Allgemeine Zahnheilkunde


Mundtrockenheit und Geschmacksveränderungen: regelmäßige Befunde in der Seniorenzahnmedizin

Mundtrockenheit und Geschmacksveränderungen.
Mundtrockenheit und Geschmacksveränderungen.


Die gegenwärtige demografische Entwicklung für Deutschland zeigt, dass in den nächsten Jahren der Anteil der Bevölkerung im Seniorenalter erheblich ansteigen wird. Ebenso ist mit einer weiteren Zunahme der Zahl der Pflegebedürftigen zu rechnen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die zahnärztliche Betreuung von Seniorinnen und Senioren und das Erkennen und Behandeln von unspezifischen oralen Beschwerden wie Mundtrockenheit und Geschmacksveränderungen zunehmend an Bedeutung.

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung prognostiziert einen Anstieg der Altersgruppe der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von 21 % im Jahr 2013 auf 32 % im Jahr 2060 sowie einen Anstieg der Altersgruppe der über 80-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von 7 % im Jahr 2013 auf 12 % im Jahr 2060 [26]. Darüber hinaus konnte die im Jahr 2015 veröffentlichte Pflegestatistik einen Anstieg der Anzahl pflegebedürftiger Menschen um 5 % im Jahr 2013 im Vergleich zur letzten Erhebung zeigen. Insgesamt waren im Jahr 2013 von den etwa 2,6 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland 29 % stationär in Heimen untergebracht, während weitere 71 % zu Hause betreut und in vielen Fällen allein von Angehörigen versorgt wurden [23]. Während durch die Einführung von Möglichkeiten zur Schaffung von Kooperationsvereinbarungen zwischen Vertragszahnärzten und Pflegeeinrichtungen begonnen wurde, der Sicherstellung einer suffizienten zahnärztlichen Versorgung von stationär betreuten pflegebedürftigen Senioren Rechnung zu tragen, wird auch die Sicherstellung der zahnärztlichen Versorgung der zunehmenden Anzahl an häuslich gepflegten Senioren immer wichtiger; dies schließt insbesondere auch die Information und Aufklärung von pflegenden Angehörigen über zahnärztliche Basismaßnahmen ein.

Definition und Prävalenz

Neben typischen und vielfach diskutierten Erkrankungen von Senioren wie Wurzelkaries und Parodontitis nehmen sich eher allgemeine Thematiken wie Mundtrockenheit und Geschmacksveränderungen fast schon banal aus; allerdings sind es doch Thematiken, die gerade in der zahnärztlichen Betreuung von Senioren eine ganz besondere Relevanz besitzen. So ist es kein Zufall, dass in der Vereinbarung nach § 119b Abs. 2 SGB V über Anforderungen an eine kooperative und koordinierte zahnärztliche und pflegerische Versorgung von pflegebedürftigen Versicherten in stationären Pflegeeinrichtungen das Thema ZAHNMEDIZIN Mundtrockenheit besonders hervorgehoben wird: Dabei soll dem „Krankheitsbild der Xerostomie durch Hinweise auf eine Prüfung und ggf. Änderung einer möglicherweise Mundtrockenheit bewirkenden Medikation entgegengewirkt werden“ [19]. In dieser Hinsicht muss aufgrund verschiedener internationaler epidemiologischer Untersuchungen davon ausgegangen werden, dass die Prävalenz der Mundtrockenheit mit zunehmendem Alter erheblich steigt: So scheint wenigstens jeder dritte Senior über 70 Jahre an Mundtrockenheit zu leiden [17]. Allerdings ist damit zu rechnen, dass die Prävalenz der Mundtrockenheit insbesondere in der Gruppe der hochbetagten und vielfach pflegebedürftigen Senioren noch deutlich höher liegt.

Während der Begriff Mundtrockenheit in aller Regel als salopper Überbegriff verstanden werden muss, sind es die vielfach fälschlicherweise als Synonyma verwendeten Begriffe Xerostomie und Hyposalivation, die Mundtrockenheit wissenschaftlich definieren. In diesem Zusammenhang beschreibt die Xerostomie das subjektive Empfinden eines Menschen, an einem trockenen Mund zu leiden; eine Hyposalivation definiert hingegen eine Verringerung des Speichelflusses unter einen bestimmten Grenzwert und damit eine durch den Zahnarzt objektiv messbare Größe. Xerostomie und Hyposalivation treten in vielen Fällen synchron und parallel auf; allerdings klagt nicht jeder Patient, der an einer objektiven Verringerung des Speichelflusses leidet, auch gleichzeitig über das subjektive Gefühl, einen trockenen Mund zu haben. Nichtsdestoweniger sind sowohl die subjektive als auch die objektive Komponente der Mundtrockenheit gleichermaßen für die zahnärztliche Praxis relevant: So korreliert das Vorliegen einer Hyposalivation mit dem Auftreten typischer klinischer Probleme, während die Xerostomie als subjektive Komponente der Mundtrockenheit einen erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität betroffener Menschen besitzt.

Das Vorliegen einer Hyposalivation kann durch die Beurteilung der Speichelfließrate erfolgen. Diese kann mit einfachen zahnärztlichen Maßnahmen im Rahmen der sog. Sialometrie bestimmt werden, bei der in einem bestimmten Zeitraum (üblicherweise fünf Minuten) der durch Expektoration in ein geeignetes Messgefäß gesammelte Speichel quantifiziert wird. Dabei kann sowohl die unstimulierte als auch die stimulierte Speichelfließrate bestimmt werden. Im letzteren Fall wird die Speichelsekretion durch Kauen auf einem Stück Paraffinwachs (z. B. als Bestandteil von CRT® buffer, Ivoclar Vivadent, Schaan, Liechtenstein) angeregt. Prinzipiell ist die Bestimmung der stimulierten Speichelfließrate aufgrund der zu erwartenden höheren Volumina gerade bei Patienten mit verminderter Speichelsekretion von Vorteil. Allerdings erfordert das Verfahren eine gute Koordinationsfähigkeit und eignet sich weniger bei Menschen mit schleimhautgetragenem Zahnersatz, weswegen in praxi bei Senioren meist die unstimulierte Speichelfließrate bestimmt wird. In diesem Zusammenhang bleibt allerdings festzuhalten, dass die Sialometrie ein Verfahren ist, das nicht regelhaft in die zahnärztliche Betreuung gerade von pflegebedürftigen Senioren einzubinden ist. In der Literatur existieren verschiedene Grenzwerte, die das Vorliegen einer Hyposalivation definieren. Dabei kann man im Allgemeinen davon ausgehen, dass eine unstimulierte Speichelfließrate von weniger als 0,1 ml/min bzw. eine stimulierte Speichelfließrate von weniger als 0,5 bis 0,7 ml/min das Vorliegen einer Hyposalivation zuverlässig anzeigen [7]. Andere beschriebene Verfahren zur Beurteilung der Speichelfließrate – etwa in Anlehnung an den in der Augenheilkunde verwendeten Schirmer-Test – haben sich in Deutschland bis dato nicht durchgesetzt. Die Beurteilung der Speichelfließrate hat besonders vor dem Hintergrund, dass Patienten vielfach erst eine Verminderung der Speichelfließrate um mehr als 50 % bemerken [5], besondere Relevanz. In der Vergangenheit wurde häufig darüber diskutiert, ob es mit zunehmendem Alter aufgrund von Veränderungen des Speicheldrüsenparenchyms per se zu einer verringerten Speichelsekretion kommt. In diesem Kontext konnte eine vor kurzer Zeit veröffentlichte Metaanalyse zeigen, dass die Speichelsekretion mit zunehmendem Alter in der Tat leicht abnimmt [1]; es bleibt allerdings zu diskutieren, inwiefern sich diese beobachteten Veränderungen der Speichelsekretion auf die Prävalenz von Mundtrockenheit und deren subjektive Empfindung auswirken.

  • Tab. 1: Vom Autor modifizierte Kurzversion des Xerostomia Inventory. Es existieren jeweils drei Antwortmöglichkeiten (nie, ab und zu, oft), für die entsprechende Punktwerte (1, 2, 3) gegeben und zur Einschätzung des Ausmaßes einer Xerostomie addiert werden (Minimalwert 5, Maximalwert 15) [8,24].

  • Tab. 1: Vom Autor modifizierte Kurzversion des Xerostomia Inventory. Es existieren jeweils drei Antwortmöglichkeiten (nie, ab und zu, oft), für die entsprechende Punktwerte (1, 2, 3) gegeben und zur Einschätzung des Ausmaßes einer Xerostomie addiert werden (Minimalwert 5, Maximalwert 15) [8,24].
Im Gegensatz zur Erfassung der Speichelfließrate ist die Beurteilung der subjektiven Komponente der Mundtrockenheit schwieriger und lediglich mittels gezielter Fragen möglich. So kann die positive Beantwortung der in einen Anamnesebogen integrierten Frage „Leiden Sie häufig unter einem trockenen Mund?“ wertvolle Hinweise darauf geben, ob ein Patient an Xerostomie leiden könnte. Weiterhin existieren spezielle Fragebögen wie der von der neuseeländischen Arbeitsgruppe um Murray Thomson entwickelte Xerostomia Inventory, der in seiner verkürzten Form fünf einfache Fragen zur Erfassung und Beurteilung einer subjektiven Mundtrockenheit umfasst [24]. Tabelle 1 gibt einen Überblick über eine vom Autor übersetzte und häufig verwendete deutsche Variante des verkürzten Xerostomia Inventory [8,9]. In diesem Zusammenhang bleibt festzuhalten, dass es für die Beurteilung einer Xerostomie im Gegensatz zur Erfassung einer Hyposalivation keinen definierten Grenzwert gibt, der das Vorliegen einer Xerostomie eindeutig anzeigt.

Klinische Bedeutung

Je nach Ausmaß bedingt die Xerostomie für die betroffenen Senioren in vielen Fällen eine erhebliche und signifikante Einschränkung ihrer Lebensqualität. In diesem Kontext konnte unsere Arbeitsgruppe zeigen, dass die subjektive Empfindung von Mundtrockenheit die Lebensqualität von Senioren deutlich stärker beeinflusst als die Speichelfließrate oder der Zahnstatus; dabei scheint sie die Lebensqualität auch stärker zu beeinträchtigen als etwa die Präsenz von gingival getragenem herausnehmbarem Zahnersatz [8,9]. Betroffene klagen in diesem Kontext häufig über Probleme beim Schlucken sowie beim Essen und Kauen von trockener Nahrung. Da gerade bei Senioren die Erhaltung der Lebensqualität eine entscheidende Maxime ärztlichen und zahnärztlichen Handelns darstellt, erscheint es essenziell, eine etwaige Xerostomie im Rahmen der zahnärztlichen Behandlung von Senioren routinemäßig zu erfassen. Die klinischen Folgen einer Hyposalivation lassen sich vielfach gerade durch den betreuenden Zahnarzt gut erkennen. Typische Befunde umfassen etwa die Entstehung von kariösen Läsionen an Stellen mit untypischer Lokalisation, so zum Beispiel an den Glattflächen oder im inzisalen Bereich. Vor dem Hintergrund der bei Senioren ohnehin hohen Prävalenz der Wurzelkaries sind die zervikalen Areale der Zähne besonders kariesgefährdet (Abb. 1); dabei kann es bei schneller Kariesprogredienz und fehlender Behandlung auch zu Frakturen der betroffenen Zähne kommen, wobei die Therapie sich in diesem Stadium meist sehr schwierig gestaltet und oftmals außer der Extraktion keine weiteren Optionen verbleiben. Weitere charakteristische Befunde umfassen unter anderem:

  • dünne und vulnerable Schleimhäute,
  • fehlende Bildung eines Speichelsees im Mundbodenbereich (Abb. 2),
  • verstärkte Akkumulation von Plaque aufgrund der mangelnden Selbstreinigungsfähigkeit der Mundhöhle,
  • Rhagaden,
  • Foetor sowie
  • Pilzerkrankungen der Mundhöhle.

Nicht selten klagen betroffene Patienten auch über Probleme mit herausnehmbarem Zahnersatz wie rezidivierende Druckstellen oder mangelnde Retention von rein schleimhautgetragenem Zahnersatz. Aus diesen Gründen sollte gerade extendierter schleimhautgetragener Zahnersatz bei Patienten mit Mundtrockenheit nach Möglichkeit umgangen werden. Gerade bei ausgeprägter Hyposalivation erscheint der Speichel der Patienten häufig schaumig und hochviskös; in manchen Fällen imponiert er zudem farblich verändert mit Tendenz ins Gelb-Bräunliche. Vor dem Hintergrund anderer geriatrischer Fragestellungen wie Frailty oder Mangelernährung sollte beachtet werden, dass gerade bei Senioren mit Hyposalivation im Vergleich zu Senioren mit einer physiologischen Speichelfließrate von einer veränderten Zusammensetzung der aufgenommenen Nahrung berichtet wurde [12].

  • Abb. 1: Patient mit ausgeprägter Hyposalivation und Schädigung der Zahnhartsubstanzen; fehlender Glanz der Schleimhautoberflächen bei extremer Mundtrockenheit.
  • Abb. 2: 64-jährige Patientin mit ausgeprägter Hyposalivation nach Radiotherapie; keine Bildung eines Speichelsees im Mundbodenbereich.
  • Abb. 1: Patient mit ausgeprägter Hyposalivation und Schädigung der Zahnhartsubstanzen; fehlender Glanz der Schleimhautoberflächen bei extremer Mundtrockenheit.
  • Abb. 2: 64-jährige Patientin mit ausgeprägter Hyposalivation nach Radiotherapie; keine Bildung eines Speichelsees im Mundbodenbereich.

Ätiologie

Die Ursachen für Mundtrockenheit bei Senioren sind vielfältig. Sehr schwere Verläufe werden nach Radiotherapie von Malignomen im Kopf- und Halsbereich beobachtet, da es trotz moderner strahlentherapeutischer Verfahren noch immer häufig zu einer in aller Regel irreversiblen Schädigung der Speicheldrüsen (insbesondere der Glandula parotis) kommt. Weiterhin kann Mundtrockenheit als Folge einer Autoimmunerkrankung wie dem Sjögren-Syndrom auftreten; in diesem Fall sind vornehmlich weibliche Patienten um die Menopause betroffen. Darüber hinaus ist Mundtrockenheit ein vielfach beobachtetes, jedoch meist reversibles klinisches Phänomen bei Patienten nach allogener Stammzelltransplantation [14]. Weniger bekannt ist, dass Mundtrockenheit auch als Begleiterscheinung typischer Volkskrankheiten sowie Erkrankungen des älteren Menschen wie etwa Diabetes mellitus auftritt [3]; allerdings konnte bis dato kein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem HbA1c-Wert, der subjektiven Empfindung von Mundtrockenheit und der Speichelfließrate nachgewiesen werden [2,3]. Mundtrockenheit tritt ferner gehäuft bei Menschen mit psychischen Erkrankungen oder bei Essstörungen und Mangelernährung auf. Gerade bei Senioren ist auf eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme zu achten, da Dehydrierung in aller Regel mit Mundtrockenheit einhergeht. Neben den oben genannten Ursachen ist Mundtrockenheit bei Senioren in den meisten Fällen eine Nebenwirkung von Medikamenten. Verschiedene epidemiologische Erhebungen konnten zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, an Mundtrockenheit zu leiden, in erheblichem Maße mit der Anzahl an Grunderkrankungen und der Zahl eingenommener Medikamente steigt [17,22]. Die häufig von Senioren eingenommenen Vertreter der Antidepressiva, Neuroleptika, Benzodiazepine, Antihypertensiva oder Anti-Parkinson-Medikamente besitzen in diesem Kontext in besonderem Maße xerogene Eigenschaften [7]; allerdings kann Mundtrockenheit auch als Nebenwirkung von Analgetika, Antihistaminika, Antiasthmatika, Antiepileptika, Protonenpumpenhemmern, Triptanen, Retinoiden oder Antiemetika auftreten. In diesem Zusammenhang sei ferner darauf hingewiesen, dass Mundtrockenheit als Nebenwirkung von Pharmaka bis dato nur sehr rudimentär wissenschaftlich untersucht wurde und derzeit nur sehr wenig Evidenz darüber vorliegt, inwieweit sich verschiedene Medikamente unter dem Aspekt von Mundtrockenheit wechselseitig beeinflussen. Dieser Sachverhalt sollte insbesondere vor dem Hintergrund der stetig zunehmenden Zahl polypharmazeutisch behandelter Senioren beachtet und thematisiert werden.

Geschmacksveränderungen

In vielen Fällen leiden Menschen mit subjektiver Mundtrockenheit auch an einer Beeinträchtigung ihres Geschmacksempfindens [20]. Es ist bekannt, dass sich das Geschmacksempfinden mit zunehmendem Alter verschlechtert [10], was in der aktuellen wissenschaftlichen Literatur allerdings weniger auf eine Verringerung der absoluten Anzahl an Geschmacksknospen als vielmehr auf eine zunehmende Beeinträchtigung des Geruchssinns zurückgeführt wird [4].

Nach heutigem Kenntnisstand existieren fünf Geschmackssinne: süß, salzig, sauer, bitter und „umami“. Letzteres entspricht dem japanischen Begriff für „köstlich“. Mit zunehmendem Alter verschlechtert sich die Wahrnehmung der Geschmackssinne bitter und salzig erheblich, während die Geschmackssinne süß und sauer im Vergleich relativ wenig beeinträchtigt sind [25,27]. Die Ursachen für eine Beeinträchtigung des Geschmacksempfindens im Alter sind vielfältig: So kann eine Verschlechterung des Geschmacksempfindens in Veränderungen oder Erkrankungen der Mundhöhle wie Zahnersatz, Mundtrockenheit, Karies oder Parodontitis, Pilzinfektionen, mechanischen Traumata wie Druckstellen oder Tumoren begründet liegen. Weitere Ursachen für Geschmacksveränderungen umfassen Allgemeinerkrankungen, medizinische Behandlungen wie Chemo- oder Radiotherapie, chirurgische Maßnahmen am Mittelohr oder Tonsillektomien. Darüber hinaus werden Geschmacksveränderungen vielfach auch als Nebenwirkung von Medikamenten beschrieben; dabei ist auffällig, dass gerade die von Senioren häufig eingenommenen Medikamente der Gruppe der Antihypertensiva, Lipidsenker oder Antikoagulantien in besonderem Maße Geschmacksveränderungen auslösen können. Weiterhin sollte nicht vergessen werden, dass auch ein bei Senioren häufig beobachteter Zinkmangel sowie Mangelernährung, Rauchen, Alkoholabusus oder eine schlechte Mundhygiene Beeinträchtigungen des Geschmacksempfindens bewirken können [11].

Therapie

Die therapeutischen Optionen, um Mundtrockenheit und Geschmacksbeeinträchtigungen bei Senioren wirksam zu begegnen, sind durchaus vielfältig; allerdings sind sie in vielen Fällen auf eine symptombezogene Behandlung beschränkt. Generell sollte bei Patienten mit Mundtrockenheit aufgrund des deutlich erhöhten Risikos für Erkrankungen der Zahnhartsubstanzen die Prophylaxe einen besonderen Stellenwert besitzen. In diesem Zusammenhang ist allerdings festzuhalten, dass sich die in diesen Fällen angewendeten Prophylaxemaßnahmen nicht von denen bei anderen Hochrisikogruppen unterscheiden. Bei mobilen Senioren bietet sich an, bei entsprechender Compliance ein für den betroffenen Patienten individuell gestaltetes Recall-Schema anzubieten. Die regelmäßige Fluoridierung der Zahnhartsubstanzen bildet dabei eine wesentliche Säule der zahnärztlichen Prophylaxe. In diesem Kontext sollten Produkte mit neutralem pH-Wert verwendet werden, da Produkte mit saurem pHWert gerade bei Patienten mit Mundtrockenheit zu Irritationen und Schmerzen an den Schleimhäuten führen und gelegentlich auch eine zusätzliche Demineralisation der Zahnhartsubstanzen bewirken können [21].

Vor dem Hintergrund der vor kurzer Zeit eingeführten Kooperationsmöglichkeiten zwischen niedergelassenen Zahnärzten und Pflegeheimen sollte es ein Ziel sein, die Betreuung von nicht mobilen und pflegebedürftigen Senioren sukzessive zu verbessern. Im Gegensatz zu anderen zahnärztlichen Problemen von Senioren wie Wurzelkaries oder Parodontitis wird das Thema Mundtrockenheit oft etwas stiefmütterlich behandelt. In diesem Zusammenhang sollte im Rahmen der in den „Rahmenvereinbarungen kooperativen und koordinierten zahnärztlichen und pflegerischen Versorgung von stationär Pflegebedürftigen“ geforderten regelmäßigen Anleitung des Pflegepersonals auch das Thema Mundtrockenheit und deren symptomatische Behandlung thematisiert werden. Weiterhin zeigt die letzte Auflage des Barmer GEK Zahnreportes aus dem Jahr 2015 deutlich, dass insbesondere die Gruppe der hochbetagten Menschen noch immer unzureichend Zugang zu zahnärztlichen Leistungen erhält [18]. Dieser Sachverhalt scheint insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden Anzahl pflegebedürftiger Menschen relevant, die zu Hause von Angehörigen betreut werden; aus diesem Grund wäre es ein denkbarer Weg, spezielle Schulungen für pflegende Angehörige anzubieten, bei denen auch Themen wie Mundtrockenheit und Geschmacksveränderungen mit ihren Folgen für die betroffenen Patienten sowie ihre Behandlung thematisiert werden könnten.

Da Mundtrockenheit und Geschmacksveränderungen in vielen Fällen die Folge anderer Erkrankungen sind, sollte bei unklarer Ätiologie der Beschwerden in Zusammenarbeit mit den anderen medizinischen Fachrichtungen versucht werden, durch Behandlung einer etwaigen Grunderkrankung eine Linderung des Beschwerdebildes zu erreichen. In diesem Zusammenhang kann man häufig beobachten, dass Medikamente zur Behandlung von anderen Erkrankungen Mundtrockenheit und Geschmacksveränderungen auslösen. Unter Umständen kann durch Umstellung der Medikation auf Präparate mit weniger xerogenen Eigenschaften – zum Beispiel durch Umstellung von trizyklischen Antidepressiva auf neuere Wirkstoffe – eine Linderung der oralen Beschwerden erzielt werden. Diese Schritte sollten allerdings in Übereinstimmung mit den Kollegen der medizinischen Fachrichtungen erfolgen. Eine etwaige Stimulation des Speichelflusses mit Sialogoga wie Pilocarpin sollte aus den gleichen Gründen lediglich in Absprache mit den anderen behandelnden Ärzten erfolgen. Gerade bei polypharmazeutisch behandelten Senioren empfiehlt sich darüber hinaus eine regelmäßige Überprüfung der Medikation; in vielen Fällen finden sich hier auch Medikamente, die nicht mehr benötigt werden. Bei entsprechender Compliance sollte Senioren mit Geschmacksveränderungen nahegelegt werden, das Rauchen einzustellen. Ferner empfiehlt sich eine regelmäßige Reinigung des Zungenrückens [25]. Durch den Einsatz von frischen Kräutern und Gewürzen als Geschmacksverstärker kann darüber hinaus versucht werden, den Geschmack der Nahrung zu optimieren. Diesbezüglich sollte auf einen übermäßigen Einsatz von zuckerhaltigen Süßungsmitteln gerade vor dem Hintergrund des ohnehin hohen Kariesrisikos bei Senioren verzichtet werden. Für die supportive Behandlung von Mundtrockenheit empfehlen sich Speichelersatzmittel, wobei hier zwischen kommerziell vertriebenen Produkten und einfachen Hausmitteln differenziert werden kann. Vielfach finden Tees, Milch oder Öle Anwendung. Auch häufiges Trinken kann Mundtrockenheit lindern. In diesem Zusammenhang sollte allerdings beachtet werden, dass Wasser eine erheblich geringere Substantivität besitzt als kommerzielle Speichelersatzmittel und dementsprechend Mundtrockenheit auch schlechter lindert [6]. Manche vielfach empfohlene Hausmittel – zum Beispiel das Lutschen von gefrorenen Zitrusfrüchten oder sauren Drops, die eine Stimulation des Speichelflusses bewirken – sind gerade bei bezahnten Senioren kritisch zu sehen, da aufgrund des niedrigen pH-Wertes ein zusätzlich erhöhtes Risiko für Erosionen und Demineralisationen besteht. Kommerziell vertriebene Speichelersatzmittel sind in der Regel Produkte auf Basis verschiedener Cellulose-Arten, pflanzlicher oder tierischer Mucine, Polysaccharide oder Öle, mit denen versucht wird, die filmbildenden Eigenschaften des natürlichen Speichels zu imitieren. Zur Erzielung remineralisierender Eigenschaften werden häufig auch Fluoride, Phosphate, Calcium und Carbonate hinzugefügt. Darüber hinaus werden einigen Speichelersatzmitteln Geschmacksstoffe zugesetzt. Klassische Speichelersatzmittel werden in Form von Mundsprays angeboten (z. B. Saliva natura®, Medac, Wedel; Glandosane®, cell pharm, Bad Vilbel; Saseem®, Pohl Boskamp, Hohenlockstedt; Sialin-Sigma, Sigmapharm, Wien, Österreich), die von den Anwendern in der Regel ad libitum appliziert werden. Darüber hinaus sind in den letzten Jahren auch im deutschen Raum Produkte auf den Markt gekommen, die in unterschiedlichen Darreichungsformen erhältlich sind: So werden Mundsprays, Mundspüllösungen und Gele angeboten, die sich im Wesentlichen in ihrer Substantivität unterscheiden (z. B. Dentaid xeros, Dentaid, Mannheim; GUM Hydral, Sunstar, Schönau; biotène, GlaxoSmithKline, Bühl; GC Dry Mouth Gel, GC Deutschland, Bad Homburg vor der Höhe). Hochvisköse Gele eignen sich besonders bei Patienten mit sehr stark ausgeprägter Mundtrockenheit, da sie im Vergleich zu anderen Produkten aufgrund längerfristiger Linderung der Beschwerden eine geringere Applikationsfrequenz versprechen [16]; Mundspüllösungen sind dagegen eher für Senioren mit geringeren Beschwerden geeignet. Der Vollständigkeit halber sei ferner angemerkt, dass einige Hersteller auch speziell für Menschen mit Mundtrockenheit entwickelte Kaugummis oder Zahnpasten anbieten, die zum Teil antimikrobielle Agenzien beinhalten. Insgesamt gilt die Behandlung mit Speichelersatzmitteln bei Menschen mit Mundtrockenheit als sehr individuell, sodass es schwierig ist, ein konkretes Produkt zu empfehlen. Im Allgemeinen sollten verschiedene Produkte ausprobiert werden, um das individuell am besten geeignete Produkt zu identifizieren. Da im Rahmen von Laboruntersuchungen bei längerer Einwirkung einiger Speichelersatzmittel auf Zahnschmelz und Dentin aufgrund eines niedrigen pH-Wertes Demineralisationen beobachtet worden sind [13,15], ist die Verwendung von Speichelersatzmitteln bei bezahnten Patienten vor einigen Jahren kritisch diskutiert worden. Aus diesen Gründen sollte darauf geachtet werden, dass zumindest bei bezahnten Patienten fluoridhaltige Produkte mit hoher Konzentration an Calcium und Phosphat angewendet werden. Die Packungsbeilage bzw. die Website des Herstellers im Internet kann bei der Auswahl geeigneter Produkte eine Hilfe sein, da sich die Produktpalette gerade bei im Ausland ansässigen Firmen nicht selten schnell verändert.

Fazit

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Anzahl an Senioren und der Erhaltung ihrer Lebensqualität erscheint die Erkennung und Behandlung von unspezifischen oralen Beschwerden wie Mundtrockenheit und Geschmacksveränderungen besonders relevant. Wie bei vielen Aspekten der Seniorenzahnmedizin tangiert eine entsprechende zahnärztliche Behandlung dabei unterschiedliche medizinische Bereiche; sie erfordert somit neben dem rein zahnmedizinischen Know-how auch substanzielle Kenntnisse in der Pharmakologie und allgemeinen Medizin. Dies ist gerade vor dem Hintergrund einer kausalen Behandlung von Mundtrockenheit und Geschmacksveränderungen entscheidend. Es obliegt dem Zahnarzt, Kontakt mit den entsprechenden anderen Fachrichtungen aufzunehmen oder den Patienten zu überweisen. Bleiben kausale Lösungsansätze erfolglos, existieren heutzutage verschiedene und vielfältige Möglichkeiten zur symptomatischen Behandlung insbesondere der Mundtrockenheit.

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Prof. Dr. Sebastian Hahnel


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