Allgemeine Zahnheilkunde


Tumorpatienten: Wie der Zahnarzt helfen kann

08.04.2019
aktualisiert am: 30.04.2019

© Christoph Burgstedt / Fotolia
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Im engeren Sinne beschreibt der Begriff Tumor körpereigene Zellen, die sich selbstständig vermehren und immer weiter wachsen. Diese können gutartig (benigne) oder bösartig (maligne) sein. An Tumoren im Mundbereich erkranken jährlich mehr als 13.000 Deutsche [1]. Lesen Sie nachstehend, worauf Sie als Zahnarzt bei der Behandlung von Tumorpatienten achten sollten.

Bei der Routineuntersuchung können vor allem Kopf-Hals- Tumoren oder Kehlkopfkrebs (20.000 Erkrankungen im Jahr) frühzeitig erkannt werden [2]. Zahnärzte sollten daher bei der Vorsorge standardmäßig die Schleimhaut auf Primär- und auf Sekundäreffloreszenzen untersuchen [3]. Allen Patienten, die sich einer onkologischen Behandlung unterziehen, wird eine engmaschige zahnärztliche Betreuung empfohlen.

Vor der Therapie sollten infektiologische Eintrittspforten ausgemerzt werden: zweifelhafte Zähne vorab extrahieren, scharfe Zahnkanten abschleifen und Prothesen auf Kanten oder Druckstellen prüfen. Zudem ist es wichtig, dem Patienten klarzumachen, dass während der Tumorbehandlung eine besonders gründliche Mundhygiene und regelmäßige Recall-Termine unerlässlich sind – vor allem bei einer Strahlen- oder Chemotherapie. So kann beispielsweise das Risiko für Folgeerkrankungen wie die infizierte Osteoradionekrose der Kiefer (IORN) gesenkt werden [1,4]. Bei Kopf-Hals-Bestrahlungen empfiehlt sich zudem eine Fluoridierungsschiene zur Prävention des durch die Radioxerostomie verursachten Strahlenkaries sowie eine Strahlenschutzschiene zur Abschirmung der Mukosa [5]. In Abhängigkeit der Strahlendosis treten in nahezu 100% der Fälle Mundschleimhautentzündungen auf [6]. Neben einer sorgfältigen Reinigung sowie der Anwendung von Mundspüllösungen können bei Gingivitis und Stomatitis Mundheilpasten Linderung verschaffen, die entzündungshemmend, schmerzlindernd und heilungsfördernd wirken, z. B. Dontisolon® D [7].

Einschränkungen der Leberfunktionen

Doch nicht nur Kopf-Hals-Tumoren sind für die zahnärztliche Behandlung von Bedeutung. Verschiedene Krebsarten, wie das maligne Melanom oder Darmkrebs, metastasieren in der Leber. Darüber hinaus werden jährlich etwa 8.000 Neuerkrankungen des hepatozellulären Karzinoms erfasst [1]. Aus zahnärztlicher Sicht sind die Proteinbildung und die Abbauprozesse in der Leber besonders relevant. Zum einen bildet das Organ fast alle Gerinnungsfaktoren [8], weshalb Patienten eine erhöhte Blutungsneigung aufweisen können [1,9]. Hier eignen sich lokale Maßnahmen zur Blutstillung [1,10]. Zum anderen werden Arzneimittel, darunter vor allem Lokalanästhetika vom Amidtyp, in der Leber metabolisiert. Je nach Funktionsstörung und Alter des Patienten kann die Biotransformation daher reduziert sein [11]. Im Gegensatz zu anderen Amid-Lokalanästhetika wird Articain (z. B. Ultracain ® D-S) jedoch vorrangig durch Plasma- und Gewebe-Esterasen zu inaktiven Articaincarbonsäure-Metaboliten umgewandelt und nur zu etwa 10% in der Leber abgebaut [12], 5% werden renal ausgeschieden [8,13]. Malignome können zudem Auslöser eines Cholinesterasemangels sein [14], der als relative Kontraindikation für Lokalanästhetika gilt [11].

Adrenalin bei Nieren- und Pankreastumoren

Zu Komplikationen kann es auch durch enthaltene Vasokonstriktoren kommen. Eine absolute Kontraindikation für Lokalanästhetika mit Adrenalinzusatz stellt das Phäochromozytom dar [11]. Der Nierentumor sorgt für eine katecholamininduzierte Vasokonstriktion und kann in Verbindung mit Stress bzw. exogen zugeführtem Adrenalin zu anfallsweiser Hypertonie/Rhythmusstörungen führen [15,16]. Adrenalin ist darüber hinaus ein Insulinantagonist. Deshalb gilt es, bei Pankreaskarzinomen ebenfalls genau hinzusehen. Die Patienten entwickeln häufiger einen Diabetes, als das bei anderen Malignomen der Fall ist [17], weshalb hier eine relative Kontraindikation für die dentale Lokalanästhesie vorliegen kann [11]. Es wurde bei Pankreastumoren sowohl eine verringerte und verzögerte Insulinsekretion als auch eine Insulinresistenz beobachtet [18]. Adrenalin kann die Insulinsekretion im Pankreas zusätzlich hemmen [12], was den Blutzuckerspiegel ansteigen lässt (akute Hyperglykämie) [19]. Bei erhöhtem Stresslevel, z. B. während einer Operation, schüttet der Körper zudem vermehrt Adrenalin aus [20]; so kann auch die Wirkung oraler Antidiabetika vermindert werden [12]. Patienten, bei denen Adrenalin bzw. Epinephrin kontraindiziert ist, können für kürzere Eingriffe ein Lokalanästhetikum ohne Adrenalinzusatz (Ultracain ® D ohne Adrenalin) erhalten [11].

Antiresorptive Medikamente

Die häufigste Krebsart bei Frauen ist mit etwa 72.000 Neuerkrankungen pro Jahr das Mammakarzinom, bei Männern das Prostatakarzinom mit knapp 60.000 Diagnosen [21]. Beide Tumoren neigen zu einer Metastasierung in den Knochen. Gegen die verminderte Knochenstabilität oder Osteoporose, etwa nach einer Hormonentzugsbehandlung, kommen antiresorptive Medikamente zum Einsatz, vor allem Bisphosphonate und der IgG2-Anti-RANKL-Antikörper Denosumab [5,22,23]. Bisphosphonate hemmen die Aktivität der Osteoklasten und lagern sich so über Jahre hinweg im Knochen ein. Denosumab dagegen wirkt im Interzellularraum der Osteoklasten und verbleibt nur etwa 6 Monate im Körper [23]. Tumorpatienten, die diese Arzneimittel erhalten, gelten als Hochrisikopatienten für eine Kieferosteonekrose (Medication-related Osteonecrosis of the Jaw; MRONJ) [1,5], die ca. bei einer von hundert Brustkrebspatientinnen vorkommt [22]. Sie zählt zu den schwerwiegenden Folgeerkrankungen und zeichnet sich durch freiliegenden Kieferknochen und persistierende Entzündungen, ggf. mit eitrigem Ausfluss, aus [22,24]. Im Optimalfall arbeiten die Fachbereiche Zahnmedizin, (MKG-)Chirurgie, HNO, Onkologie und Radiologie/Strahlentherapie Hand in Hand, um schnell auf Veränderungen des Gesundheitszustandes reagieren zu können – und den Patienten bestmöglich bei der auch psychisch sehr belastenden Tumorbehandlung zu unterstützen [1,24].

Hinweis: Das im Text beschriebene Vorgehen dient der Orientierung, maßgeblich sind jedoch immer die individuelle Anamnese und die Therapieentscheidung durch die behandelnde Ärztin/den behandelnden Arzt. Die Fachinformationen sind zu beachten.


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