Endodontie


Die Endodontische Mikrochirurgie

11.10.2019
aktualisiert am: 10.02.2020

© radub85/fotolia
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Die Integration zahlreicher innovativer Techniken und Materialien hat die endodontische Mikrochirurgie von heute zu einem hoch spezialisierten Bereich der zahnärztlichen Chirurgie weiterentwickelt. Sie ist das Verfahren der Wahl bei dem oftmals letzten Versuch der Therapie einer apikalen Pathologie, wie Dr. Zorn nachfolgend aufzeigt.

Sowohl orthograde Wurzelkanalbehandungen als auch orthograde Revisionsbehandlungen tragen mit etwa 83% respektive 80% Erfolgswahrscheinlichkeit zu einem großen Teil zum Zahnerhalt bei und verhindern somit häufig aufwendige, invasivere sowie kostspielige Alternativen für die Patienten [1]. Wenn jedoch aufgrund von umfangreichen Suprakonstruktionen, wie Stiften und/oder mehrteiligen intakten prothetischen Arbeiten, oder aufgrund einer zu komplexen Wurzelkanalanatomie eine orthograde Behandlung nicht Erfolg versprechend erscheint, kann in vielen Fällen ein Zahnerhalt auch durch eine mikrochirurgisch durchgeführte retrograde endodontische Therapie erreicht werden. Die aktuelle metaanalytische Studienlage kann durchschnittliche Erfolgschancen von 92% bei mikrochirurgisch durchgeführten endodontischen Therapien nachweisen [3].

Was ist endodontische Mikrochirurgie?

Die endodontische Mikrochirurgie unterscheidet sich von der konventionellen Wurzelspitzenresektion durch diverse Änderungen des Instrumentariums, welches einen minimalinvasiveren und zielgerichteteren Eingriff mit dem Ziel der optimalen und langfristigen Aufbereitung und des Verschlusses aller potenziell bakteriell kontaminierten dentalen Hohlräume zum umgebenden Gewebe hin ermöglicht.

Um auf dem anatomisch vorgegebenen Format suffizient arbeiten zu können, stellt sich die bestmögliche Vergrößerung und Beleuchtung durch das Dentalmikroskop/Endoskop als optimal dar. Das Abtrennen der Wurzelspitze um etwa 3 mm hat den Zweck, möglichst viele laterale Kanälchen des apikalen Deltas des Wurzelkanalsystems zu entfernen [2]. Damit ist auch gleichzeitig die Größe der Knochenkrypte von ebenfalls 3 mm Durchmesser festgelegt, falls die Ausdehnung der vorhandenen apikalen Destruktion nicht schon eine größere Läsion vorgibt. Die Größe der Knochenkrypte reicht aus, um die abgewinkelten retrograden Aufbereitungsinstrumente einbringen zu können und andererseits eine rasche und möglichst vollständige Regeneration des Kieferknochens zu gewährleisten.

  • Abb. 1: Auf der linken Seite lässt die starke Anschrägung der Wurzelspitze im Kanal vorhandene Bakterien durch die schräg geschnittenen Dentintubuli in den Periapex. Aus der rechten Seite verhindert das parodontale Ligament auf der unbeschädigten Wurzeloberfläche bei geringem Bevelgrad das ungehinderte Austreten von intrakanalären Bakterien.

  • Abb. 1: Auf der linken Seite lässt die starke Anschrägung der Wurzelspitze im Kanal vorhandene Bakterien durch die schräg geschnittenen Dentintubuli in den Periapex. Aus der rechten Seite verhindert das parodontale Ligament auf der unbeschädigten Wurzeloberfläche bei geringem Bevelgrad das ungehinderte Austreten von intrakanalären Bakterien.
    © Dr. Sebastian Zorn
Um einen möglichst kleinen knöchernen Defekt im Operationsgebiet zu schaffen, wird auch auf den bisher obligatorischen Bevel (das Anschrägen der resezierten Wurzelspitze zur besseren Sicht auf den entstandenen Neoapex) verzichtet. Dies stellt keinen Nachteil bei der Übersicht im Operationsfeld dar, da die möglichst rechtwinklig zum Wurzelkanalverlauf entstandene Schnittfläche mit Methylenblau angefärbt wird und mit Mikrospiegeln observiert werden sollte. Mittels des Methylenblaus können auch feinste Strukturveränderungen wie Wurzelfrakturlinien, Seitenkanälchen, zusätzliche Kanalstrukturen sowie Isthmen zwischen den Hauptkanälen sicher identifiziert und entsprechend behandelt werden (Abb. 1). Mithilfe spezieller Mikrospiegel ist eine sorgfältige Inspektion selbst von schlecht einsehbaren Arealen möglich, ohne übermäßig viel zusätzlichen Knochen zu opfern.

Eine komplett bis koronal reichende Aufbereitung und Versiegelung ist für einen langfristigen Erfolg nicht nötig, ein retrograder Verschluss von mindestens > 2,5 mm Länge jedoch schon [2]. Durch Studien konnte festgestellt werden, dass ein > 2,5 mm langer Verschluss mit einem adäquaten Material aller Kanalanteile zum periapikalen Gewebe hin ausreicht, um einen dauerhaft dichten Verschluss zu erzielen [12]. Wenn jedoch aufgrund der anatomischen Voraussetzungen eine tiefere Aufbereitung bis hin zu 9 mm Länge durchführbar ist, reduziert man natürlich die Bakterienlast im Kanalsystem und erhöht die langfristige Versiegelung [13].

Nicht zuletzt wird dem retrograden Verschlussmaterial eine wichtige Aufgabe zuteil. Bei der Suche nach dem perfekten Material muss den folgenden Kriterien entsprochen werden: bestmögliche Biokompatibilität, Feuchtigkeitsresistenz, möglichst keine Aushärtungskontraktion, gute Radioopazität, geringer Resorptionsgrad und gute Verarbeitungsfähigkeit. Hierbei haben sich die sehr gut in vivo als auch in vitro untersuchten Materialien auf Kalziumsilikatbasis wie MTA oder Biokeramiken durchgesetzt [2,3,12] (Tabelle 1, Abb. 2 bis 5).

  • Abb. 2: Diamantierte Ultraschallansätze zur retrograden Aufbereitung in den Längen 9/6/3 mm.
  • Abb. 3: Beispielhafte Führung des Instrumentes in Richtung der Längsachse des Zahns bei der retrograden Aufbereitung.
  • Abb. 2: Diamantierte Ultraschallansätze zur retrograden Aufbereitung in den Längen 9/6/3 mm.
  • Abb. 3: Beispielhafte Führung des Instrumentes in Richtung der Längsachse des Zahns bei der retrograden Aufbereitung.

  • Abb. 4: Gut zu verarbeitender, biokeramischer Zement zur retrograden Füllung.
  • Abb. 5: Perfekte Heilung des periapikalen Knochens mit Neubildung einer Kompaktaschicht 7 Jahre post operationem trotz nicht komplett aufbereiteten Kanalsystems; dies unterstützt die Meinung, dass Zemente auf Kalziumsilikatbasis auch langfristig zu einem dichten apikalen Verschluss des Wurzelkanalsystems führen.
  • Abb. 4: Gut zu verarbeitender, biokeramischer Zement zur retrograden Füllung.
  • Abb. 5: Perfekte Heilung des periapikalen Knochens mit Neubildung einer Kompaktaschicht 7 Jahre post operationem trotz nicht komplett aufbereiteten Kanalsystems; dies unterstützt die Meinung, dass Zemente auf Kalziumsilikatbasis auch langfristig zu einem dichten apikalen Verschluss des Wurzelkanalsystems führen.

  • Tabelle 1: Eine Übersicht über die Unterschiede des konventionellen Verfahrens zur endodontischen Mikrochirurgie.
  • Tabelle 1: Eine Übersicht über die Unterschiede des konventionellen Verfahrens zur endodontischen Mikrochirurgie.

Indikationen

Wie im Allgemeinen gültig, sollte auch eine endodontische Therapie so minimalinvasiv wie möglich durchgeführt werden. Diesbezüglich ist vor der entsprechenden Therapie zuerst sorgfältig abzuwägen, welche Maßnahme für den entsprechenden Patienten bei geringstmöglichem Aufwand zum Erfolg führt.

Hierbei sollten sowohl die klinische dentale Situation, der allgemeine Gesundheitszustand als auch der individuelle Patientenwunsch berücksichtigt werden. Wenn Patienten mit endodontischer Problematik allgemeinmedizinische Hintergründe wie zum Beispiel eine aktuelle Bisphosphonattherapie oder eine extrem starke Blutungsneigung aufweisen, die ein chirurgisches Vorgehen nur unter erhöhtem Risiko für den Patienten ermöglichen, sollte auf eine andere Therapieart gewechselt werden, die vielleicht nicht den geringeren Aufwand, jedoch das geringere gesundheitliche Risiko birgt. Grundvoraussetzung für eine langfristig erfolgreiche endodontische Intervention, egal, ob orthograd oder retrograd, ist ein koronal dichter Verschluss [4].

Das Hauptziel einer endodontischen Behandlung ist die Eliminierung der pathogenen Keime im Kanalsystem und dessen möglichst dichter Verschluss [4,5]. Im Allgemeinen gibt es jedoch diverse Ausgangssituationen, bei denen ein primär chirurgischer Ansatz zu bevorzugen ist.

In den folgenden Fällen ist ein primär chirurgischer Eingriff vorzuziehen:

  1. Wenn im Rahmen einer orthograden Therapie jedoch aufgrund von starker Obliteration der Kanalsysteme, Kanaltransportationen, orthograd nicht einsehbarer Kanalanteile, nicht entfernbarer frakturierter Instrumente im apikalen Drittel keine vollständige Desinfektion erreichbar erscheint, ist die Prognose stark eingeschränkt [6].
  2. Die Prävalenz von dentogenen Zysten im apikalen Raum ist mit etwa 15% aller radiologischen apikalen Radiotransluzenzen relativ klein [7]. Dabei muss man zwischen radikulären Zysten und Taschenzysten unterscheiden, wobei bei Letzteren auch eine Heilung im Rahmen eines orthograden Vorgehens denkbar erscheint. Bei Vorhandensein von radikulären Zysten ist ein chirurgisches Vorgehen unvermeidbar. Problematisch stellt sich hierbei jedoch die klare präoperative Diagnostik heraus, da man nur mithilfe der Röntgenaufnahmen keine klare Diagnose der eventuellen Zyste stellen kann. Allenfalls die Größe der Läsion und deren klare, runde Abgrenzung zum umgebenden Knochen bieten Hinweise. Goldstandard zur eindeutigen Klärung des Vorhandenseins einer Zyste ist immer noch die Biopsie und histologische Untersuchung [8].
  3. Therapieresistente Bakterien stellen im Allgemeinen eine Einschränkung in der Prognose dar. Die nicht ausreichende Eliminierung von Keimen wie Enterococcus faecalis, Actinomyces spezies oder auch Candida albicans kann trotz Absenz einer radikulären Zyste eine vollständige Entfernung der periapikalen Gewebsstrukturen notwendig machen.
  4. Extraradikulärer Biofilm auf dem Apexareal bzw. dem überpressten oder retrograden, nicht entfernbaren Fremdmaterial lässt sich nicht immer zuverlässig auf orthogradem Wege entfernen und stellt damit ebenfalls eine Indikation zur mikrochirurgischen Therapie dar.
  5. Ein für den Patienten besonders wichtiger Aspekt ist der mikrochirurgische Therapieansatz, wenn der betreffende Zahn Teil einer komplexen prothetischen Versorgung ist oder sich so massive Stiftaufbauten unter suffizienten Kronen/Brückenversorgungen befinden, dass eine orthograde Entfernung des Stiftaufbaus die Gefahr einer unbeabsichtigten Wurzelfraktur stark erhöht. Allgemein gilt, dass der Langzeiterfolg einer orthograden Revision signifikant geringer ist, wenn dabei ein Stiftaufbau entfernt werden musste [9].

Wenn durch das rein retrograde Vorgehen die Neuanfertigung des suffizienten Zahnersatzes vermieden werden kann, ist dies sowohl für den Patienten als auch für die Solidargemeinschaft von großem Nutzen (Abb. 6 bis 11).

  • Abb. 6: Präoperative Zahnfilmaufnahme von Zahn 22.
  • Abb. 7: Dreidimensionale Darstellung derselben Situation, durch DVT deutlich sichtbare massive Alteration des apikalen Kanalausgangs mit periapikalem Fremdmaterial und apikalen Radiotransluzenzen.
  • Abb. 6: Präoperative Zahnfilmaufnahme von Zahn 22.
  • Abb. 7: Dreidimensionale Darstellung derselben Situation, durch DVT deutlich sichtbare massive Alteration des apikalen Kanalausgangs mit periapikalem Fremdmaterial und apikalen Radiotransluzenzen.

  • Abb. 8: Klinische Situation des Befundes nach chirurgischer Aufklappung.
  • Abb. 9: Mikroskopische Kontrolle der Retro-Präparation bis zum apikalen Ende des metallenen Stift-Stumpfaufbaus.
  • Abb. 8: Klinische Situation des Befundes nach chirurgischer Aufklappung.
  • Abb. 9: Mikroskopische Kontrolle der Retro-Präparation bis zum apikalen Ende des metallenen Stift-Stumpfaufbaus.

  • Abb. 10: Retrograder Verschluss mit biokeramischem Zement.
  • Abb. 11: Röntgenologische Kontrolle 15 Monate post operationem; vollständige Remission der knöchernen Verhältnisse.
  • Abb. 10: Retrograder Verschluss mit biokeramischem Zement.
  • Abb. 11: Röntgenologische Kontrolle 15 Monate post operationem; vollständige Remission der knöchernen Verhältnisse.

Fallselektion/Klassifikation der Ausgangssituation

Bei der Fallselektion sollte neben der dentalen und allgemeinmedizinischen Situation auch das periodontale Gewebe wie Zahnfleisch und Knochenangebot berücksichtigt werden. Um diesbezüglich eine normierte Einteilung zu erreichen, haben Kim et al. eine allgemeingültige Klassifikation geschaffen, die ein übersichtliches Abwägen vor Therapiebeginn ermöglicht [10]. Hierbei wird zwischen rein endodontischen (Gruppen A bis C) und kombiniert endodontisch-parodontologischen Problematiken (Gruppen D bis F) unterschieden. Siehe hierzu Schemata 1 und 2: Während den Gruppen A bis C kombiniert eine sehr gute Prognose von 95,2% Erfolgsrate bescheinigt wird, reduziert sich die Erfolgswahrscheinlichkeit bei den Gruppen D bis F kombiniert auf 77,5% [11].

  • Schemata 1
  • Schemata 2
  • Schemata 1
  • Schemata 2

Das Dentalmikroskop im Fokus

Neben den eingangs schon aufgeführten technischen Neuerungen, die eine Wurzelspitzenresektion zu einem mikrochirurgischen Eingriff mit sehr guter Erfolgsprognose werden lassen, nimmt das Dentalmikroskop sicher den wichtigsten Platz ein, da die feinen apikalen Strukturen mit bloßem Auge oder Lupenbrille in der Regel nicht sichtbar werden [3]. Speziell die Inspektion des entstandenen Neoapex mit den dann sichtbar gewordenen Isthmen ist ohne entsprechende Vergrößerung und Ausleuchtung nicht zuverlässig möglich (Abb. 12 und 13). Da hier jedoch der Schlüssel zum Erfolg liegt, ist es unabdingbar, wirklich alle noch apikal offenliegenden Strukturen zu erfassen, um diese erst retrograd mechanisch aufzubereiten und dann bakteriendicht versiegeln zu können.

  • Abb. 12: Behandlungsbeispiel mikrochirurgische Endodontie: Die gesamte Behandlung kann unter dem Dentalmikroskop durchgeführt werden. Für eine gute Übersicht sollten die für den Behandler relevanten Instrumente und bildgebenden diagnostischen Hilfsmittel gut erreichbar und einsehbar sein. Eine gut geschulte Assistenz ist aufgrund der benötigten 4- oder 6-Hand-Technik essenziell.
  • Abb. 13: Schnittfläche einer Resektionsoberfläche mit vorhandener Wurzelfüllung und unbehandeltem Isthmus.
  • Abb. 12: Behandlungsbeispiel mikrochirurgische Endodontie: Die gesamte Behandlung kann unter dem Dentalmikroskop durchgeführt werden. Für eine gute Übersicht sollten die für den Behandler relevanten Instrumente und bildgebenden diagnostischen Hilfsmittel gut erreichbar und einsehbar sein. Eine gut geschulte Assistenz ist aufgrund der benötigten 4- oder 6-Hand-Technik essenziell.
  • Abb. 13: Schnittfläche einer Resektionsoberfläche mit vorhandener Wurzelfüllung und unbehandeltem Isthmus.

Blutstillung im Operationsgebiet

Um eine optimale Sicht während des operativen Vorgehens zu ermöglichen, benötigt man eine perfekte Blutstillung. Als systemische Hämostase nutzt man die vasokonstringente Wirkung des Adrenalins im Lokalanästhetikum. Im angloamerikanischen Sprachraum wird eine Konzentration von 1:50.000 in 3 bis 4 Karpulen bevorzugt [10]. Dies ist in Deutschland nicht zugelassen, womit man auf eine Konzentration von 1:100.000 ausweichen muss. Dies reduziert jedoch auch das Risiko von allgemeinmedizinischen Komplikationen bei Patienten mit Herz-Kreislauf- Vorerkrankungen. Der Schlüssel zur Wirksamkeit ist hier die Geduld; nach Injektion sollten etwa 15 bis 20 Min. bis zum Beginn der Operation abgewartet werden, um eine gute Wirksamkeit zu erreichen [10].

Eine lokale Hämostase kann nur erreicht werden, wenn das gesamte, stark durchblutete Granulationsgewebe entfernt wird. Danach können chemische Hämostatika wie Eisen-III-Sulfat (Astringedent, Fa. Ultradent) oder epinephringetränkte Wattepellets (Racellet Pellets, Fa. Pascal) lokal appliziert werden, um die lokale Blutung mittelfristig zu unterbinden (Abb. 14 und 15). Wichtig bei der Anwendung von lokalen Hämostatika ist die vollständige Entfernung der Chemikalien aus dem Operationssitus vor Wundverschluss und die erneute Anregung der lokalen Blutung aus dem umgebenden Knochen, um eine schnelle Wundheilung zu erleichtern [13].

  • Abb. 14: Epinephringetränkte Wattepellets zur lokalen Blutstillung.
  • Abb. 15: Eisensulfatlösung zur lokalen Blutstillung.
  • Abb. 14: Epinephringetränkte Wattepellets zur lokalen Blutstillung.
  • Abb. 15: Eisensulfatlösung zur lokalen Blutstillung.

Weichgewebsmanagement

Neben dem medizinischen Aspekt der knöchernen und weichgewebigen Heilung der Operationsstelle ist den Patienten, speziell im sichtbaren Bereich, ein möglichst narbenfreies Bild ohne gingivale Rezessionen wichtig. Hierbei gilt grundsätzlich, dass man in der unbefestigten Gingiva jegliche horizontale Schnitte vermeidet und nur im Verlauf der zum Gingivalsaum hin verlaufenden Blutgefäße inzidiert, um eine Narbenbildung und ebenfalls stärkere Blutung zu vermeiden [10,13].

Schnittführung im Frontzahngebiet

In Abhängigkeit des gingivalen Typs und des Vorhandenseins von parodontalen Taschen wählt man zwischen einem Paramarginalschnitt bei breiter und dicker keratinisierter, nicht parodontal geschädigter Gingiva (Abb. 16). Bei Patienten mit sehr dünner, schmaler Gingiva oder bei parodontaler Sondierung bukkal von mehr als 3,5 mm ist ein Paramarginalschnitt kontraindiziert, da hierbei nicht von einer narbenfreien Heilung oder – noch ungünstiger – von Teilnekrosen der Gingiva auszugehen ist [13]. Hier bietet sich der Papilla-Basis-Schnitt mit einer vertikalen Entlastung an (Abb. 17). Allgemein sollte hier möglichst konsiliarisch gedacht werden. Wenn beispielsweise aus ästhetischen Gründen vor später geplantem Zahnersatz noch eine ästhetische Kronenverlängerung geplant ist, ist zu erwägen, eventuell beide chirurgischen Maßnahmen in einer Operation durchzuführen.

  • Abb. 16: Patientenbeispiel mit dickem befestigtem Gingivatyp: Die gestrichelte Linie zeigt den Übergang von keratinisierter zu unbefestigter Gingiva. Die rosa Linie zeigt die idealisierte paramarginale Schnittführung im Frontzahngebiet mit jeweils mindestens 2 mm Abstand von Inzision und Zahnfleischsaum bzw. Übergang zum unbefestigten Gingivalsaum.
  • Abb. 17: Patientenbeispiel mit dünner, keratinisierter Gingiva: Die gestrichelte Linie zeigt den Übergang von keratinisierter zu unbefestigter Gingiva. Die rosa Linie zeigt die idealisierte Schnittführung mit Papillen-Basis-Schnitt im Frontzahngebiet.
  • Abb. 16: Patientenbeispiel mit dickem befestigtem Gingivatyp: Die gestrichelte Linie zeigt den Übergang von keratinisierter zu unbefestigter Gingiva. Die rosa Linie zeigt die idealisierte paramarginale Schnittführung im Frontzahngebiet mit jeweils mindestens 2 mm Abstand von Inzision und Zahnfleischsaum bzw. Übergang zum unbefestigten Gingivalsaum.
  • Abb. 17: Patientenbeispiel mit dünner, keratinisierter Gingiva: Die gestrichelte Linie zeigt den Übergang von keratinisierter zu unbefestigter Gingiva. Die rosa Linie zeigt die idealisierte Schnittführung mit Papillen-Basis-Schnitt im Frontzahngebiet.

Schnittführung im Seitenzahngebiet

Hier wird in der Regel intrasulkulär inzidiert und die jeweiligen Papillen bukkal scharf abgetrennt. Eine vertikale Entlastung kann sowohl mesial als auch distal erfolgen, immer in Rücksichtnahme auf ästhetische Aspekte und anatomische Gegebenheiten. Um eine möglichst narbenfreie Heilung zu gewährleisten, ist ein komplettes glattes Zertrennen des Weichgewebes vonnöten. Dazu wurde von Zuhr und Hürzeler die Technik des „overcutting“ beschrieben, um wirklich die gesamte Portion des gingivalen Gewebes zu schneiden und nicht bei der Elevation des Zahnfleischvolllappens das Gewebe zu zerreißen [14].

Die zu verwendenden Materialien in der Mikrochirurgie unterscheiden sich ebenfalls von den herkömmlich verwendeten Instrumenten. Bei Inzision finden entweder eine Mikroskalpellklinge SM69 (vor allem beim Paramarginalschnitt aufgrund der sehr guten Wendigkeit bei runder Schnittführung) oder 15C (wegen der längeren Klinge bei Sulkusschnittführung und vertikalen Entlastungsschnitten überlegen) Verwendung. Der zu reponierende Schleimhautlappen sollte spannungsfrei mit monofiler Naht der Größen 5.0 oder 6.0 vernäht werden. Die modernen, feinen und glattwandigen Nähte reduzieren die Plaqueakkumulation und sollten nach 3 bis 5 Tagen entfernt werden [2,10].

Die digitale Volumentomografie

Bei der Nutzung von Röntgenaufnahmen zur Diagnostik gilt das ALARA-Prinzip (As Low As Reasonably Achievable). Dies bedeutet jedoch nicht, dass man die betreffenden Patienten einem erhöhten Risiko während der Behandlung aussetzen sollte, um radioaktive Strahlung zu „sparen“. Hier gibt die aktuelle S2K-Leitlinie klare Auskunft. Bei der Suche nach der konkreten Lokalisation der pathologisch veränderten Strukturen, vor allem bei mehrwurzligen Zähnen, kommt man mit der Verwendung von zweidimensionalen (auch exzentrisch angefertigten) Aufnahmen schnell an seine Grenzen. Wichtige Strukturen, die maßgeblich zur Entscheidungsfindung beitragen können, sind nicht sicher darstellbar und es kann leicht eine falsche Therapieempfehlung ausgesprochen werden. Ebenfalls wichtig ist die genaue Kenntnis der umgebenden Strukturen, die bei einem chirurgischen Therapieansatz nicht in Mitleidenschaft gezogen werden dürfen. Hier ist sicher die genaue Lokalisation des Nervus mentalis im Unterkiefer bei der Behandlung von Prämolaren und 1. Molaren im UK sowie die Ausdehnung der Kieferhöhle bei der Behandlung von 2. Prämolaren und 1. bzw. 2. Molaren im OK hervorzuheben. Ebenso lässt sich die genaue Ausdehnung von sehr großen Zysten dreidimensional genauer vermessen und eine Intervention, begonnen mit der adäquaten Schnittführung, kann besser geplant werden.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Sebastian Zorn


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