Allgemeine Zahnheilkunde


Rezeptoranästhesie mittels Mini-Hydraulik-Instrument Biofeedject


Die Rezeptoranästhesie stellt eine Alternative zur konventionellen Infiltrations- und Leitungsanästhesie dar. Die Vorteile: Für die Schmerzausschaltung wird eine kleinere Menge Anästhetikum benötigt, die zudem nur das Behandlungsfeld – und nicht die umliegenden Bereiche – betäubt. Im Folgenden berichtet Dr. Firla über seine klinischen Erfahrungen mit einem Injektionsgerät, das speziell für diese Methode geeignet ist. Septodont stellte das Gerät auf der IDS 2013 als Neuheit vor.

Rezeptoranästhesie nach Dr. Said Mansouri

Im Gegensatz zur klassischen Infiltrations- und Leitungsanästhesie wird bei der von Dr. med. dent. Said Mansouri, Aachen, beschriebenen Rezeptoranästhesie kein mehr oder weniger großes Lokalanästhetikum-Depot injiziert, wie es bei der terminalen Infiltrations- oder der klassischen Leitungsanästhesie üblich ist. Vielmehr wird bei der Rezeptoranästhesie die kleinstmögliche Menge an örtlichem Betäubungsmittel direkt in das Gewebe der befestigten Gingiva und/oder in den marginalen Desmodontalspalt instilliert. Bei der Rezeptoranästhesie erfolgt die Informationsblockade unmittelbar im Bereich der Nervenrezeptoren, sodass sich die Schmerzausschaltung nur auf den tatsächlich zu behandelnden Bereich beschränkt. Diese fokussierte Schmerzblockierung erstreckt sich auf die nervale Versorgung des Zahnes, die parodontalen Strukturen des Zahnhalteapparates, die Mukosa und das Periost. Diese Erfahrungstatsache ist umso bedeutungsvoller, da es keine Schmerzrezeptoren im Knochengewebe gibt. Ein oftmals nicht beachteter Umstand! Eine Anästhesie des Knochengewebes ist daher nicht erforderlich.

Gezielte Anästhesie eines eng umschriebenen Gebietes

Anatomische Bereiche, die nicht der direkten Behandlung bedürfen, bleiben empfindungsfähig, weil die Anästhesie auf den Zahn und das umgebende Parodontium begrenzt ist. Hierdurch unterbleibt eine unnötige kollaterale Betäubung von angrenzenden anatomischen Bereichen; das lästige, häufig lang anhaltende Taubheitsgefühl entfällt. Dies ist für den Patienten von hoher Bedeutung und im Hinblick auf ein effektives Praxismarketing ein wichtiger Aspekt. Zudem bleibt die Fähigkeit des Patienten zu einer frühzeitigen Warnreaktion im Falle einer irrtümlichen operativen Annäherung an präoperativ-röntgenologisch oder operativ nicht eindeutig darstellbare Nerven und Gefäße ungetrübt.

Klinische Bedeutung der Rezeptoranästhesie

Die außerordentliche klinische Relevanz der Rezeptoranästhesie besteht darin, dass mit einer minimalen Menge des Lokalanästhetikums ein für den Behandler sehr gut vorhersagbares, begrenztes Mukosa-Areal tief wirkend betäubt werden kann. Ist es notwendig, zusätzlich Anästhesielösung in den Desmodontalspalt eines Zahns in diesem Gebiet zu instillieren – was technisch der klassischen intraligamentären Anästhesie (ILA) gleichkommt –, ergibt sich für den Patienten ein schmerzunempfindliches Gebiet, das auch invasiv behandelt werden kann.

So können je nach Instillationsgebiet (intragingival, intramukosal und/oder intradesmodontal) und Anzahl der Einstichstellen eng umschriebene Kieferbereiche virtuos lokal anästhesiert werden, was unterschiedliche Behandlungen ermöglicht. Diese umfassen:

  • einfache oder komplizierte Füllung eines einzelnen Zahnes,
  • Wurzelkanalaufbereitung,
  • Präparation für Inlays, Teilkronen und Komplettkronen,
  • Zahnbettbehandlung,
  • chirurgische Sanierung (Extraktion, Weisheitszahnentfernung o. Ä.),
  • Wurzelspitzenresektion sowie
  • Implantatfreilegung oder -insertion.

Da das erforderliche Volumen an Lokalanästhetikum bei der Rezeptoranästhesie nur einen Bruchteil der Menge beträgt, die üblicherweise bei der submukosalen terminalen Infiltrationsanästhesie und der intraoralen Leitungsanästhesie verwendet wird, und diese geringe Menge noch dazu recht sicher im Gewebe appliziert ist, also nicht durch größere Gefäße in den Blutkreislauf abdiffundieren kann, lassen sich mit dieser speziellen Lokalanästhesie-Methode einfach und zuverlässig

  • mehrere weit voneinander entfernte Zahngebiete behandeln, ohne dass für den Patienten ein kaum zumutbarer Betäubungseffekt entsteht. So wird beispielsweise die „beidseitige Leitungsanästhesie“ des N. mandibularis im Unterkiefer vermeidbar,
  • nicht aufschiebbare Behandlungen von Schwangeren unter obligater intraoraler örtlicher Schmerzausschaltung vertretbar durchführen und ebenso
  • alle weiteren Eingriffe bei Menschen vornehmen, von denen nur eine sehr kleine und dazu noch örtlich begrenzt wirkende intraorale Anästhesie toleriert wird.

Das Biofeedject Hydraulik-Instrument

Das für die Rezeptoranästhesie speziell entwickelte Gerät wurde von Dr. Mansouri, der 2002 mit einer wissenschaftlichen Arbeit über die Rezeptoranästhesie promovierte, 2007 zum Europäischen Patent angemeldet. Im Jahr 2010 folgte das in den USA anerkannte Patent für die „hydraulisch gesteuerte Injektion“.

Das halbautomatische Applikationsinstrument Biofeedject (Septodont, Niederkassel; Abb. 1–3) wiegt 340 Gramm und ist 22 Zentimeter lang. Durch die Ausführung in medizinischem Edelstahl ist es uneingeschränkt wischdesinfizierbar; der Ansatz für die 1,7-ml-Zylinderampulle ist voll sterilisierbar. Das Gerätedesign und die Austarierung des Geräteschwerpunkts erlauben ein sehr gut kontrollierbares Handling. Der Hebel für die Aktivierung der Hydraulik-Mechanik lässt sich angenehm leicht drücken. Der ringförmige, skalierte Druckanzeiger am vorderen Instrumentenschaft zeigt den Vorgang der druckgesteuerten Instillation von Anästhetikumsflüssigkeit in das Gewebe oder den Desmodontalspalt an.

  • Abb. 1: Das gesamte Equipment für eine lokale oder intraligamentäre Injektion mit dem mini-hydraulischen Gerät Biofeedject (hier in der Bildmitte). Konventionelle 1,7-ml-Zylinderampullen können verwendet werden. Spezielle kurze und sehr dünne Injektionskanülen sind obligat.
  • Abb. 2: Mit einer Gesamtlänge von 22 Zentimetern und einem Gewicht (ohne Zylinderampulle und Kanülen-Ansatz) von 340 Gramm ist das Biofeedject-Injektionsgerät sehr handlich, insbesondere da der Schwerpunkt des Instruments sehr handhabungsfreundlich austariert ist.
  • Abb. 1: Das gesamte Equipment für eine lokale oder intraligamentäre Injektion mit dem mini-hydraulischen Gerät Biofeedject (hier in der Bildmitte). Konventionelle 1,7-ml-Zylinderampullen können verwendet werden. Spezielle kurze und sehr dünne Injektionskanülen sind obligat.
  • Abb. 2: Mit einer Gesamtlänge von 22 Zentimetern und einem Gewicht (ohne Zylinderampulle und Kanülen-Ansatz) von 340 Gramm ist das Biofeedject-Injektionsgerät sehr handlich, insbesondere da der Schwerpunkt des Instruments sehr handhabungsfreundlich austariert ist.

  • Abb. 3: Detailansicht auf das Biofeeject-Instrument mit aufgesetzter Zylinderampullen-Schutzfassung (links). Der die Kolbenstange führende Stutzen (Bildmitte) am oberen Teil des Biofeedject-Instruments (rechts) ist klar zu sehen.
  • Abb. 3: Detailansicht auf das Biofeeject-Instrument mit aufgesetzter Zylinderampullen-Schutzfassung (links). Der die Kolbenstange führende Stutzen (Bildmitte) am oberen Teil des Biofeedject-Instruments (rechts) ist klar zu sehen.

Je nach Dichte des zu betäubenden Gewebes stellt das Gerät automatisch nach ca. 0,5 bis 1,5 Sekunden den Druckausgleich her. Der Druck der folgenden Injektion wird präzise und weiter automatisch an die Permeabilität des jeweiligen Gewebes angepasst. Die Dauer der Injektion selbst beträgt bei Weichgewebe ca. 1 bis 3 Sekunden, bei Desmodontalgewebe ca. 6 bis 10 Sekunden (Abb. 4–7).

  • Abb. 4: Markierte Injektionspunkte für die Rezeptoranästhesie des parodontalen Weichgewebes (blau) und für die intraligamentäre Anästhesie (ILA) (rot) an einem Gips-Situationsmodell. Je nach Therapie (PAR-Behandlung, Füllung, ZE-Präparation, WSR, Extraktion) können mehr bzw. unterschiedliche Injektionspunkte gewählt werden.
  • Abb. 5: Erster Injektionspunkt bei der Rezeptoranästhesie des Weichgewebes. Zu bevorzugen sind Areale der befestigten Gingiva. Dafür sollten speziell kurze und atraumatische Injektionskanülen für die ILA, wie z B. Septoject Evolution 30 G/0,30 mm (Septodont), verwendet werden.
  • Abb. 4: Markierte Injektionspunkte für die Rezeptoranästhesie des parodontalen Weichgewebes (blau) und für die intraligamentäre Anästhesie (ILA) (rot) an einem Gips-Situationsmodell. Je nach Therapie (PAR-Behandlung, Füllung, ZE-Präparation, WSR, Extraktion) können mehr bzw. unterschiedliche Injektionspunkte gewählt werden.
  • Abb. 5: Erster Injektionspunkt bei der Rezeptoranästhesie des Weichgewebes. Zu bevorzugen sind Areale der befestigten Gingiva. Dafür sollten speziell kurze und atraumatische Injektionskanülen für die ILA, wie z B. Septoject Evolution 30 G/0,30 mm (Septodont), verwendet werden.

  • Abb. 6: Die Situation unmittelbar nach Injektion: Die den Gewebedruck automatisch berücksichtigende mini-hydraulische Injektion führt zur Einpressung (Instillation) einer genau passenden, auf diesen inneren Gewebedruck (Turgor) abgestimmten – und somit nicht traumatisch wirkenden – Flüssigkeitsmenge.
  • Abb. 7: Klinische Ansicht einer Extraktionswunde zwei Tage nach der Entfernung des Zahnes unter Einsatz des Biofeedject-Instruments. Für die gezielte Rezeptoranästhesie des einzelnen Zahnes wurden die in Abbildung 8 gezeigten Injektionspunkte gewählt.
  • Abb. 6: Die Situation unmittelbar nach Injektion: Die den Gewebedruck automatisch berücksichtigende mini-hydraulische Injektion führt zur Einpressung (Instillation) einer genau passenden, auf diesen inneren Gewebedruck (Turgor) abgestimmten – und somit nicht traumatisch wirkenden – Flüssigkeitsmenge.
  • Abb. 7: Klinische Ansicht einer Extraktionswunde zwei Tage nach der Entfernung des Zahnes unter Einsatz des Biofeedject-Instruments. Für die gezielte Rezeptoranästhesie des einzelnen Zahnes wurden die in Abbildung 8 gezeigten Injektionspunkte gewählt.

Der vom Gerät aufgebaute Druck kann zwischen 5 und 65 Bar betragen, wobei sich der Behandler nicht um den korrekten Druck sorgen muss, sondern allein – unter Beobachtung des in Ausgangstellung zurückweichenden Druckanzeiger-Rings – die benötigte Auspresszeit beachten muss.

Praktisch-klinische Bewertung

Ich kann es hier gleich vorwegnehmen: In meiner Praxis möchte ich das Biofeedject- Gerät nicht mehr missen. Den größten Vorteil sehe ich darin, dass nach erfolgter Rezeptoranästhesie sofort mit der Behandlung begonnen werden kann. Auch große zahnärztliche Chirurgiemaßnahmen, wie etwa das Entfernen tief retiniert liegender Weisheitszähne, lassen sich sofort und für den Patienten unter vollkommener Schmerzausschaltung durchführen. Diese Art des klinischen Vorgehens bedarf allerdings einer gewissen Umgewöhnung: Für den Behandler bedeutet dies, dass auf eine u. U. längere Latenzzeit bis zum Eintritt der maximalen Anästhesiewirkung verzichtet werden kann; für den Patienten bedeutet es, dass im Rahmen der präoperativen Aufklärung die Andersartigkeit der Rezeptoranästhesie klar und verständlich vom Behandler zu erläutern ist. In diesem Kontext muss m. E. auch unbedingt darauf hingewiesen werden, dass die vielen (bereits oben genannten) Vorteile dieses innovativen Betäubungsverfahrens allerdings mit einem einzigen Nachteil verbunden sind – und zwar der Erfordernis, an mehreren Stellen des marginalen Parodontiums eines Zahnes oder eines umschriebenen Gingiva-Mukosa-Areals kleinste Injektionen zu erhalten.

Durch einen Selbstversuch an Zahn 43 (die Injektionen erfolgten durch Dr. Mansouri persönlich) konnte ich feststellen, dass die ersten zwei bis drei Einstiche – auch durch die geübte Hand des professionellen Operateurs – durchaus nicht gänzlich unbemerkt erfolgen. Insofern sage ich im Rahmen eines aufklärenden Patientengesprächs: „Ein Zaubergerät ist es nicht, aber der Effekt der Schmerzausschaltung ohne eine ‚Teillähmung‘ des Gesichts grenzt doch schon an ‚Zauberei‘!“

Fazit

Zusammenfassend kann nach über sechs Monaten Erfahrung mit dem Biofeedject-Instrument festgehalten werden: Die Rezeptoranästhesie ist in unserer Praxis eine mittlerweile bewährte Alternative zur klassischen terminalen Infiltrations- und Leitungsanästhesie. Eine faire Option der Firma Septodont besteht im Übrigen darin, interessierten Kollegen Biofeedject leihweise zu überlassen. So kauft man nicht die Katze im Sack.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Markus Th. Firla

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Markus Th. Firla


Nachhaltige Zahnmedizin – so geht's
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