Allgemeine Zahnheilkunde


Patienten mit Diabetes mellitus in der zahnärztlichen Praxis

13.05.2019

© Syda Productions/stock.adobe.com
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Diabetiker gelten bei der zahnärztlichen Behandlung als Risikopatienten. Die Unterzuckerung stellt dabei sicherlich den häufigsten Notfall dar. Wie Zahnärzte diese Situation managen, Komplikationen während und nach dem Eingriff vermeiden sowie das richtige Lokalanästhetikum wählen, fasst dieser Beitrag zusammen.

Während Typ-1-Diabetiker ein Leben lang auf Insulininjektionen angewiesen sind, können die meisten Typ-2- Diabetiker mit oralen Antidiabetika oder einer Kombination aus beidem sowie Bewegung und gesunder Ernährung behandelt werden. Bei der Anamnese gilt es zunächst abzufragen, welche Medikamente eingenommen werden, wie oft gespritzt wird und wie häufig Unterzuckerungen vorkommen [3]. Das Risiko für Komplikationen während der Behandlung ist nämlich stark von der Stabilität des Blutzuckerwertes (BZ) abhängig [4]. Der Langzeitwert (HbA1c) sollte bei ≤ 6,5 bis 7% liegen [5]. Die Mundgesundheit ist bei Diabetikern besonders wichtig. Betroffene leiden häufig an Xerostomie, persistierenden Ulzerationen, Angiopathien sowie einer gestörten Wundheilung nach operativen Eingriffen [6], das Risiko für Parodontitis ist außerdem 3× höher [2]. Aufgrund der vielen Begleiterkrankungen ist ein interdisziplinäres Vorgehen bei der Behandlung von Diabetikern wünschenswert – noch gibt es dazu aber keine konkreten Handlungsempfehlungen oder Leitlinien.

Lokalanästhesie bei Diabetikern

Oft sind es die Folgeerkrankungen des Diabetes, die ein Behandlungsrisiko darstellen. So haben Diabetiker bspw. ein 2- bis 3-fach erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen [1]. Hier sollten Zahnärzte genauer nach Krankheitsbild und Medikation fragen, um Komplikationen durch Vasokonstriktoren oder Blutungen auszuschließen. Liegt eine absolute Kontraindikation vor – wie z.B. gegen den Epinephrinzusatz bei einem Myokardinfarkt innerhalb von 6 Monaten – fällt die Wahl auf ein Lokalanästhetikum ohne Vasokonstriktor (z.B. Ultracain® D ohne Adrenalin) [7–9].

Doch auch die Krankheit Diabetes selbst gehört zu den relativen Adrenalinkontraindikationen. Deshalb wird im Zweifel auf den Vasokonstriktor verzichtet oder eine adrenalinreduzierte Lösung (z.B. Ultracain® D-S 1:200.000) bevorzugt [7]. Adrenalin ist ein Insulinantagonist und kann die Insulinsekretion im Pankreas verringern [6,8], was den Blutzuckerspiegel ansteigen lässt (Symptome akuter Hyperglykämie: Mundtrockenheit, Niedergeschlagenheit, Übelkeit) [10]. Bei Stress, z.B. während einer Operation, schüttet der Körper zusätzlich Adrenalin aus und kann die Stabilität des diabetischen Zustands beeinflussen [6]. Adrenalin bzw. Epinephrin kann so die Wirkung oraler Antidiabetika vermindern [8,11]. Während das häufig verschriebene Metformin keine Unterzuckerungen verursacht, besteht bei Sulfonylharnstoff-Präparaten die Gefahr einer Hypoglykämie bei zu geringer Aufnahme an Kohlenhydraten [5].

Unterzuckerungen managen

Die häufigste Komplikation eines Diabetes auf dem Behandlungsstuhl ist die hypoglykämische Reaktion (BZ < 70 mg/dl), die durch Überdosierungen von Insulin bzw. Antidiabetika bei einer für die Dosis zu geringen Aufnahmemenge an Kohlenhydraten oder starke körperliche Belastung entsteht [3]. Je nach Schweregrad der Unterzuckerung treten Symptome auf – von Schwäche und Schweißausbrüchen über Aggressivität und Orientierungslosigkeit bis hin zum Bewusstseinsverlust (hypoglykämischer Schock) [12]. Um Patienten schon bei leichten Unterzuckerungen schnell helfen zu können, sollte das Praxisteam immer ein Blutzuckermessgerät sowie zuckerhaltige Getränke wie Cola oder Fruchtsäfte bereithalten. Falls ein hypoglykämischer Schock mit Bewusstlosigkeit auftritt, muss ein intravenöser Zugang für eine Glukoselösung gelegt werden – in schweren Fällen oder falls die Therapie nicht anschlägt, ist der Notarzt zu rufen [3].

Komplikationen während und nach dem Eingriff vermeiden

Bei stabiler Blutzuckereinstellung (normoglykämische Werte bei etwa 100 bis 140 mg/dl) [5] empfiehlt es sich, kürzere, zeitlich überschaubare Eingriffe vormittags nach dem Frühstück und nach der eventuellen Insulingabe bzw. Medikamenteneinnahme durchzuführen [2,3]. Für längere Eingriffe, bei denen keine Nahrungsaufnahme möglich ist, können wie bei der postoperativen Einstellung im Krankenhaus höhere Werte von ca. 140 bis 180 mg/dl sinnvoll sein [5]. Patienten mit manifester Stoffwechselentgleisung sollten nicht operiert, sondern an eine Klinik überwiesen werden [6]. Typ-1-Diabetiker können das Basalinsulin reduzieren, sollten es vor Eingriffen jedoch keinesfalls komplett absetzen. Im Anschluss an die Behandlung korrigieren sie die Werte individuell mit kurzwirksamem Bolusinsulin. Da Hyperglykämien Wundheilungsstörungen und Komplikationen begünstigen, sind diese postoperativ bestmöglich zu vermeiden. Wundheilung und Entzündungsprozesse erhöhen wiederum den Insulinbedarf, der entsprechend reguliert werden muss [5]. Eine perioperative Antibiotika-Prophylaxe kann Infektionen vorbeugen [6].


Diabetes in Zahlen

  • In Deutschland leiden etwa 7,5 Millionen Menschen an Diabetes mellitus [1].
  • Die Dunkelziffer wird auf weitere zwei Millionen geschätzt [1].
  • Über 95% der Betroffenen leiden an Typ-2-Diabetes, der mit Übergewicht assoziiert ist und im Alter vermehrt auftritt [1].
  • Etwa 335.000 Erwachsene und über 32.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben Typ-1-Diabetes [1].
  • Die Prävalenz für einen Gestationsdiabetes liegt bei etwa 13% [2].
  • Hinzu kommen sekundäre, erworbene Formen, beispielweise durch Schädigungen des Pankreasgewebes oder endokrine Störungen [2].

Weitere Informationen:

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