Allgemeine Zahnheilkunde


Okklusionsschienen: Indikation, Klassifikation und Herstellung


In diesem Übersichtsbeitrag zum Einsatz der Okklusionsschiene in der initialen Schienentherapie werden die vielfältigen Indikationen für Okklusionsschienen dargestellt. Durch das weite Indikationsspektrum ergeben sich unterschiedliche Anwendungsbereiche, nach denen – wie hier geschehen – die Schienen klassifiziert werden können; zunächst in die Obergruppen Relaxierungs- und Positionierungsschienen. Für die unterschiedlichen Schienentypen werden der therapeutische Ansatz und das therapeutisches Ziel umrissen. Die Autoren beschreiben zudem detailliert und nachvollziehbar, wie unterschiedliche Okklusionsschienen hergestellt werden können.

Eine cranio-mandibuläre Dysfunktion (CMD) ist eine vielschichtige funktionelle Störung. Es geht dabei um pathologische Veränderungen im Bereich der Zähne und des Zahnhalteapparates, der Okklusion, der Kaumuskulatur sowie der Kiefergelenke, deren Ursachen und Mechanismen nicht immer eindeutig analysiert werden können. Auch werden als ätiologische Faktoren Stress, Körperfehlhaltungen, Traumata und orthopädische Probleme diskutiert.

Wird in der zahnärztlichen Funktionsdiagnostik die Okklusion als Ursache für pathologische Veränderungen im Kausystem erkannt, kann eine Korrektur okklusaler Interferenzen mittels einer Aufbissschiene zu einer Linderung der Beschwerden führen. Im Rahmen der initialen Funktionstherapie sind solche Aufbissschienen das Mittel der Wahl. Darüber hinaus hat auch die Therapie von Schmerzen im Bereich der Kiefermuskulatur und Kiefergelenke, die durch Parafunktionen ausgelöst werden, eine wesentliche Bedeutung. Unabhängig vom therapeutischen Ansatz einer initialen Schienentherapie (Normalisierung des Muskeltonus durch Korrektur von okklusalen Interferenzen, Positionierung des Unterkiefers in eine vorgegebene Position, Behandlung von Schmerzen bedingt durch Parafunktionen), ist jede Okklusionsschiene dadurch gekennzeichnet, dass ein funktionelles Okklusionskonzept in Statik und Dynamik angelegt ist. Gleichmäßige und gleichzeitige Zahnkontakte auf der Schienenbasis sichern in der Schlussbissstellung die physiologische Unterkieferposition; die Führungsflächen in der Front und/oder eine Gruppenführung im Seitenzahnbereich ermöglichen interferenzfreie Unterkieferbewegungen.

Ursachen einer CMD

Beobachtungen aus der zahnärztlichen und kieferorthopädischen Praxis zeigen, dass neben zahlreichen interdisziplinären Faktoren okklusale Interferenzen eine nachweisliche Bedeutung in der Ätiologie einer craniomandibulären Dysfunktion (CMD) haben [15,19,25]. Derartige Interferenzen in zentrischer und exzentrischer Okklusion können einen Hypertonus der Muskulatur auslösen, eine Dislokation der Kondylen aus der idealen physiologischen Position im Kiefergelenk verursachen und auch Parafunktionen hervorrufen. Alles, was die Muskulatur unphysiologisch aktiviert und verspannt, ist als Ursache für eine CMD zu bewerten [18]. Neben okklusalen Störungen werden zunehmend mehr auch Stress, Körperfehlhaltungen, Traumata und orthopädische Probleme im Blick auf die Entstehung solcher dysfunktionellen Erkrankungen thematisiert [2,4, 10,15]. Entsprechende interdisziplinäre Kausalitäten sind multifaktoriell zu interpretieren, weil sie in Kombinationen und Wechselwirkungen auftreten können und zu unterschiedlichen Krankheitsbildern führen.

Funktionsdiagnostik

Liegt bei einem Patienten der Verdacht auf eine CMD vor, dann wird in unserer Klinik zunächst ein Kurzbefund durchgeführt, d. h. ein Screening im Sinne eines orientierenden Suchtestes. Dieser wird in der Praxis zum einen für die Verifizierung und zum anderen für den Ausschluss einer CMD eingesetzt. Für dieses Screening hat sich u. a. der Untersuchungsbogen nach Ahlers/Jakstat [2] bewährt, weil dieser sich als praktikabel in der Anwendung darstellt und einen geringen Zeitaufwand in der Durchführung erfordert.

Bestätigt die Auswertung dieses Kurzbefundes das Vorliegen einer CMD, sollten eine klinische Funktionsanalyse, beispielsweise nach dem „Klinischen Funktionsstatus der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGDFT)“ und darüber hinaus ggf. eine instrumentelle, bildgebende oder konsiliarische Untersuchung [1] durchgeführt werden.

Initiale Funktionstherapie mit Okklusionsschienen

Wenn die zahnärztliche Funktionsdiagnostik Hinweise auf okklusale Ursachen einer CMD ergibt, kann eine Schienentherapie (Veränderung der Okklusion, Veränderung der mandibulo- maxillären Relation) erfolgreich sein [16]. Zu betonen ist, dass eine Okklusionsschiene dann therapeutisch wirksam ist, wenn sie neben der Berücksichtigung funktioneller Gesetzmäßigkeiten auch einen hohen Tragekomfort bietet.

Indikationsspektrum

Eine Okklusionsschiene dient der initialen Therapie der genannten Funktionsstörungen. Zudem ermöglicht sie auch die Erprobung eines okklusalen oder intermaxillären Konzeptes für die definitive kieferorthopädische, kombiniert kieferorthopädisch-chirurgische, prothetische und/oder restaurative Therapie [5] (z. B. bei Veränderung der Unterkieferposition, des exzentrischen Okklusionskonzeptes, der Vertikaldimension). Dabei setzt die Initiale Schienentherapie eine genaue Definition der am Behandlungsende zu erreichenden funktionellen Zuordnung der Strukturen des Skelettes, der Okklusion und der Kiefergelenke voraus. Das Ziel ist die zentrische Okklusion mit neutraler Zuordnung der Front- und Seitenzähne in Übereinstimmung mit der zentrischen Kondylenposition bei harmonischer Zuordnung der skelettalen Basen [22]. Eine weitere Indikation ist gegeben, wenn eine Okklusionsschiene bei Unklarheit der kausalen Beschwerden zur differenzialdiagnostischen Abklärung eingesetzt wird [5]. Darüber hinaus findet sie auch zum Schutz der Zahnhartsubstanz vor okklusalen und inzisalen Abrasionen Verwendung (Zähneknirschen und -pressen) [4,26].

Solche Schienen werden in der Literatur nicht einheitlich bezeichnet. Es finden sich folgende, zum einen synonym, zum anderen intentionsorientiert verwendete Begriffe [5,26]:

  • Aufbissplatte
  • Okklusionsschiene/-behelf
  • Aufbissschiene/-behelf
  • Knirscherschiene
  • Entspannungsschiene/-behelf
  • Reflexschiene
  • Äquilibrierungsschiene
  • Bissführungsschiene
  • Zentrikschiene
  • Positionierungsschiene
  • Stabilisierungsschiene

Mit dem Ziel begrifflicher Eindeutigkeit wird im vorliegenden Artikel ausschließlich die Bezeichnung Okklusionsschiene verwendet. Für verschiedene therapeutische Ansätze werden entsprechende Bezeichnungen in den jeweiligen Abschnitten erläutert.

Klassifikation der Okklusionsschienen nach Anwendungsbereich [4,7,16,24]

  • Abb. 1: Klassifikation der unterschiedlichen Okklusionsschienen nach dem jeweiligen therapeutischen Ansatz.

  • Abb. 1: Klassifikation der unterschiedlichen Okklusionsschienen nach dem jeweiligen therapeutischen Ansatz.
Hinsichtlich des therapeutischen Anwendungsbereiches und des okklusalen Designs bietet es sich an, die unterschiedlichen Schienen zu ordnen (Abb. 1).

In den folgenden Abbildungen wird auf die einzelnen Schienen näher eingegangen (s. a. Abb. 2–13):

Relaxierungsschienen

Interzeptor

• Reflexschiene mit reduziertem Aufbiss im Prämolarenbereich

• Aqualizer

• Äquilibrierungsschiene mit gleichmäßigem Aufbiss in allen Stützzonen

Positionierungsschienen

• Dekompressionsschiene

• Repositionsschiene/Protrusionsschiene

• Protrusionsschiene

• Vertikalisationsschiene

Entscheidungskriterien für die Eingliederung einer Oberkiefer- oder Unterkieferschiene

  • Bewertung des Restgebisses und der posterioren Abstützung
    - Zahnlücken
    - Freiendsituation
  • Anomalien - Deckbiss
  • anteriore Führung
  • Phonetik
  • Ästhetik

Kriterien, die für den Einsatz einer Oberkieferschiene sprechen

Qualität der anterioren Führung [5]:

  • Front-Eckzahnführung setzt nicht spontan, sondern nach dem Durchgleiten eines vorgegebenen Okklusionsfeldes ein (Michigan-Schiene).
  • Front-Eckzahnführung kann in Form, Länge und Steilheit verändert werden.
  • Eine individuelle Front-Eckzahnführung kann mit einem Frontzahnführungstisch rekonstruiert werden.
  • Eine biomechanisch korrekte anteriore Führung unter Einbeziehung der individuellen Kurvatur der Palatinalflächen der oberen Frontzähne kann mithilfe des Konturkurvenformers (CCF) [12,13] aufgebaut werden.
  • Erprobung einer veränderten Front-Eckzahnführung für die definitive Rekonstruktion.

Kriterien, die für den Einsatz einer Unterkieferschiene sprechen

Deckbiss mit stark invertierten Frontzähnen [5]

  • Die Frontzähne werden mit dem Kunststoff lingual nur bis zu den Inzisalkanten gefasst, da eine solche Konstruktion eine geringe Biss-Sperrung zulässt.

Front-Eckzahnführung soll übernommen werden [5].

Da Unterkieferschienen beim Sprechen meistens weniger auffallen und daher vom Patienten eher toleriert werden, kann ein Aufbissbehelf, sofern es die Entscheidungskriterien zulassen, grundsätzlich im Unterkiefer eingegliedert werden. Gleichwohl wird die Eingliederung einer Unterkieferschiene, wegen der möglichen Tendenz einer labialen Auslenkung der oberen Frontzähne bei vertikalem Überbiss [4], häufig mit Skepsis betrachtet oder auch völlig abgelehnt. Wenn jedoch die oberen Seitenzähne im Schlussbiss gleichmäßig und gleichzeitig stabil auf der Unterkieferschiene abgestützt sind und die Front-Eckzahnführung störungsfrei linienförmig verläuft, dann – so die klinische Erfahrung – ist eine orthodontische Auslenkungsgefahr der oberen Frontzähne weitgehend auszuschließen [5].

Maßnahmen für gute Passgenauigkeit und optimalen Tragekomfort

Okklusionsschienen können therapeutisch nur dann wirksam sein, wenn sie u. a. einen optimalen Tragekomfort bieten. Aus diesem Anspruch ergeben sich folgende Anforderungen an die Anfertigung einer Okklusionsschiene:

  • Ein passgenauer und spannungsfreier Sitz mit guter Retention [14]: Eine zu locker sitzende Schiene löst Parafunktionen aus – der Patient meint, den Sitz mit Zunge oder Wange stabilisieren zu müssen. Eine zu stramm sitzende Schiene ruft Druckschmerzen beim Tragen hervor.
  • Eine zierliche Gestaltung unter Wahrung der Stabilität [14]: Ein Materialüberschuss im palatinalen Bereich der Schiene kann den Zungenraum einengen, das Sprechen, Schlucken und den Lippenschluss beeinträchtigen; nicht selten wird eine vestibulär massiv wirkende Schiene vom Patienten aus ästhetischen Gründen abgelehnt.
  • Eine glattpolierte und störungsfreie Oberfläche [14]: Diese Forderung zielt auch auf die Verhinderung von Parafunktionen, z. B. die Sensibilität, mithilfe der Zunge Unregelmäßigkeiten beseitigen zu wollen. Solche Beeinträchtigungen beeinflussen den Therapieverlauf nachteilig.
  • Gleichmäßige und gleichzeitige okklusale Kontakte aller antagonistischen Zähne [4,14]: Hierdurch soll ein Abgleiten des Unterkiefers in eine Zwangsposition und eine Intrusion oder Elongation von Zähnen beim Schließen des Unterkiefers vermieden werden.

Herstellung von Okklusionsschienen

Abformung und Modellherstellung

Für die Herstellung von Aufbissbehelfen mit guter Passgenauigkeit ist die exakte und fehlerfreie Abformung eine wesentliche Voraussetzung (Abb. 14). Als Abformmaterial hat sich Alginat und für die Abformung haben sich verwindungsstabile Rimlocklöffel mit Retentionsrillen an den Löffelrändern bewährt [5,6]. Die exakte Auswahl (Größe) und die individuelle Vorbereitung und Korrektur der Abformlöffel (dorsale Abdämmung und ggfs. auch dorsale Verlängerung) sind die Grundlage für dimensionsgetreue Arbeitsmodelle. Bis zum Ausgießen bietet sich die Lagerung der gesäuberten und desinfizierten Abformungen in einem Hygrophor an [5], beispielsweise in einer luftdicht verschließbaren Plastikbox mit kleinen feuchten Schaumstoffschwämmchen.

  • Abb. 14: Exakte und fehlerfreie Abformungen des Ober- und Unterkiefers.
  • Abb. 15: Dimensionsgetreue und blasenfreie Ober- und Unterkiefermodelle.
  • Abb. 14: Exakte und fehlerfreie Abformungen des Ober- und Unterkiefers.
  • Abb. 15: Dimensionsgetreue und blasenfreie Ober- und Unterkiefermodelle.

 

Mit der korrekten Anfertigung von Modellen wird eine weitere Grundlage für präzise passende Okklusionsschienen geschaffen. Die Modellherstellung muss deshalb mit größter Sorgfalt erfolgen. Die materialgerechte Modellherstellung mit einem Superhartgips Typ 4 [5,8,23] ist eine wesentliche Voraussetzungen hierfür. Dabei müssen Abformmaterial und Modellherstellung aufeinander abgestimmt sein, um dimensions- und formgetreue Modelle mit präzise gezeichneten und kantenfesten Oberflächen zu erhalten (Abb. 15).

Modellvermessung und Festlegung der Randbegrenzung der Schiene

Der prothetische Äquator wird mit einem Parallelometer oder mit einem Druckbleistift, der während des Anzeichnens durchgehend senkrecht gehalten wird, an Prämolaren und Molaren markiert [5,13]. Danach wird die definitive bukkale Randbegrenzung 1 mm unterhalb des Äquators mit einem Farbstift dargestellt (Abb. 16). Es ist darauf zu achten, dass die Frontzähne aufgrund ihrer taktilen Empfindlichkeit labial nur ca. 3 bis 4 mm umfasst werden.

  • Abb. 16: Prothetischer Äquator und definitive Randbegrenzungslinie auf den vestibulären Zahnflächen.
  • Abb. 17: Vorbereitetes Modell: Interdentale und palatinale Frontzahnbereiche sind ausgeblockt.
  • Abb. 16: Prothetischer Äquator und definitive Randbegrenzungslinie auf den vestibulären Zahnflächen.
  • Abb. 17: Vorbereitetes Modell: Interdentale und palatinale Frontzahnbereiche sind ausgeblockt.

  • Abb. 18: Die Oberkieferschienenbasis ist ca. 1 cm auf den Gaumen ausgedehnt.
  • Abb. 18: Die Oberkieferschienenbasis ist ca. 1 cm auf den Gaumen ausgedehnt.

Ausblocken starker Retentionsgebiete

Starke Retentionsgebiete in den Interdentalräumen und in den palatinalen Frontzahnkavitäten müssen ausgeblockt werden (Abb. 17) [5]. Dazu eignet sich spezielle Knete oder eine elastische Abformmasse (Silikon), die sich später rückstandslos vom Gipsmodell entfernen lässt. Der Übergang vom Zahnhals zur Gingiva wird zum Schutz des Parodontiums mit der Ausblockmasse bedeckt, ebenso wachstumsbedingte, tiefe Fissuren und Zahnlücken.

Herstellung der Schienenbasis

Die Schienenbasis bedeckt die gesamte Zahnreihe und ist im Oberkiefer ca. 1 cm auf den Gaumen (Abb. 18) und im Unterkiefer in den Lingualraum ausgedehnt. Bei empfindlichen Patienten kann die palatinale bzw. linguale Ausdehnung reduziert werden, was allerdings einen Verlust an Stabilität zur Folge hat. Für die Herstellung der Schienenbasis wird bzgl. des Tragekomforts und der Wirtschaftlichkeit bevorzugt folgendes Verfahren eingesetzt: Im Tiefziehgerät wird eine 1,5 mm starke thermoplastische Kunststofffolie durch Erhitzen formbar gemacht und über das vermessene und ausgeblockte Arbeitsmodell gezogen. Nach einer Abkühlphase von ca. 50 Sekunden wird die Schienenbasis unterhalb der angezeichneten Randbegrenzung herausgetrennt und ausgearbeitet, bis sie exakt auf der rot markierten vestibulären Randbegrenzung endet.

Die Schienenbasis aus thermoplastischer Kunststofffolie ist dann kontraindiziert, wenn

  • der Patient allergisch auf die Kunststofffolie reagiert,
  • ein anteriores Restgebiss vorliegt,
  • die Schiene als Retainer nach einer kieferorthopädischen Behandlung eingesetzt wird.

In solchen Fällen sollte die Schienenbasis aus einem Autopolymerisat mit guter Dimensionsstabilität hergestellt werden.

Einstellen der vertikalen Sperrung

  • Abb. 19: Eingestellte vertikale Sperrung der Modelle im Artikulator.

  • Abb. 19: Eingestellte vertikale Sperrung der Modelle im Artikulator.
Klinische Erfahrungen haben gezeigt, dass die vertikale Sperrung so gering wie möglich gehalten werden sollte. Eine zu dick gestaltete Schiene verhindert den Lippenschluss und erschwert das Sprechen und Schlucken, erhöht den Speichelfluss und wirkt darüber hinaus ästhetisch ungünstig. Es kann ferner durch die Einschränkung des Zungenraums eine zusätzliche Muskelaktivität provoziert und dadurch eine bereits bestehende Hypertonizität verstärkt werden [4]. Durch Anheben des Stützstiftes im Artikulator wird die vertikale Sperrung so weit eingestellt, dass die Front- und Seitenzähne ca. 1 bis 1,5 mm diskludieren (Abb. 19).

Die Herstellung einer Okklusionsschiene im Artikulator

Der Einsatz eines teiljustierbaren Artikulators, der die Einstellungen von Kondylenbahnneigung und Bennett- Winkel ermöglicht, ist für die präzise Okklusionsdiagnostik und Okklusionsschienen-Herstellung eine wesentliche Voraussetzung [7]. Zur individuellen Übertragung der Kiefermodelle wird zunächst das Oberkiefermodell gelenkbezogen mit einem Gesichtsbogen in den Artikulator montiert, anschließend wird das Unterkiefermodell dem Oberkiefermodell mit einem Registrat zugeordnet und mit Artikulationsgips montiert. Bei größerem Abstand zwischen Modellsockel und Montageplatte sollte die Modellmontage wegen der Expansion des Gipses in zwei Phasen erfolgen [6]. Die Kondylenbahnneigung wird mit einem Protrusions-Checkbiss eingestellt. Die Programmierung des Bennett-Winkels erfolgt in der Regel nach einem Durchschnittswert von 15° bis 20°. Wenn im Rahmen der Diagnostik eine instrumentelle Analyse der Unterkieferbewegungen vorgenommen wurde, erfolgt die Programmierung des Artikulators nach den ermittelten individuellen Gelenkwerten.

Die Schienenbasis wird im Tiefziehverfahren hergestellt, beispielsweise mit Duran-Tiefziehfolien mit der Stärke von 1,5 mm und einem Durchmesser von 125 mm (SCHEU, Dental Technology, Iserlohn, Deutschland).

Okklusion in der Statik

Die nach oben erläutertem Vorgehen hergestellte Schienenbasis wird auf das im Artikulator montierte Modell gesetzt und auf einen passgenauen und spannungsfreien Sitz überprüft. Wenn die Basis die zuvor eingestellte vertikale Biss-Sperrung überschreitet, d. h., wenn der Stützstift den Inzisaltisch nicht berührt, werden die Vorkontakte auf der Schienenbasis mit schwarzer Okklusionsprüffolie markiert und soweit reduziert, bis der zuvor eingestellte Stützstift zur Festlegung der vertikalen Sperrung auf dem Inzisaltisch Kontakt hat (Abb. 20).

Für den Aufbau der Okklusion werden die Okklusalflächen der Seitenzähne und die Palatinalflächen der Front- und Eckzähne mit einer Hartmetallfräse aufgeraut und die Oberfläche mit Monomer benetzt, um eine mechanische Haftung des Kunststoffes auf der tiefgezogenen Schienenbasis zu gewährleisten. Anschließend wird auf die aufgerauten Flächen der Schienenbasis das form-, farb- und dimensionsstabile Autopolymerisat Combipress N klar aufgetragen (Merz Dental, Lütjenburg) (Abb. 21). Nach dem Schließen des Artikulators wird überprüft, ob alle Zähne des isolierten Gegenkiefers in der eingestellten Biss-Sperrung in leichten Impressionen abgestützt sind (Abb. 22).

  • Abb. 20: Okklusal korrigierte Schienenbasis auf dem Oberkiefermodell im Artikulator – der zuvor eingestellte Stützstift berührt den Inzisaltisch in der angehobenen vertikalen Sperrung.
  • Abb. 21: Die okklusal und palatinal aufgeraute Schienenbasis wird mit Autopolymerisat beschichtet.
  • Abb. 20: Okklusal korrigierte Schienenbasis auf dem Oberkiefermodell im Artikulator – der zuvor eingestellte Stützstift berührt den Inzisaltisch in der angehobenen vertikalen Sperrung.
  • Abb. 21: Die okklusal und palatinal aufgeraute Schienenbasis wird mit Autopolymerisat beschichtet.

  • Abb. 22: Impressionen aller Antagonisten des Gegenkiefers nach der Schließbewegung des Unterkiefers im Artikulator.
  • Abb. 23: Die abschließende Okklusionskontrolle zeigt gleichmäßige Kontakte in planen Impressionen.
  • Abb. 22: Impressionen aller Antagonisten des Gegenkiefers nach der Schließbewegung des Unterkiefers im Artikulator.
  • Abb. 23: Die abschließende Okklusionskontrolle zeigt gleichmäßige Kontakte in planen Impressionen.

  • Abb. 24: Die eingestellte vertikale Sperrung ist nicht verändert. Der Stützstift hat nach dem Einschleifen der maximalen Interkuspidation Kontakt auf dem Inzisaltisch.
  • Abb. 24: Die eingestellte vertikale Sperrung ist nicht verändert. Der Stützstift hat nach dem Einschleifen der maximalen Interkuspidation Kontakt auf dem Inzisaltisch.

Das Aushärten des Kunststoffs erfolgt in einem Polymerisationsgerät unter Druck. Nach dem Aushärten werden die Okklusal- und Palatinalflächen mit dem Ziel bearbeitet, dass alle tragenden Höcker der Seitenzähne und die Inzisalkanten der Frontzähne des Gegenkiefers durch gleichmäßige und punktförmige Kontakte auf der Schiene abgestützt sind (Abb. 23) und die vertikale Biss-Sperrung unverändert bleibt (Abb. 24).

Beim Schließen des Artikulators mit geringem Druck haben die tragenden Höckerspitzen der Seitenzähne jeweils nur einen Kontakt (im Unterkiefer die bukkalen und im Oberkiefer die palatinalen Höcker der Seitenzähne), der auf der nahezu plan gestalteten Okklusalfläche liegt. Erst beim Schließen mit stärkerem Druck bekommen auch die Frontzähne Kontakt auf der Schiene und halten in dieser Position eine Shim-Stock-Folie, beispielsweise Arti-Fol metallic, Shimstock Film, 12? (Bausch, Köln).

Okklusion in der Dynamik

Reine Eckzahnführung (Michigan-Schiene)

Eine Michigan-Schiene ist dadurch gekennzeichnet, dass alle antagonistischen Spitzen der tragenden Höcker und die Front- und Eckzähne in der Schlussbisslage innerhalb der „freedom in centric“ Kontakt haben [3,4]. Dabei handelt es sich um ein etwa 1 mm weites horizontales Bewegungsfeld auf einer planen okklusalen Ebene, das dem Unterkiefer ein bilateral balanciertes Gleiten in diesem Bereich erlaubt. Erst dann setzt die Eckzahnführung ein und lässt während der laterotrusiven, mediotrusiven und protrusiven Bewegungen alle Seitenzähne und die Frontzähne diskludieren (s. a. Abb. 6). Die Grenzbewegung auf der Schiene liegt beim Kontakt der oberen mit den unteren Eckzahnspitzen; die posteriore und anteriore Disklusion von 1–2 mm legt die Länge der Eckzahnführung in der protrusiven und laterotrusiven Grenzstellung fest (Abb. 25).

  • Abb. 25: Protrusion des Unterkiefers bis zur Kopfbiss-Stellung. Die Länge der Eckzahnführung wird durch Disklusion der Front- und Seitenzähne determiniert.
  • Abb. 26: Aufbau des frontalen Führungsgewölbes mit Kunststoff.
  • Abb. 25: Protrusion des Unterkiefers bis zur Kopfbiss-Stellung. Die Länge der Eckzahnführung wird durch Disklusion der Front- und Seitenzähne determiniert.
  • Abb. 26: Aufbau des frontalen Führungsgewölbes mit Kunststoff.

Front-Eckzahnführung auf der Oberkieferschiene

In der nächsten Phase erfolgt der Aufbau der Front-Eckzahnführung auf der Oberkieferschiene. Zur Rekonstruktion dieses palatinalen Führungsgewölbes wird im Frontbereich oberhalb der Kontaktpunkte Kunststoff in plastischer Konsistenz aufgebaut (Abb. 26).

Das gesamte palatinale „Kunststoffgewölbe“ ist in Form und Länge so gestaltet, dass bei allen Exkursionsbewegungen des Unterkiefers eine sofortige Disklusion der Seitenzähne von 1 bis 2 mm eintritt (s. a. Abb. 5).

Dabei führen

  • bei der Protrusion die unteren Schneidezähne,
  • bei der Laterotrusion der Eckzahn der Arbeitsseite
  • und bei der Lateroprotrusion der Eckzahn und zusätzlich die Schneidezähne der entsprechenden Arbeitsseite.

  • Abb. 27: Aus der maximalen Verzahnung gleitet der Unterkiefer in die Protrusion. Die Länge der Frontzahnführung wird durch die ausreichende Disklusion im Seitenzahnbereich festgelegt.

  • Abb. 27: Aus der maximalen Verzahnung gleitet der Unterkiefer in die Protrusion. Die Länge der Frontzahnführung wird durch die ausreichende Disklusion im Seitenzahnbereich festgelegt.
Die Führung erstreckt sich von der Basislinie (Verbindung der zentrischen Kontakte) bis zur Kopfbissstellung der Front- und Eckzähne. Sie wird im Artikulator mit Okklusionsfolie markiert und solange korrigiert, bis die dargestellten Kontakte linienförmig und nicht unterbrochen sind (s. a. Abb. 5). Die Länge der Front-Eckzahnführung wird in der Grenzstellung durch die Disklusion im Seitenzahnbereich determiniert (Abb. 27).

Frontzahnführungstisch

Soll die Front-Eckzahnführung exakt die Länge, Form und Steilheit der patienteneigenen Frontführung reproduzieren, dann bietet sich der Einsatz eines Frontzahnführungstisches an [5,11,14]. Zum Schutz gegen Abrasion wird Gipshärter auf die Frontzähne aufgetragen. Sodann wird ein plastisch verformbares Autopolymerisat angemischt und in knetbarer Konsistenz auf den Inzisalteller des Artikulators gebracht. Der Artikulator wird bis zum Zahnkontakt geschlossen und unter Frontzahnführung werden dann protrusive, laterale und lateroprotrusive Bewegungen durchgeführt. Der mit Vaseline isolierte Inzisalstift fährt dabei die analogen Funktionsbahnen in den plastischen Kunststoff ein. Die Länge dieser Bewegungsabläufe erstreckt sich vom Schlussbiss bis zum Schneidekantenund Eckzahnspitzenkontakt. Nach dem Aushärten des Kunststoffes werden Überschüsse durch Beschleifen mit einer Fräse entfernt, sodass die patienteneigene Frontfunktion jetzt mithilfe der eingefahrenen Funktionsbahnen im Kunststoff störungsfrei rekonstruiert werden kann.

Kontur-Kurven-Former

Soll die Front-Eckzahnführung die biomechanischen Gesetzmäßigkeiten der Frontzahnfunktion berücksichtigen, dann sollten die patientenindividuelle palatinale Frontzahnkurvatur ermittelt und das palatinale Gewölbe mit dem Kontur-Kurven-Former rekonstruiert werden [12,13]. Als wertvolles Hilfsmittel zahntechnischer Realisierung einer harmonischen Front-Eckzahnführung hat sich der Kontur-Kurven-Former bewährt. Es handelt sich dabei um ein Instrument, das zur Gestaltung dieses palatinalen Gewölbes in das Artikulatoroberteil eingesetzt wird. Die Krümmung des palatinalen Frontzahngewölbes kann direkt am Modell abgelesen werden (Abb. 28).

  • Abb. 28: Die Krümmung der palatinalen Führungsfläche wird mit einer Kontur-Kurven-Schablone abgelesen.
  • Abb. 29: Das polymerisierte Kunststoffgewölbe wird mit einer diamantierten Kontur-Kurven-Knospe bearbeitet.
  • Abb. 28: Die Krümmung der palatinalen Führungsfläche wird mit einer Kontur-Kurven-Schablone abgelesen.
  • Abb. 29: Das polymerisierte Kunststoffgewölbe wird mit einer diamantierten Kontur-Kurven-Knospe bearbeitet.

  • Abb. 30: Unterkieferschiene mit Front-Eckzahnführung.
  • Abb. 31: Oberkieferschiene mit Retrusionsfacetten im Prämolarenbereich (grün markierte Areale).
  • Abb. 30: Unterkieferschiene mit Front-Eckzahnführung.
  • Abb. 31: Oberkieferschiene mit Retrusionsfacetten im Prämolarenbereich (grün markierte Areale).

Das polymerisierte Frontzahngewölbe wird mit einer Kontur-Kurven-Knospe im Technik-Handstück, das über einen Adapter an den Kontur-Kurven-Former montiert wird, bearbeitet (Abb. 29). Mit dieser Knospe, deren Kurvaturgröße aus der Modell-Analyse mithilfe der Kontur-Kurven-Schablone ermittelt wurde, wird die individuelle Krümmung der palatinalen Frontzähne auf das palatinale Schienengewölbe übertragen.

Front-Eckzahnführung der Unterkieferschiene

Da die Front-Eckzahnführung auf einer Unterkieferschiene durch die Palatinalflächen der oberen Frontzähne festgelegt ist, können die Form, die Länge und Steilheit der Frontzahnführung bestenfalls nur sehr geringfügig verändert werden. So wird die patientenindividuelle Front-Eckzahnführung zwangsläufig auf der Schiene rekonstruiert (Abb. 30). Beim Einschleifen des inzisalen Kunststoffaufbaus ist darauf zu achten, dass die mit Okklusionsfolie dargestellte Führung linienförmig und nicht unterbrochen ist.

Retrusionsfacetten der Oberkieferschiene

Wenn ein Patient über die zentrische Kontaktposition hinaus retrale Unterkieferbewegungen durchführen kann, dann sollten auf der Schiene im Prämolarenbereich Retrusionsfacetten angelegt werden (Abb. 31) [7]. Sie müssen so stark geneigt sein, dass bei Unterkiefer-Retralbewegungen alle übrigen Zähne diskludieren.

Hinweise im Blick auf die Therapie

Trageempfehlungen

Sofern eine inkoordinierte Okklusion als eine Ursache für die cranio-mandibuläre Dysfunktion des Patienten vermutet wird, sollte der Patient die Okklusionsschiene über 24 Stunden, im Einzelfall auch beim Essen tragen. Falls die Schiene zum Essen herausgenommen wird, sollte zum Schutz der Zähne ein spontanes und festes Durchbeißen vermieden werden [5].

Patienten, bei welchen die Schiene primär als „Stressbrecher“ und zur Dämpfung der exzessiven Parafunktionen (Bruxismus) eingesetzt wird, sollten die Okklusionsschiene bevorzugt in den Phasen der okklusalen Aktivität tragen (bei Bruxismus in der Regel nachts).

Pflegeempfehlungen

Zähne und Okklusionsschiene sollten im Sinne der Karies- und Parodontalprophylaxe unmittelbar nach dem Essen sorgfältig mit Zahncreme und Zahnbürste gereinigt werden. Wird die Schiene temporär nicht getragen, ist eine Aufbewahrung in einem feuchten Milieu (z. B. zu Hause in einem Behälter mit kaltem Wasser, unterwegs hilfsweise mit angefeuchtetem Papiertuch) empfehlenswert. Dies hilft, ein Austrocknen und Deformieren des Schienenkörpers zu vermeiden.

Dank

Wir danken Frau Swantje Robra, Multimedia-Assistentin in der Klinik für Kieferorthopädie der Medizinischen Hochschule Hannover, für die freundliche Unterstützung bei der Erstellung der Abbildungen.

Die Abbildungen 8 und 9 wurden dankenswerterweise von Herrn Dr. H. U. Eschweiler, Hannover, zur Verfügung gestellt.

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Theresia Asselmeyer , Prof. Dr. Rainer Schwestka-Polly


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