Allgemeine Zahnheilkunde

Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG)

Zukunftsweisend: Keramik-ummantelte Titanimplantate für die Zahnmedizin

Der 67. Kongress der DGMKG vom 21. bis 24. Juni in Köln/Bonn wurde dieses Jahr zum ersten Mal von zwei benachbarten Universitätskliniken zusammen ausgerichtet unter der Leitung der beiden Kongresspräsidenten, Prof. Joachim Zöller aus Köln und Prof. Rudolf Reich aus Bonn, sowie Dr. Martin Bonsmann aus Düsseldorf. Als Hauptthemen wurden die „Chirurgie von Hauttumoren“, „Craniofaciale Chirurgie“, „Rekonstruktion der Lippen“ und „Kiefergelenkchirurgie“ behandelt. Der Fachpresse wurden diese Themen in der DGMKG-Pressekonferenz anlässlich des Kongresses vorgestellt. Die Themen, die für den niedergelassenen Zahnmediziner relevant sind, lesen Sie nachfolgend.

Unter der Moderation des DGMKG-Pressesprechers Prof. Gerd Gehrke wurden verschiedene Themen und Patientenfälle unter dem Titel „MKG-Chirurgie 4.0: Mit Hightech Gesichter retten – News aus der Zahnimplantologie“ vorgestellt. Letzteres Thema gab den Auftakt.

Keramik-Mantel für alle Titan-Zahnimplantate möglich

Titanimplantate sind nach wie vor der Goldstandard und haben sich seit Jahrzehnten bestens bewährt. Dennoch kommt es in seltenen Fällen zu Unverträglichkeitsreaktionen, die unter anderem durch Titankontamination im Gewebe verursacht sein können. Wie Prof. Hans-Joachim Nickenig, Universitätsklinik Köln, referierte, kann diese mögliche Titan-ionen-Anreicherung im Gewebe bereits beim Einbringen der Implantate oder während der Belastungsphase entstehen. Leiden Patienten bereits an Periimplantitis, begünstigt dies aufgrund des sauren Milieus die Ionenfreisetzung. Untersuchungen legen nahe, dass Titanionen im Gewebe im Gegenzug möglicherweise zu einer erhöhten Rate entzündlicher Prozesse führen könnten.

  • Abb. 1: Cerid®-Keramik-Coating von Titan in einer Schichtstärke von 2–5 μm. Dieses Verfahren wird bereits seit vielen Jahren in anderen medizinischen Technologiebereichen (z. B. Hüft- oder Endoprothetik, Gefäßchirurgie, Wirbelsäulenimplantologie erfolgreich angewandt. (Bildnachweis: Fa. Impreglon)

  • Abb. 1: Cerid®-Keramik-Coating von Titan in einer Schichtstärke von 2–5 μm. Dieses Verfahren wird bereits seit vielen Jahren in anderen medizinischen Technologiebereichen (z. B. Hüft- oder Endoprothetik, Gefäßchirurgie, Wirbelsäulenimplantologie erfolgreich angewandt. (Bildnachweis: Fa. Impreglon)
Geschickt wäre es, wenn man die Biokompatibilität der Keramik mit den biomechanischen Eigenschaften des Titans kombinieren könnte. Tatsächlich scheint dies nun möglich. Innovatives Keramik-Coating erlaubt es, Titanimplantate mit einer hauchdünnen (2–5 μm starken) Schicht aus Zirkonoxid oder Nioboxid zu versehen. Diese ummantelten Implantate sind bereits in Produktion, kaum teurer als Titanimplantate und in der Kölner Uniklinik schon im Einsatz. Studienergebnisse des Referenten Prof. Nickenig zeigen, dass durch Keramik-Coating von Titan ein verlässlicher Schutz hinsichtlich mechanischem Abrieb und Korrosion vorliegt. Bei der Keramikummantelung handelt es sich um eine hochfeste Hochvakuum-Beschichtung (PVD), bei der es zu einer Keramik-ionen-Implantation in die Titanoberfläche kommt und somit ein verschleißfester Korrosionsschutz gewährleistet ist. Man könne damit sogar Drähte ummanteln, die geknotet werden müssen, was die Flexibilität des Materials illustriert, so Prof. Nickenig (Abb. 1).

Alle bewährten Titanimplantatsysteme können grundsätzlich mit Keramik-Mantel versehen werden. Somit bleibt die biomechanische Überlegenheit des Titanimplantates weiterhin erhalten, eine Verwendung von zweiteiligen Implantaten wäre ohne Einschränkung möglich. Es gelten dieselben Indikationsbereiche wie beim herkömmlichen Titanimplantat. Durch nanoskaliertes Keramik-Coating wird zudem die Oberflächenmorphologie bewährter Titanoberflächen weitestgehend beibehalten bzw. nachvollzogen. Der Referent sprach sich für eine routinemäßige Anwendung dieser Implantate aus, während Moderator Prof. Gerd Gehrke hier ein wenig bremste und für eine langsame, kontrollierte Einführung plädierte. In jedem Fall erscheint dieses Verfahren für die Implantation im abwehrgeschwächten Organismus und hinsichtlich der Prävention von Periimplantitis vielversprechend.

Unbedingt beachten: S3-Leitlinie zur Vermeidung von Kiefernekrosen

Anhand eines sehr bewegenden Falles einer 65-jährigen Patientin mit Metastasierungen an der Wirbelsäule und dem Oberschenkel wurde der Presse der Spagat zwischen der Krebsmedikation mit Bisphosphonaten und der daraus resultierenden Gefahr des Entstehens einer Kiefernekrose verdeutlicht. Meist sind die Wirbelsäule und das Becken von metastasierenden Tumoren betroffen. Durch Knochenbrüche drohen starke Schmerzen, Bewegungsunfähigkeit und verfrühter Tod. Medikamente – Bisphosphonate oder spezifische Antikörper – können den Abbau aufhalten. Sie hemmen Osteoklasten, die beim gesunden Knochenstoffwechsel für den Knochenabbau zuständig sind. Wenn nun allerdings Keime aus der Mundhöhle über die Zähne bis in den Knochen vordringen, ist der mit den Antiresorptiva behandelte Knochen nicht mehr in der Lage, sich zu wehren; er wird infiziert und stirbt ab. In der Folge drohen Kieferbruch oder sogar -verlust. Der Referent, Prof. Hans Pistner, wies als Leitlinienbeauftragter der DGMKG eindringlich auf die interdisziplinäre S3-Leitlinie der DGMKG hin, die derzeit aktualisiert wird. Die aktualisierte Fassung liegt voraussichtlich Ende 2017 vor. Danach muss der Patient vor Beginn einer antiresorptiven Chemotherapie einem versierten Zahnarzt vorgestellt werden, der eine Sanierung der Mundhöhle durchführt. Dazu gehört insbesondere die Beseitigung von Entzündungsherden und Keimeintrittspforten. Alle Zähne, die nicht erhaltungswürdig seien, müssten im Zuge dessen entfernt werden. Durch eine solche Prophylaxe kann die Häufigkeit der Kiefernekrosen von bis zu 21 % auf wenige Prozente (etwa 2 %) gesenkt, den Patienten Schmerzen erspart und Lebensqualität erhalten werden. Während der Einnahme der Medikamente ist auf eine penible Mundhygiene zu achten. Wie Prof. Gehrke bei diesem Patientenfall anmerkte, sei die gravierende zahnmedizinischen Diagnose einer Kiefernekrose immer im Zusammenhang mit der Krebserkrankung zu sehen: Die Bisphosphonate hätten zwar die Kiefernekrose bei der Patientin verursacht, konnten das Wachstum der Knochenmetastasen bislang aber erfolgreich hemmen, sodass die positive Wirkung trotz allem überwiege.

Lippenrotinspektion zur Erkennung von Karzinomen

  • Abb. 2: Plattenepithelkarzinom – hier ist die Früherkennung durch den Zahnarzt gefordert.

  • Abb. 2: Plattenepithelkarzinom – hier ist die Früherkennung durch den Zahnarzt gefordert.
Bei zwei weiteren Themenbereichen stehen für den niedergelassenen Zahnarzt die Früherkennung und eine differenzierte Diagnostik im Fokus. Dr. Marcus Teschke, Universitätsklinikum Bonn, stellte den Fall eines 56-jährigen Patienten vor, bei dem aufgrund eines Plattenepithelkarzinoms das gesamte Unterlippenrot sowie ein großer Teil der Unterlippe und des Mundwinkelbereichs entfernt werden mussten (Abb. 2). Eine vollständige Rekonstruktion der Lippenregion, die dem Patienten ohne Entstellung das Essen und Sprechen wie vor der Erkrankung erlaubt, ist durch die komplexe Kombination von verschiedenen Gewebeverschiebungen aus dem Oberlippen- und Kinnbereich sowie der übrigen Mundschleimhaut hervorragend gelungen. Allerdings war das Karzinom in diesem Fall schon weit fortgeschritten. Die Lippenrotinspektion sei daher eine wichtige Aufgabe des Zahnarztes, der in der Lage sein sollte, so der Referent, diese Krankheitsbilder zu erkennen und den Patienten unverzüglich zu überweisen.

Wenn die Umstellungs-OP nicht hilft …

… dann könnte die Diagnose „Kiefergelenkschwund“ lauten. Der fortschreitende Schwund der Kiefergelenkfortsätze führte bei einer 28-jährigen Patientin zur Öffnung des Zusammenbisses von Ober- und Unterkieferzähnen und Rückwanderung des Unterkiefers. Sie hatte erhebliche Schwierigkeiten beim Essen und ihr Profil war dramatisch verändert (Vogelgesicht). Daraufhin wurden eine kieferorthopädische Behandlung mit einer festsitzenden Spange und nacheinander zwei Operationen zur Umstellung des Ober- und Unterkiefers durchgeführt. Erfolglos, da, wie das Bonner MKG-Chirurgenteam um Prof. Rudolf Reich diagnostizierte, eine zunehmende Einschmelzung (Resorption) der Kiefergelenkfortsätze vorlag (Abb. 3 und 4). Dadurch war die gesamte Abstützung des Unterkiefers am Schädel verloren gegangen. In solchen Fällen ist eine sichere Wiederherstellung der Abstützung des Unterkiefers mit eigenem Gewebe nicht möglich, weil eine erneute Einschmelzung droht, weshalb Endoprothesen eingesetzt werden müssen (Abb. 5). Wie Prof. Reich ausführte, sollte der Zahnarzt auf erste Veränderungen am Kiefergelenk achten, gerade im frühen Erwachsenenalter der Patienten. Zwar ist nur eine geringe Anzahl von Patienten – rund 500 Fälle jährlich in Deutschland – von Kiefergelenkschwund betroffen, doch werden diese oftmals zunächst falsch behandelt, was es zu vermeiden gilt.

  • Abb. 3 u. 4: Aus der Resorption der Kiefergelenke resultieren der offene Biss und Rückbiss.
  • Abb. 5: Basierend auf den Daten der Computertomografie des Schädels wurden CAD-/CAM-gestützt Endoprothesen für den Unterkiefer der jungen Frau hergestellt. Damit konnte die Position des Unterkiefers vor der Einschmelzung der Gelenke wiederhergestellt werden; in der gleichen Operation wurde die Position des Oberkiefers der jetzt idealen Stellung des Unterkiefers angepasst.
  • Abb. 3 u. 4: Aus der Resorption der Kiefergelenke resultieren der offene Biss und Rückbiss.
  • Abb. 5: Basierend auf den Daten der Computertomografie des Schädels wurden CAD-/CAM-gestützt Endoprothesen für den Unterkiefer der jungen Frau hergestellt. Damit konnte die Position des Unterkiefers vor der Einschmelzung der Gelenke wiederhergestellt werden; in der gleichen Operation wurde die Position des Oberkiefers der jetzt idealen Stellung des Unterkiefers angepasst.

Extra-Programm für Zahnärzte: Implantologie-Update 20.17

Parallel zum Kongress fand am Samstag ein zahnärztlich- chirurgisches Repetitorium für niedergelassene Zahnärztinnen und Zahnärzte statt. Namhafte Referenten begleiteten die Teilnehmer durch das Zahnärzte-Update Implantologie 20.17. Die aktuellen Themen erstreckten sich von der chirurgischen Technik über die dreidimensionale Planung zur navigierten Implantation bis hin zu modernen prothetischen Konzepten der Implantatversorgung und zur Therapie von Komplikationen wie der Periimplantitis. Geleitet wurde die Veranstaltung von Univ.-Prof. Joachim Zöller und Prof. Hans- Joachim Nickenig.

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dagmar Kromer-Busch


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