereitungsfehler zu vermeiden. Dabei sollte die Aufbereitungsgröße entsprechend dem Ausmaß der Wurzelkrümmung gewählt werden. Es gilt: je größer die Krümmung und je kleiner der Krümmungsradius, desto kleiner die gewählte Aufbereitungsgröße.
  • Zudem sollte die Aufbereitungsgröße in Abhängigkeit vom Ausgangszustand der Pulpa gewählt werden [32]. Bei einer Vitalexstirpation kann die Aufbereitung tendenziell etwas graziler erfolgen, da sich die infizierten Pulpabereiche auf den koronalen Wurzelkanalabschnitt begrenzen. Bei einer infizierten Nekrose sollte hingegen eine Tendenz zu einer größeren Aufbereitung bestehen, da hier von einer Infektion des gesamten Wurzelkanalsystems auszugehen ist.

Systematik der Aufbereitung – maschinell oder manuell

Die maschinelle Wurzelkanalaufbereitung mithilfe von Nickel-Titan(NiTi)-Feilen ist heute zum Standard in fast jeder zahnärztlichen Praxis geworden. Mit dem Ziel, die endodontische Behandlung immer weiter zu optimieren, wurden bereits zahlreiche Feilensysteme entwickelt und jedes Jahr kommen neue dazu.

Grundsätzlich unterscheiden sich Wurzelkanalfeilen in ihrer Querschnittsform, ihrem Taper und in der Zusammensetzung ihrer Legierung. Zudem können sie durch spezielle Oberflächenmodifikationen verbesserte physikalische Eigenschaften erhalten.

Aus den genannten Charakteristika resultieren diverse Feilendesigns, die sich durch spezielle Eigenschaften und Arbeitsweisen auszeichnen. Trotz der Diversität der einzelnen Feilensysteme zeigt die Literatur, dass die Art der Instrumentierung letztendlich keinen signifikanten Einfluss auf die Erfolgsrate der endodontischen Behandlung zu haben scheint [15].

Folglich müssen erneut andere Faktoren für die Auswahl eines Feilensystems in Betracht gezogen werden. In erster Linie ist hier wohl die persönliche Präferenz des Behandlers ausschlaggebend: Ist eine besonders flexible oder eher eine effizient arbeitende Feile gewünscht? Wird ein rotierendes oder reziprokes Aufbereitungssystem favorisiert? Passt der erhältliche Taper zur bewährten Wurzelfülltechnik? usw.

Sind die Anforderungen an die gewünschte Feile definiert, kann aus einem breiten Sortiment das passende System gewählt werden. Zudem ermöglicht die Kombination verschiedener Feilensysteme, die jeweiligen Vorteile der einzelnen Feilen zu nutzen und an die individuellen anatomischen Gegebenheiten jeder einzelnen Behandlung anzupassen. Die Erprobung an extrahierten Zähnen kann vor Etablierung eines neuen Feilensystems sinnvoll sein, um sich mit der neuen Arbeitsweise vertraut zu machen. Unabhängig vom eingesetzten Feilensystem können für die Präparation mit NiTi-Feilen allgemeingültige Empfehlungen ausgesprochen werden (Tab. 3).

  • Tab. 3: Empfehlungen für die Präparation mit rotierenden Instrumentensystemen, mod. nach Peters [33].
  • Tab. 3: Empfehlungen für die Präparation mit rotierenden Instrumentensystemen, mod. nach Peters [33].
    © Dr. Kowollik

Obwohl oder gerade weil die maschinell betriebenen Feilensysteme zum Standard bei der Wurzelkanalpräparation geworden sind, ist es wichtig, an dieser Stelle noch einmal über die Systematik der Handinstrumentierung zu sprechen. Gerade zu Beginn der Behandlung können Handfeilen dem Behandelnden gute Dienste erweisen. Im Vergleich zu rotierenden Instrumenten verbessern Handfeilen die taktile Wahrnehmung, sodass sie wichtige Informationen z.B. über die Richtung und das Ausmaß einer Krümmung liefern oder Auskunft über die Kanalkonfiguration geben können (Abb. 4).

  • Abb. 4: Das Austasten des Wurzelkanals mithilfe dünner Handfeilen kann wichtige Informationen über das Vorliegen sowie Richtung und Ausmaß von Kanalkrümmungen geben.
  • Abb. 4: Das Austasten des Wurzelkanals mithilfe dünner Handfeilen kann wichtige Informationen über das Vorliegen sowie Richtung und Ausmaß von Kanalkrümmungen geben.
    © Dr. Kowollik

Für die Aufbereitung selbst stehen verschiedene Grundtypen von Feilen zur Verfügung, wobei für die reguläre Wurzelkanalpräparation lediglich K-Feilen benötigt werden. Hedström-Feilen hingegen sind aufgrund ihrer aggressiven Arbeitsweise und geringen Flexibilität weder zum Austasten noch zur Aufbereitung von Wurzelkanälen geeignet.

Für die Wurzelkanalaufbereitung selbst wurden zahlreiche Techniken entwickelt. Zu den bekanntesten gehören die Step-back-, die Step-down- und die Crown-Down-Technik. Weiterhin wurden verschiedene Feilenbewegungen beschrieben, die je nach Kanalmorphologie und Stadium der Wurzelkanalaufbereitung zum Einsatz kommen können.

Die 2 wichtigsten sind die sogenannte Watch-Winding-Bewegung und die Balanced Force Technik. Bei der Watch-Winding-Bewegung wird die Feile leicht zwischen den Fingern hin- und hergedreht. Sie ist v.a. zu Beginn der Behandlung zur Erschließung von engen Kanälen hilfreich und wird bei Verwendung der Patency-Feile gebraucht. Mithilfe der Balanced Force Technik [34] kann generell jede manuelle Wurzelkanalpräparation erfolgen, v.a. aber ist sie für die Präparation von gekrümmten Kanälen geeignet.

Für die Wurzelkanalpräparation mittels Handfeilen sollten diese grundsätzlich entsprechend der Kanalgeometrie vorgebogen werden. Die Markierung des Stoppers kann entsprechend der Krümmung ausgerichtet und so als Orientierungshilfe beim Austasten dienen. Um eine Verblockung oder einen Verlust der Arbeitslänge zu vermeiden, sollte der Wurzelkanal auch bei einer manuellen Präparation nach jeder Feile gespült und rekapituliert werden.

Schritt 5: Überprüfung der Aufbereitung

Die Wurzelkanalpräparation muss vor Durchführung der Wurzelfüllung auf eine ausreichende Präparationsgröße überprüft werden, um Komplikationen wie z.B. das Überpressen von Wurzelfüllmaterial zu vermeiden.

Erste Hinweise kann die Feile bereits während der Präparation geben. Durch das Visual Gauging wird kontrolliert, ob sich die Spanräume im apikalen Anteil der Feile ausreichend mit Dentinspänen füllen. Ist dies der Fall, kann vermutet werden, dass zumindest ein Teilbereich der apikalen Wurzelkanalwand bearbeitet wurde. Sind die Spanräume hingegen frei von abgetragenem Dentin, kann mit großer Sicherheit davon ausgegangen werden, dass die eingesetzte Feile einen für den Wurzelkanal zu kleinen Durchmesser innehat und den Einsatz größerer ISO-Größen erforderlich macht.

Eine weitere Kontrolle der Wurzelkanalaufbereitung erfolgt nach Abschluss der Präparation durch das Apical Gauging (Abb. 5). Dabei wird eine Handfeile, eine ISO-Größe größer als die letzte auf Arbeitslänge eingebrachte Feile (apikale Masterfeile), nach apikal vorgeschoben. Klemmt das Instrument vor der definierten Arbeitslänge, ist anzunehmen, dass die gewählte Aufbereitungsgröße der tatsächlichen apikalen Dimension entspricht. Lässt sich die größere Feile hingegen bis zur definierten Arbeitslänge vorschieben, ist die bisher gewählte Aufbereitungsgröße kleiner als der tatsächliche apikale Durchmesser. Folglich reicht die bisherige Aufbereitung nicht aus und eine weitere apikale Präparation muss erfolgen, um einen sicheren Stopp für die Wurzelfüllung zu gewährleisten.

  • Abb. 5: Prinzip des Apical Gaugings. Beispielhaft wird mit einer ISO 40 NiTi-Feile überprüft, ob die erfolgte Aufbereitung bis ISO 35 ausreichend ist.
a) Die Feile gleitet bis zur festgelegten Arbeitslänge; die Aufbereitung reicht nicht aus – es muss eine weitere Präparation erfolgen.
b) Die Feile klemmt vor der definierten Arbeitslänge; die Aufbereitung ist suffizient und die Obturation kann erfolgen.
  • Abb. 5: Prinzip des Apical Gaugings. Beispielhaft wird mit einer ISO 40 NiTi-Feile überprüft, ob die erfolgte Aufbereitung bis ISO 35 ausreichend ist. a) Die Feile gleitet bis zur festgelegten Arbeitslänge; die Aufbereitung reicht nicht aus – es muss eine weitere Präparation erfolgen. b) Die Feile klemmt vor der definierten Arbeitslänge; die Aufbereitung ist suffizient und die Obturation kann erfolgen.
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Fazit

Kein Feilensystem ist in der Lage, den Wurzelkanal vollständig von Bakterien zu befreien. Allerdings ist es möglich, die Spülwirkung als Schlüssel zum Erfolg, durch eine optimale Wurzelkanalpräparation zu verbessern. Um den Schritt der Aufbereitung bestmöglich durchführen zu können, ist es wiederum erforderlich, sich mit den verschiedenen Instrumenten und ihren Arbeitsweisen sowohl theoretisch als auch praktisch vertraut zu machen. Nur durch den bewussten Einsatz und ausreichend Übung gelingt es auch, sicher und gezielt den gewünschten Erfolg zu erreichen, denn: „Was man lernen muss, um es zu tun, das lernt man, indem man es tut.“ (Aristoteles)

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. med. dent. Susanne Kowollik, M.Sc.


Weiterführende Links

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